In Deutschland leben ca. 4 Mio. Muslime, das sind 5% unserer Bevölkerung. (
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Statistisch ist also jeder 20. unserer Mitbürger ein Muslim. Und diesen wird hier teilweise pauschal unterstellt sie würden nicht nach unseren Gesetzen leben, da ihre Religion in strenger Auslegung diese Gesetze nicht anerkennen könne. Das ist alles Theorie und gehört in den Bereich der Religionswissenschaften. Kaum einer von uns wird kompetent genug sein das zu beurteilen. Was zählt ist die gelebte Praxis! Nun sind von 4 Mio. Muslimen in Deutschland ganze 400 radikal genug geworden um für den IS zu kämpfen. Das ist tragisch, hat aber auch seine Ursachen und ich werde gleich darauf zurückkommen.
Im Jahre 2010 sagte der damalige Bundespräsident Wulff, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre.
Für diese Aussage erhielt er den Toleranz-Preis der
Evangelischen Akademie Tutzing. (
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Allein die Tatsache, dass sich der Bundespräsident schon damals gezwungen fühlte diese Thematik in einer Rede zur
"Deutschen Einheit" anzusprechen, zeigt leider welches Problem unsere Gesellschaft mittlerweile mit Islamophobie hat. "Mehr als die Hälfte der Deutschen begreift den Islam [leider] nicht als Teil Deutschlands." (
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Die Talkshow vom Herr Jauch fühlte sich nun irgendwie berufen auf dieser Islamophobie-Welle ganz vorne mitzuschwimmen. Anders kann ich diese Inszenierung kaum deuten. Zu Gast die üblichen verbrauchten Verdächtigen Bosbach und Buschkowsky, welche sich seit Jahren berufen fühlen den Islam öffentlich zu problematisieren. Dazu ein mutmaßlicher radikaler Salafist, welchen man nun vorführen wollte, sowie zwei weitere Gäste deren Namen wahrscheinlich jeder längst vergessen hat, weil es gar nicht anders kommen konnte, als das diese beiden im Zwiegspräch zwichen Imam vs. Jauch/Bosbach/Buschkowsky total untergingen.
Die Redaktion der Sendung hat es geschafft irgendwo einen recht unsympathischen Imam aufzutreiben, der recht aufdringlich und arrogant, mit teilweise hysterischer Stimme daherredet. Das macht natürlich im TV einiges her, wenn man den Islam diffamieren möchte. Gratulation! *ironie*
Zum Glück total versagt hat die Redaktion bei der Recherche. Ein Video mit Denis Cuspert sollte den Imam zunächst als "Radikalisierer" entlarven. Zu hören gab es aber nichts aus dem Video, war wohl leider inhaltlich nicht radikal genug. Die Erklärung des Imam ist dann auch entwaffnend simpel und plausibel. Im Rahmen seiner Jugenarbeit widmet er sich immer wieder jungen Menschen, die einen Weg der Läuterung und Frömmigkeit gehen möchten. Auf diesem Weg trafen sie aufeinander. Die Radikalisierung erfolgte eben später und Herr Cuspert war nun leider einer, den der Imam wie er selbst sagt nicht mehr erreichen konnte. Jeder katholische Pfarrer handelt übrigens genauso, wenn ihn ein Jugendlicher um Hilfe auf dem Weg zur Frömmigkeit bittet. Viele katholische Pfarrer helfen zweifelnden Jugendlichen beispielsweise gegen ihre Homosexualität anzugehen und das in völliger Übereinstimmung mit dem Grundgesetz.
Als zweites wurde nun ein sage und schreibe 12 Jahre altes Video gezeigt, in dem der Imam sein damaliges Rollenverständis der Frau erläutert. Mal abgesehen davon, dass der Imam nun beteuert dieses Verständnis habe sich über die Jahre geändert, was waren die skandalösen Kernaussagen? 1. Die Frau soll es dem Mann immer recht machen, 2. die Frau soll ihre ehelichen Pflichten erfüllen, 3. die Frau soll das Einverständnis ihres Mannes einholen, wenn sie irgendwo hingeht.
Hmmmm....? Also klar das ist schon ziemlich konservativ, aber meine Oma (Bayern, katholisch) hat auch so gelebt. Nunja bei den Ehepflichten hatte ich natürlich keinen Einblick, aber selbstverständlich hat sie sich zum "Einkaufen" abgemeldet und ist nicht einfach allein irgendwohin, ohne dass ihr Mann davon wüsste und damit einverstanden wäre. Ansonsten war der Haushalt und die Küche ganz klar ihre Pflicht, während mein Opa vor dem Fernseher saß und sich höchstens mal um Reperaturen kümmerte.
Kurzum, wie meine Oma werden zukünftig immer weniger Menschen leben, das ist klar. Aber sie tat das ja freiwillig. Sie hat sich freiwillig in eine konservative Frauenrolle begeben, freiwillig insofern, als sie eben so erzogen wurde und damit wohl auch nie unglücklich war. Gehörte meine Oma nun nicht zu Deutschland? Und meine Oma ist ja kein Einzelfall. Bis zu einem gewissen Geburtsjahrgang ist es im katholischen Milieu doch immernoch gang und gebe so zu leben. Gehören diese Leute also nicht zu Deutschland? Nur weil sie für uns überholtes Verständnis der Frauenrolle haben? Der Jauch Redaktion nach zu urteilen: Ja!
Mein Fazit der Jauch Sendung: einfach nur peinlich..
Nun komme ich zurück auf radikale junge Muslime, die nach Syrien oder Irak ausreisen um dort "im Namen des Islam" Menschen töten.
Was ist zu tun und was nicht?
Mit Maßnahmen wie Passentzug und Auflagen wie "bei der Polizei melden", sollte man natürlich versuchen Ausreisen bei den Einzelnden zu erschweren.
Die muslimischen Gemeinden sollten versuchen mit den Jugendlichen bei denen so eine Entwicklung bemerkt wird im Gespräch zu bleiben. Ausgrenzung, wie im Fall von Erhan A., führt doch erst recht auf den Weg der weiteren Radikalisierung. Der betreffende hat dann doch nur noch Radikale, die ihn religiös begleiten. Das islamische Gemeinden sich von solchen jungen Menschen distanzieren, bevor überhaupt etwas geschehen ist, ist leider auch der zunehmenden Islamophobie zu schulden, denn ihre größte Angst ist es, daß ihr Name oder der Name der Gemeinde später im Zusammenhang mit Morden oder Anschlägen genannt wird. Diese Angst vor schlechter Presse ist leider oft größer, als der Wille zu systematischer Präventionsarbeit.
Aber natürlich muss der Staat hier auch mit aufsuchender Jugendarbeit eingreifen, welche möglichst einerseits von professionellen muslimischen Sozialpädagogen und zusätzlichen Laien-Helfern (angesehene Muslime mit örtlichem Bezug) ausgeführt werden sollte.
Die Abschiebung wie im Falle von Erhan A. ist meines Erachtens die falsche Lösung. In die Türkei abgeschoben, hat er doch erst recht kaum eine andere Perspektive als sich dem IS anzuschließen. Dem IS wird nun also staatlicherseits wissentlich ein neuer potenzieller Mörder zugespielt. Das ist für mich gelinde gesagt einen Skandal. Dass der junge Mann, der mit 2 Jahren nach Deutschland kam, keinen deutschen Pass hat und überhaupt abgeschoben werden kann, das ist ein weiterer Skandal, der einiges über den Integrationswillen unserer Gesellschaft aussagt.
Wir verlangen von einem jungen Mann vorbehaltlos unsere Gesetze zu akzeptieren, versagen ihm aber gleichzeitig 20 Jahre lang die staatsbürgerlichen Rechte. Das mag formal alles korrekt und richtig sein, aber wie jemand der hier aufgewachsen ist, der gar nichts anderes als Heimat kennt außer Deutschland, für die Behörden dennoch kein Deutscher werden darf, das werde ich nie verstehen. Und das dies bei Einzelnen eben Identitätskonflikte fördert und bei weiteren Problemlagen eben einer Radikalisierung förderlich ist, das kann ich leider irgendwie nachvollziehen. Dass man sich dann von Leuten blenden lässt, die einem "Zugehörigkeit" und "Heimat" anbieten, das ist traurig. Aber die Erklärung liegt eben nicht nur auf religiöser Ebene oder bei der guten Medienpropaganda des IS. Der Nährboden ist eben auch politisch durch ausgrenzende Migrationspolitik bereitet worden.