„Wir wissen schon länger“, sagt Kerem Caliskan, Chefredakteur der Zeitung Yurt, „dass der Istanbuler Stadtteil Güngören mit den Kiezen Haznedar und Bagcilar Rekrutierungsgebiete für den Dschihad in Syrien sind“. Erst kürzlich hatten mehrere Zeitungen ein Foto abgedruckt, auf denen ein Mann in einem schwarzen Isis-T-Shirt eine Kurdendemonstration in Bagcilar bedroht. Weil Isis in Syrien immer wieder die kurdischen Autonomiegebiete angreift, fragten sich viele politische Beobachter, ob Isis nun auch schon auf den Straßen Istanbuls agiert.
Auf Fragen, warum die Regierung offenbare Rekrutierungsorganisationen von Isis duldet, schweigen Ministerpräsident Erdogan und seine Männer. Doch manchmal reagieren sie wie ertappte Sünder. Als Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier kurz nach der Offensive von Isis im Irak seinen Kollegen Ahmet Davutoglu in Istanbul traf und Davutoglu bei einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob es stimmt, dass Isis Waffenlieferungen aus der Türkei erhalten hat, verlor der türkische Außenminister, der sich normalerweise im Griff hat, völlig die Beherrschung. Das sei eine bösartige Unterstellung und beleidige den Islam.
Die Versorgung von Isis-Kämpfern in türkischen Krankenhäusern und ein derzeit in Adana laufender Prozess gegen Gendarmen, die versehentlich einen Lkw stoppten, der für den türkischen Geheimdienst auf dem Weg nach Syrien war, sind allerdings weitere Indizien dafür, dass die Regierung zu mindestens in der Vergangenheit Isis mit groß gemacht hat.