@BurnerR:
Die Kategorie ist eine gesellschaftliche Konstruktion, genau wie Sexualität und andere abstrakte Begriffe, die gesellschaftliche Phänomene abbilden. Der einzelne Mensch hingegen ist nicht abstrakt, sondern konkret, weshalb sein Geschlecht ebenfalls konkret, wenn vielleicht auch uneindeutig ist, wenn es in das binäre Kerl-Weib-Schema eingeordnet werden soll. Das gilt sowohl für das biologische als auch für das soziale Geschlecht. Die Eigenschaften, die sich am konkreten Mensch hinsichtlich dieser beiden Aspekte finden lassen, sind einerseits konkret, verweisen andererseits aber auf abstrakte Begriffe.
Deswegen ist sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht sowohl konstruiert als auch tatsächlich vorhanden. Konstruiert als Begriff und tatsächlich vorhanden im einzelnen Menschen. Das gilt eigentlich für alle Begriffe, sofern sie sich nicht auf etwas beziehen, das nur singulär vorhanden ist. Sobald eine Menge von Gegenständen oder Phänomenen unter einen Begriff gebracht wird, ist die Einordnung eines einzelnen Gegenstandes unter diesen Begriff sowohl eine grobe Vereinfachung als auch wiederum Ergebnis der Machtstrukturen des Diskurses, der diese Zuschreibung allgemeingültig ermöglicht und durchsetzt. Durch solche diskursiven Zuschreibungen wandelt sich der abstrakte Begriff und der einzelne so eingeordnete Mensch.
Die Natur ist vorhanden. Die gesamte Ebene gesellschaftlich-bedingter Begriffe und Urteile liegt aber bereits darüber. Es ist ohne Weiteres möglich, dass du morgen aufwachst, vergessen hast, was Mann und Frau oder Sexualität ist, und dass du es dir selbst nicht wirst wieder beibringen können, ohne auf die Hilfe anderer zurückzugreifen. Weil es in der Natur weder Geschlecht noch Sexualität noch Gattung gibt. Diese geistige Leistung, diese Kategorien hervorzubringen und auf einen konkreten Gegenstand anzuwenden, erbringt nur der Mensch, und als solcher ist er in einer Gesellschaft, in einem Diskurs, in einem bereits vorhandenen Sprach- und Begriffssystem mit allen seinen Urteilen.