@KaPiTN:
Es hat wie viele tausend Jahre gedauert, bis aus regionalen Kleinkönigreichen Nationen unserer Größe entstehen konnten? Die Technik und der Fortschritt sind an dieser Stelle leider viel schneller als der menschliche Geist. Nicht einmal "wir Netizens" gehen unvoreingenommen an andere Menschen heran, und wir sind mit diesem Anspruch aufgewachsen und haben ihn mit geprägt. Verlang das mal von einem afghanischen Ziegenhirten, dessen Gedankenset noch das eines westlichen mittelalterlichen Leibeigenen widerspiegelt. Sie in unsere Welt zu werfen und von ihnen Anpassung zu verlangen ist etwa so schwierig wie einem mittelalterlichen Magius Aerodynamik und Avionik beizubringen.
Wir gehen gern von unserem Standard aus, das sieht man auch an dem Selbstanspruch, Flüchtlingen Lebensqualität mitzugeben, die westlichen Standards entspricht. Das mag aus unserer Sicht hübsch fortschrittlich und zukunftsweisend sein, wir sind aber nicht die Welt und nicht jeder kennt unsere Lebensart oder versteht sie auch nur im Ansatz. Hier in einem Studentenwohnheim scheißen (!!!) indische Austauschstudenten auf die Klobrille, weil sie sowas wie eine westliche Toilette nicht verstehen. Klingt völlig absurd, ist aber Tatsache. Der Unterschied zwischen Pissoir und Toilette ist den meisten auch völlig unklar. Und wir reden hier von den angenommenen gesellschaftlichen Eliten. Fahr nach Süditalien, da ist "Klo" noch ein Loch im Boden, und das ist das zivilisierte Europa.
Wir, als westlich geprägte Kulturbürger, meinen es allesamt gut mit den Flüchtlingen und stehen perplex vor dem Unverständnis der Flüchtlinge bezüglich für uns völlig selbstverständlicher Kleinigkeiten. Dieses Unverständnis unsererseits wird noch verstärkt dadurch, dass wir uns gegenseitig verbieten, von Flüchtlingen ein geringeres Kulturniveau anzunehmen und ihnen ein - in Ermangelung eines besseren Wortes - "artgerechtes" Leben hier bieten. Aus dem gegenseitigen Unverständnis entsteht Wut ("Diese Deppen verstehen nicht einmal die einfachsten Dinge!"), die Beschwichtigungsversuche und schlimmer noch die selbstauferlegten Denkverbote verstärken das nur noch. Und wie wir von Yoda wissen: Wut erzeugt Hass, und aus Hass entsteht unendliches Leid.
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Weils mir grad noch einfällt: Ein afrikanischer Einwanderer in der Schweiz, ein guter Freund meiner Schwester, sagt in seinem ersten Jahr (Sommer) zu ihr: "Schnee ist so was Tolles, hab ich noch nie gesehen, ich würde sofort barfuß und nackt rauslaufen und mich reinwerfen und drin rumschwimmen. Ich verstehe gar nicht, warum sich auf den Skifotos alle so verpacken - hasst ihr den Schnee etwa?" Meine Schwester hat ihn nicht überzeugen können, der anschließende Winter war aber sehr überzeugend.
Es sind die Kleinigkeiten, mit denen wir schon seit unserer Geburt aufwachsen, die bei uns selbst der Dümmste nach 18 Jahren Erziehung und Erfahrung verstanden hat, die andere vor nahezu unüberwindbare Schwierigkeiten stellen. Bei uns hat Wasser aus Flüssen und Seen nahezu Trinkwasserqualität (in Bayern zumindest), in Afghanistan trinken sie völlig selbstverständlich eine Brühe, die 99% von uns nach wenigen Tagen umbringen würde. Mülleimer verstehen die gar nicht, Mülltrennung ein nicht vermittelbares Konzept (obwohl München fast nur zwischen Papier/Kartonagen und Restmüll unterscheidet). Wenn wir uns an sie anpassen wollen, dann müssen wir uns von solchen Errungenschaften trennen. Anders wirds nicht funktionieren, da fehlen 18 Jahre Kindheit.