Re: Bedinungsloses Grundeinkommen
Sollte es am Arbeitswillen scheitern, ernennen wir den Calvinismus zur Staatsreligion. Angesichts unserer "Kultur der Arbeit", verbunden mit der Unfähigkeit, sein Leben jenseits davon zu gestalten, sehe ich aber schon jetzt keine Schwierigkeiten, was den Arbeitswillen anbelangt.
Einiges aber verstehe ich nicht. Zum einen: Weshalb sieht niemand, dass es derzeit politisch dumm ist, ein BGE zu fordern, wenn dahinter die Idee steht, jedem ein würdiges Leben zu ermöglichen? Das Vorhaben würde sofort von anderen Kräften übernommen werden; die Gegenvorschläge zu einem sozialen BGE liegen ja längst vor und sehen eine Finanzierung über 50 Prozent Mehrwertsteuer vor, sowie Ersatz der gesetzlichen Rentenversicherung durch das BGE. Das Ergebnis wären Lohnsenkungen und dauerhafte Lohnaufstockung. Dahin würde die Reise gehen, sollte sich jemals eine politische Mehrheit finden lassen für ein BGE. Das realisierte BGE wäre heute immer ein Kahlschlag der Sozialleistungen und gesetzlichen Rentenversicherung, außerdem relativieren sich selbst 1500 Euro bei 50 Prozent Mehrwertsteuer und Wegfall von Kindergeld usw. gewaltig. Völlig unklar ist auch, weshalb es plötzlich besser sein soll, mit der Gießkanne zu verteilen anstatt nach jeweiligem Bedarf. Darunter werden immer diejenigen leiden, die wirklich auf die Unterstützung angewiesen sind, weil die Zahlungen an die übrigen die Mittel fressen.
Wirklich befremdlich an der Diskussion ist die ständige Annahme, Arbeitslosigkeit ist notwendig vorhanden. Ob und wie viele Arbeitslose es gibt, hängt nur davon ab, ob wir eine Wirtschafts- und Arbeitspolitik in Gang bringen, die Arbeitslosigkeit beendet. Vielleicht ist das manchen eine zu große Arbeit, also überlegen sie sich andere Aufgaben, zum Beispiel ein BGE. Das passt zum restlichen Vorgehen in Deutschland: lieber sperren als löschen, lieber die Wirkungen bekämpfen als die Ursachen. Die Ursachen der Anziehungskraft des BGE liegen natürlich auch in den teilweise unglaublich niedrigen Löhnen. Dadurch werden selbst 1000 Euro attraktiv. Auch das Problem lässt sich anders lösen, und vor allem lösen ohne so große Einschnitte verbunden mit vielfältigen Nachteilen für diejenigen, die ihre Arbeit geben.
Was soll die Neid-Debatte hier? Die Frage ist zunächst, ob wir überhaupt wollen, dass neben den heute schon geduldeten oder gewollten Möglichkeiten, sein Leben zu finanzieren (Lohnarbeit, Selbstständigkeit, Eigentum, staatliche Leistungen im Bedarfsfall, familiäre Leistungen), noch die staatliche Leistung ohne Bedarf hinzutritt. Wer dann noch den Schritt schafft zu der Erkenntnis, dass niemand "sein" Geld verdient, auch der Selbstständige nicht, hat weder Grund zum Neid noch zum Neid-Vorwurf. Der Neid-Quatsch ist lächerlich und unangebracht.
Weil ich für mein Geld gearbeitet habe!
Als ob du der einzige wärst. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal, nicht mal eine besondere Leistung. Also nicht erwähnenswert.