Reportage/Werbung/Kontrollbehörde

KaPiTN

Boomer ♪♪♫♪♫♫♪
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Fernsehen bedeutete für mich seit Jahren eigentlich immer Mediathek für ausgewählte Sendungen. In letzter Zeit habe ich des öfteren mal die Kiste laufen und bleibe dann bei Spartensender hängen. Amerikanische Kleinbetriebe, die irgend etwas bauen, tunen oder mit schweren Maschinen umgehen, schaffen es tatsächlich, mich zu faszinieren.
Da scheint mir vieles scriptverdächtig, aber das schadet ja niemanden.

Ich habe dann aber manchmal so "Reportagen" entdeckt, die sehr unterhaltsam sind, aber wo man sich echt fragt, was für eine Art von Sendung ist das? Welche journalistischen Standards finden hier Verwendung oder kaufen Firmen hier einfach Sendezeit.

Gerade läuft auf N-TV eine Sendung "Mega Brends". Es geht um Maggi.

Das ist durchaus interessant, aber könnte, von der Lauflänge abgesehen, auch im Kino einer Betriebsbesichtigung laufen.

Letztlich wurde in einer Sendung getestet, ob man nachts schneller von München nach Köln kommt, als während des Tages. Die Antwort war ja nicht verwunderlich, aber dennoch war das spannend anzusehen. Aber wie dabei die Qualitäten des verwendeten A8 herausgestellt wurden, waren schon derbe auffällig.

Das ZDF hatte vor Jahren mit einer Sonntagssendungsmoderatorin und auch die Gummibärchen bei Wetten dass waren ein Thema.

"Fack ju göte" soll z. Teil mit Product Placement finanziert worden sein.

Habe ich da etwas verpaßt. Wurden die Gesetze da geändert, die Regeln gelockert?

tl;dr:

Wie lauten die Regeln in Deutschland zu Schleichwerbung,product placement und reaktionalem Inhalt? Wer soll das überwachen und wie zuverlässig sind Kontrollen
 
Interessantes Thema.



Mit Wirkung zum 1. April 2010 trat die 13. Änderung des Rundfunkstaatsvertrages in Kraft. Mit der aktuellen Fassung[15] wurden in Deutschland zum ersten Mal rechtliche Bedingungen für Product Placement im Fernsehen erstellt. Damit sind für alle drei Medienkanäle Rahmenbedingungen geschaffen.

Im Kino ist Product Placement seit jeher erlaubt. Produzent und Regisseur sind frei zu entscheiden, in welchem Rahmen sie mit Vertretern der werbetreibenden Industrie zusammenarbeiten.

Im Fernsehen unterliegt das Instrument mit dem Rundfunkstaatsvertrag einer detaillierten Regelung. Diese knüpft an die EU-Richtlinie zu audiovisuellen Mediendiensten an. Im Kern gilt ein Verbot des Product Placements[16]. Gleichzeitig wird aber das Instrument für einzelne Sendeformen als zulässig erachtet. Das sind fiktionale Programme (Kinofilme, TV-Serien, Fernsehfilme), Sportfilme und Sendungen der leichten Unterhaltung. In diesen Formaten darf Product Placement bei privaten Sendern gegen Entgelt, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gegen kostenfreie Beistellung von Requisiten erfolgen. Ein Verbot des Product Placements besteht für Nachrichtensendungen, Kindersendungen, Ratgeber- und Verbrauchersendungen sowie Sendungen zum politischen Zeitgeschehen. Neben dieser Festlegung von Ausnahmen, in denen das Instrument erlaubt ist, gibt es weitere Rahmenbedingungen. Um das Transparenzgebot zu wahren, müssen Sendungen, in denen es Produktplatzierungen gibt, gekennzeichnet werden. Das geschieht nach Absprache zwischen ARD, ZDF und den Landesmedienanstalten sowohl durch einen Hinweis zu Beginn und Ende der Sendung, bzw. der sie unterbrechenden Werbepausen, als auch durch die Einblendung eines weißen „P“ in der oberen rechten Ecke des Bildschirms. Ebenso gelten als Rahmenbedingungen, dass die gezeigten Produkte nicht in werblicher Form gezeigt werden dürfen und die redaktionelle Freiheit der Sender unangetastet bleibt.

Ungeklärt sind im Rahmen dieser Regelungen vor allem noch die Abgrenzung von Sendungen der leichten Unterhaltung zu den Infotainmentformaten. Ebenso ist offen geblieben, wie Kinofilme, bzw. TV-Serien zu behandeln sind, die von den Sendern am internationalen Filmmarkt eingekauft werden. Hier gibt es lediglich die Forderung, dass die Sender mit zumutbarem Aufwand prüfen müssen, ob ein Product Placement enthalten ist. Angesichts der weiten Verbreitung des Instrumentes insbesondere im US-amerikanischen Markt, aus dem umfangreich Serien und Kinofilme importiert werden, kann hier noch keine Einschätzung getroffen werden, in welcher Weise die Transparenzregeln umgesetzt werden.

Für Telemedien auf Abruf mit fernsehähnlichen Inhalten gelten die Bestimmungen über Kennzeichnung und die Darstellungsintensität von Produktplatzierungen (§ 7 Abs. 7 RStV) wie für Rundfunk ("entsprechend": § 58 Abs. 3 Satz 1 RStV). Im Übrigen gelten im Internet die Regelungen des Telemediengesetzes, die ebenfalls durch den Rundfunkstaatsvertrag übernommen wurden (§ 58 Abs. 1 RStV). Hier wird lediglich auf das Transparenzgebot hingewiesen.

Quelle Wikipedia

Zu was jetzt allerdings diese Pseudo-Dokumentationen auf nTV und ähnlichen Sendern zählen :unknown:
 
Ich hatte vor einigen Jahren mal aus Interesse als Gasthörer eine Vorlesung zu diesem Thema besucht, das war kurz nach der Bekanntgabe der der Landesmedienanstalten. Zunächst mal bekommt man ja wirklich oft den Eindruck, dass auch Dokumentationsbeiträge aus dem History Channel, bspw. über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, um staatlich gesponsorte US-Propaganda handelt. Mit den Formaten, die du erwähst, das heißt, diese unterschwelligen, halbherzig getarnten Werbedokumentationen über irgendwelche Fabriken, Restaurantketten, über die Bundeswehr - fast täglich der alte Wein in neuen Schläuchen auf ProSieben/Galileo oder N24 zu sehen - mit der Bewertung dieser neuen Formate, die ja irgedwann in der zweiten Hälfte der Nullerjahre wie Pilze aus dem Boden geschossen sind und sich seither sehr erfolgreich halten - tun sich auch die Landesmedienanstalten schwer. Sie werden als "grenzwertig" bezeichnet, weil einerseits ein kriteriengetreuer, ausreichender Informationsgehalt transportiert wird und meist ein gewisser kritischer Faktor (meistens halt in einem pseudoartigen, naiven Infotainment-Stil, etwa durch lässig-flapsige Kommentare des Journalisten) integriert ist; andererseits erfolgt die Dokumentation bspw. eines Produktions- und/oder Vertriebsprozesses dann eben nur am Beispiel eines einzelnen Herstellers, der dann halt häufig bzw. eigentlich immer klar zu erkennen ist. Die Landesmedienanstalten sind aber der Meinung, dass eine Berichterstattung in so einer Weise (wie z.B. dein Beispiel mit der A8 usw.) zulässig ist, solange überhaupt noch ein Informationsgehalt vorhanden ist. Dabei darf dann auch überdeutlich sein, dass es sich eigentlich um eine verkappte Werbesendung haltelt. Nur „übertrieben werden" sollte nicht - was das bedeutet, ist allerdings nicht weiter definiert und wird sich bestimmt (denke ich jetzt mal) an Präzedenzfällen orientieren, wenn es da überhaupt welche gibt...

So heißt es u.a. im Gutachten der Landesmedienanstalten von 2010, an einem Beispiel über eine Doku über eine Rapsöl-Hersteller:

(...) Nach diesen Maßstäben ist der Beitrag ein Grenzfall. Im Gesamteindruck vermittelt er zweifellos einen Werbeeffekt für die Firma Moritz-Öl und ihre Produkte. Im Einzelnen lassen sich aber ebenso Gründe anführen, mit denen sich jede der Darstellungen programmlich auch (noch) rechtfertigen lässt. Zu nennen sind hier die Verdeutlichung der Vielseitigkeit der Verwendbarkeit von Rapsöl, die Abbildung der Realität in der Rapsmühle (...) usw.

Dass die Produktionsfirmen und Sender diese Angebote gern annehmen, liegt auf der Hand. Wenn sie sich für die Drehgenehmigung nicht üppig bezahlen lassen, gibt es Zuwendungen in anderer Form: Der Konzern meiner Familie war am Nachbau eines historisch-antiken Elektrogeräts durch Belieferung mit deutlich sichtbaren Bauteilen beteiligt. Dieser wurde auf der Messe vorgestellt und in eine TV-Dokumentation (absolutes Infotainment, null technische Spezifizierungen) integriert, bei der das betreffende Gerät einen beträchtlichen Teil der Gesamtberichtzeit einnahm (etwa 2/3). In diesem Zuge durfte sich die Produktionsfirma über Zusicherungen über massiv vergünstigte Bauteile für eigene Neubauprojekte freuen, es hatte sich im oberen fünfstelligen Bereich bewegt, was die allein beim Bau eines Gebäudes, von dem ich weiß, eingespart hatten. Der Clou: Es handelte sch um eine Firma, die für die ÖR produziert.

Andererseits suchen die Produktionsfirmen aber auch händeringend nach Gelegenheiten, was zu drehen und es wird auf der anderen Seite genug Tradiotionsbäcker, regionale Brauereien, Süßigkeitenhersteller etcpp. geben, die die Sender liebend gerne auch umsonst filmen. Die Zuschauer sehen es schließlich gern.

Das waren ein paar Fakten. Meine Meinung dazu: Ich erlebe es nicht so, dass sich an der Dichte der Produktplatzierungen viel geändert hat. Ich erinnere mich an die 1990er Jahre und die damals wie heute unheimlich kitschigen Pilcher-Filme, in denen man am Ende die Mercedes-Benz und Range Rover von allen Seiten und von innen besser kannte, als sein eigenes Fahrzeug. Spielfilme werden schon ewig durch PP teilfinanziert, ich denke da an bspw. an den guten DeLorean DMC12 bei seiner Einführung, die Rolex Subs und Omegas von Bond oder Samsung-Geräte bei Jurassic Park, Reese's be ET... Was neu ist, sind halt echt diese Infotainment-Sendungen und da tut man sich eben nachvollziehbar schwer, die Grenze zu ziehen. Eigentlich müsste man sie konsequenterweise ganz verbieten oder deutlichst als Werbesendung kennzeichnen, solange nicht mehrere konkurrierende Betriebe in gleicher Weise gezeigt werden - aber das macht die Doku dann inhaltlich unsinnig.

Etwas OT: Ich möchte da jetzt eigentlich kein neues Fass aufmachen, aber weil ich von Berufs wegen ganz gut Bescheid weiß und der Transfer m.E. gut passt: Die Problematik mit der getarnten Werbung gibt's in ganz vielen Bereichen, das ist wie das Myzel eines Hallimasch. Ich bin bspw. in einem gesundheitlichen Bereich mit einer Firma selbstständig und betreibe eine Seite mit wissenschaftlichen Fachartikeln, die eine gute Reputation hat. Regelmäßig bekommen wir schmeichelhafte Angebote von Pharmaherstellern, die uns für bestimmte, hochdotierte Preise nominieren wollen (Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist in D verboten). Oder es werden für bestimmte Krankheitsbilder "Informationskampagnen" initiiert, die dann durch Fachleute oder entsprechende Organisationen durchgeführt werden, wobei dann natürlich auch entsprechende Seminare abgehalten werden, auf denen die gesamte Firmenbelegschaft dann indoktriniert wird etc. Schleichwerbung ist überall, im B2C und im B2B, und teilweise ist es richtig mies, was da so läuft. Da kann man aber absolut nichts machen, außer das öffentlich zu monieren und drauf hinzuweisen, aber die, die die entsprechende Reichweite haben, machen das viel zu selten.

tl;dr: Die Landesmedenanstalt sagt, es handelt sich bei diesen Dokus nicht um Werbung, solange noch ein gewisses Maß an Information und die Werbeabsichten nicht marktschreierisch transportiert werden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wer erwartet bei den einschlägigen Qualitätssendern wie N24, National Geographic, DMAX und Konsorten auch lupenreine und unabhängige Dokumentationen? Alleine schon die Aufmachung, der Titel sowie die dramaturgisch geübten Sprecher lassen die Tendenz erkennen. Sowas schaut man sich ja nur zur Unterhaltung an. Oder interessieren Themen wie Schwertransporte, Leopard II Panzer oder Hochseekrabbenfischer wirklich jemanden so brennend bzw. bringt sowas einem im Leben denn wirklich weiter? :D

Schleichwerbung ist ja auch oft in Kinofilmen zu sehen (JEDER hat immer einen Apple-Notebook!) aber auch zum Glück unglaublich leicht zu erkennen. Um wirklich ein Opfer für sowas zu werden muss man ja schon echt einfach zu manipulieren sein. Von dem her stört mich das eher weniger, ich finde es eher amüsant :coffee:
 
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  • #6
Ich Opfer habe mir jetzt einen Audi bestellt. :m

Es geht doch um eine Kennzeichnungspflicht. Sicher bekomme ich als Elter mit, daß der Film vielleicht doch nicht das richtige für die 6 jährige ist. Aber wenn die Abteilung "Nur ab 18" heißt, brauche ich nicht einmal die Verpackung anfassen.
 
DMAX mit zb National Geographic in eine Zeile zu setzen scheint mir ziemlich unangemessen. DMAX ist für mich ein reiner Blödelsender mit maximal etwas Unterhaltungswert.

Was das Thema Schleichwerbung betrifft bin ich mir sicher das wird überall gemacht, wo es sich anbietet und einem keiner was kann. Es geht um Geld, wie so alles im Leben und das nimmt *jeder* mit.
 
DMAX mit zb National Geographic in eine Zeile zu setzen scheint mir ziemlich unangemessen.
Naja, ich schaue beides hin und wieder, die Unterschiede sind da imho nicht so groß. Gerade mal geschaut was da so kommt:



deckt sich ja ziemlich mit dem Zeug auf DMAX. Finde wirkliche Reportagen muss man heute ja fast mit der Lupe suchen.
 
Keine Ahnung. Ich sehe da schon einen Unterschied, wenn auch vielleicht nicht in allen Sendungen, was letztlich aber auch nur daran liegt, dass auf DMAX nicht alles Schrott ist. Science of stupid ist übrigens ganz witzig.

Im Vergleich zu früher hat sich das Programm aber schon verändert. Selbst bei meinem langjährigen Lieblingssender Discovery Channel ist nicht mehr alles toll und auch dort sieht man mittlerweile die Angler an der Beringsee. Find' ich schade, denn früher gab es überall fortlaufend wesentlich anspruchsvolleren Inhalt. Scheint sich nicht so gut verkauft zu haben. Vermutlich ein RTL2 Virus oder so.
 
Wenn es Doku-Serien schaffen, dass Kinder und Teenager dank MythBusters und Sience Of Stupid im Physikunterricht rumnölen, dass
es auch spannender als Eisenspäne und Hufeisenmagnet geht, oder nach Exkursionen mit den Jungs von Top Gear Interesse an
anderen Ländern bekommen, dann ist das für mich durchaus okay :D

Je länger die Teenies vor *solchen* Dokus hocken, gucken sie nicht den RTL2-Scheiß.

Product placement gab es eigentlich schon immer. Nur nicht ganz so unverhohlen.
Je nach Bundesland fuhren und fahren die deutschen Serienkommisare Benz, BMW oder Passat, etc.
Die, mit Etikett nach hinten gedrehten, Flaschen hat man trotzdem immer an der Form erkannt ;)

Die Teenies lassen sich gar nicht mal so von TV-Werbung oder versteckter Werbung beeinflussen. Die haben ihre eigenen Regeln, was gerade
getragen, genutzt oder verzehrt werden muss.
Anfällig sind wohl eher die erwachsenen TV-Dauerberieselten. Irgendwann nach 12 Stunden Berieselung brennt sich dann doch irgendein Produkt ein.
 
Die Teenies lassen sich gar nicht mal so von TV-Werbung oder versteckter Werbung beeinflussen. Die haben ihre eigenen Regeln, was gerade
getragen, genutzt oder verzehrt werden muss.

Sind nicht diese Youtubestars da ganz groß mit dabei, also auch, was das Product Placement anbetrifft? So, wie ich das in den letzten paar Jahren mitbekommen habe, sind die Youtube-Stars wohl die neuen Äquivalente zu den früheren Megastars und die Vorbilder der aktuellen Kinder- und Jugendlichengenerationen, mit ähnlicher Reichweite. Das Marketingpotential soll angeblich sogar exponentiell höher liegen, als bei allen anderen Personenwerbeträgern zuvor, weil sich so eine Vermischung zwischen Star-Persönlichkeit Nahbarkeit ergeben hat, sodass die Kinder das Gefühl haben, sie bekommen den gut gemeinten Rat eines Freundes, wenn es z.B. um Produktrezensionen geht. Ich habe leider aber kein Beispiel, weil ich mich mit Youtube-Stars nicht auskenne und habe das nur ein paar mal gehört.
 
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