Das große Problem ist doch, das nicht mehr Jeder alles über Jeden weiß, sondern das einige wenige Alles über Alle wissen. Wenn Jeder etwas über Jeden weiß, dann ist da eine Art Gleichgewicht. Das ist bei zentral erhobenen, gespeicherten und ständig verfügbaren Informationen in der Hand von Wenigen nicht der Fall. Ich hoffe es ist klar geworden, worauf ich hinaus will, kann das grad nicht besser beschreiben.
Das ist doch gut beschrieben, und ich verstehe das Argument durchaus.
Aber die Zentralisierung ergab und ergibt sich doch zwangsläufig aus Nationalisierung und Globalisierung, also daraus, dass keine autarken Gemeinschaften von für den Eigenbedarf Produzierenden existieren, sondern nationale Märkte und ein Weltmarkt und Mobilität. Was 200 Kilometer weit weg passiert, hat für mich früher keine Rolle gespielt, heute spielt es eine entscheidende Rolle. Ich muss also viel mehr wissen, als ich unmittelbar überblicken kann, weil mein Leben von ganz fernen Ereignissen abhängig ist.
Nach einem motorisierten Bankräuber muss anders gefahndet werden als nach einem, der zu Fuß oder zu Pferd unterwegs ist. Es ist eben nicht mehr absurd, sondern durchaus sinnvoll, wenn die USA Geheimagenten in irgenwelchen pakistanischen Käffern anwerben, weil sie mit heutigen Verkehrsmitteln von dort angegriffen werden können.
Die Zentralisierung ist potentiell gefährlich, aber unumgänglich, weil kein Einzelner alles wissen kann oder auch nur wissen möchte. Von meinen Nachbarn im Haus wüsste ich am liebsten nichts. Wenn ich etwas von ihnen erfahren muss, weil sie laut streiten oder laut Musik laufen lassen, lausche ich nicht neugierig, sondern ich bitte sie um Ruhe.
Aber ist die Zentralisierung wirklich so gefährlich? Es wird in der gegenwärtigen Hysterie dauernd so getan, wie wenn alle meine Mails gelesen würden. Bei 204 Millionen Mails pro Minute oder 12 Milliarden Mails pro Stunde muss man schon mindestens Bundeskanzler sein, damit die eigenen Mails tatsächlich von einem fremden Menschen gelesen werden.
Außerdem hängt es im Rechtsstaat von den Gesetzen ab, ob ein Staat meine Mails gegen mich verwenden kann. Normalerweise kann er das nicht, außer ich bereite ein Rauschgiftgeschäft oder einen Bombenanschlag vor.
Ich fürchte eher, die Überwachungsparanoia wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Bei Orwell steht "Big Brother ist watching you" an jeder Hauswand. Die Einschüchterungskampagne war Teil des Systems. Jeder soll glauben, er werde dauernd beobachtet und belauscht. Dann gehorcht er, obwohl diese lückenlose Überwachung faktisch gar nicht existiert. Heute braucht Big Brother nicht mal mehr plakatieren. Die vermeintlichen Überwachungsgegner übernehmen diese Arbeit und verkünden: "Big Brother ist watching you"