"Hobbes hat sich über diese radikale Relativierung aller bestehenden Einschätzungen niemals irgendwelche Illusionen gemacht.
Was im Austausch und Kampf der Werte miteinander den Ausschlag gibt, ist Macht. Macht ist die Monopolherrschaft über die öffentliche Meinung, welche dem Individuum erlaubt, die Preise so festzusetzen, Angebot und Nachfrage so zu regeln, dass sie dem betreffenden Individuum zu größtmöglichem Vorteil gereichen. Die Bezeihung zwischen Individuum und Gesellschaft ist so verstanden, dass das Individuum in der absoluten Minderheit seiner Vereinzelung seinen Vorteil erkennt, ihn aber nur mit Hilfe der Mehrheit verfolgen und realisieren kann. Daher ist der Wille zur Macht die Grundleidenschaft des Individuums; er regelt das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft; auf ihn sind alle Betrebungen nach Reichtum, Wissen, Ehre letztlich zurückzuführen.
Alle Individuen sind in ihrem Streben nach Macht wie in ihrer ursprünglichen Machtkapazität einander gleich, denn die Gleichheit der Menschen beruht nach Hobbes auf der Tatsache, dass jeder von Natur aus stark genug ist, den anderen totzuschlagen, wobei Schwäche sich durch List ausgleicht. Die Gleichheit der potentiellen Mörder versetzt alle in die gleiche Unsicherheit und damit die gleiche Angst vor gewaltsamem Tod, aus der das Bedürfnis der Staatsgründung entsteht. Der Grund des Staates ist das Sicherheitsbedürfnis des Individuums, das sich in einer Gesellschaft potentielle Mörder befindet."
Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Band 2: Der Imperialismus, S.41