Die Frage, "Lohnt sich arbeiten überhaupt noch?", hängt davon ab, wie weit du über den Tellerrand schauen möchtest.
Eine liebe Bekannte von mir hat mit Mitte 50 ihre Arbeit verloren und nach kurzem Leerlauf vor einigen Monaten einen neuen Job in einer Gärtnerei begonnen. Sie ist dort mangels einschlägiger Ausbildung als landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin angemeldet und verdient Netto knapp über 1.000 Euro (am Land).
Mindestsicherung in Österreich liegt bei etwa 840 Euro. Wenn sie 40 Stunden arbeitet, bleiben unterm Strich gerade einmal 160 Euro mehr. Und in ihrem Alter machen die paar zusätzlichen Arbeitsjahre den Pensionsanspruch auch nicht viel fetter. Blöder Beigeschmack: Das gesamte Vermögen muss auf etwa 4.000 Euro verbraucht sein. Aber ein Vermögen hat sie wahrscheinlich sowieso nicht am Konto.
Einzig auf ihre finanzielle Situation bezogen, könnte man also sagen, es lohnt sich für Sie wirklich nicht mehr zu arbeiten.
Aber ... Wenn meine Bekannte am Morgen ihr Haus verlässt, vergisst sie manchmal die Türe zu versperren, laut ihrer Auskunft hat "aber noch nie einer das Haus weggetragen". Selbstverständlich steht auch ihr Auto noch immer dort, wo sie es am Vorabend abgestellt hat. Sie fährt ganz selbstverständlich über eine gut asphaltierte Straße zur Tankstelle, wo sie ganz selbstverständlich Benzin bekommt. Beim Bäcker vor der Gärtnerei holt sie sich ganz selbstverständlich einen Kaffee, bevor sie ins Geschäft geht und beginnt Grabkränze zu binden. Bricht sie sich ein Bein, geht sie ins Krankenhaus, wird das Auto kaputt, bringt sie es in die Werkstatt und manchmal geht sie mit einer Freundin ins Kino.
Viele Dinge, Selbstverständlichkeiten des Alltags im Westen, die wir als gegeben annehmen. Alles aber nur möglich, weil jemand, egal wie hoch oder fair sein Einkommen ist, seine Arbeit erledigt. Und vieles davon - Straßen, Ärzte, Pensionen - ist für die meisten Leute nur leistbar, weil die, die "genug" verdienen, in einen gemeinsamen Topf einzahlen.
Zurück zur eigentlichen Frage: "Lohnt sich arbeiten überhaupt noch?". Sagen wir es so: Wenn du das nächste Mal zu spät von der Arbeit heim kommst und als schlechte Entschuldigung noch schnell ein paar Blumen bei dem kleinen Geschäft am Bahnhof kaufst, wirst du froh sein, dass meine Bekannte trotz des scheiss Gehalts bis 20 Uhr im Laden steht und nicht zu Hause auf der Couch Gallileo schaut und du ihre Mindestsicherung mit deinen Steuern bezahlst.
Wenn du im Groben und Ganzen zufrieden damit bist, wie es in deinem Land läuft und du möchtest, dass man dort auch weiterhin ein relativ gut abgesichertes Leben führen kann ... geh hackeln!
Damit möchte ich nicht behaupten, dass die Verteilung von Steuerlasten und Einkommen momentan besonders fair ist und Dumpinglöhne oder "amazonsche" Arbeitsbedingungen find ich auch nicht gut. Aber ein System, das vom Grundgedanken her auf Solidarität aufgebaut ist, funktioniert nur, wenn jeder irgendeinen Teil dazu beisteuert.
Dank des Wahlkampfs bewegen sich hier in .at mehrere Parteien in eine Richtung, die Geringverdiener steuerlich entlasten soll und die Leistungen sowie Selbstbehalte der Krankenversicherungen für ALLE angleicht.
Die Roten reden auch über die nächste "Industrielle Revolution" sowie einen Mindestlohn und sie stellen laut die Frage, ob man eine Form der Maschinensteuer brauchen wird, wenn in den nächsten zwei Jahrzehnten White Collar Jobs durch Maschinen ersetzt werden.
Wenn man manchen Prognosen Glauben schenken kann, dann wird spätestens für die Generation unserer Kinder die Frage nicht mehr lauten, "Lohnt sich arbeiten überhaupt noch?", sondern, "Finde ich überhaupt noch eine Arbeit?". Man hört aber auch andere "Experten", die das Gegenteil behaupten. "Es werden neue Jobs enstehen", "wir haben einen Bedarf an Facharbeitern wie noch nie", usw. hört man dann. Mag sein, ich zweifel aber dran. Ich sehe was Machine Learning bis jetzt schon möglich gemacht hat und wo wir bei der Automatisierung vom Fahren und Robotern inzwischen sind. Wenn ich dann die Kosten für eine Maschine ohne Arbeiterrechte, die ich über Leasing finanzieren und zur Gänze abschreiben kann, mit denen für eine "Humanressource" vergleiche, dann bin ich eher bei den Pessimisten.
Neben dem rein betriebswirtschaftlichen Nutzen ist Arbeit aber mehr. Für fast alle, die ich kenne, vom Arbeiter in einer Molkerei, bis zum Kreativen und der Staatsanwältin, ist ihre Arbeit sinnstiftend. Man verbringt im Normalfall ein Drittel des Tages mit seiner Arbeit, denkt über "Arbeitssachen" nach und redet mit Kollegen. Ob man will oder nicht, das wirkt auf die Persönlichkeit, es macht einen ein bisschen zu dem Menschen, der man ist. Und das kann durchaus auch positiv sein.
Für meine Bekannte, die so kurz vor der Pension steht, sind die Möglichkeiten für berufliche Veränderung leider begrenzt. Aber gerade jemand, der nicht ganz dumm ist und das Privileg hat, ein selbstverständlich (fast) kostenloses Studium abzuschließen, hat alle Möglichkeiten sich einen Job zu holen, der ihm gefällt UND genug Geld für ein sorgloses Leben abwirft, Industrielle Revolution hin oder her.
Dabei ist es aus meiner Sicht auch gleichgültig, ob ein Abschluss in Archäologie, Philosophie oder Wirtschaftsinformatik gemacht wird, so lange man sich danach nicht auf irgendeiner Ausbildung ausruht, sondern mit Interesse und Engagement durchs Arbeitsleben geht und es versteht, Netzwerke zu machen und Chancen zu erkennen. Und dabei meine ich keine Geheimbünde und Bestechungsgelder, sondern eher im Raucherhof den Boss von der gewünschten Abteilung zu treffen und ins Gespräch kommen.
Der Plan, von einem Erbe zu leben, ist grundsätzlich gut; man muss nur sicherstellen, dass man auch wirklich genug erbt. So viel, dass man es ohne hohes Risiko investieren kann um mehr draus zu machen. Während Studium hatte ich fixkosten von etwa 700 Euro monatlich. Hätte ich damals 400.000 geerbt, hätt ich optimistisch gerechnet fast 50 Jahre davon leben können. Dann wär ich 70, wenn die Kohle aus ist, also eh schon längst in Pension.
Problem ist nur, wenn dann mit Anfang 30 deine Freundin schwanger wird und nicht mehr gemeinsam mit dir und deinen WG Kollegen in einer Bude wohnen möchte, dann muss eine eigene Wohnung her. Und sowieso brauchst du dann ein Auto, weil mit Kinder kann man plötzlich nicht mehr zu Fuß gehen. Und du brauchst ein Kinderzimmer und Versicherungen und ...
Dann bist du plötzlich auf 2500 Euro Fixkosten und kannst dir die 50 Jahre Chill in die Haare schmieren.
Lange Rede kurzer Sinn: Ein paar Hunderttausend sind natürlich ein super Startpolster und erleichtern Dinge, aber die Ansprüche steigen bei den meisten Leuten und die Kosten für Wohnen werden auch höher. Wenn man also kein Riesenerbe hat, ist es sicher rentabler, eine normale Arbeit (die optional auch Spaß machen darf) für den Lebenserhalt zu machen und den Polster in etwas Sinnvolles zu investieren und einen Notgroschen für schlechte Zeiten zur Seite zu legen.