Wenn er sich doch nur faschingsmäßig verkleidet hat, wieso spricht dann alle Welt von einer sie?
"Sie" ist schon richtig, aber mehr oder weniger hast Du schon recht. Ansich ists aber eigentlich in dem Fall egal. "Conchita Wurst" ist eine weilbliche Kunstfigur, eine Dragqueen, inklusive komplettem, erfundenem "Lebenslauf", aber eben dargestellt/gespielt von einer männlichen Person namens Thomas Neuwirth. Sonst wäre es auch keine Dragqueen. Gewonnen hat eigentlich die Dragqueen. Als Neuwirth wollte er ja nicht auftreten, weils zu wenig spektakulär war. Von dem her denk ich, ist es hier komplett egal, ob man "sie" oder "er" sagt. - Der Terminator ist Schwarzenegger ist der Terminator ist...
Das Geschiss der Leute ums Verkleiden ansich erstmal, finde ich albern. Das Ding bei der Sache *ansich* ist erstmal nichts anderes als Kunst, Theater, Filme, etc. Da verkleiden sich auch Leute und nehmen eine Rolle an. Die spielen dann Mörder, Wildwesthelden, Terminatoren, Räuber und Gendarme, Schwule etc., Nutten, Zuhälter, usw., weils ihnen Spaß macht und/oder für Geld. Der Neuwirth macht nix anderes, außer zu glauben, damit eine Mission zu erfüllen, was er imho maßgeblich eigentlich erst mit dem Bart erreicht, weil Dragqueens ansich gibts genug.
Geht man in den Puff, bekommt man für Geld auch alles an Verkleidung, oder die stehen schon so geschminkt am Straßenrand.
Ansich finde ich die Figur sogar recht schlau überlegt, zumindest oder besser gesagt nur wegen dem Bart, weil erst der zeigt, daß eine "Abartigkeit" bei einer "Frau", die ja hier dargestellt wird, kein Grund ist, daheim zu bleiben, sprich, man nicht zu sehr nach dem Äußeren gehen sollte. Auch sich verkleidet in der Öffentlichkeit zu zeigen, finde ich ok, weil: Scheißegal. - Aber hier wirds dann leicht verfahren, weil ich diese "Eitelkeit" und restlichen Schönheitswahn kritisieren würde, den er da lebt. Wäre er als pickeliger, verfetteter, hässlicher Sack aufgetaucht, dann wäre es richtig prima, aber das hat Guildo Horn in Natura schon gemacht und bewiesen und so ist Neuwirths Kunstfigur meiner Ansicht nach etwas seltsam und teils verlogen. Andererseits wiederum eben scheißegal, weil soll doch jeder tun, was er will, also auch sich totstylen.
Außerdem ist seine Figur seiner Aussage nach dadurch entstanden, daß er sich generell mehr Toleranz und Miteinander wünscht, hier aber wirds vor allem durch ihn selbst eigentlich nur noch auf Sex reduziert und das ist albern; von der Presse und den Menschen obendrein, die ihn da komplett falsch verstehen, weil er es IMHO auch falsch rüberbringt und damit kontraproduktiv ist.
Ich seh also nicht, daß Neuwirth ein Zeichen fürs Anderssein oder gar "für Europa" gesetzt hätte. Darum gings bei dem Contest ja gar nicht und zumindest theoretisch war die Abstimmung nicht davon abhängig, weil gar nicht die Frage war, wer am tollsten darstellen kann, daß man ruhig anders sein kann. Es ging sowohl um Gesang, als auch zugegebenermaßen die Show (und natürlich um dumme Politik, auch wenns keiner zugeben würde), aber es ging nicht darum, wer das tollste Statement setzt. Wenn man mit der Show und dem Gesang zusammen *auch* noch ein Statement setzen kann, dann ist das schön, aber ansich gings nicht darum, also seh ich die Wahl zum Gewinner seiner Person als Travestikünstler nicht als Statement für Andersdenkende.
Ein Statement dafür, daß man nun in Europa toleranter sei, wäre es erst dann, wenn man von vornherein davon ausgehen hätte können, daß er der beste Künstler und Sänger ist und dann *trotz* seiner Verkleidung gewinnen durfte, aber das machte die Sache eines Contests ja komplett absurd. Und ein Statement fürs "sich Trauen trotz Andersartigkeit" war der eigentliche Gewinn auch nicht, weil das Antreten hat ja schon gereicht, um zu demonstrieren, daß man sich ruhig trauen kann.
Insgesamt nervt mich derzeit das ewige "he, guck, Wahnsinn, ich/der/wir sind schwul/lesbisch/Travestitkünstler/etc.". Jo, Wahnsinn, ist ja toll. Ich drück auch nicht jedem aufs Auge, auf was für Sachen ich so steh. Und ob so Leute nun wirklich "tolerant" und "aufgeschlossen" sind, das wage ich sowieso zu bezweifeln. Tolerant und aufgeschlossen, was Sex angeht, jo, aber was andere Themen angeht, da haben die genauso ihre Meinung und die ist auch oft genug und logischerweise und richtigerweise nicht immer tolerant oder sonstwie nett.
Keine Frage, es wird noch immer viel zu viel gesagt und gelebt, daß Schwule/Lesben/Anderslebende abartig und krank seien, aber diese Dauerberieselung, daß Herr XY nun sonstwie drauf ist, ist lächerlich, zumal es immer nur um "Prominente" geht. Meinen Nachbarn hab ich noch nicht im TV gesehen und für den würde sich keiner interessieren. Warum also ist ein Fußballer oder Sänger nun so wichtig und ein tolles Argument? Lächerlich.
Und daß hier noch immer nicht tolerant oder sonstwie offen miteinander umgegangen wird, konnte man ja schön am Gebuhe für andere sehen. Also Toleranz/Nachdenken/Miteinander scheinen sowieso schwierige Sachen zu sein und von denen, die gebuht haben, sich aber trotzdem für tolerant und supertoll halten, weil sie dafür dann für eine Dragqueen gestimmt haben, sollte morgens ab jetzt lieber keiner mehr in den Spiegel schauen. Alles total lächerlich und verlogen.
tl;dr: Ich hab den ESC nicht gesehen, aber das Getue um die Figur Wurst nervt mich, weil sie ansich nichts ausgesagt hat, weils gar nicht darum ging und der ESC sowieso nicht "für Europa" steht, oder gar aussagekräftig wäre. Eine kommerzielle Farce und Alibigetue von A-Z. Wäre und ist aber trotzdem schön, daß und wenn nun ein wenig Diskussion und Nachdenken einsetzt und man offener und netter miteinander umgehen könnte, weils sowas von egal ist, wie sich einer anzieht, oder auf was er steht und was er sonst so im Leben tut, solang man keinem anderen schadet. Und nein, die Weltbevölkerung wird nicht durch Homos besorgniserregend reduziert, sondern durch Hunger und Krieg.