Only God Forgives

Kokser

Humanistischer Misanthrop
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14 Juli 2013
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Julian (Ryan Gosling) ist ein Englishman in Bangkok. Hier hält er sich versteckt, nachdem er seine englische Heimat aufgrund schwerer Drogendelikte fluchtartig verlassen musste. Dem Drogenhandel ist er aber auch in Thailand treu geblieben, den er hinter der Fassade eines Thai-Box-Club-Besitzers zusammen mit seinem Bruder Billy (Tom Burke) weiterhin betreibt. Von hier aus unterhält er florierende Verbindungen nach London, wo seine Mutter Jenna (Kristin Scott Thomas) die Ware über ihr Mafia-Matriarchat vertreibt. Als Billy zwischen die Fronten eines Drogenkrieges gerät und ermordet wird, kommt Jenna persönlich nach Bangkok, um den Leichnam nach London zu überführen und den Vergeltungsschlag zu initiieren. Von seiner eiskalten Mutter zunächst als Vollstrecker instrumentalisiert, erkennt Julian, dass es auch ein Leben jenseits des Rachepfades geben muss.

Uff. Was war das denn. Da weiß man gar nicht wo man anfangen soll.
Nicolas Winding Refn versucht sich an einer gewalttätigen Fabel, spielend im modernen Thailand. Die Story passt problemlos auf ein Kaugummipapier, ist aber auch nicht Sinn der Sache. "Only God Forgives" ist eine Stilübung des Directors.
Wer Spaß an schönen Sets und guter Kameraführung hat, der kann sich hier die Augen aus dem Kopf schauen. Er sollte allerdings mit einer ordentlichen Portion Genügsamkeit gesegnet sein, was Slow-Motion Effekte angeht. Hier werden teilweise auch ohne tieferen Sinn, Szenen bis an den Rand der Schmerzgrenze ausgefilmt. Und bereits nach kurzer Zeit fragt man sich, ob Ryan Gosling vor dem Dreh eine Überdosis Schlaftabletten eingeführt wurden. Was bei "Drive" noch funktionierte und eine geheimnisvolle Aura aufbaute, wirkt hier sehr schnell wie stumpfe Einfallslosigkeit.
Auch einige der anderen Charaktere schlurfen mehr durch die Gegend als man nach einiger Zeit noch zu ertragen gewillt ist. Manche davon erfüllen noch nicht einmal eine Funktion, etwa Julian's "Freundin".
Aufgepeppt wird das ganze teilweise durch arg brutale Gewaltausbrüche, deren grafische Drastik einzig und allein dem Zweck dient, in einer weiteren Kameraeinstellung die blutig befleckten Wände, cineastisch schön in Szene gesetzt, darstellen zu können. Eine infantile Spielerei Refn's. Style Over Substance².

Der Film orientiert sich eindeutig an großen Vorbildern wie Lynch, Jodorowsky (im Abspann erwähnt) oder Gaspar Noe (der sogar mitgewirkt hat). Leider erreicht er auf Grund der banalen Rachestory, die vor allem asiatische Regisseure wie Takashi Miike, Johnny To, Takeshi Kitano, Kim Jee-Won oder Park Chan-Wook bereits ähnlich stilvoll und inhaltlich bedeutender umgesetzt haben, nie das Niveau seiner Vorbilder und muss sich damit den Vorwurf alten Weins in neuen Schläuchen gefallen lassen.

Zwar bietet sich im Anschluss einiges an Gesprächsstoff (für diejenigen, die nicht vorzeitig gegangen oder eingeschlafen sind), doch auch hier hält sich der Ermessensspielraum in relativ engen Grenzen.

Only God Forgives ist ein Film, der die Massen verstört zurücklassen wird und das Arthouse-Publikum unterfordert. Ein Film ohne echte Zielgruppe.




PS: Diskussionen/Interpretationen äußerst erwünscht. Ich halte mich mal noch zurück.
 
Hm, hab den Film grad zu Ende gesehen. Mir sind paar Sachen noch unklar im Film, die mir aber auch total egal sind.
Irgendwie war mir alles im Film egal. Die Charaktere, Plot, Schnitte, Musik, Atmo, bestimmte Szenen etc.
Keine Ahnung, ob ich heute nicht die richtige Laune für solche Filme habe, aber der Film ist bei mir beim Zusehen einfach vorbei gezogen.

Vielleicht gefällt er mir beim 2. mal besser.
 
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  • #4
@entropy:

Ich habe den oben auch absichtlich ohne abschließende Wertung eingestellt, denn genau das ist der Punkt. Wer Spaß am Interpretieren hat, den beschäftigt der Film sicherlich auch noch ein ganzes Weilchen, nachdem er den Kinosaal verlassen hat.

Julians Hände:
Lange Zeit erträgt Julian den Anblick seiner Hände nicht, die scheinbar Grausames getan haben. Erst zum Schluss als er geläutert wurde und sich von Chang bestrafen lässt, kann er wieder ohne Reue auf seine Hände sehen. (Wenn auch nicht besonders lange :D)

Changs Gesang:
Damit habe ich mich schwer getan. Was sollte das? Irgendwo las ich dann eine Erklärung, dass Chang jedes Mal, wenn er einen Akt der Gnade (ordentlicher Gottkomplex seinerseits...) walten ließ (etwa statt zu töten, nur zu verwunden) anschließend singt. Das klingt einleuchtend, muss aber auch nicht stimmen.

Ödipus-Problematik:
Die war mir irgendwie zu aufgesetzt. Zwar könnte man damit vielleicht die Psyche der beiden Brüder ein wenig erklären (besonders Juliens Kleinlaut gegenüber seiner Mutter), aber so wirklich relevant wurde es nie.

Jennas Tod und Julien
Eine sehr seltsame Szene. Ich dachte mir, dass Julien vielleicht ein letztes Mal versucht, die Wärme, Geborgenheit und Unbeschwertheit im Bauch seiner Mutter zu erfühlen versucht. Andere Interpretationen?

@Vark:
Jup, mit ein wenig Abstand nochmal schauen, ist sicherlich eine gute Idee. Werde ich auch so machen.
 
Julians Hände:
Lange Zeit erträgt Julian den Anblick seiner Hände nicht, die scheinbar Grausames getan haben. Erst zum Schluss als er geläutert wurde und sich von Chang bestrafen lässt, kann er wieder ohne Reue auf seine Hände sehen. (Wenn auch nicht besonders lange )
Er hat sein Vater mit seinen Händen erwürgt.
Jennas Tod und Julien
Eine sehr seltsame Szene. Ich dachte mir, dass Julien vielleicht ein letztes Mal versucht, die Wärme, Geborgenheit und Unbeschwertheit im Bauch seiner Mutter zu erfühlen versucht. Andere Interpretationen?
Vielleicht wollte er nachgucken woher son ein Dreck wie sein Bruder und er selbst herkommen?
Ich denke von seiner Mutter hat er nie Wärme, Geborgenheit etc. gefühlt, daher würde ich es ausschließen.

Frage!
Wieso hat Julian nochmal gegen Chang im Zweikampf gekämpft?
Im Film war ich beim Kampf durch den guten Hintergrundmusik abgelenkt und hab nicht mehr weiter drüber nachgedacht.
 
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  • #6
Er hat sein Vater mit seinen Händen erwürgt.
Wahrscheinlich wegen der inzestuösen Beziehung seines Bruders zur Mutter? Warum wird nie erklärt oder habe ich das verpasst?
Ich denke aber als Drogendealer haben die Hände auch so genug Schmutz an sich haften.

Vielleicht wollte er nachgucken woher son ein Dreck wie sein Bruder und er selbst herkommen?
Ich denke von seiner Mutter hat er nie Wärme, Geborgenheit etc. gefühlt, daher würde ich es ausschließen.
Ich denke nach der Geburt hat er das nicht mehr bzw. wenn doch dann auf 'ne andere Weise als ihm lieb war...
Deswegen meine ich ja die Rückbesinnung auf die unschuldige Zeit im Bauch der Mutter. Übrigens hat sie ja auch später gesagt, dass sie ihn nicht hat abtreiben lassen wider ihrer Umgebung.

Wieso hat Julian nochmal gegen Chang im Zweikampf gekämpft?
Im Film war ich beim Kampf durch den guten Hintergrundmusik abgelenkt und hab nicht mehr weiter drüber nachgedacht.
Ich könnte jetzt fies sein und sagen, dass Refn einfach noch 'ne ordentliche Kampfszene brauchte...
Ich denke aber, er wollte der Rachespirale damit ein Ende setzen. Gebracht hat es allerdings nichts, es ging ja danach nahtlos weiter mit der Gewalt.


Was ich absolut nicht nachvollziehen konnte, war der ganze Nebenplot mit seiner "Freundin". Besonders die Szene mit dem Kleid. Was sollte das?
 
Da sind wir mal wieder im tollen Deutschland, wo solche Filme einfach nirgends laufen. Ich müsste ca. 150km fahren damit ich ihn sehen kann und würde ihn aber sehr gerne sehen.
 
Wow, danke für den Tipp :T Hört sich ja wirklich super an. Auch was die Qualität angeht. Endlich mal wieder ein gescheiter Arthouse-Film. Da ich Lynch mag schau ich mir den auf jeden Fall an :D Hab mich schon gewundert wieso der hier nur in zwei Kinos kommt popcorn.gif
 
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  • #9
@godlike:
Dann bitte danach deine Interpretationen hier verewigen. Gern auch eingehend auf die bisherigen Spoiler. :)
 
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