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Ruhe in Frieden
- Registriert
- 14 Juli 2013
- Beiträge
- 5.150
... landet es in einem eigenen thread.
frau antje hat mal etwas sehr schönes geschrieben. seit nunmehr fast zwölf jahren muß ich immer wieder daran denken. besonders dann, wenn ich mich entscheide doch nicht in den discounter zu gehen
Immer öfter will ich Kinski wiederhaben. Das fing bei Lidl an, als die Kassiererin zu mir sagte: Sie müssen sich dort hinstellen. Sie wies mir einen Platz an, der fünf Zentimeter weiter rechts war. Dort gab es auf dem Boden ein parallel angeordnetes Paar Füße in Blau. Daneben zeichnete sich das Piktogramm eines Korbes ab, auf dem der Einkaufswagen sachgerecht einzuparken war, während sie die Preise in die Kasse schnäbelte.
Und wozu soll das gut sein?
Damit's reibungsloser geht und ich den Korb besser kontrollieren kann. Ich wollte fragen, wie sie das mit X-Beinern machen, ob es für die extra Fußtapsen gibt. Aber dann tat sie mir leid, und ich schob stumm wie alle meinen Korb auf das Piktogramm, stellte meine Füße ordnungsgemäß parallel und dachte sehnsüchtig an Kinski. Klaus Kinski hätte geschnoddert: Wie? Ich versteh gar nicht, was du von mir willst! Aber er ist schon zehn Jahre tot.
Man kann ihn jetzt unbedenklich ausstellen. Gleich zweimal, im Berliner Stadtmuseum und im Potsdamer Marstall, lodern seine brennenden Augen, wüten die überreizten Lippen von Fotos und Leinwänden
ein von der Zeit kaum gebändigter, verführerischer Dämon. Auf einem Theaterplakat aus den Fünfzigern gibt er den Idioten von Dostojewskij mit unschuldig schief gelegtem Kopf. Nicht weit vom Potsdamer Marstall entfernt saß ich neulich einem Jungmitglied der FDP im Café Haider gegenüber. Er war 24 und trug dasselbe Jackett wie Westerwelle auf dem Parteitag zur Kanzlerkandidatur. Er passte in dieses Jackett wie mein Einkaufswagen ins Lidl-Piktogramm. Er erklärte, es sei Zeit, die Jungen ans Ruder zu lassen. Man müsse die Menschen auch ein bisschen verführen. Gerade in Ostdeutschland sehe er dafür große Möglichkeiten. Mecklenburg, schwärmte er. Die meisten Neuzugänge da sind unter 35! Man habe einen Showtruck geordert, der mit Dolly Buster und einem männlichen Pornostar die Dörfer einnehmen solle. Es schien mir nicht unbedingt logisch, den Wahlkampf im Osten mit einem Pornolaster zu führen.
Aber dann fiel mir auf, dass die Erkennungsfarbe der FDP die Gleiche wie die von Lidl war. Blau-Gelb. Nur flüchtig schoss mir noch durch den Kopf, was Dostojewskijs Idiot einst vom russischen Liberalismus gesagt hatte: Er zeige eine gewisse Neigung, Russland selbst zu hassen und nicht bloß die russischen Zustände. Aber auch Dostojewskij war tot, der FDP-Jüngling strahlte und sagte das, was der sächsische FDP-Landesvorsitzende Zastrow auch schon so einleuchtend angemerkt hatte: Im Osten herrscht eben eine andere politische Kultur. Leider war er so dynamisch, dass ich schlagartig müde wurde. Ich muss mitten im Café Haider eingeschlafen sein. Im Traum erschien der Showtruck, wie er übers Mecklenburger Kopfsteinpflaster rumpelte, vorbei an verfallenen Scheunen, leer stehenden Neubauten und Storchennestern. Am Straßenrand standen sachgerecht eingeparkt und parallelfüßig ehemalige LPG-Bauern, Rentner, Sozialhilfeempfänger, ABM-Kräfte, alle weit über 35, während Dolly Buster hoch oben auf dem Laster kassierte. Und nirgends ein Kinski, der in heillosem Zorn gebrüllt hätte: Wenn ich gefickt werden will, entscheide ich das!
text: antje ravic strubel
frau antje hat mal etwas sehr schönes geschrieben. seit nunmehr fast zwölf jahren muß ich immer wieder daran denken. besonders dann, wenn ich mich entscheide doch nicht in den discounter zu gehen
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Immer öfter will ich Kinski wiederhaben. Das fing bei Lidl an, als die Kassiererin zu mir sagte: Sie müssen sich dort hinstellen. Sie wies mir einen Platz an, der fünf Zentimeter weiter rechts war. Dort gab es auf dem Boden ein parallel angeordnetes Paar Füße in Blau. Daneben zeichnete sich das Piktogramm eines Korbes ab, auf dem der Einkaufswagen sachgerecht einzuparken war, während sie die Preise in die Kasse schnäbelte.
Und wozu soll das gut sein?
Damit's reibungsloser geht und ich den Korb besser kontrollieren kann. Ich wollte fragen, wie sie das mit X-Beinern machen, ob es für die extra Fußtapsen gibt. Aber dann tat sie mir leid, und ich schob stumm wie alle meinen Korb auf das Piktogramm, stellte meine Füße ordnungsgemäß parallel und dachte sehnsüchtig an Kinski. Klaus Kinski hätte geschnoddert: Wie? Ich versteh gar nicht, was du von mir willst! Aber er ist schon zehn Jahre tot.
Man kann ihn jetzt unbedenklich ausstellen. Gleich zweimal, im Berliner Stadtmuseum und im Potsdamer Marstall, lodern seine brennenden Augen, wüten die überreizten Lippen von Fotos und Leinwänden
ein von der Zeit kaum gebändigter, verführerischer Dämon. Auf einem Theaterplakat aus den Fünfzigern gibt er den Idioten von Dostojewskij mit unschuldig schief gelegtem Kopf. Nicht weit vom Potsdamer Marstall entfernt saß ich neulich einem Jungmitglied der FDP im Café Haider gegenüber. Er war 24 und trug dasselbe Jackett wie Westerwelle auf dem Parteitag zur Kanzlerkandidatur. Er passte in dieses Jackett wie mein Einkaufswagen ins Lidl-Piktogramm. Er erklärte, es sei Zeit, die Jungen ans Ruder zu lassen. Man müsse die Menschen auch ein bisschen verführen. Gerade in Ostdeutschland sehe er dafür große Möglichkeiten. Mecklenburg, schwärmte er. Die meisten Neuzugänge da sind unter 35! Man habe einen Showtruck geordert, der mit Dolly Buster und einem männlichen Pornostar die Dörfer einnehmen solle. Es schien mir nicht unbedingt logisch, den Wahlkampf im Osten mit einem Pornolaster zu führen.
Aber dann fiel mir auf, dass die Erkennungsfarbe der FDP die Gleiche wie die von Lidl war. Blau-Gelb. Nur flüchtig schoss mir noch durch den Kopf, was Dostojewskijs Idiot einst vom russischen Liberalismus gesagt hatte: Er zeige eine gewisse Neigung, Russland selbst zu hassen und nicht bloß die russischen Zustände. Aber auch Dostojewskij war tot, der FDP-Jüngling strahlte und sagte das, was der sächsische FDP-Landesvorsitzende Zastrow auch schon so einleuchtend angemerkt hatte: Im Osten herrscht eben eine andere politische Kultur. Leider war er so dynamisch, dass ich schlagartig müde wurde. Ich muss mitten im Café Haider eingeschlafen sein. Im Traum erschien der Showtruck, wie er übers Mecklenburger Kopfsteinpflaster rumpelte, vorbei an verfallenen Scheunen, leer stehenden Neubauten und Storchennestern. Am Straßenrand standen sachgerecht eingeparkt und parallelfüßig ehemalige LPG-Bauern, Rentner, Sozialhilfeempfänger, ABM-Kräfte, alle weit über 35, während Dolly Buster hoch oben auf dem Laster kassierte. Und nirgends ein Kinski, der in heillosem Zorn gebrüllt hätte: Wenn ich gefickt werden will, entscheide ich das!
text: antje ravic strubel