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Ich muss euch einfach mal ein herrliches Bonmot aus meiner Familiengeschichte erzählen, das mein Opa uns mit einem Schmunzeln auf den Lippen nach einem guten Wein aufgetischt hat. Es geht um Heimatgeschichte, besatzungspolitischen Pragmatismus und flüssigen Raketenbrennstoff aus den dunklen Tagen unseres Städtchens.
Die Vorgeschichte: Torf, Teer und Tausendjährige Träume
Wir schreiben das Jahr 1942. Das (glücklicherweise sehr kurzlebige) "Tausendjährige Reich" betrieb auf einem Areal unweit meiner heutigen Wohnung eine streng geheime Brennstoff- und Schmiermittelforschungsanlage. Glaubt man den lokalen Anekdoten, soll sich dort sogar die älteste Frackinganlage der Welt befinden.
Aus dem feuchten Torf- und Schluffboden der Mooslandschaft wurde unter hohem Aufwand Industriealkohol destilliert. Die Verwendung? Höchst "kriegswichtig": Das Zeug diente als Raketenbrennstoff für die berüchtigten V2-Raketen. Ein teuflisches Gebräu aus dem Morast.
Als der ganze Spuk 1945 endlich vorbei war, übernahmen die US-Streitkräfte das Kommando. Die GIs bewiesen dabei einen wunderbaren Sinn für ausgleichende Gerechtigkeit: Die unzähligen Ostflüchtlinge, die mit nichts als der Kleidung auf dem Leib ankamen, wurden kurzerhand in den beschlagnahmten Bonzenvillen der ehemaligen Parteiknechte einquartiert. So verschlug es damals meine Uroma, meine Oma und eben jenen Opa nach Germering.
Die Amerikaner nutzten das Forschungsgelände weiter, und mein Opa heuerte bei ihnen als Hilfsarbeiter an. Er bekam eine Binde, eine Taschenlampe und einen Wachhund verpasst. Seine Aufgabe: Außenpatrouille!
Drinnen sicherten amerikanische Soldaten mit entsicherten Maschinenpistolen die Kesselwagen, während Opa draußen die Stellung hielt. Der eigentliche Feind waren nämlich nicht Spione, sondern verzweifelte, durstige Einheimische und Plünderer. Die stahlen den hochnotpeinlich bewachten Raketenbrennstoff, um sich damit die Lichter auszuschießen – was leider oft wörtlich zu verstehen war, da das unrein destillierte Zeug zur Erblindung führen konnte.
Der Fanta-Chemiker zur Rettung
Irgendwann im Laufe des Jahres 1946 wurde den amerikanischen Kommandeuren dieses permanente Katz-und-Maus-Spiel zu dumm. Da bewachten sie nun drei gigantische Kesselwagen voller hochprozentigem Industriealkohol, und die Bevölkerung riskierte ihr Augenlicht für einen Schluck.
Die Lösung war so simpel wie genial: Die Amis heuerten einen deutschen Lebensmittelchemiker an – Munkeln zufolge ein Pfiffikus, der Jahre zuvor noch an der Entwicklung der ersten Fanta-Rezeptur mitgewirkt hatte. Sein Auftrag: "Brenn das Zeug genießbar runter, bevor sich hier noch das halbe Dorf vergiftet!"
Der Chemiker machte sich an den Kesseln zu schaffen, destillierte, filterte, verdünnte und zauberte aus dem einstigen Mordstreibstoff einen erstaunlich verträglichen Rachenputzer.
Pünktlich zum Fest der Liebe 1946 war es so weit: Drei Kesselwagen feinst veredelter Industriealkohol wurden als legendärer "Germeringer TEXACO Raketenschnaps" unter die Leute gebracht. Es gab eine kostenlose Ausgabe an die Dorfbevölkerung.
Opa schwor bis zu seinem Tod:
„Du glaubst es kaum, aber der war eigentlich richtig gut! Hat gebrannt wie eine V2 beim Start, aber am nächsten Tag konntest du noch alles sehen.“
Diese hochprozentige Abfüllung war wohl der eigentliche Eisbrecher für die bayerisch-amerikanische Freundschaft vor Ort. Wenn die Väter erst einmal gemeinsam den Raketenschnaps verkostet hatten, war der Weg frei: Kurze Zeit später gab es die ersten Halloween-Partys und Einladungen zum Weihnachtsfest für die Ortskinder auf dem US-Stützpunkt – Kaugummi, Schokolade und Wunderkerzen inklusive.
So wurde aus potentiellem Raketentreibstoff ein Symbol der Versöhnung. Prost auf den Nachkriegs-Pragmatismus!