Der gläserne Mensch: Das Geschäft der Datensammler



Zum Zweck einer monatelangen zum Thema ‚Handel mit Nutzerdaten‘ gründeten Reporter der NDR-Magazine Panorama und Zapp eine Scheinfirma. So gelangten sie an einen kostenlosen Probedatensatz mit angeblich anonymisierten Daten von drei Millionen Deutschen vom Monat August. Mehr als zehn Milliarden Web-Adressen aus Browser-Historien steckten in dem Datensatz.



Unser Surfverhalten im Internet wird nicht nur von Geheimdiensten, sondern auch von Werbefirmen auf Schritt und Tritt überwacht. Die Recherche der NDR-Reporter macht eines deutlich: Was wir im Internet tun, wird protokolliert, über diese Protokolle verfügen Datenhändler und verkaufen sie. Dabei handelt es sich zum Teil um hochsensible Informationen, denn weitere Auswertungen zeigten, wie einfach sich diese Daten konkreten Personen zuordnen lassen und wie umfangreich sie intime Details aus dem Leben der Nutzer preisgeben.

Die angeblich anonymen Daten ließen sich überraschend leicht konkreten Personen zuordnen, so die NDR-Journalisten: „Informationen zu laufenden Polizei-Ermittlungen, die Sadomaso-Vorlieben eines Richters, interne Umsatzzahlen eines Medien-Unternehmens und Web-Recherchen zu Krankheiten, Prostituierten und Drogen.“ Das Ausspionieren der Nutzer erfolgte zudem über mehrere Endgeräte (Computer, Smartphone, Tablet) hinweg. So lassen sich zusätzlich detaillierte Bewegungsprofile erstellen.

Ganz konkret ließ sich aus den Daten herauslesen, wie etwa ein Manager aus Hamburg, der die Baupläne für sein neues Haus ebenso wie Adresse, Telefonnummer und Personalausweis auf dem Server eines Onlinespeicherdienstes ablegte. Wer die Browser-Historie des Managers kennt, findet auch den Link zu den vertraulichen Unterlagen.

Für Big Data Scientist Andreas Dewes war das Ergebnis unerwartet: „Für mich war sehr überraschend, wie einfach man einen Großteil der Daten deanonymisieren konnte. Die Privatsphäre des Nutzers wird in keinster Weise respektiert.“

Der Inhalt dieser Datensätze stammt oft aus kostenlosen Zusatzprogrammen mit einer versteckten Ausspähfunktion. Im Zuge der Recherche wurden die Redakteure etwa auf das Browser-Addon „Web of Trust“ (WOT) aufmerksam. WOT soll über die Vertrauenswürdigkeit von Internetseiten informieren. Die Nutzer werden zwar darauf hingewiesen, dass ihre Daten in anonymisierter Form gespeichert und an Dritte weitergegeben werden, aber der NDR deckte auf, dass trotzdem Rückschlüsse auf die konkrete Person möglich sind. Laut dem Bericht speichert WOT gemeinsam mit einer Nutzer-Kennung alle besuchten Seiten inklusive Datum, Uhrzeit und Ort auf einem Server im Ausland. Aus den gespeicherten Daten wird anschließend ein Profil erstellt. Diese Profile werden dann zu Datenpaketen gepackt und verkauft. Sie gehen danach an einen Zwischenhändler, von einem solchen auch Panorama und ZAPP ihren Datensatz bezogen haben.

Der Datenschutzbeauftrage Hamburgs, Johannes Caspar, kritisisiert das Vorgehen von WOT: „Zur Weitergabe von personenbezogenen Daten brauchen Unternehmen grundsätzlich eine Einwilligung der Betroffenen.“ Dazu müsse der Nutzer genau wissen, wozu er zustimmt. Dies sei bei WOT nicht der Fall. „Eine massive Auswertung der Daten sei daher nach deutschem Recht nicht zulässig“, so der Datenschützer.

Wer sich juristisch gegen den Verkauf seiner Daten zur Wehr setzen möchte, kann meistens nichts dagegen unternehmen, so die Journalisten. Die Software-Entwickler agieren oft aus dem Ausland, vermittelt werden die Erweiterungen zum Beispiel über Server in den USA. Häufig vertreiben Zwischenhändler dann die großen Datenpakete. Viele kommen aus Israel, einige bedienen sich auch Briefkastenfirmen in notorisch intransparenten Ländern wie Panama oder den Britischen Jungferninseln.

Bei ihrer Recherche haben die NDR-Reporter mit der Plattform kooperiert, die vom Bundesjustizministerium gefördert wird. Dort wurden als Begleitung zu dem Bericht Maßnahmen zusammengetragen, mit denen sich Mobilnutzer gegen derartige Ausspähungen schützen sollen.

Fazit:

„Big Data“ ist heutzutage ein Milliardengeschäft. Aus den gesammelten Daten von Internetnutzern schöpfen multinationale Unternehmen Profile, eine Goldgrube für jeden Akteur auf dem Anzeigenmarkt. Dank dieser Profile wird es möglich, dass Werbung vollkommen maßgeschneidert auf die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Internetnutzer eingeht. Zusagen, dass der Nutzer bei der heimlichen Datensammelei stets anonym bleibe, versichern zwar die meisten Unternehmen in ihren Datenschutzerklärungen, jedoch ist genau das Gegenteil der Fall, wie man durch diese Recherche sehr gut nachvollziehen kann. Menschen würden dem nie zustimmen, wüssten sie in vollstem Umfang darüber Bescheid.

Der Gläserne Nutzer ist aber nicht nur für Werbeunternehmen eine Goldgrube. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Kriminelle an diese Datensätze gelangen könnten, einzelne Personen identifizieren, deren Identität annehmen oder sie mit intimsten Details erpressen.

Bildquelle: , thx! (CC0 Public Domain)




Autor: Antonia
 
Ich habe diesen Beitrag heute auch bei Panorama gesehen und war selbst auch etwas erstaunt. Bin wohl auch zu naiv gewesen..? Geheimdiensten traut man ja alles zu, aber das jetzt irgendwelche Mini-Firmen es sogar schaffen die Daten zu deanonymisieren, das hätte ich echt nicht geglaubt.

Muss auch zugeben, ich hab es nicht geschnallt wie es jetzt genau gemacht wurde. Der Beitrag war da irgendwie zu ungenau.
Bei dem Fall mit dem Polizisten lag es wohl an der e-mail Übersetzung, dort hat er wohl seinen Real-Namen in google Translations reingeschrieben. Frag mich trotzdem auch da, wie das eingesehen werden konnte? So wie es erklärt wurde hat das Add-on doch nur den Browserverlauf protokolliert, aber wie kam es an den Text? Wurde irgendeine Art Zwischenspeicher ausgelesen?

Kann mal einer von euch Profis sich den Beitrag anschauen und genauer erklären wie genau das Add-on jetzt den Browserverlauf einem Namen zuordnet und wo kommen diese realen Namen und Adressdaten her? Die sind ja schließlich nicht im Browser eingetragen oder so...
 
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