Es ist doch kein Geheimnis, dass die meisten Bürger von ihren demokratischen Möglichkeiten keinen oder kaum Gebrauch machen. Also ist es politisch klug, denjenigen die Probleme aufzulasten, die wahrscheinlich auch Zukunft am wenigsten die Wahlen beeinflussen oder anderweitig sich kaum einmischen. Die Wette läuft wohl darauf hinaus, dass etwaige Proteste nur vorübergehender Natur sind und sich schließlich wieder einstellen. Dauerhafter, überlegter und somit erfolgreicher Widerstand und politische Einflussnahme sind von der unteren Hälfte der Gesellschaft nicht zu erwarten, und falls doch, dann ist das eher mit den Mitteln des Rechtsstaates zu beantworten (Stichwort Gewalt und Gewalt-Monopol). Jeder überlegt eben, mit wem er sich anlegen will.
Wer sich schon von Anfang an als Opfer betrachtet, ist politisch kaum handlungsfähig. Ich vermute stark, dass in teureren Quartieren die Neigung, sich als Opfer zu sehen, nicht so stark ausgebreitet ist, und falls anderes dem Anschein nach ist, so doch nur dem Anschein nach, also als Rhetorik und nicht als verinnerlichte Haltung. Erst diese Haltung hemmt. Mit welchem Recht kommt jetzt jemand daher, sich darüber zu beschweren, dass manche Gesellschaftsschichten bessere Politik machen als andere, für sich also mehr herausschlagen können?