Meine Gedanken kreisen umher, es fällt mir schwer diese zu sortieren.

Es ist ein Gefühlschaos, ein Mix aus Einsamkeit, Verzweiflung und der erdrückenden Angst genauso zu werden wie Du.

In der Psychologie gibt es bei Verlust eines geliebten Menschen ein Modell der Trauerphasen.
Es fällt mir leichter, vergangene Momente und Erinnerungen an dieses Eine Ereignis anhand der Trauerphasen zu rekonstruieren.


Es war ein üblicher Morgen, als ich zwei Tage vor Weihnachten wie vom Bett gefesselt, verschlafen hatte.
Ich musste mich frühmorgens schon beeilen um nicht den Zug für die Schule zu verpassen.
Die Schuhe angezogen, meine Mütze aufgesetzt, lief ich in Richtung des Waldes den man queren musste um zum Bahnhof zu gelangen.

Es lag eine eisige Kälte in der Luft, der erdrückende Nebel verlieh diesem Morgen eine beängstigende Ruhe.
Noch ahnte ich nicht, dass zu diesem Zeitpunkt bereits mein ganzes Leben wie ein Kartenhaus zusammengestürzt war.

„Bleib stehen“, hörte ich eine Stimme schreien. „Der Zug fällt heute aus, du musst den nächsten nehmen“ warf diese nach.
Erschrocken erstarrte ich und blickte wie wild um mich als ich im Mondscheinschimmer Julia erkannte.
Sie war ein paar Jahre älter als ich und wohnte mit ihren Eltern und zwei Brüdern schon seit unserem Einzug in der Nachbarschaft.

Nach einem kurzen Smalltalk mit ihr entschied ich mich umzukehren und den heutigen Schultag zu schwitzen.
Auf dem Rückweg nach Hause rief ich meine Mutter an um ihr vom Zugausfall zu berichten und nebenbei das OK für das heutige fernbleiben des Unterrichts zu erschleichen.

Die Scheidung meiner Eltern war bereits vor über einem Jahr abgeschlossen, nichtsdestotrotz fiel es mir mit der Opferrolle damals leichter Dinge schneller zu bekommen.


Nach ein paar Minuten hin-und-her bekam ich die erhoffte Antwort und durfte den heutigen Schultag zu Hause verbringen.
Zu Hause angekommen schaltete ich als erstes den Computer ein, noch bevor ich mir überhaupt die Jacke ausgezogen hatte.

Ich wollte gerade ein Spiel starten als die Türklingel ertönt und ich verdutzt auf die Uhr sehe.
08:40 Uhr – wer zur Hölle stört um so eine unchristliche Uhrzeit, dachte ich mir wohl in diesem Moment.

Die Gedanken kreisend um meine nächste Abschussserie, drückte ich den Knopf der Gegensprechanlage und warf ein kurzes „Ja?“ ein.
„Hallo Herr XYZ, hier ist die Polizei, Herr Schober.
Wir sind auf der Suche nach Ihrer Mutter - Ist Sie Zuhause oder können sie uns sagen wo wir Sie finden?“.

Ich musste das Gehörte selbst kurz wiederholen, Polizei? Auf der Suche nach meiner Mutter?
Ich war noch minderjährig, also war mir sofort klar, dass es um mich gehen müsste. Was habe ich angestellt? Wobei hatten sie mich erwischt? Die illegalen Musikdownloads? Oder waren es doch die zwei Spiele welche ich mir noch im Vormonat gesaugt habe?

„Die ist leider Arbeiten“, warf ich nach kurzer Überlegung zurück und fügte noch an ob sie eine Telefonnummer benötigen würden.

„Nein, nein kein Problem, die haben wir. Vielen Dank und auf Wiedersehen“. Mit diesen Worten verabschiedete sich der Polizist und meine erste Reaktion war der Griff zum Handy, sofort rief ich meine Mutter an.

Ich erzählte ihr, dass die Polizei hier gewesen wäre und nach ihr gefragt hätte.
Was sie wollten hat er leider nicht gesagt - Geschockt von dem Moment die Polizei vor der Türe stehen zu haben, habe ich auch nicht nachgefragt was denn los sei.

Sie versprach mir, sich zu melden sobald die Polizei bei ihr gewesen wäre.
In der Zwischenzeit malte ich mir jegliches Szenario aus welches ich verbrochen habe können, einen Schlusspunkt fand ich überraschenderweise nicht.

Die Sekunden vergingen wie Minuten. Die Minuten wie Stunden. Die Stunden wie Tage.
Ich blickte nervös minütlich auf mein Handy, hätte ja passieren können dass ich den Anruf überhöre.
Nachdem circa eineinhalb Stunden vergangen waren, meine Mutter sich noch nicht gemeldet hatte beschloss ich sie nochmals anzurufen.

Eine verweinte Stimme antwortete mir, dass sie auf den Heimweg seien und wir dann sofort reden können.
Meiner Ungeduld geschuldet überfiel ich sie mit Fragen wie, was denn passiert sei? Ob es ihr gut geht? Was die Polizei gewollt habe.
Jedoch antwortete sie nur, dass wir in ein paar Minuten reden können, sobald sie zu Hause sind.

Nun war es auch mit meiner bisherigen zurückhaltenden Aufregung vorbei. Ich wurde nervös und rannte wie aufgelöst in der Wohnung umher.
Als ich endlich die Türklinge erhörte stürmte ich in unser Vorhaus und sah bereits die geschwollenen, verweinten roten Augen meiner Mutter. Im Schlepptau hatte sie meine „jüngere“ Zwillingsschwester im Arm, mit ein wenig Abstand folgte ihr derzeitiger Freund, Manfred.

Wie bereits am Telefon bombardierte ich meine Mutter mit Fragen die sie nicht beantworten konnte, oder wollte.
Sie befahl mir mit leiser und verschluchzter Stimme in das Wohnzimmer zu gehen.

Wir haben uns auf unsere blaue Couch mit schwarzgepunkteten Muster gesetzt – die Augen auf meine weinende Mutter gerichtet.

Ich sehe sie immer noch genau vor mir, wie sie Tränen fließend erzählt, dass unser Vater heute Morgen den Freitod gewählt habe.