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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #51
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Hahahaha, nein ich sitz nicht wieder ein

    Bin nur grad mit meinem Studium zeitlich total ausgeschöpft und finde die Energie nicht mehr abends was zu schreiben.
    Muss mich noch etwas aufrappeln.
    Aber wenn ich sehe, dass manche auf eine Fortsetzung warten, motiviert mich das schon ein wenig weiter zu schreiben.
    Werde versuchen wieder regelmäßig zu schreiben, doch diese Woche wird's leider nichts mehr.

  2. #52
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 11 - Nagelknipser für 500 EUR

    Spoiler: 


    Die JVA in Hall sah aus wie ein Altersheim, die Gebäude sahen im Gegensatz zu Stammheim, neu aus. Zudem hatte das Gesamtbild eine angenehmere Wirkung als die dunklen Wände in Stammheim. Es gab 3 Gebäudekomplexe mit je 2 Stockwerken, also um einiges kleiner als in Stammheim.
    Nacheinander wurden wir aus dem Transporter in einen Transport- bzw. Aufnahmeraum gebracht. Glücklicherweise erfuhr ich, dass es in Schwäbisch Hall keine Transportzelle wie in Stammheim gab und man sofort auf die „normalen“ Zellen durfte.
    Im Transportraum warteten dann ein dutzend Häftlinge darauf, dass ihre Namen aufgerufen wurden. Ich kam relativ früh dran, ein Beamter nahm mich mit.
    „Setz Dich dahin, wir schießen kurz ein Foto von Dir.“
    Ich saß mich auf den Stuhl auf den ich hingewiesen wurde und setzte ein lächeln auf.
    „Haha, Du brauchst nicht lächeln mein Gott“ meinte der Beamte und schoss dennoch das Foto, weshalb ich auf dem Bild in meinen Akten immer ein Lächeln habe.
    Doch das Lächeln war wahrscheinlich dem beruhigenden Anblick der JVA in Hall im Vergleich zu Stammheim zu danken. Der Beamte holte ein kleines Päckchen in dem meine privaten, beschlagnahmten Sachen eingepackt waren. Er nahm jedes einzelne Stück und schrieb auf einem Zettel, was sich alles darin befand, um mir das bei der Entlassung auszuhändigen. Zum einen war mein deutscher Personalausweis dabei, meine Halskette, mein Geldbeutel usw.
    Doch das allerwichtigste, mein Wettschein den ich am Tag meiner Verhaftung abgegeben hatte, war auch dabei. Ich hatte 500 EUR gewonnen und der Wettschein befand sich in diesem Päckchen.
    „Ähm, ist es möglich, dass ich den Wettschein bekomme? Ich möchte es meinen Eltern senden, weil sonst verfällt dieser glaub ich, denn ich hatte gewonnen.“
    Der Beamte sah mich kurz an und verstand vermutlich erst mein zittriges Gelaber nicht, händigte mir aber den Wettschein aus.
    Nachdem ich mein Zugangspaket, also erneut Knast-Klamotten, Bettwäsche, Seife, Zahnbürste usw. bekam, wurde ich von einem Beamten abgeholt und in das obere Stockwerk in eine Zelle gebracht.
    Es handelte sich um eine 4-Mann-Zelle, es befand sich allerdings nur ein älterer Mann in der Zelle, als ich eintrat. Die Zelle hinterließ einen sehr positiven Eindruck, denn die Wände waren schön weiß, es befanden sich zwei große Fenster (die in Stammheim waren sehr klein) und ich blickte in einen Innenhof, wo sich auch der Teich mit den Enten befand. Am meisten freute ich mich darüber, dass sich die Toilette in einer „Kabine“ befand. Man konnte zwar nicht abschließen, aber wenigstens war eine Tür vorhanden und man war abgeschirmt von den restlichen Zellenkollegen.
    Ich bezog ein Bett und war froh über die dickeren Matratzen und Kissen, als es in Stammheim der Fall war. Mit dem älteren Mann konnte ich noch kein Gespräch beginnen, er hatte ein Radio und las irgendeine Zeitung. Ich wunderte mich zwar kurz, weshalb es keinen Fernseher in der Zelle gab.
    Doch ein Beamter überraschte mich, als ich bemerkte, dass er in der Zelle stand. Die Türen waren halbautomatisch, man hörte das Öffnen der Tür kaum. Dies stellte sich im Laufe der Haft sehr angenehm, aber auch sehr gefährlich dar, da man die Beamten nicht kommen hörte. Er brachte mich zum Arzt, auch zur Erstaufnahme.
    „Hallo Herr Ates, bitte setzen Sie sich hin, wir machen eine kurze Erstaufnahme und nehmen ihnen etwas Blut ab.“
    Ich saß mich hin und die Befragung fing an:
    „Herr Ates sind Sie Raucher?“
    „Nein. Habe es auch noch nie probiert.“
    „Und trinken Sie Alkohol?“
    „Nein. Habe ich auch bisher nicht probiert.“
    Er schien etwas verwundert: „Nehmen oder haben Sie Drogen jeglicher Art konsumiert?“
    „Nein, nie.“
    „Sagen Sie mal, ihnen tut der Heiligen Schein auf dem Kopf nicht zufällig weh?“ er lachte, ich wusste erst nicht, was er meinte.
    „Wir nehmen jetzt eine kleine Blutprobe von Ihnen.“
    Er nahm eine Spritze und stach in meinen linken Arm, verfehlte offensichtlich die Ader: „Sag mal, Sie sollten mal Ihre Arme trainieren.“
    Er machte ein großes Pflaster drauf und versuchte nun eine Ader am rechten Arm zu treffen, dies gelang ihm auch und er zog das Blut aus. Plötzlich wurde mir schwindlig. „Meine Güte, Sie sind ja komplett blass geworden.“
    „Mir ist irgendwie voll schwindlig“. Schnell kam ein Krankenpfleger und sie legten mich auf eine Patientenliege. Nachdem ich etwas Wasser getrunken hatte, fühlte ich mich wieder etwas besser. „Sie müssen auf jeden Fall etwas Sport treiben Herr Ates.“ Meiner Meinung nach lag meine Schwäche darin, dass ich mich seit einer Woche sehr schlecht ernährte.
    Am nächsten Tag war zudem mein linker Arm an der Stelle wo er zugestochen hatte, komplett blau und der rechte Arm war braun.
    Als ich zurück auf meiner Zelle war, befand sich eine weitere Person in meiner Zelle. Er hatte fast gar keine Zähne, war um die 35 Jahre alt und sah einfach aus wie ein Nazi, war aber keiner. Im Laufe der Wochen schnorrte er sich durch mich durch, doch das konnte ich noch nicht ahnen.
    Wir stellten uns gegenseitig vor und ich erfuhr, dass der alte Mann wegen irgendeiner Zwangsvollstreckung oder sowas ähnliches saß und er nur irgendein Papier unterschreiben müsste um entlassen zu werden. Er wollte dies aber nicht tun und schrieb stattdessen irgendwelche Briefe an die BILD-Zeitung. Der Zahnlose war wegen Autodiebstahl verhaftet und hatte schon ein saftiges Vorstrafenregister, hauptsächlich Einbruch und Diebstahl, war aber auch in der JVA Hall ziemlich bekannt.
    Als das Abendessen kam, war ich erneut positiv überrascht, dass es sich hier um humanere Kost handelte als in Stammheim.
    Die Beamtin fragte ob wir duschen wollen. Natürlich bejahten wir dies und huschten unter die Dusche. Diese waren genauso sauber wie die Zellen, es floss auch sofort warmes Wasser und es war keine Menschenseele da. Denn ich wusste immer noch nicht, ob ich vor der Seife in der Dusche Angst haben sollte oder nicht.
    Unsere Zellentür war während wir duschten offen und wir durften noch eine halbe Stunde im Flur „rumgammeln“, weshalb ich die mit den Reinigern, deren Türen dauernd geöffnet waren, in ein Gespräch verwickelt wurde.
    Letztendlich lief es darauf hinaus, dass ich wissen wollte, wie ich den Wettschein auslösen könnte, ohne dass meine Eltern davon etwas mitbekommen, da sie so etwas nicht gerne sehen. Ein Reiniger bot mir an den Wettschein für mich einzulösen und mir dann 350 EUR schicken zu lassen. Ich war froh darüber, dass er so korrekt war und übergab ihm meinen Wettschein. Die Beamtin rief mich, ich sollte zurück zur Zelle, da sie die Türe schließen musste. Bevor ich ging, fragte ich den Reiniger, ob er mir einen Nagelknipser hätte, da meine Fingernägel ziemlich lang waren. Er übergab mir einen, der sogar noch eingepackt war: „Schenk ich Dir.“
    Als ich mich in der Zelle befand fühlte ich mich das erste Mal wieder gut, die JVA war angenehm, ich war frisch geduscht und das Essen war auch ganz ok. Nur ein Fernseher fehlte und meine 350 EUR. Doch ich hatte einen Nagelknipser. Das war auch das Einzige was ich vom Reiniger bekam bevor er nach einer Woche entlassen wurde.
    Geändert von Brother John (17.04.16 um 12:13 Uhr)

  3. #53

    Re: Mein Hafttagebuch

    oh je das ist bitter :-)
    Danke für deine Beiträge, ich lese hier auch sehr gern mit und habe das Thema abonniert... !

  4. #54
    Ferni

    Re: Mein Hafttagebuch

    Ooooooooooh!
    Sehr bitter xD
    Weitere Geschichten bitte!

  5. #55
    Tanz mit mir! Avatar von Dorfdisko
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    Re: Mein Hafttagebuch

    ich erfuhr, dass der alte Mann wegen irgendeiner Zwangsvollstreckung oder sowas ähnliches saß und er nur irgendein Papier unterschreiben müsste um entlassen zu werden. Er wollte dies aber nicht tun und schrieb stattdessen irgendwelche Briefe an die BILD-Zeitung.
    Ob es da um die Zahlung der Rundfunkgebühren ging, hast du nicht zufällig doch noch erfahren?
    War er vielleicht ein sogenannter "Reichsbürger"?

  6. #56
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Dorfdisko:
    ich hatte direkt das Bild von meinem Opa vor Augen.
    Sturköpfig ohne Ende und die B*LD Zeitung als Bibelersatz
    Da ist's egal um was es geht - selbst wenn's nur ein nicht bezahltes Parkticket wäre bei dem er Uneinsichtig ist


    @BeSure:
    Mich wundert es es bisschen: Zuvor bei deinen Taten warst du sehr paranoid und vorsichtig, in dem Fall gibst du einem unbekannten Häftling(!) einen Wettschein. Steht irgendwie so bisschen im Widerspruch an sich. Fast so als würde ich meinem Hund einen Fressnapf hinstellen und erwarten, dass er es bis zu meiner Rückkehr nicht angerührt hat
    Wie kam es dazu?

  7. #57
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    Avatar von Seedy
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zu dem Opa und der Zwangsvollstreckung.

    Es gab mal einen Bericht über Rentner, die das mit Absicht machen.
    Die gehen Pro Jahr ein paar mal wegen Lappalien in den Knast.
    Dadurch sparen die irgendwelche Ausgaben für Essen/Strom/Wasser und lassen sich problemlos vom Arzt durchchecken.

    Ich weiß nicht wieviel da dran ist - mir kam das aber bekannt vor, wenn ich den Bericht wieder finde, reiche ich den nach.
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  8. #58
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    Avatar von cavin
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Danke für einen weiteren Bericht, sehr interessant.
    Das mit dem Pfleger ist natürlich ätzend! Aber du nimmst es mit Humor, wie man schon im Titel des Kapitels liest weiter so!
    ever danced with the devil in the pale moonlight?
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  9. #59
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    Avatar von Seedy
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Es ist zwar nicht genau das, was ich meinte aber geht z.t. in die Richtung:
    http://www.rp-online.de/nrw/wenn-sen...-aid-1.3813084
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  10. #60
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von Seedy Beitrag anzeigen
    Es ist zwar nicht genau das, was ich meinte aber geht z.t. in die Richtung:
    http://www.rp-online.de/nrw/wenn-sen...-aid-1.3813084
    Erpressung und Diebstähle kommen in der Seniorenabteilung nicht vor. Dafür gibt es Fitnessgeräte und einen Billard-Tisch. Vergünstigungen, die vor allem bei manchen Opferangehörigen auf Ablehnung stoßen. "Auch ein alter Täter ist ein Straftäter", heißt es in kritischen Zuschriften.
    Jemand, der wegen Mord einsitzt, sitzt dafür unter ungünstigen Umständen bis an sein Lebensende. Da wird man auch als Täter manchmal älter.
    Ansonsten kann sich über derartige Vergünstigungen eigentlich nur jemand beschweren, der noch nie eine Einschränkung seiner Freiheitsrechte in Kauf nehmen musste.
    Das muss noch nicht mal Knast sein. Sechs Wochen Unterschenkelliegegips reichen, damit einem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Und das dürfte mit monate - oder gar jahrelangem Knastaufenthalt wohl kaum vergleichbar sein.

  11. #61
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @bevoller:
    Ich habe selbst paar Pflegekräfte in meinem nähren Umfeld die in der mobilen Pflege oder auch im Altersheim tätig sind.
    Was die manchmal so erzählen ist einem Aufenthalt im Knast ganz ähnlich. Dort gibt es Patienten die das Haus nur verlassen um zum Arzt zu gehen, oder um vor der Tür paar Schritte zu machen. Den ganzen Tag im Sessel sitzen - fernsehn, lesen und schlafen.
    Solche Menschen die ihre Erwartungen oder ihren Lebenswillen soweit zurück geschraubt haben sind durchaus keine Seltenheit. Und wenn hier Armut hinzukommt und/oder keine Familie da ist, ist ein gewollter Knastaufenthalt durchaus nachvollziehbar.
    Ich kannte eine ähnliche Reportage bei der es um Obdachlose in der USA ging die kleinere Delikte begehen um ein paar Tage im Polizeirevier zu verbringen. Ein Bett, Mahlzeiten und eine Dusche.

  12. #62
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Naja, weiß nicht ob man einem Verbrecher hier ne Plattform bieten muss...

  13. #63
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Muss man nicht, kann man aber.
    Auch wenn es einem manchmal schwer fallen mag (mir auch) - auch Straftäter haben einige unveräußerliche Menschenrechte.
    Wenn ich z.B. an die aufkeimende Diskussion um Breivik denke (Spiegelschlagzeile: "... Ein verstörendes Urteil."), kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Einige Menschen werden wahrscheinlich schon seine bisherige Luxusunterbringung in einer Dreizimmer-Zelle verurteilen. Ein dunkles Loch wäre für ihn vermutlich noch zu gut. Aber jeder, auch die Opfer einer Straftat sollten sich fragen, ob und inwiefern sie besser als ein Täter sind, wenn sie den Täter (respektive ihren Peiniger) möglichst stark und lange leiden sehen wollen. Bei Opfern hätte ich ja zumindest noch etwas Verständnis dafür. Für unbeteiligte Möchtegern-Strafrechtsexperten (aka Schwanz-ab-Fraktion) dagegen nicht.

    Und wenn es einem Täter evtl. hilft, seine Vergehen/Verbrechen aufzuarbeiten, indem er kostenlos darüber erzählt, finde ich es vollkommen ok, wenn ihm dafür dann eine Plattform geboten wird. Über die näheren Beweggründe könnte man jetzt diskutieren, ich sehe hier aber bspw. nicht, dass jemand versucht, aus seinem kriminellen Vorleben Kapital zu schlagen. Das wäre dann in der Tat kritikwürdig.

  14. #64
    ★★★★☆ (Kasparski) Avatar von Jester
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Also erstens ist mit Verbüßen der verhängten Strafe (plus Bewährungszeit bei Teilerlass) die Summe der Taten im Sinne des Rechtsstaats gewürdigt und abgegolten, zum anderen finde zumindest ich persönlich sehr interessant, was der TE hier zu erzählen hat - und ich meine herausgelesen zuhaben, dass andere das auch so sehen.

    Selbst wenn jemand mit vergleichbarem Hintergrund versuchen würde, aus seinem Fall Kapital zu schlagen - be it. Ist sein gutes Recht in einem kapitalistischen System.
    Die Welt ist grau. Und bunt!

  15. #65

    Re: Mein Hafttagebuch

    Gibt doch gar keinen Grund auf den Beitrag einzugehen. Das war nur ein Troll.

    Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen - vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.
    Auf Picflash deine Bilder schnell und unkompliziert teilen. Anonym.

  16. #66
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Einen interessanten Bericht hast du geschrieben. Ich bin gespannt, was noch kommt. Mit einem professionellen Lektor könnte das bestimmt ein Buch werden.

    Was mich noch interessieren würde, hast du jemals jemanden getroffen, dem ein Geständnis was gebracht hat? Ich glaube nämlich, das kommt nur im Film vor, jedenfalls in Deutschland, wo keine echten Deals- außer Kronzeugen bei ganz großen Geschichten- vereinbart werden können.
    Für diesen Beitrag bedankt sich War-10-ck

  17. #67
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von Lethe Beitrag anzeigen
    hast du jemals jemanden getroffen, dem ein Geständnis was gebracht hat?
    Die gibt es in der Tat. Insbesondere wenn man dabei die entsprechende Reue zeigt kann es sich auf ein milderes Strafmaß auswirken.
    In diesem Fall hier war m.M.n. die Beratung durch den Verteidiger verbesserungswürdig. Erst durch das Geständnis konnte die Tat bewiesen werden. Hier kommt es halt auch immer auf den Richter an, Sympathie, Gutmüdigkeit, Glaubwürdigkeit, Reue uvm spielt beim Strafmaß eine Rolle.

    Für ein Buch ist's (noch) ein bisschen mau. Da sollte es noch detaillierter und umfänglicher sein. Wenn könnte ich mir aber vorstellen, dass das Buch mit der Ankunft im Knast beginnt und die Taten sowie der Prozess immer als Rückblenden eingebunden werden um die Lücken zu füllen ;-)

    Hey sollte es zu einem Buch kommen will ich einen Anteil für die Idee - you read it here first

  18. #68
    Boomer ♪♪♫♪♫♫♪

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    Avatar von KaPiTN
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Xypro:

    Bei einer Verhandlung, aber nicht gegenüber Ermittlern.
    J'irai pisser sur votre bombes
    You can educate a fool, but you cannot make him think

  19. #69
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Lethe

    So wie es KaPiTN bereits gesagt hat: Wenn man gegenüber Ermittlern ein Geständnis macht, dann hat das so gut wie keine Auswirkung auf das Strafmaß (zumindest ist das auch meine Meinung). Denn das Gericht begründet häufig, dass man lediglich das Ermittlungsverfahren beschleunigt hat (auch zum eigenen Interesse) und ein Beitrag zur Tataufklärung nicht nachgewiesen werden kann.

    Ein Geständnis bringt tatsächlich etwas, wenn zur Verhandlung die Beweislage gegen den Angeklagten schlecht aussieht und man dann mit einem Geständnis rückt. Meist schlägt die Staatsanwaltschaft dem Verteidiger des Angeklagten dann tatsächlich ein Deal vor. Doch dieser Fall kam selten bis gar nicht vor, während ich in Haft war. Die Meisten (inklusive mir), knicken vor den Gerichtsverhandlungen schon ein und geben den Ermittlern ein Geständnis ab.

    Was jedoch sehr häufig vorkommt und gar nicht gern gesehen wird, ist das Verpfeifen der Mittäter. In der Haftanstalt nannten sie solche Leute immer 31er. Hat irgendwie mit irgendeinem Paragraphen in irgendeinem (Straf-)Gesetzbuch zu tun.
    Und da hab' ich sehr häufig mitbekommen, wie Angeklagte mit einer tatsächlich vergleichsweise sehr niedrigen Haftstrafe davon gekommen sind, weil sie ein oder mehrere Mittäter verpfiffen haben. Dementsprechend lernte ich auch viele Häftlinge (hauptsächlich Drogendealer) kennen, die allein wegen Aussagen einsaßen.

    In meinem Haftverlauf gibt es eigentlich auch ein "Thema" bezüglich 31er und Mittäter, welches mich anbelangt.
    Ein dritter Mittäter, ein Kumpel von mir, war eine Weile auch bei meinen Taten dabei und quasi für einen gewissen Zeitraum mein Mittäter. Es sei so viel gesagt: Mein Geständnis wurde später in den Gerichtsverhandlung nicht strafmildernd gewertet, da ich laut irgendeinem Paragraphen nicht vollständig (sondern nur teilweise) zur Tataufklärung geholfen habe. Dazu gehöre nämlich, dass ich auch hätte meinen dritten Mittäter (den Kumpel) nennen sollen. Er saß 2-3 Tage in Haft, bekam schlussendlich eine Bewährungsstrafe. Mir war das recht, ich hätte nicht gewollt, dass er (wegen mir) einsitzt, nur damit ich VIELLEICHT paar Monate weniger bekomme. Doch ironischer Weise, konnte man Bruder bei der Haftprüfung (so hiess das glaube ich) nicht entlassen werden, wegen dem dritten Mittäter.

    So, bin irgendwie in einen Schreibfluss gekommen, wollte eigentlich nur kurz antworten, lese hier immer mit
    Was ich eigentlich mitteilen wollte:
    Ich bin derzeit total ausgelastet, Studium (Abgaben, Projekte) und noch nebenher Jobben, bereitet mir gerade ganz schön viel Kopfschmerzen. Deswegen werde ich wahrscheinlich erst Ende Juli weiterschreiben. Oder ich bekomme irgendwann wieder Lust zum Schreiben. Derzeit bin ich aber total lustlos, sorry.

    Euch ne gute Nacht. Hoffe ich meld' mich bald wieder mit ein paar neuen Kapiteln.

  20. #70
    A.C.I.D

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    Avatar von Seedy
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kleine Ergänzung:
    Aus eigener Erfahrung (leider) weiß ich, dass viele, grade jüngere Insassen, ziemlich gesprächig über ihre Verbrechen sind.
    Das artete zum Teil sogar schon in eine Art Wettkampf darüber aus, wer mehr scheiße gebaut hat.

    Diese Prahlereien enden schnell in neuen Ermittlungen, wenn sich ein Häftling einen vorteil davon verspricht, wird dich natürlich ziemlich schnell verpfeifen.

    Ich hatte damals glück, dass mit das jemand vorher gesagt hat.
    Bei meinem Wissen hätte ich eventuell aus versehen üblen Schaden angerichtet

    Was den 31er angeht:
    §31BTMG geht in etwa so:
    Wer sein Wissen über eine BTM Straftat früh genug einer Dienststelle offenbart und somit Verbrechen verhindert kann unter Umständen Strafmilderung bzw. Straferlass bekommen.

    Das Gericht kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 des Strafgesetzbuches mildern oder, wenn der Täter keine Freiheitsstrafe von mehr als drei Jahren verwirkt hat, von Strafe absehen, wenn der Täter
    1.
    durch freiwilliges Offenbaren seines Wissens wesentlich dazu beigetragen hat, daß eine Straftat nach den §§ 29 bis 30a, die mit seiner Tat im Zusammenhang steht, aufgedeckt werden konnte, oder
    2.
    freiwillig sein Wissen so rechtzeitig einer Dienststelle offenbart, daß eine Straftat nach § 29 Abs. 3, § 29a Abs. 1, § 30 Abs. 1, § 30a Abs. 1 die mit seiner Tat im Zusammenhang steht und von deren Planung er weiß, noch verhindert werden kann.
    War der Täter an der Tat beteiligt, muss sich sein Beitrag zur Aufklärung nach Satz 1 Nummer 1 über den eigenen Tatbeitrag hinaus erstrecken. § 46b Abs. 2 und 3 des Strafgesetzbuches gilt entsprechend.
    Geändert von Seedy (12.05.16 um 01:10 Uhr)
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  21. #71
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure: Danke dir für deine ausführliche Antwort. So wie ich die Justiz sehe, wird dort nicht das "Recht gesprochen", was man sich als Erika Mustermann so vorstellt. Es geht einfach darum, den Gesetzen Geltung zu verschaffen und Abweichungen zu bestrafen. Das hat mit Gerechtigkeit überhaupt nichts zu tun. Deshalb braucht der Angeklagte unbedingt einen fachlich qualifizierten Verteidiger. Selbst kann er überhaupt nicht überreißen, was seine Einlassungen bei den Ermittlungen und vor Gericht in der Welt der Justiz bedeuten und eventuell für nachteilige Folgen für ihn haben. Dieser Parallelwelt sollte sich jeder Beschuldigte immer bewusst sein und von allein nicht aussagen.

    Während meiner Aufenthalte in JVAs habe ich von Strafgefangenen oft gehört: "Ich bin unschuldig. Mein Verteidiger hat's verkackt." Klar ist jeder dort unschuldig drin. Aber große Prozesse, bei denen Angeklagte die finanziellen Mittel hatten, sich eine wirklich qualifizierte Verteidigung zu leisten (e.g. Kachelmann), zeigen immer wieder, dass Justiz hierzulande zu intransparent arbeitet und mehr daran interessiert ist, ihr Pensum zu erledigen als die Wahrheit ans Licht zu bringen.

  22. #72
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Lethe:
    in der Tat - an der Transparenz mangelt es. Ich finde es schon irrwitzig, dass man als Beschuldigter selbst keine Einsicht in die Akten bekommt.

    Zufällig habe ich gestern nach Feierabend einen Freund von mir im Biergarten angetroffen der als Anwalt tätig ist (Fachgebiet Miet/Immobilien und Strafverteidigung). Bei einem eiskalten Bier bin ich mit ihm so bisschen ins Gespräch gekommen und habe dieses Thema von hier mal als hypothetische Frage eingebracht "Wie sollte ich mich verhalten?".
    Dass ich damit eine Lawine losgetreten habe merkte ich als er tief loft holte und dann anfing. Aber seine Kernaussage war: Den Ermittlern nichts sagen und auch nichts kommentieren. Schön brav darauf verweisen, dass man erst mit einem Anwalt reden möchte. Egal was die sagen, standhaft bleiben, ruhig bleiben und schweigen. Auch zu den Geständnissen hat er sich kritisch geäußert und meinte "nie ohne Absprache mit dem Anwalt" - nur der bekommt Einsicht in die Akten, weiß was die gegen einen in der Hand haben und kann abwägen welche Auswirkungen ein Geständnis haben könnte. Wichtig sei es nur, dass man seinem Anwalt gegenüber mit offenen Karten spielt; je mehr der weiß, desto besser kann er die Verteidigung planen.

    Sich solche Anwälte leisten zu können ist natürlich der kasus knaxus. Eine Rechtschutz sollte man heutzutage in der Rückhand haben und genau beachten was die Leistungen sind. Allein schon weil das gesprochene Wort immer weniger an Wert erhält und man immer mehr Unterschriften leisten muss. Zumal die Generation von damals mit "Das sag ich meiner Mami!" nun die Generation ist die direkt kommt mit "Das sag ich meinem Anwalt".

    @BeSure:
    Darf man erfahren was du studierst?
    Für diesen Beitrag bedankt sich Lethe

  23. #73
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    Avatar von electric.larry
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure: Danke, dass du deine Story hier mit uns teilst. Wollte dein Tagebuch nur kurz überfliegen, bin aber total hängen geblieben und musste alles auf ein Mal lesen. Würd mich sehr freuen, wenn du bald wieder motiviert bist um hier weiter zu schreiben.

  24. #74
    Bot #0384479 Avatar von BurnerR
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Vor allem, weil es nicht nur rein inhaltlich interessant ist, sondern auch tatsächlich sehr angenehm zu lesen ist und das ist keine Selbstverständlichkeit.

  25. #75
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von Lethe Beitrag anzeigen
    Während meiner Aufenthalte in JVAs habe ich von Strafgefangenen oft gehört: "Ich bin unschuldig. Mein Verteidiger hat's verkackt." Klar ist jeder dort unschuldig drin.
    Das war ironisch gemeint? Etwas sparsamer sollte der Umgang damit vielleicht doch sein.
    http://www.zdf.de/37-grad/ich-war-es...-43147920.html

    --- [2016-05-13 14:07 CEST] Automatisch zusammengeführter Beitrag ---

    Zitat Zitat von Xypro Beitrag anzeigen
    in der Tat - an der Transparenz mangelt es. Ich finde es schon irrwitzig, dass man als Beschuldigter selbst keine Einsicht in die Akten bekommt.
    Das stimmt allerdings nicht mehr. Nach § 147 Abs. 7 StPO hat auch der Beschuldigte ein Recht auf Akteneinsicht.
    Die für den Rechtsanwalt ist allerdings umfangreicher, betrifft nämlich nicht nur Akten und Schriftstücke, sondern auch andere Beweismittel. Außerdem sollte ein guter Strafverteidiger mehr Erfahrung in Strafsachen haben als ein Beschuldigter.
    Insofern würde ich da generell einen Anwalt empfehlen.

    Sich solche Anwälte leisten zu können ist natürlich der kasus knaxus. Eine Rechtschutz sollte man heutzutage in der Rückhand haben
    Ich würde mal stark vermuten, dass eine Rechtschutzversicherung bei Strafsachen nicht zahlen wird.

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