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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #451
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 70 - Die etwas anderen Gefangenen


    Spoiler: 

    Die Natur, die Erde und das Universum haben gewisse Regeln. Es schien, als wäre ein komplexes System hinter allem – oder eben eine höhere Macht, ein höheres Wesen, ein Gott. So fragte ich mich, ob so ein komplexes System nur dann laufen konnte, wenn stets ein Gleichgewicht herrschte. Vielleicht gab es Naturkatastrophen und dergleichen nur, um eine Art Defragmentierung des Systems vorzunehmen, um es mit den Worten eines Informatikers zu sagen. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass direkt nach einem der besten Tage meines Lebens die wortwörtlich beschissenste Zeit ebendieses anstand.

    Gerade als unser Quartett zur Arbeit abrücken wollte, kam Herr Kuhn auf uns zu: „Einer von euch muss im Stall arbeiten.“ Tarik fühlte sich sofort angesprochen: „Wieso? Gibt es denn nicht genug Leute? Und wer von uns soll da arbeiten?“ Der Beamte öffnete uns die Tür und machte ein husch-husch-Zeichen, als der kalte Wind mit voller Wucht hineinblies: „Die sind unterbesetzt. Macht das unter euch aus, ich brauche heute zum Mittagessen einen Namen.“ Wir begaben uns fluchend und genervt in unseren Arbeitsraum. Es herrschte Chaos im Paradies: Wer musste gehen? Wir diskutierten, beschwerten uns und lachten über die Scheißarbeit. Am Ende verging mir aber das Lachen. Es hatte mich erwischt: „Emre, Du bist der Neueste. Wäre es ok, wenn Du gehst?“ Die Drei hatten sich geeinigt und es war vielmehr eine Aufforderung als eine Frage. „Ja, was soll’s“, das waren auch die Worte, die ich Herr Kuhn sagte, als er in der Mittagspause fragte, ob ich im Stall arbeiten möchte.

    Bereits am Abend musste ich mit den restlichen Stallarbeitern abrücken. Mein Lichtblick für die nächsten zwei Wochen war mein zweiter Ausgang, der ebenfalls fünf Stunden betrug. Und ehe ich mich versah, waren diese zwei Wochen auch schon um: „Mensch, wie die Zeit vergeht.“ Tarik und ich waren im Zimmer, er telefonierte und ich spielte derweil „Assassin’s Creed: Black Flag“ auf der Xbox-Konsole, die Tarik gehörte – das war der größte Vorteil bei der Arbeit im Stall. Ich musste nur morgens und abends je zwei Stunden raus und konnte den restlichen Tag an der Konsole spielen, oder mit den anderen Stallarbeitern Kaffee trinken. „Bruda, Du wirst auch nicht jünger, was“, Tarik hatte mir wohl zugehört – seiner Freundin erzählte er am Telefon, dass heute mein Geburtstag war und ich heute Ausgang hatte. Kurz bevor meine Eltern ankamen, machte ich mich frisch und stand gespannt vor dem Fenster im Aufenthaltsbereich. Von hier aus konnte man die ankommenden Autos beobachten, jeden Moment müsste ich unser Auto sehen. Damals bekam ich ein leichtes Kribbeln, wenn ich den DHL-Wagen um die Ecke fahren sah, diesmal war es unser alter Kombi-Mercedes.

    Es kam mir vor wie ein Déjà-vu, als wir wieder gemeinsam im Auto saßen und uns in die Stadt begaben. Von mir aus wäre ich gerne in einer Dauerschleife von Ausgängen fest stecken geblieben, doch war eine komplette Freiheit natürlich erstrebenswerter. Als Kind träumte ich immer davon, meinen Kindergeburtstag im McDonald’s zu feiern und in der magischen Welt, in der ich lebte, gab es die eine Zauberfee, die mir dies stets ermöglichte – meine Mutter. Und nun war mein 24. Geburtstag und erneut befand ich mich im McDonald’s. Ich fühlte mich unwohl, als Kind war McDonald’s zwar ein magischer Ort, doch schnell wurde mir klar gemacht, dass es ein teuflischer, sündhafter Ort war. Als pubertierender junger Mann war ich mit unserer gleichaltrigen Nachbarin und meiner Zwillingsschwester im Kino gewesen. Nach dem Film begaben wir uns in den McDonalds, um den einzigen „Burger“ zu essen, der uns nicht verboten wurde – den Filet-O-Fish. Unsere Nachbarin allerdings war nicht (streng) gläubig und nahm das locker mit dem Rindfleisch, bestellte entsprechende Burger und bot mir einen an. Ich lehnte zuerst ab und machte sie darauf aufmerksam, dass dies „Haram“ sei und sie das eigentlich auch nicht essen solle. Sie erklärte mir, dass es sich hierbei nicht um Schweine-, sondern Rindfleisch handeln würde: „Das darfst Du essen, das ist helal.“ Ehrlich gesagt hatte ich auch Lust darauf, und zuvor war mir nicht bewusst gewesen, dass es sich hierbei um Rindfleisch handelte. Also nahm ich ihr Angebot an und aß einen dieser Burger. Meine Schwester versuchte mich noch davon abzuhalten, doch war sie sich wohl auch nicht so ganz sicher, ob der Burger nun helal oder haram war – entsprechend blieb sie auch gewissermaßen zurückhaltend. Als wir daheim angekommen waren, rannte sie sofort zu unseren Eltern und „petzte“ mich. Dass ich etwas Falsches getan hatte, wurde mir erst bewusst, als meine Mutter mich mit ihren traurigen und enttäuschten Augen ansah und mein Vater wütend auf mich zukam, um mich anzuschreien und zu erniedrigen. Ich fühlte mich tatsächlich wie am Tag des Jüngsten Gerichts und hatte wie immer Angst, irgendetwas zu sagen. Immer wieder sagten meine Eltern: „Wie willst Du das vor Allah rechtfertigen?“ Ich dachte mir bloß: wenn die Abrechnung am Tag des Jüngsten Gerichts nur im Ansatz so schlimm war, wie mein Vater, dann würde ich wohl freiwillig in das Höllenfeuer springen. Als sich mein Vater abreagiert hatte, erklärte mir meine Mutter, dass Rindfleisch sehr wohl haram sein kann und es in den meisten Fällen auch ist. Denn nur Tiere, die auf eine bestimmte Art und Weise geschlachtet worden sind, seien helal. So eine religiöse Schlachtung wurde beispielsweise damit beginnen, dass Allahs und der Name seines Propheten aufgesagt werden – man schlachtete quasi im Namen, bzw. mit der Erlaubnis Allahs.

    Nun befand ich mich also im McDonald’s und dachte daran, wie wohl die Burger schmecken würden – dass ich gerne alle mal probieren würde. Doch heute war es noch nicht soweit. Heute gab es Kaffee und Kuchen, für die hungrigen noch Pommes-Frites und selbstverständlich Filet-o-Fish. Ich war sehr positiv überrascht, als plötzlich meine Cousins, mein Onkel und meine Tante, aber auch meine Oma das „Restaurant“ betraten. Meine Oma hatte ich bisher einmal während meiner Gerichtsverhandlungen gesehen, ansonsten seit meiner Verhaftung nicht mehr. Etwas enttäuscht war ich darüber, dass mein Opa nicht gekommen war. Er wolle mich nicht in solch einer Situation sehen, teilten sie mir mit. Dabei fand ich meine „Situation“ gar nicht mehr so schlimm, ich war ich doch gerade dabei aufzublühen. Alle gratulierten meiner Zwillingsschwester und mir zum Geburtstag, wir schossen unzählige Fotos und unterhielten uns über die schönen Zeiten, aber auch meine Ziele, die ich nach meiner Haft verfolgen würde. Doch das Schönste an diesem Tag waren die Geschichten, die ich über meine neuen Mithäftlinge erzählen konnte – die Kühe.

    „Ja, ich bin leider im Stall gelandet. Das ist echt eine scheiß Arbeit“, erzählte ich, während meine Cousins und Geschwister die Ohren spitzten. Die anderen „Erwachsenen“ unterhielten sich miteinander und ließen uns sprechen: „Die Arbeit fängt nämlich mit Scheiße-schaufeln an. Ich stehe um 5:30 Uhr morgens auf und ziehe meine von Scheiße befleckten Arbeiterklamotten in der Umkleidekabine an. Da stinkt es schon total eklig, aber das ist nichts im Vergleich zum Stall – wo ich dann um 6:00 Uhr morgens an der Matte stehe, oder besser gesagt auf der Scheiße stehe. In einem Bereich des Stalls befinden sich ca. eine dutzend Kühe verteilt auf zwei Seiten. Sie sind am Hals angekettet und mit den Schädeln auf die Futterstelle gerichtet. Diese Futterstelle trennt die Kühe in zwei Seiten auf und ist befahrbar. Einer von uns Stallarbeitern bringt das Futter in Schubkarren und verteilt es auf dieser Futterstelle gleichmäßig, so dass alle Kühe was davon haben. Aber hey, diese Kühe sind so verdammt gierig, die haben es total auf das Futter des Nachbarn abgesehen. Anstatt das zu essen, was vor ihnen liegt, essen ein Paar von ihnen erstmal beim Nachbarn mit oder schieben einen Teil des Futters vom Nachbarn vor ihre Schnauze, so dass der Nachbar nicht mehr rankommt. Als ich das gesehen habe, fand ich das schon total krass – aber das schlimmste ist die Gier nach Kraftfutter. Das ist schon regelrecht eine Sucht bei den Kühen. Die riechen das von weiter Entfernung und schreien ‚Möööööööh‘, wie so richtige Junkies, wenn man sich mit dem Kraftfutter nähert. Die Kühe, die sich weiter hinten befinden, rasten dann total aus, wenn die ersten schon ihr Kraftfutter bekommen und sie zunächst leer ausgehen. Einmal habe ich gesehen, wie einer meiner Stallarbeiterkollegen eine ganze Schubkarre voller Kraftfutter ausversehen umgekippt hat – mitten auf der Futterstelle. Ich schwöre euch, es ist so schwer, das in Worte zu fassen. Aber ich sag‘s mal so: Wären die Kühe nicht angekettet gewesen, die hätten meinen Kollegen vergewaltigt und eine richtige Drogenorgie gefeiert.“ Meine Cousins mussten lachen, einer von ihnen grinste: „Haha, Emre Abi, das hört sich total lustig an.“ Ich schmunzelte, es war in der Tat lustig, aber irgendwie auch nicht: „Naja, das Futter muss ja irgendwo wieder raus. Und da komme leider ich ins Spiel. Die Neuen, also unter Anderem ich, dürfen sich erstmal eine leere Schubkarre und eine Schaufel zur Hand nehmen. Jeweils einer von uns kümmert sich um ein halbes Dutzend Kühe, besser gesagt um deren Ausscheidungen. Es gibt eine Art Abfluss hinter den Kühen, wenn wir Glück haben, treffen sie direkt da rein, meistens liegt die Scheiße allerdings irgendwo dort, wo sie sich auch hinlegen. Also versuche ich erstmal, den ganzen Mist in diesen Abfluss reinzuschieben. Meistens ist die Scheiße total flüssig, entweder weil die Kuh Durchfall hat oder eben, weil die Scheiße mit Urin gemixt wurde. Danach schaufele ich die Scheiße in die Schubkarre und transportiere sie raus, auf einen riesigen Scheißhaufen. Dort versuche ich dann, die matschige Scheiße zu entladen und muss jedes Mal damit kämpfen, nicht auszurutschen und auf dem Scheißhaufen zu landen. Einmal ist mir der Schubkarren aus der Hand entglitten und mitten auf den Haufen gelandet. Es war echt eine eklige Angelegenheit, die Schubkarre da wieder rauszuziehen. Wenn die Scheiße dann komplett weggeschaufelt ist, müssen wir Stroh unter die Kühe streuen, so dass sie es noch schön gemütlich haben – aber vor Allem, um nicht auf ihrer flüssigen Scheiße ausrutschen. Zum Glück müssen wir denen nicht auch noch den Arsch abwischen. Ich frage mich auch stets, ob meine Arbeit besser ist als die der Melker. Diese Kollegen dürfen mit einem Gerät die Kuh melken, besser gesagt, die Milch absaugen. Diese gelangt direkt in ein Rohr, welches zu einem großen Kanister führt. Es gibt tatsächlich Anwohner, die genau diese frische Milch kaufen – direkt von uns Häftlingen. Habe schon ein, zwei Mal erlebt, dass ein Melker ausversehen auf die Scheiße getreten ist oder sogar fast von einer Kuh erdrückt worden wäre.“ Die Spannung meiner Cousins hielt immer noch an, sie konnten kaum glauben, dass ich so eine Tätigkeit ausübte: „Du erzählst das so locker flockig, als wäre es total normal, was Du da tust“, meinte meine Cousine anerkennend. „Naja, erstens bin ich Gefangener, zweitens ist mir das viel lieber als in einer Zelle zu schmoren – die Erfahrung ist es auch wert. Das Ganze motiviert mich, meine Ziele zu erreichen, und ich schätze die kleinen Dinge mehr. Aber die Geschichten sind noch nicht zu Ende. Ich habe mal was richtig Krasses gesehen. Eines Tages war ich wieder Scheiße schaufeln, da kam plötzlich ein Bauer aka Vollzugsbeamter und bat mich um Hilfe. Ich sollte einer Kuh, der Olga, den Schwanz halten. Ohne Widerrede packte ich den Schwanz, formte ihn schneckenhausförmig und machte den Arsch der Olga frei. Just in diesem Moment realisiere ich, dass der Beamte einen Handschuh aus Folie hat, welcher bis zu seiner Schulter reicht. Irgendein Plastikrohr führte von seiner Schulter in seine Handfläche und mündete bei einer Spritze. Ich habe nicht mal Zeit zu fragen, was das alles darstellen soll, da steckt er seinen Arm direkt in das vor ihm stehende Loch so tief, dass sein kompletter rechter Arm im inneren der Kuh verschwindet. Die Olga macht keinerlei Anstalten – ist wohl Größeres gewohnt. Ich bin total schockiert und muss mich bei dem Anblick fast übergeben, doch neugierig bin ich trotzdem: ‚Ist die Olga krank?‘ Der Beamte verneinte dies ganz gelassen. Meine Neugier stieg: ‚Ähm, wenn das keine Medizin ist, was spritzen Sie ihr da gerade rein?!‘ Er schaute mich an, grinste ganz frech: ‚Ich befruchte die Olga gerade.‘“ Die Reaktionen meiner Cousins und meiner Geschwister sind unterschiedlich, während die Frauen sich eher ekeln, finden die Männer es abartig lustig. „Wartet, wartet – ein, zwei Geschichten habe ich noch auf Lager. Ihr werdet es nicht glauben, aber ein Ochse, Bulle oder Kuh oder whatever – ich kann die nicht unterscheiden – wollte mich killen!“ Sie hörten gespannt zu. „Die jungen Bullen, wahrscheinlich irgendwie pubertierende, befinden sich in einem separaten Stall. Das ist total eklig bei denen. Über dem Stall gibt es das Dachgeschoss und eine Luke. Ich muss stets hoch aufs Dachgeschoss und eine große Menge an Stroh runterwerfen. Danach muss ich runter in den Stall und das Stroh auf der ganzen Fläche verteilen. Das bedeutet, dass die Bullen dort scheißen, ich Stroh darauf streue, die wieder scheißen und ich wieder Stroh darauf streue. Das bedeutet, dass am Ende des Monats mehrere Schichten Scheiße und Stroh übereinander befinden und das Ganze dann mit einem Traktor gesäubert wird. Eines Tages, da habe ich von oben wieder eine große Menge Stroh runtergeschaufelt und es befand sich dann ein großer Stroh-Hügel im Stall. Als ich gerade von der Luke hinunterblickte, habe ich einen Bullen gesehen, der sich in dem Strohhaufen rumgewälzt hat, worauf ich ihn anschrie. Ohne Witz jetzt, der hat hochgeschaut! Ich dachte, der guckt mich richtig an – so tief in die Augen! Jedenfalls bin ich runter und habe erstmal überall Heu und Kraftfutter verteilt, damit die Bullen mit dem Fressen beschäftigt sind und mich beim Verteilen des Strohs nicht belästigen. Es war mittlerweile Routine geworden, alle Bullen waren gerade am Essen, da hab ich mich in den Stall begeben und war schön am Streuen des Strohs, da kam einer von denen – ich meine es war der selbe wie vorhin – und wollte sich wieder im Stroh rumwälzen. Ich habe ihn daraufhin weggescheucht und laut angebrüllt: ‚Verpiss dich, Alter!‘ Er ist daraufhin ein paar Meter weiter weggegangen und hat mich wieder tiefsinnig angeschaut. Das Blut in meinen Adern gefror, als ich den Blick erwiderte. Irgendwas hatte der Arsch vor. Und tatsächlich, plötzlich geht er in eine Art Angriffsstellung, kratzt mit seinem rechten Huf auf dem Boden und macht den Anschein, als würde er mich gleich attackieren wollen. Er rannte so schnell los, dass ich nur noch ‚HILFEEEE‘ schreien konnte, die Mistgabel hoch hob und meine Augen schloss. Er bremste kurz vor der Mistgabel ab, machte wieder ein paar Schritte zurück und ich merkte schon, wie er sich auf den zweiten Angriff vorbereitete. Währenddessen kamen die anderen Häftlinge, womöglich wegen meines Hilfeschreis, und versuchten die Situation zu begreifen. Ich hingegen hatte die Mistgabel bereits auf den Boden geschmissen und versuchte mich über die Stallabsperrung zu werfen – nie kamen mir die Gummistiefel so schwer vor, wie in diesem Moment. Doch ich hatte es geschafft und fühlte mich, als wäre ich dem Tod haarscharf entkommen. Als ich völlig außer Puste erzählte, was passiert war, bekam ich nur lauter Gelächter zu hören.“ Meine Geschwister und Cousins schienen noch nicht genug von meinen Kuh-Geschichten zu haben, so erzählte ich ihnen noch das eine letzte Ereignis: „Ich war gerade dabei, mit einer Mistgabel den Scheißhaufen einer Kuh in die Schubkarre zu beladen. Die Kuh störte mich etwas mit ihrem Schwanz, da sie damit hin und her wedelte und ich Angst hatte, sie würde mich damit treffen. Also versuchte ich, den Schwanz zu packen und in eine Art Ruhezustand zu bringen. Doch plötzlich holte die Kuh mit ihrem Schwanz sehr weit aus und haute damit direkt in mein Gesicht. Der Schwanz traf mich wie eine Peitsche ins Gesicht, doch das war noch nicht genug – an ihm waren lauter kleiner Scheißstücke hängen geblieben, die beim Schlag ins Gesicht auch meine Zunge berührten, da mein Mund währenddessen offen war. Noch nie in meinem Leben war ich so aggressiv wie in diesem Moment – zumal ich ja auch sonst keine aggressive Person bin – aber sowas hatte ich noch nie erlebt, also brüllte ich los und stach mit der Mistgabel auf ihren Hintern: ‚Muuuuuuuuh‘ schrie die Kuh und just in diesem Moment bereute ich, was ich getan hatte. Plötzlich hörte ich die Stimme des Beamten: ‚Ates, was machen Sie da?‘, Ich wusste nicht, wie lange der Beamte schon dastand, doch erklärte ich ihm, was passiert war. Er musste schmunzeln und ermahnte mich, den Kühen nicht wieder weh zu tun.“

    Ich konnte allen am Tisch ein amüsiertes Strahlen ins Gesicht zaubern, einige hatten sogar Lachkrämpfe. Das bedeutete mir sehr viel, diese positive Energie, weg von all dem gewohnten Mitleidsgetue.

    Es ist eine Kunst, das Leben aus einer magischen Perspektive zu betrachten. „Der Emre war schon immer mein kleiner süßer Träumer“, erwähnte meine Mutter stets, wenn ich simpelste Dinge in solch einer Begeisterung erzählte, als wären sie nicht von dieser Welt – ein Wunder, eine Magie, so bewundernswert wie das Universum. Es waren mittlerweile einige Wochen vergangen, seit ich meiner Familie die „Kuhgeschichten“ an meinem Geburtstag erzählt hatte. An diesem Tag wusste ich noch nicht, dass die wunderschönste Geschichte noch bevorstand. Es war ein kalter, windiger morgen – Weihnachten stand vor der Tür. Zum ersten Mal fieberte ich mit, zum ersten Mal spürte ich die positive Ausstrahlung meiner Mitgenossen. Warm in meine Arbeitsklamotten eingepackt rückte ich am frühen Morgen zur Arbeit ab. Ich war der erste, der im warmen Stall ankam. Gerade hatte ich meine Handschuhe angezogen und wollte nach dem Schubkarren greifen, da sah ich ein paar Gestalten. Ehe ich erkannte, um was es sich handelte, schrie einer der Häftlinge auf: „Oh shit, die hat Babys bekommen!“ Kälber lagen auf dem kalten, harten Boden und gaben klägliche Laute von sich. Es fühlte sich so an, als würden sie um ihr Leben ringen. Schnell tat ich es meinen Mithäftlingen gleich und packte eines der Kälber und umarmte es fest. Es zappelte und war sehr schwer. Ich war in solch einer Panik, dass dem Kalb etwas geschehen könnte, und folgte meinem Mithäftling in einen kleinen Stallbereich. Ein anderer der Mithäftlinge kam bereits mit einer Menge Stroh angerannt und wir versuchten, die Kälbchen damit zu bedecken, damit sie nicht erfroren. Ich fühlte mich überfordert. Ein Beamter wurde informiert und eilte mit Decken herbei, um mit diesen die Kälber zuzudecken. Ein anderer Beamter kam mit Milcheimern um die Ecke und spritzte den Kälbern förmlich die Milch in den Mund. Es glich alles einem Notfalleinsatz und ich stand nur da, mein Herz pochte und ich wünschte nichts mehr, als dass diese Kälber überlebten. Ich glaubte für einen Moment stärker denn je und betete zu Gott. „Werden sie es schaffen?“, fragte einer der jüngeren Häftlinge. „Ich weiß es nicht. Sie sind sehr dünn. Drei auf einmal ist nicht ohne“, antwortete der Beamte, während er die Kälber versorgte. Es war kalt, alle Häftlinge standen da und hatten ihre Arbeit eingestellt, alle versuchten zu helfen, alle versuchten irgendwie zu beten – „Das sind Drillinge?“, fragte ich überrascht.

    Es war soviel schief gelaufen in letzter Zeit, aber wenn diese Drillinge nicht überleben würden, wäre es einfach nicht fair. Ich wollte wieder an Wunder glauben.
    Geändert von LadyRavenous (14.03.19 um 23:10 Uhr) Grund: Begrünung

  2. #452
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 71 - Der Vorzeigehäftling

    Spoiler: 


    Der Dezember war einer der schönsten Monate, den ich seit langem erlebt hatte. Die Drillinge waren wohlauf und munter. Jeden Tag freute ich mich wie ein kleines Kind darauf, morgens aufzustehen und sie zu füttern. Sie wurden nach den Neffen von Donald Duck benannt: Tick, Trick und Track. Damit verband ich automatisch kindliche Gefühle mit diesen drei süßen Kälbern. Mir fiel die Arbeit nicht mehr schwer aber vielmehr fingen die Kühe an, mir Leid zu tun und immer, wenn ein neuer Häftling kam, der auch im Stall arbeiten musste, bat ich ihn darum, behutsam mit diesen Lebewesen umzugehen.

    Auch wenn die Drillinge das Wundervollste in diesem Monat waren, so gab es noch das ein oder andere Highlight. So hatten mich die Jungs nicht vergessen und tatsächlich in die Liste zum Schwimmen angemeldet. Ein dünner Pfarrer hatte uns abgeholt und in ein großes Wellenbad gebracht. Von Rutschen bis hin zu Whirlpools war alles dabei – vor allem die hübschen Damen fielen uns auf. Die Vorfreude auf die Freiheit stieg ins Unermessliche an. Die Vorstellung, dass ich später mal eine Freundin haben könnte und mit ihr zusammen in ein Wellnessbad gehen zu können, war wunderschön. Sagenhafte drei Stunden durften wir verbringen, als der Pfarrer uns wieder zusammentrieb und zurück ins Freigängerheim brachte. Überraschenderweise hielt mich Herr Kuhn an der Tür auf und forderte mich noch zum Bleiben auf, während sich die anderen drei Jungs in ihre Zimmer begaben. Eine weitere Person, die sich im Büro von Herrn Kuhn aufhielt, stellte sich mir als Leiter des Freigängerheims in Schwäbisch Hall vor. Er wollte wissen, wie ich auf die Idee käme, studieren zu wollen und wieso ich es nicht mit dem Arbeiten versuchen wollte. Doch ich konnte ihn schnell von meiner Motivation überzeugen, sodass er mir am Ende gestand, dass er das als etwas Gutes ansähe, doch die Problematik im Finanziellen sehe: „Wie möchten Sie denn das Studium finanzieren?“ Ich sicherte ihm zu, dass mein Vater mich finanziell unterstützen würde: „‘Wenn ihr studiert, bekommt ihr vollste Unterstützung von mir‘, hat mir mein Vater stets gesagt.“ Wir einigten uns darauf, dass mein Vater mindestens 600 Euro im Monat bereitstellen müsste und ich das mit meinem Vater bei meinem nächsten Ausgang klären solle. Voller Freude bedankte ich mich für das Verständnis und die Unterstützung, die er mir gab. Bevor ich das Büro verließ, wies er mich noch auf eine wichtige Sache hin: „Sie müssen sich aber selbst darum kümmern, einen Studienplatz zu bekommen.“ Ich war mittlerweile so euphorisch, dass ich das Risiko einer Absage von Hochschulen

    als nicht realistisch ansah. Die Euphorie brachte mich jedoch dazu, einen Fehler zu begehen: Ich erzählte es Tarik. Er hatte Gefallen an der Idee gefunden, auch studieren zu können – überraschenderweise hatte er die hierfür nötige Fachhochschulreife. Es war mir jedoch klar, dass er das Studium nur beginnen, aber nicht abschließen wollte denn es ist sicherlich angenehmer, in einem Vorlesungssaal zu sitzen, anstatt einer harten Arbeit nachzugehen. Unglücklicherweise rannte er sofort nach unten ins Büro und teilte dem Leiter des Freigängerheims seinen Wunsch mit, Selbiges wie ich vorzuhaben. Später erfuhr ich, dass der Leiter des Freigängerheims überhaupt nicht erfreut darüber war und kurz davor stand, uns beiden das Studieren zu verwehren.

    Noch vor Silvester und Weihnachten durfte ich einen längeren Aufenthalt in meiner Heimatstadt verbringen, sagenhafte zwölf Stunden. Am selben Tag hatte Tarik ebenfalls seinen Ausgang. Während ich morgens erneut von meiner Familie mit unserem alten Mercedes-Kombi vom Bauernhof abgeholt wurde, sahen die „Bezugspersonen“ von Tarik nicht nach Familie, sondern vielmehr nach einer Gang aus. Ich sah, wie Tarik in einen protzigen AMG-Mercedes einstieg und von zwei Stereo-Gangster-Kanaken kutschiert wurde. Meinem Vater gefiel der Anblick überhaupt nicht, weswegen er mir empfahl, mich von ihm fern zu halten. Ich bestätigte seine Aussage, indem ich ihm erklärte, dass Tarik wegen einer Schreckschusswaffe einsaß, zuvor Bewährung wegen Körperverletzung bekommen hatte und allen Anschein nach ein Zuhälter war. Dennoch fand ich Tarik paradoxerweise sehr sympathisch und lustig, wir teilten uns den gleichen Humor.

    Meine Mutter kam auf die Idee, dass es doch super wäre, wenn wir auf dem Heimweg einen Zwischenstopp im Milaneo in Stuttgart machen würden. „Milaneo? Was ist das?“, fragte ich sie. Die Antwort auf meine Frage war vorherzusehen: „Es ist ein riesengroßes neues Einkaufszentrum in Stuttgart.“ Die Augen meiner kleinen Schwester leuchteten wie Perlen, als sie davon erzählte. Auch wenn ich es nicht gut fand, dass sie in dem Alter schon von Einkaufszentren schwärmte (und somit bereits im jungen Alter Opfer der Konsumgesellschaft war), so hatte ich nichts dagegen, wenn alle Lust darauf hatten. Angekommen in Stuttgart sah ich dieses riesige Einkaufszentrum hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof und versuchte mich zu erinnern, was damals statt dem Milaneo hier gewesen war – doch meine Erinnerungen beschränkten sich hauptsächlich auf die Haftzeit.

    Es war ein Samstag und somit einer der Tage, an denen generell viel los war – doch noch nie zuvor hatte ich so viele Menschen auf einem Haufen einkaufen gesehen. Es war sehr laut und ich hörte sehr viele Stimmen, die sich mit irgendeiner Hintergrundmusik vermischten. Ein Dutzend verschiedener Gerüche „vergewaltigten“ meine Nase und mein Kopf war kurz vor dem Platzen. Ich wollte unbedingt raus hier, raus in die Freiheit und an die frische Luft: „Mama, können wir bitte raus? Bitte, mir ist so schlecht.“ Meine Mutter ging meinem Wunsch sofort nach und wir begaben uns nach draußen. „Was ist denn los?“, fragte mein Vater völlig verwirrt. „Ich weiß nicht, da drin ist so viel los und es sind so viele Menschen. Ich weiß, das klingt jetzt total seltsam, als würde ich hier irgendwelche Filme schieben. Aber können wir nicht einfach draußen spazieren? Von mir aus in der Königsstraße, dann kann die Kleine auch shoppen und dort in die Läden rein?“ Auch, wenn ich in verständnisvolle Gesichter blickte, so wusste ich, dass sie besorgt waren – vielleicht dachten sie, dass ich einen Haftschaden bekommen hatte.

    Als wir in der Königsstraße waren, war zwar auch einiges los, aber ich konnte wenigstens die „frische“ Luft genießen. Typischerweise taten wir es den meisten Türken gleich und beendeten unseren Spaziergang damit, dass wir uns in ein türkisches Restaurant am Ende der Königsstraße setzten und etwas aßen. Es war unüblich, dass mein Vater auswärts aß und Geld ausgab denn er war Befürworter von heimischem Essen, wozu hatte er sonst eine Hausfrau – auch diese Denkweise war typisch türkisch. Nachmittags kamen wir dann endlich in meiner Heimatstadt an und ein unwohles Gefühl beschlich mich. So, als wäre ich unerwünscht hier und müsste mich erst noch einmal integrieren. Doch die restlichen Stunden vergingen unspektakulär: Einmal rief Herr Kuhn zur Kontrolle an und sonst saßen wir in einer familiären Umgebung vor dem Fernseher und unterhielten uns, während im Hintergrund eine türkische Serie lief – es war auch typisch türkisch, dass der Fernseher im Hintergrund läuft, während alle sich unterhalten. Meinem Vater erzählte ich davon, dass er mich monatlich mit 600 EUR unterstützen müsste, damit ich studieren durfte. Die Art und Weise wie er antwortete, war immer dieselbe. Zuerst erklärte er, wie wenig Geld er doch habe und dass ich ihn schon sehr viel gekostet hätte. Dann zählte er alles auf, was er schon für mich ausgegeben hatte. Manchmal zeigte er mir noch Rechnungen die noch zu bezahlen waren und erklärte mir, dass er für mich Geld von Freunden und Bekannten leihen musste. Mir hingegen gingen immer die gleichen Gedanken durch den Kopf: Wie hatte er sich dann die sieben Eigentumswohnungen leisten können? Wieso besaß er so viele Aktien? Verlagerte er sein Geld einfach und investierte in seine Zukunft und Rente, statt für die Kinder zu sorgen? Waren wir wirklich so arm, dass wir (damals) drei Geschwister jahrelang ein 10m² Zimmer teilen mussten? Oder übertrieb er maßlos? Im Endeffekt willigte er aber ein und sicherte mir die finanzielle Unterstützung zu. „Sobald ich aus dem Freigängerheim entlassen werde, suche ich sofort eine Werkstudententätigkeit und finanziere so meinen Lebensunterhalt“, versprach ich ihm, wohlwissend, dass er mir nicht glaubte und an meinem Vorhaben zweifelte.

    Einer der Mithäftlinge und ich hatten ein besonderes, exklusives Event im Dezember. Es schien so, als wären wir unter den ganzen Häftlingen wohl die Musterbeispiele bzw. vorzeigefähig. Ein etwas dickerer Pfarrer kam auf uns zu und fragte, ob wir denn Lust hätten, mit ihm eine Gruppe Jugendlicher zu besuchen, welche aktuell ein freies soziales Jahr absolvierten. Er hätte gar nicht erwähnen brauchen, dass sich das positiv auf unsere Haft auswirkte denn wir wären bereits nur der Abwechslung wegen mitgegangen. Natürlich bejahten wir entsprechend und warteten gespannt auf den Tag, indem wir uns verschiedenste Szenarien ausmalten. Kurz bevor das Event anstand, wurde uns etwas mulmig dabei: Was würden sie von uns halten? Würden sie uns gleich verurteilen? Es war das erste Mal für mich, dass ich offen gegenüber fremden Personen über meine Tat erzählen musste. Der Pfarrer fuhr uns in seinem privaten Auto eine Stunde weit weg an einen Ort, der abgelegen von alldem war, was auf Leben hindeutete. Wie seine zwei Bodyguards liefen wir an seiner Seite in das Haus und wurden sofort von zwei älteren Damen begrüßt, die das Ganze hier zu leiten schienen. Als wir den großen Aufenthaltsbereich betraten, konnten wir uns vor den Blicken gar nicht retten, mir wurde unwohl und ich lief auch rot an – dies lag viel weniger daran, dass mir mein Status als Häftling nicht gefiel, sondern viel mehr dass ich generell (trotz meiner extrovertierten Art) ein süchterner Typ war, wenn es um hübsche Frauen ging. Wir wurden in einen Raum geführt, in dem sich ein Stuhlkreis befand und wurden auf unsere Plätze verwiesen. Die recht jungen FSJ-ler betraten teils mit Gelächter, teils flüsternd den Raum. Andere wiederum schienen gelangweilt, während wieder andere ihre Blicke nicht von uns lassen konnten. Als alle ihren Platz einnahmen, erzählte die Leiterin des Hauses, woher wir kamen und dass wir uns für alle möglichen Fragen zur Verfügung gestellt hatten. Sie bedankte sich bei Artjom und mir und wies glücklicherweise darauf hin, dass wir unangenehme Fragen nicht beantworten müssten und dass das kein Verhör sein wird. Da die JVA wohl vom Pfarrer repräsentiert wurde, gab er eine kurze Erklärung, wie es in der JVA Schwäbisch Hall ablief und was seine Rolle dabei war: „… Außerdem habe ich die Pflicht zu schweigen, wenn sich ein Häftling mir anvertraut…“ Dies löste natürlich gleich die ersten Diskussionen aus und alle wollten wissen, ob es denn nicht doch die ein oder andere Ausnahme gab – die schien es wohl nicht zu geben. Interessant war, dass ich auch erst jetzt davon erfuhr. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich der Pfarrer die Zeit nahm, um die Seelsorge für Häftlinge zu spielen. Auch hatte ich noch nie von einem Mithäftling gehört, der diese Dienste des Pfarrers in Anspruch genommen hatte – vielleicht lag das an mangelndem Vertrauen in den Pfarrer. Welchen Dienst jedoch so gut wie jeder Neuankömmling in Anspruch nahm, berichtete der Pfarrer voller Stolz: „Ihr müsst wissen, die ersten Tage sind für die Inhaftierten die schwersten und sie sind mit den Nerven am Ende. Sie besitzen kein Geld, keine privaten Klamotten und auch sonst kein Hab & Gut. So gut wie alle sind Raucher und der Entzug von Nikotin erschwert ihnen ihre Situation noch mehr. Daher können die Neuankömmlinge einen Antrag auf ein Päckchen Tabak stellen, welches ich ihnen dann bringe. Allerdings müssen sie das zum späteren Zeitpunkt zurückzahlen bzw. beim nächst möglichem Einkauf ein Päckchen Tabak kaufen und mir zurückgeben. Dieses Prinzip funktioniert in der Regel sehr gut.“ Während er fortfuhr und seine Gutmütigkeit bis ins letzte Detail ausführte, kam es mir wie ein Geistesblitz: An meinem ersten Tag in der JVA Schwäbisch Hall war ich auch mit den Nerven am Ende, doch unglücklicherweise war ich kein Raucher, brauchte aber Schokolade als Nervennahrung. Während der Pfarrer meinem Zellenkollegen ein Päckchen Tabak brachte, ging ich leer aus und bekam nicht einmal eine Tafel Schokolade. Bei dem Pfarrer, den ich um eine Tafel Schokolade gebeten hatte, handelte es sich genau um jenen, der nun zu meiner Linken saß und davon erzählte, wie er die Anfangszeit der Neuankömmlinge etwas erleichtern würde. Am liebsten hätte ich ihm just in diesem Moment das Ganze unter die Nase gerieben, aber dies wäre höchst unangebracht gewesen.

    Dass ich eine extrovertierte Person war, wurde allen spätestens dann klar, als der Pfarrer mir das Wort übergab und ich sofort loslegte von meiner Tat, meiner Verhaftung, den ersten Wochen und die darauffolgenden Monate zu erzählen. Mal gab es staunende Blicke, mal Gelächter und natürlich auch gelangweilte Gesichter waren zu erkennen. Der Pfarrer musste mich ab einem bestimmten Punkt unterbrechen, da ich sonst wohl noch den ganzen Tag geredet hätte. Die FSJ-ler waren dran, mir Fragen zu stellen. Positiverweise wurde mir oft am Anfang der Fragen mitgeteilt, dass sie meine Tat nicht „sooooo schlimm“ finden würden und sie das Urteil heftig fanden. Auch wenn ich meine Tat nicht klein reden wollte, so erfreute es mich, dass ich hier nicht ins Kritikfeuer geraten war und nicht hart verurteilt wurde – das war meine größte Angst gewesen. Die ersteren Fragen waren absehbar gewesen: „Wird man im Gefängnis eigentlich schwul? Immerhin sieht man nur Männer.“ Das löste Gelächter aus und auch ich musste grinsen: „Also um erstmal klarzustellen, ich bin nicht homosexuell. Und nein, man wird nicht schwul. Ich weiß nicht, wodurch man schwul wird oder ob das in den Genen liegt. Aber ganz ehrlich, ein paar Jahre ohne Frauen wird man es wohl aushalten können. Außerdem gibt es ja noch die Selbstbefriedigung. Der Knast ist kein Ort, in dem Männer zu Homosexuellen transformiert werden.“ Der junge Mann, der mir die Frage gestellt hatte, wollte es genauer wissen und amüsierte sich wohl dabei, den Rest der Truppe zum Lachen zu bringen: „Aber irgendwann gehen einem doch die Fantasien aus? Man weiß doch dann nicht mehr, wie ein Frauenkörper aussieht.“ Ich sah den Pfarrer an und musste bei dem Gedanken, dass die Frage ihm wohl unangenehmer war als mir, schmunzeln: „Ich sag nur Samstagabend um 23:00 Uhr Sport1 – da sind alle Häftlinge still in ihren Zellen und ‚beschäftigt‘.“ Das Gelächter hörte gar nicht mehr auf und da kam schon der nächste junge Mann und knüpfte an die Frage an: „Ist das nicht unangenehm, wenn man die Zellenkollegen dabei sieht?“ Alle hörten aufmerksam zu, die Antwort schien die meisten zu interessieren: „Natürlich ist es das, aber das macht keiner. Das ist auch der Hauptgrund, wieso Einzelzellen bevorzugt werden – damit man eben seine Ruhe hat, wenn man sich selbst befriedigt. Diejenigen, die in Zwei- oder Viermannzellen sind, müssen einen Kompromiss eingehen. Das heißt, dass hin und wieder einer der Zellenkollegen nicht zum Hofgang geht und dafür alleine in der Zelle seine Ruhe hat. Wir wussten immer, dass sich derjenige gerade selbst befriedigt, wenn er auf den Hofgang verzichtete – zumindest in den meisten Fällen traf dies zu.“ Den Gesichtern war zu erkennen, dass die Antwort zwar sinnvoll erschien, doch etwas enttäuschend war. Die Jugendlichen schienen sehr fixiert auf die sexuellen Themen zu sein und es war nur eine Frage der Zeit, bis die ultimative Frage kam: „Wie ist das mit der Seife unter der Dusche?“ Mittlerweile fand ich die Frage bzw. das Klischee so schwachsinnig, dass ich sie am liebsten nicht beantwortet hätte, aber ich wusste noch ganz genau, dass mein erstes Mal unter der Dusche auch von dieser Angst geprägt war: „Also erstens, es gibt eigentliche keine Duschseife, die man fallen lassen kann. Jeder hat ein Shampoo oder eben Flüssigseife. Aber das ist eine berechtigte Frage, ich hatte am Anfang auch große Angst, unter der Dusche vergewaltigt zu werden. Aber die Angst ist total unbegründet. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand einen hoch bekommt, wenn er nicht homosexuell ist. Und diejenigen, die homosexuell sind, werden von den anderen Häftlingen ausgestoßen. Es geht sogar so weit, dass fast alle mit Unterhosen duschen. In Schwäbisch Hall unterteilen sich die Duschen in die der Türken und die der Russen. Während die Russen und Deutschen eher nackt duschen, sind Türken, sowie Kurden und Albaner stets mit Unterhose anzutreffen. Ich muss zugeben, dass ich nun seit gut zwei Jahren nur mit Unterhose geduscht habe und es sich mittlerweile nicht mehr seltsam anfühlt.“ Eine kurze Stille kehrte ein und wurde durch die nächste Frage, diesmal von einem Mädchen, unterbrochen: „Sorry, wenn ich das so sage. Aber du siehst gar nicht aus wie ein Häftling. Ganz im Gegenteil. Ich dachte immer, im Knast sind so Muskelpakete, die tätowiert sind und voll respektlos reden.“ In der Tat entsprachen weder Artjom, noch ich diesem Klischee. „Also ich bin mal ganz ehrlich, das Klischee stimmt und das Bild, dass du von einem Häftling hast, passt auch in den meisten Fällen. Ich bin mal so frech und behaupte einfach, dass der Herr Pfarrer hier uns ausgewählt hat, da wir quasi Vorzeigehäftlinge sind. Ihr habt mit uns die Normalsten aus der Haft bekommen. Ich meine, schaut euch den hier an, der sieht 1000 mal mehr nach einem Häftling aus als ich“ – ich deutete auf einen jungen Mann im Publikum, der von der Optik her in das Klischee passte und alle fielen in ein Gelächter. Die letzten Fragen befassten sich dann mit den weiteren Konsequenzen meiner Tat: „Musst Du das ganze Geld eigentlich zurückzahlen? Das wäre ja total scheiße.“ Ich überlegte kurz und merkte, dass ich mir dazu noch gar nicht viele Gedanken gemacht hatte: „Hmm, das ist eine gute Frage. Die Deutsche Bahn hat nach Rechtskraft meines Urteils drei Jahre Zeit, Zivilklage einzureichen und das Geld von mir zu fordern. Bisher haben sie das nicht getan. Ich hoffe, dass sie es auch in Zukunft nicht tun werden. Aber aktuell habe ich ganz andere Probleme und habe mich noch nicht wirklich damit beschäftigt. Was ich Schlaumeier aber getan habe, ist der Deutschen Bahn einen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Aber um ehrlich zu sein hoffte ich einfach, dass ich damit Sympathie-Punkte beim Gericht bekomme – die haben mich aber sicherlich durchschaut.“ Etwas errötete ich schon, als ich realisiert hatte, was ich da von mir Preis gab. „Und darfst Du noch Bahn fahren?“, wollte sie noch zum Abschluss wissen: „Auch gute Frage. Weiß ich nicht. Wäre aber wirklich blöd, wenn ich die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr nutzen dürfte.“ Gerade als ich dachte, mein Auftritt sei vorbei und der Pfarrer das Wort an Artjom übergeben wollte, fiel ihm eine ins Wort: „Dürfen wir noch wissen, welche Strafe du bekommen hast?“ Ohne weit auszuholen und den Grund der Höhe des Strafmaßes zu erklären, indem ich z.B. nichts von meinen kleinen Vorstrafen erzählte, nannte ich die Zahl: „3 Jahre 9 Monate beträgt meine komplette Strafe. Ich muss jedoch nur 2 Jahre 6 Monate absitzen, da ich als Ersttäter in der Haft bei 2/3 der Strafe entlassen werden darf und der Rest zur Bewährung ausgesetzt wird.“ Wieder fing das Geflüster an, einigen schoss es wie eine Bombe aus dem Mund: „Ohaaaaa, das ist ja mal viel!“ Um ihnen nun kein falsches Rechtsempfinden zu geben, erläuterte ich doch noch, dass die Strafe zurecht war, dass da mehrere Faktoren eine Rolle spielen und sich alles im Rahmen des Strafgesetzbuches bewegt hat. Das war nun ein guter Übergang für den Auftritt von Artjom, dies sah auch der Pfarrer ein und blickte ihn an: „The stage is yours“. Interessant fand ich, dass ich Artjoms Story selber noch nicht gehört hatte.

    Er war genauso alt wie ich und ein Russe, der aber von seiner Ausdrucksweise, Artikulation und auch Auftreten her eher einem Deutschen glich – dennoch hörte man heraus, dass er kein gebürtiger Deutscher war, was man auch unschwer am Namen erkennen konnte. Er saß wegen mehrfachen Einbruchs und erklärte, wie er sich in die Wohnungen und Häuser fremder Menschen begab, in dem er die Fenster aufbrach – was nach seiner Erklärung ein Kinderspiel sei, vor allem wenn die Fenster nur gekippt seien. Es gab nicht viel zu erzählen und sonst referierte er auf meine Aussagen, wenn es um die Haftbedingungen ging. Die FSJ-ler schienen auch nicht weiter zuhören zu wollen und wurden unruhig, eine streckte ihre Hand hoch und wollte wohl eine Zwischenfrage stellen: „Ich finde das total asozial, was Du gemacht hast. Einfach in fremde Häuser einbrechen. Das von deinem Kollegen finde ich auf irgendeine Weise noch ok verglichen mit deiner Tat. Wie kann man nur so drauf sein wie Du?!“ Genau vor so einem Vorwurf hatte ich Angst gehabt und nun musste es Artjom am eigenen Leib spüren – er tat mir etwas leid, aber wir waren eben Kriminelle. Man darf natürlich nicht alle über einen Kamm scheren, aber im Endeffekt war meine Tat weder schlechter, noch besser. Ich wollte mich nicht einmischen, wurde dennoch leicht rot, da die Kritik unangenehm war. Ich musste aufpassen, dass ich später in meiner Freiheit niemandem davon erzählte. Wenn sich alle gegen mich wenden und mich verstoßen würden, wäre das alles andere als gut, zumal ich sicher war, dass ich mich bessern würde bzw. wenn nicht sogar schon gebessert hatte. Noch unangenehmer wurde es, als auch nach seinem Strafmaß gefragt wurde und seine Antwort, die eigentlich nur ein verlegener Seufzer auf die vorherige Frage war. Er nannte ein Strafmaß von zwei Jahren und drei Monaten, und das als Wiederholungstäter. Letztendlich musste er wohl nur 9 Monate absitzen und hatte den Rest auf Bewährung bekommen.

    Der Pfarrer beendete das Gespräch und hielt eine Abschlussrede. Die Verantwortlichen der FSJ-ler bedankten sich bei uns und wir verabschiedeten uns. Auf der Rückfahrt fühlte ich mich erschöpft. Es war nicht einfach, offen mit seinen Fehlern umzugehen – auch wenn ich im Vergleich zu Artjom nicht so viel, oder fast gar nichts einstecken musste. Glücklicherweise lud der Pfarrer uns noch auf ein Essen im griechischen Restaurant ein. Wir freuten uns riesig auf die leckeren und duftenden Speisen: „Wenn die Leute nur wüssten, was für einen Luxus sie mit dem ganzen Essen haben.“ Erwähnte Artjom noch während er ungeduldig seinen Teller aufaß.

    Zurück im Bauernhof angekommen, begegnete mir der nächste Konflikt. Herr Kuhn bat mich schon wieder in sein Büro und erklärte mir, dass ich in der Kanalisation arbeiten müsse. Ich war schockiert. Ich kannte diese Arbeit. Zwei unserer Häftlinge wurden morgens von einem stinkenden Typen abgeholt, der Kanalreiniger war. Den ganzen Tag hatten sie nichts anderes zu tun, als in die Kanalisation zu steigen und irgendwelche Scheiße sauber zu machen – das war bei Weitem schrecklicher als die Tätigkeit auf dem Bauernhof, zumal ich langsam Gefallen daran empfand, im Stall zu arbeiten. Ich wusste ganz genau, wieso Herr Kuhn mich ausgewählt hatte: Ich konnte einfach nie Nein sagen und ich wollte unbedingt studieren. Ein „Nein“ hätte entsprechende negative Folgen nach sich ziehen können. Wollte ich das Risiko tatsächlich eingehen? Ohne etwas zu sagen, ging ich hoch und Herr Kuhn spürte bereits, dass ich wohl etwas Bedenkzeit brauchte. Als ich mich meinem Zimmer näherte, hörte ich bereits das Gelächter der drei Jungs und wurde etwas wütend, dass sie mit allem durchkamen. Als ich das Zimmer betrat kam Luigi auf mich zu, warf seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Mein Freund, du wirst an Silvester mit uns Vodka trinken!“ Ich verneinte und war zudem sauer, dass die wohl Alkohol reingeschmuggelt hatten. Ich musste noch etwas stark bleiben, das waren die letzten Meter. Das Freigängerheim wartete auf mich. Das war das was mich ausmachte, der Wille, um meine Zukunft zu kämpfen. Die Jungs sollten mich bloß aus Allem raushalten. Als der letzte Tag des Jahres nun anstand und wir einige Stunden mit offenen Türen verbringen konnten, bevor wir abends eingeschlossen werden würden, packten die Jungs ihren Alkohol aus und betranken sich. Mir war Silvester nie wichtig gewesen, ich hatte es auch nie gefeiert und sah keinen Grund darin gerade heute das Neujahr zu feiern. Anders erging es den Mithäftlingen eine Zelle weiter, sie hatten es vermasselt: Es war noch nicht sehr viel Zeit verstrichen, seit unsere Türen offen waren, da kam ein ganz lauter Schrei aus ihrer Zelle: „Hilfe! Hilfe! Ich sterbe! Hilfe!“ Ich hatte noch nie einen Mann so laut schreien hören. Er schreite weiter „Mein Arm fällt ab, ich verliere meinen Arm! Hilfe!“ Sein Zellenkollege schien vor Panik auch zu schreien. Schnell standen wir alle auf und rannten in die Zelle. Beide lagen auf dem Boden aber es war kein Blut oder dergleichen zu sehen. Tarik lachte: „Die Idioten haben Spice genommen.“ Keine Sekunde später kam Herr Kuhn und ein weiterer Beamte, sie schlossen uns sofort in unsere Zellen ein.

    Im Laufe der Nacht hörte ich die Schreie immer noch, bis irgendwann mehrere Fußstapfen zu hören waren, Stimmen der Beamten und schließlich, es war noch nicht Neujahr, da waren die Schreie der beiden Mithäftlinge plötzlich weg.

    „Frohes Neues, Bro“, Tarik drehte sich um und schlief wie ein großer Bär ein.

    „Frohes Neues…“
    Geändert von Chegwidden (31.03.19 um 16:25 Uhr) Grund: Begründung: Begrünung :)

  3. #453
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 72 - Meine Mutter

    Spoiler: 

    Die Kühe feierten kein Neujahr, für uns gab es also keinen Urlaub. Das neue Jahr ging unspektakulär los, wir arbeiteten und ich befand mich erneut in einer Bewerbungsorgie. Die Hochschule Ravensburg konnte ich abschreiben, da wurde ich bereits exmatrikuliert, aufgrund einer Falschangabe zu meiner Vorstrafe. Ich fragte mich, ob sie mich angenommen hätten, wenn ich mitgeteilt hätte, dass ich vorbestraft war. Vor diesem Problem würde ich erneut stehen, wenn mich einer der anderen Hochschulen annehmen würden. Hinzu kam noch, dass das Regierungspräsidium immer noch keine Entscheidung bezüglich meines Abschiebeverfahrens gefällt hatte. Die Ungewissheit, ob ich in Deutschland bleiben dürfte, machte mich ziemlich unsicher – ich war zuvor der festen Überzeugung gewesen, dass eine Abschiebung in meinem Falle gar nicht in Betracht käme. Bevor jedoch kein Beschluss da war, durfte ich auch nicht in das Freigängerheim und würde damit womöglich den korrekten Semesterstart im März verpassen. Als würde das alles nicht reichen, erschwerte ich mir das Ganze, in dem ich Herr Kuhn mitteilte, dass ich nicht in der Kanalisation arbeiten würde. Er war überrascht und wollte mich erst davon überzeugen, dass ich das tun müsse, doch mein Widerstand war groß. Mit dem Spruch „Vom Bordstein zur Skyline“ assoziierte ich mittlerweile den Rapper Bushido. Umso verlockender war der Gedanke, dass man später den Spruch „Von der Kanalisation zur Karriere“ mit mir in Verbindung bringen könnte, doch ich entschied mich dann dafür, dass ich auch mit dem Spruch „Vom Knast in die Karriere“ zufrieden war. „Das wird in ihrer Akte vermerkt Herr Ates. Sind Sie sich das im Klaren?“, Herr Kuhn sah mich fragend an. Ich nickte und machte sofort die Fliege, bevor er mich doch noch dazu überreden konnte.

    Jeder Ausgang war eine Steigerung meiner Freiheit, ich gewöhnte mich jedes Mal mehr um den Umstand. Auch diesmal sollte es eine neue Belohnung geben, als hätte ich quasi ein Level abgeschlossen und ein „Item“ freigeschaltet. Ich durfte nach so langer Zeit endlich wieder zuhause, in meinem eigenen Bett schlafen. Also war ich einerseits sehr erfreut, meine Mutter zu sehen, als sie mich zum Ausgang abholte, andererseits aber etwas verwirrt, als ich in das traurige Gesicht meiner Mutter sah. „Was ist denn los Mama?“, fragend saß ich auf der Beifahrerseite, während sie plötzlich nach rechts einbog und wir uns auf dem Parkplatz der Moschee von Schwäbisch Hall wiederfanden: „Wollen wir kurz beten? Das Morgengebet fängt gleich an.“ Es war nur eine Frage der Zeit bis ich wieder mit dem Religionsthema konfrontiert werden würde. Es war in letzter Zeit abgeflacht, aber durch die Freiheit, die ich nun immer weiter bekam, kamen die religiösen Pflichten. Ich wusste noch nicht, wie ich zum Thema Glauben, Religion und dem Islam stand. Wie ein verwirrter, pubertierender Junge, der nicht wusste, wer er war, was er mochte, was seine Ziele waren, seine Wünsche … ich kannte weder mich noch was anderes, außer das einzig wichtige Ziel aus der Haft rauszukommen und ein Studium zu absolvieren, um mich finanziell abzusichern. Ich wusste, dass der Emre, der vor ca. zwei Jahren in die Haft reinkam, nicht der Emre war, der rauskommen würde. Und der Emre, der aus der Haft rauskommen würde, wäre auch nicht ansatzweise wie der Emre, der sich fünf Jahre in der Zukunft befand. In der Haft hatte nicht die Transformation begonnen, sondern die Zerstörung meines bisher existierenden Ichs. Die wahrliche Transformation würde erst nach der Entlassung kommen. Doch heute, genau in diesem Moment, in dem frühen Morgen, auf dem Parkplatz der Moschee entschied ich mich, das bisherige Ich noch einmal leben zu lassen. Noch einmal den frischen Duft der Morgenluft einzuatmen, das Gesicht, die Arme und Füße zu waschen – sich rein zu waschen, um sich vor dem einzig wahren Gott zu ergeben. Heute durfte das bisherige Ich nochmal leben, um zu hören wie sein Jenseits klang: die melancholischen Gebetsrufe durften ertönen in den Ohren, die in letzter Zeit nur Sünde gehört hatten. Wie lange war das schon her? Wie lange schon hatte mein bisheriges Ich das „Allah ist der Größte“ nicht hören dürfen? Ich spürte wie es lebte, mein bisheriges Ich. Spürte die Herzschläge, die sich zum Rhythmus des Gebets bewegte. Ich spürte wie das Herz schlug: „Allah“, „Allah“, „Allah“ – ich spürte, wie sich das Herz opfern wollte, Opfern für Allah, für das Jenseits, für eine perfekte Welt – für den Himmel. Solange war das bisherige Ich eingesperrt gewesen. Böse Gedanken schlugen auf das bisherige Ich ein, warfen es in einen Kerker und ließen es verrotten. Hin und wieder kam aber ein Gedanke und gab dem bisherigen Ich etwas zu essen, es wollte nicht, dass es stirbt – nicht jetzt, nicht wenn das neue Ich noch instabil ist. Und heute, da stand meine Mutter vor dem Kerker und fragte, ob das bisherige Ich raus durfte. „Nur einmal noch“, sagte ich es dem bisherigen Ich, nur um zu sehen, wie er sich völlig dem Gott ergab. All die bösen Gedanken, sie waren fort, all die Zweifel, sie waren fort, all die Ängste, sie waren fort, all die Lebenslust … sie war fort. Sicherheit war da, Hoffnung war da, Freude auf den Tod … war da. Das Morgengebet war kurz, kurz im Vergleich zu den restlichen vier Tagesgebeten. Und so süß war er, süßer als die restlichen vier. Das Gebet war zu Ende, fünf Leute waren sie gewesen. Drei ältere Opas, der Imam und mein bisheriges Ich, das so stark vor Glück strahlte, so dass die restlichen vier ihn mit Bewunderung beschenkten. Bewunderung, das Gefühl hatte ich nie kosten dürfen, nie hatte mich jemand bewundert, an mich geglaubt, nur an ihn, diesem bisherigen Ich – und warum? Weil er schwach war, weil er ein Sklave war, weil er gut gehorchen konnte, weil er das war, was andere wollten, dass er ist. Er war ein Lügner, er hatte mich all die Jahre angelogen, hatte mich eingesperrt – dieser Verbrecher! Aber das war jetzt vorbei, nun war meine Zeit da und er musste weg, ein für alle Mal verschwinden. Doch erstmal durfte er weiter in seinem Kerker verweilen und ich durfte nach Hause, endlich nach Hause, zu meiner Familie und endlich durften sie mich kennenlernen. Und auch Ich war gespannt, die wichtigste Person in meinem Leben kennenzulernen, mich selbst.

    Nach dem Morgengebet machten wir noch einen Halt an der Tankstelle, um zu tanken und Kaffee zu trinken. Meine Mutter hatte mir immer noch nicht gesagt, was los war, weshalb ich sie erneut fragte, ob denn bei ihr alles in Ordnung wäre. So entschieden wir uns an der Tankstelle einen Kaffee zu trinken, nachdem wir den Auto-Tank aufgefüllt hatten. Sie erzählte mir, dass es sehr schwierig mit meinem Vater sei und er mit seiner Art, mit seinem Verhalten und wie er meine Mutter behandle, kaum zu ertragen wäre. Ins Detail ging sie nicht, denn ich wusste genau was Sache war. Meine Mutter hatte in den letzten Jahren schon einige Scheidungsversuche unternommen – doch nie kam es dazu. „Schon seltsam diese Welt, Mama. Papa und Du, ihr liebt euch nicht, ich glaube ihr habt euch nie geliebt. Liebe war gar kein Thema in eurer Ehe. Warum seid ihr überhaupt zusammengekommen?“ Das war eine rhetorische Frage, ich erwartete keine Antwort. Einst erzählte mir meine Mutter ihre Geschichte, und wie immer weinte sie dabei. Ich konnte ihren Schmerz fühlen, aber auch ihre Liebe zu dem Wichtigsten in ihrem Leben, ihren Kindern:

    „Ich war 15 Jahre alt als ich in der Türkei, in unserer Heimat, zur Schule ging. Meine Noten in der Schule waren sehr gut, ich war glücklich und voller Lebensenergie. Meine Schwestern hatten alle schon geheiratet. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich drankam. Dass es bereits mit 15 der Fall sein würde, hätte ich mir niemals vorstellen können. Fröhlich in meinen bescheidenen Schulklamotten lief ich die steinigen und sandigen Wege entlang nach Hause und sprang die Stufen runter ins kühle Treppenhaus. Ich konnte es kaum erwarten mit meinem kleinen Bruder raus zu gehen, weshalb ich zwei Stufen auf einmal nahm, um zügig in das 5. Stockwerk zu kommen. Gerade, da hatte ich den letzten Sprung über die zwei Stufen vollendet, da wurde ich überrascht. Mehrere dutzend Schuhe standen vor der Tür. Es war alles dabei, Männerschuhe, Frauenschuhe, Kinderschuhe – Schuhe von älteren Herrschaften. Wir hatten wohl Gäste da. Über den Anlass machte ich mir keine Gedanken. Es war üblich, dass wir ständig Gäste zu Besuch hatten, die dann ihre ganze Verwandtschaft mitbrachten. Ich klingelte an der Tür und ein Vogelgezwitscher ertönte. Dieses Geräusch vermisse ich immer noch, ich mochte es, wenn es bei uns klingelte. Meine Mutter öffnete mir die Tür und wollte, dass ich mich sofort umzog. Ab da an ging alles sehr schnell, ich begriff nicht, was passierte. Ehe ich mich versah, befand ich mich in unserem großen Gästezimmer. Saß neben meinem Vater, neben meiner Mutter und sah vor mir die gegenübersitzende Familie an – die Familie Ates. Da war der kleine Mann, zumindest der kleinste in diesem Raum, er schien das Oberhaupt der Familie zu sein. Seine Frau, sie war dicker, aber viel größer als er, sah mich ständig an. Zu ihrer linken schienen zwei ihrer Söhne zu sitzen – der Altersunterschied dürfte nicht allzu groß sein. Eine weitere, junge Frau, befand sich im Raum – wie ich hörte, die Ehefrau einer der beiden Söhne. Meine Eltern meinten es gut, sie wollten das Beste für mich. Ich bin mir da sicher. Sie konnten es aber nicht ahnen, sie konnten nicht wissen, dass es eine schlechte Entscheidung für ihre Tochter war. An diesem Tag hatten sie allerdings die Entscheidung gefällt, sie übergaben ihre Tochter in die Hände der Familie Ates – weit weg von der Heimat, über die Grenzen hinweg, weg von Familie, weg von Freunden, weg von der Schule … nach Deutschland. Für einen Moment wussten sie nicht mal, welches der beiden Söhne der Single war und um meine Hand anhielt. Dies schien allerdings irrelevant zu sein. Es war womöglich die finanzielle Sicherheit, die sie sich für ihre Tochter erhofften. Mein Leben vollzog sich einer dramatischen Änderung zu. Wie gesagt, es ging alles sehr schnell, viel zu schnell. In Deutschland, da ging es mir nicht gut, ich kannte das Land nicht, kannte die Menschen nicht, kannte die Sprache, die Kultur nicht. Aber ich wollte das Beste daraus machen, ich wollte die Sprache lernen, wollte die Menschen kennenlernen. Euer Vater aber war dagegen mich in eine Sprachschule zu schicken, er erschwerte es mir in Deutschland anzukommen. Eine Ausbildung wurde mir verwehrt, sie hatten sich mit mir eine Hausfrau geholt. Alleine, ohne Freunde, ohne Familie – ich war gezwungen der Familie Ates zu gehorchen. Ich war jung und schwach, ich blieb daheim, wenn es mir so befohlen wurde. Den ganzen Tag verbrachte ich in der kleinen Dachgeschosswohnung mit meinen Schwiegereltern. Es gab zwei Zimmer, eine sehr kleine Küche und ein kleines Bad. Ich verbrachte Tage, Wochen, Monate und Jahre damit zu weinen – weinen vor Angst, weinen vor Heimweh, weinen vor Trauer. Meine Familie konnte ich nicht so einfach anrufen. Das Telefonieren in die Türkei war zu teuer. Euer Vater war die ganze Zeit arbeiten und kümmerte sich nicht um mich. Ich war alleine, alleine bis zu dem Tag als ihr beiden kamt – meine kleinen süßen Zwillinge, mein Herz, meine Seele, meine Lieblinge, meine Lichtblicke, ihr seid das wichtigste in meinem Leben – meine Tochter, mein Sohn. Mit euch wuchs ich auf, mit euch wurde ich stärker, für euch wurde ich stärker. Alles was ich tat, tat ich für euch.“

    Meine Mutter erzählte die Geschichte nicht oft, zweimal hatte ich sie gehört, zweimal hatte ich geweint, zweimal hatten wir geweint. Meine Mutter bedeutete mir alles. Die Abneigung, die ich gegenüber meinem Vater verspürte, kam hauptsächlich davon, wie er meine Mutter behandelte und behandelt hatte. Nun stand ich hier in der Tankstelle mit meiner traurigen Mutter und war so sauer auf mich: „Mama, weißt Du was ich am meisten bereue? Ich habe dich enttäuscht. Du warst all die Jahre für mich da, für deine Kinder. Und was habe ich gemacht? Du brauchst mich jetzt, du hast mich schon viel früher gebraucht – aber ich war nicht da. Ich konnte bisher noch nie in meinem Leben für dich da sein. Mama, ich will endlich für dich da sein. Ich gebe mein bestes. Ich werde studieren, ich wird es in der Regelstudienzeit schaffen, ich werde einen guten Job finden und dann helfe ich Dir Mama. Gib mir bitte noch etwas Zeit.“ Sie umarmte mich: „Ach mein Sohn. Egal was Du gemacht hast. Ich weiß, dass du der liebste und wundervollste Sohn auf der Welt bist. Du bist mein Sohn. Dein Bruder, deine Schwestern und Du – ihr seid meine Familie. Wir schaffen das.“ Wir Kinder standen vollkommen hinter unsere Mutter, ohne zu zögern folgten wir ihr. Wie ein Prophet einem Engel gehorch, so gehorchten wir unserer Mutter. Genau wie an jenem Tag.

    Meine Zwillingsschwester und ich waren in der 7. Klasse auf der Realschule. Meine Noten waren schlecht, meine emotionale Gefühlslage sehr chaotisch. Neben der Pubertät hatte ich noch mit der negativen Stimmung zwischen meinen Eltern zu kämpfen. Die Wochenenden und Ferien verbrachte ich in der Moschee, gefangen – ohne die Möglichkeit wieder zurück nach Hause zu gehen. Freitags nach Schulschluss musste ich schnell nach Hause rennen, mich waschen und mit meinem Vater zum Freitagsgebet. Nach dem Freitagsgebet durfte ich für einigen Stunden wieder nach Hause, um dann abends wieder in der Moschee abgeliefert zu werden. Mit meinem Schlafsack unter einem Arm und dem Koran unter dem anderen Arm schlenderte ich den Eingang der Moschee entlang. Stets blickte ich in die Augen meiner Mutter, meines Vaters, als sie mich dort „absetzten“. Sie sahen die Trauer in meinen Augen nicht. Was ich jedoch in ihren Augen sah war Freude. Sie waren glücklich, dass ihr Sohn religiös erzogen wurde. Ich war mir sicher, sie wollten das Beste für mich. Was an diesen Wochenenden und Ferien passierte, das war eine andere Geschichte – wahrscheinlich wussten meine Eltern nicht einmal, was wir genau taten. Sonntag nachmittags ging es zurück nach Hause und es gab Pizza oder Döner als Belohnung. Ansonsten hatte ich mit meinem jüngeren, schwierigen Bruder zu kämpfen. Ständig ging er mit dem Buttermesser auf uns los, verschwand abends und ich musste ihn aufspüren, zurück nach Hause bringen. „Du musst ein gutes Vorbild für ihn sein!“ befahl mir mein Vater. Ich war ein verzweifelter Junge. Doch dann kam die Rettung in Form meiner Mutter. Ich saß vor unserem ALDI-Computer, als meine Mutter um meine Aufmerksamkeit bat. Sie erklärte mir, dass es zwischen meinem Vater und ihr nicht mehr lief und sie zurück zu ihren Eltern in die Türkei auswandern wolle. Sie fragte mich tatsächlich ob ich kommen würde: „Du würdest deine Freunde, deine Schule und Deutschland aufgeben.“ Ich zögerte nicht, keine Sekunde: „Mama, ich komm mit Dir!“ Meine Schwester und mein Bruder kamen ebenfalls mit. Meine Mutter sprach mit unseren Lehrern, sprach mit dem Schuldirektor. Sie alle hatten Verständnis. Meine Mitschüler bastelten mir Abschiedskarten, sie umarmten mich, einige weinten – noch nie hatte ich soviel Aufmerksamkeit bekommen, nie hätte ich gedacht, dass man mich hier vermissen würde. Es tat weh zu gehen, aber es tat gut anzukommen. Wir waren in der Türkei angekommen und alles was mein Vater daheim auffand, war ein Abschiedsbrief meiner Mutter.

    Wir waren schwach. Wir Kinder, meine Mutter, ihre Familie in der Türkei. Zwei Wochen später war mein Vater da, redete mit meiner Mutter und ihrer Familie. Keinen Tag später nahm er uns alle mit und wir waren zurück in Deutschland. Es hatte sich nichts geändert. Meine Großeltern hatten schon einmal den Fehler gemacht und ihre Tochter nach Deutschland geschickt. Und nun, fast zwei Jahrzehnte später, da hatten sie die Chance alles wieder gut zu machen. Sie hatten die Chance auf ihre Tochter aufzupassen, für ihr Glück zu Sorgen, für die Enkelkinder da zu sein. Aber sie hatten erneut den Fehler begangen, erneut ihre Tochter fortgeschickt. Dachten sie tatsächlich immer noch, dass es das Beste für ihr Kind war? Waren sie wirklich so naiv?

    Nun war ich dran. Ich würde für meine Mutter da sein. Ich umarmte sie. Wir nahmen unsere Kaffeebecher mit, stiegen ins Auto und fuhren schweigend nach Hause, wo meine Geschwister auf mich warteten, wo mein Vater auf mich wartete. Was war es bloß, dass meinen Vater zu dem machte was er war? Er hatte seiner Frau nie Zuneigung zeigen können, nie Liebe seinen Kindern geben können. Er hatte meine Mutter nicht verdient. Er hatte uns Kinder nicht verdient. Er hatte uns einfach nicht verdient … oder?
    Geändert von LadyRavenous (23.06.19 um 17:43 Uhr) Grund: begrünt

  4. #454
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 73 - Babam

    Spoiler: 


    Als meine Mutter und ich endlich daheim ankamen, sprang ich noch schnell unter die Dusche, bevor alle aufstanden. Ich stellte das Wasser auf eine angenehm warme Temperatur und wollte mich gerade in Gedanken verlieren, da fiel mir etwas auf. Ich musste fast laut lachen, als ich sah, dass ich alleine unter der Dusche mit Unterhose duschte. Es war wohl mittlerweile eine Gewohnheit geworden. Schnell zog ich sie aus und warf sie weg, um in meine Gedanken zu versinken.

    Es sind Bilder in meinem Kopf, die so präsent sind wie das Licht, welches meine Augen einsaugen. Bilder in meinem Kopf die sich zu Erinnerungen formen. Erinnerungen an meine Kindheit, die mich so fühlen lassen. Ein Sohn, voller Verzweiflung. Ein Sohn voller Angst. Ein Sohn voller Wut … voller Hass. Wieso fühlt ein Sohn solch negative Gefühle gegenüber seinem Vater, sein Fleisch und Blut? Meine Gedanken hatten sich stets auf mich konzentriert. Wie ich mich fühlte, wie ungerecht alles war und wie ich nach Mitleid schrie. Stets sah ich mich in der Opferrolle, der Schuldige war doch mein Vater.

    Das Gefühl daheim zu sein fühlte sich gut an. Weg vom Besuchsraum, weg von den kahlen Wänden, von den fremden Mithäftlingen. Endlich war ich daheim, in unseren eigenen vier Wänden, bei meiner Familie. Diese Wärme ist unbeschreiblich. Alle Menschen fühlten den Drang danach einer Gruppe zuzugehören, ein gemeinsames Ziel zu haben, eine gemeinsame Art des miteinander Lebens – ein Team. Mein Team, das war meine Familie. Gemeinsam lebten wir das Abenteuer Leben und versuchten alles Mögliche, dass es der Familie gut geht. Meine Mutter war stets für ihre Kinder da. Meine Zwillingsschwester war stets für mich da. Ich war für Cem da. Wir waren alle für die kleine da. Und unser Vater? War er wirklich für uns da? Und vor allem, wer war für ihn da?

    Traurig, ich wusste kaum etwas über die Jugend meines Vaters. Ich hatte nie gefragt. Er hatte nie davon erzählt. Aber einiges wusste ich dennoch. In einem sehr kleinen Dorf in der Türkei, weit über die Grenzen Deutschlands weg, über die Balkanländer und weiter als Istanbul – im Herzen Anatoliens, genau dort wurde mein Vater geboren. Er hatte drei ältere Brüder und eine ältere Schwester – somit war er der Jüngste im Team, der Neue. Nun war er da, in einem Dorf, wo Männer das Sagen hatten und Frauen … nicht. In solch einem Fall scheint die Vaterfigur eine enorm wichtige Rolle zu spielen. Mein Vater wuchs ohne Vater auf. Nicht, weil sein Vater verstorben war, nicht, weil seine Eltern geschieden waren, und auch nicht, weil sein Vater im Gefängnis war. Mein Vater stellte sich sicherlich ab einem bestimmten Alter zum ersten Mal die Frage: „Wieso ist Papa nicht da?“ Für seine Mutter war die Frage womöglich einfach zu beantworten: „Naja, uns geht es hier nicht so gut. Dein Vater ist in Deutschland, damit er dort viel Geld verdient und es uns schickt, damit wir hier gut leben können.“ Ob diese Antwort verständlich für meinen Vater war? Und angenommen, er hätte es verstanden, dass sein Vater ihn alleine gelassen hatte, um Geld zu verdienen – würde er es auch nach 18 Jahren des Aufwachsens ohne Vater immer noch verstehen? Vielleicht war die größte Lehre, die er von seinem Vater bekommen hatte, die, dass finanzieller Wohlstand für die Familie wichtiger ist als die Familie selbst.

    „Ein richtiger Bengel war dein Vater. Er ist nie still geblieben, stets hat er Mist gebaut und war noch stolz darauf. Dein Vater ist genauso wie Cem. Er war das schwarze Schaf unter den Geschwistern.“, erzählte mir meine Oma einst, als sie zu Besuch war. Sie liebte meinen Vater, egal wie frech er gewesen war. Ich weiß nicht viel darüber, was mein Vater in seiner Kindheit durchgemacht hat. Aber es schien, als hätte er eine schwierige Kindheit gehabt. Da waren Geschichten über Onkels, die ihn verprügelt hatten, politische Aktivitäten, die ihn für einige Tage in die Zelle brachten und er von Polizisten Prügel einstecken musste … Geschichten über die unfaire Behandlung der Kinder. Mein Vater blieb stets leer aus, seine Geschwister wurden bevorzugt. Irgendwann landete die ganze Familie in Deutschland, nur zwei meiner Onkel blieben – nämlich der, dem es gut ging, der das Studium finanziert bekommen hatte, einen Juwelier-Laden vom Vater bekommen hatte, der Verheiratete, dem Ältesten der Brüder. Und auch der mit sieben Jahren verstorbene Onkel blieb.

    Die Schwester meines Vaters heiratete einen Imam aus Österreich und zog entsprechend dorthin. Der ältere Bruder heiratete aus der Umgebung, in der auch seine Eltern und mein Vater wohnten. Und so kam es, dass mein Vater eine junge Frau aus der Türkei heiratete und nach Deutschland, zu seinen Eltern holte. Meine Mutter war nun da für ihn, meine Oma war da für ihn – und mein Opa? Nun, er war da – aber nicht für irgendjemanden. Er war da, damit meine Oma für ihn da sein konnte. Er war da, damit mein Vater für ihn da sein konnte. Somit hatte mein Vater nie eine Vaterfigur gehabt. Und er war dabei eine Familie zu gründen, und somit eine Rolle einzunehmen, die er nicht kannte – die er womöglich mit negativen Gefühlen verband.

    Doch eines hatte er wohl gut gelernt. Geld verdienen, sparen und anlegen. Meine Mutter hatte uns Zwillinge frisch bekommen und trotz dessen oder wegendessen arbeitete mein Vater rund um die Uhr. Tagsüber war er am Band und baute Autos, nachts fuhr er Taxi und an Wochenenden ging er anderen Nebentätigkeiten nach – er war ein Arbeitstier. Er legte mehrere Sparkonten an, schloss Lebensversicherungen und Rentenversicherungen ab, kaufte Staatsanleihen, kaufte vorausschauend, in dem er Sonderangebote nutzte – ein richtiger Sparfuchs. Er kaufte Eigentumswohnungen, legte in Aktien an und investierte in Geschäftsideen – ein intelligenter Anleger. Da blieb ihm nicht viel Zeit für seine Familie übrig. Meine Mutter, meine Geschwister und ich kapselten uns immer mehr von meinem Vater ab. Wenn er arbeiten war, waren wir glücklich, locker drauf und konnten uns frei in der Wohnung begeben. War mein Vater zurück von der Arbeit, herrschte eine angespannte Stimmung – jedes Wort hätte gegen einen verwendet werden können. Mein Vater nutzte seine Freizeit, um seine Frau und seine Kinder zur Rede zu stellen. Stets erklärte er, wie gut er sei, was er alles für die Familie tue und wir alles ausnutzen würden, keinen Beitrag zur Familie leisten würden, wir ihn aussaugen würden. Er wollte es unbedingt. Er wollte die Anerkennung, die er endlich verdient hatte. Was war denn so schwer ihn als guten Vater wahrzunehmen, ihn zu respektieren und zu lieben? Warum taten seine Kinder dies nicht? Mein Vater tat nur das, was er von seinem Vater gelernt hatte: Finanzieller Wohlstand für die Familie ist wichtiger als die Familie selbst. Er hatte ein Vermögen aufgebaut und er war ziemlich gut darin. Diese Anerkennung hatte er verdient. Doch zu welchem Preis? War es die Familie wirklich wert? Zwischenmenschlich hatte er seine Kinder und seine Frau regelmäßig schlecht behandelt. Er schrie seine Kinder an, drohte seiner Familie, stand wegen schlechten Noten kurz davor handgreiflich zu werden, versprühte Hass und Wut gegenüber seiner Frau.

    Mein Vater konnte keine Liebe geben, nicht als Vater, doch als Sohn. Er tat alles für seine Eltern. Er war für seine Eltern da, als kein anderer da war. Keiner der Onkel, keiner der Tanten und vor allem keiner der Geschwister. Mein Vater nahm noch das bisschen Liebe und Anerkennung von seinen Eltern mit, was noch für ihn noch übriggeblieben war. Mein Vater war Opfer und Täter zugleich gewesen. Ich wollte nicht auch Opfer und Täter zugleich sein. Sollte ich etwa für meinen Vater da sein und ihm die Anerkennung schenken, die er sich so sehr von seinem Sohn wünschte?

    Dabei wollte ich es doch selber. Ich wollte die Anerkennung meines Vaters. Ich wollte ihn stolz machen. Ich war aber zu schwach dafür, genau wie er. Eines der größten Erfolge eines türkischen Kindes war zu meiner Zeit das Erlangen des Abiturs. Wenn Du nach der vierten Klasse für das Gymnasium empfohlen wurdest, dann warst Du jemand. Schnell sprach sich das unter den Türken rum: „Der Sohn von dem und dem geht auf das Gymnasium!“, „Ich wusste die sind sehr intelligent die Kinder“, „Masallah! Insallah werden unsere Kinder auch so.“ … Wie gerne wollte man dieses Kind sein. Wie gerne wollte man seine Mutter stolz machen, wenn ein Dutzend Frauen zu Besuch kamen und das Tratschen los ging und jeder ihren Sohn bewunderte. Wie gerne wollte man dafür sorgen, dass der eigene Vater erhobenen Hauptes durch die Straßen marschiert und alle türkischen Männer ihn bewundern. Damals war das ein Wettbewerb zwischen den Familien. Die ahnungslosen Kinder machten mit. Unter diesem Aspekt war ich stolz auf mich, dass ich trotz meiner schwierigen Kindheit und meinen Problemen irgendwie das Abitur bestanden hatte. Das war der größte Erfolg, den ich in meinem bisherigen Leben genoss. Die ganze Familie machte sich schick und wir fuhren zu meiner Abschlussfeier. Nach und nach wurden die Abiturienten aufgerufen, manche mit Belobigung, manche ohne … so wie ich. Aber dennoch, mein Name ertönte! Und ich nahm voller Freude meine Urkunde entgegen. Es war einer meiner schönsten Momente und ich war mir sicher, dass mein Vater stolzer nicht sein konnte. Nach der Feier saßen wir alle im Auto und überraschenderweise hatte mein Vater vorgeschlagen auswärts zu essen, in einem Restaurant. Mein Grinsen war breit auf meinem Gesicht zu sehen und so breit es war, so schnell konnte es auch ganz klein werden. Die Verkehrsampel schaltete auf grün und mein Vater fuhr gerade an, als er in den Rückspiegel blickte und mich ansah: „Das nächste Mal bringt mich zu so einer Veranstaltung nur dann, wenn ihr auch eine Belobigung bekommt.“ In diesem Moment zerbrach etwas, was ich so schnell nicht wieder zusammenflicken konnte.

    Diese Gedanken verfolgten mich das Wochenende über. Ich aß gemeinsam mit meiner Familie, wir konnten endlich über meine Haft lachen, konnten glücklich sein, konnten nach vorne blicken – es war Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Das Gefühl Familie konnte ich an diesem Wochenende intensiv spüren. Es war der Sonntagmorgen, ich hatte auf meinem weichen Bett geschlafen wie ein Stein und wachte im Morgengrauen ausgeschlafen auf. Wieder hüpfte ich unter die Dusche und genoss das komplett nackte duschen. Meine ganze Familie schlief noch wie kleine Schäflein, während ich es mir im Wohnzimmer gemütlich machte. Einige Minuten später tauchte plötzlich mein Vater auf. Ich war verwirrt. Es war noch viel zu früh, so wie ich meine Familie kannte, müssten sie noch mindestens drei Stunden schlafen. Ich hatte wohl meinen Vater geweckt oder er kam absichtlich, um ein privates Gespräch mit mir aufzusuchen. Er fing an zu reden. Es schien wohl ein wichtiger Moment für ihn zu sein, dass ich endlich ein Wochenende daheim verbringen konnte. Er brachte seine Freude zu Preis. Das war selten für mich und ich wusste nicht, was ich dabei fühlen sollte. Es fiel mir stets schwer positive Gefühle mit meinem Vater zu verbinden – sie waren mir so unbekannt, ich hatte Angst davor. Nun saß mein Vater vor mir und versuchte dieses unbekannte Gefühl in mir auszulösen. Doch er sorgte, dass es nicht dazu kam. Es war wie früher, nichts hatte sich geändert. Er erklärte, was er nun alles für seine Familie getan hatte, was er vor allem für mich getan hatte und nun … „und nun bin ich allein.“ Mein Vater zog bereits das Taschentuch. Ich war in einer Schockstarre: „Wie meinst Du das Papa? Du bist doch nicht allein?“ Meinen Vater hatte ich selten seine Gefühle ausdrücken sehen und nun beichtete er mir, dass er sich alleine fühlte. „Schau dich doch um? Wer ist für mich da? immer sagt ihr ich sei böse, ihr würdet Angst vor mir haben, ich würde schreien und sei geldgierig. Aber wer ist denn für mich da? Ich mach das alles für die Familie, nur damit es euch besser geht. Aber wer schaut, dass es mir gut geht?“ Ich vergaß stets, dass mein Vater tränen vergießen konnte. Es passierte so selten. Ich hatte ihn mit diesem Mal nun drei oder vier Mal weinen sehen.

    Meine Grenzen konnte ich selten überschreiten. Ich war der Mensch, der sich gerne in der Komfortzone behielt. Doch das sollte sich ändern, das hatte ich mir in der Haft vorgenommen. Dass ich so früh bereits einer meiner größten Grenzen übersteigen würde, hätte ich nicht erwartet. Ich teilte ihm etwas mit, nicht weil er es verdient hatte zu hören, sondern, weil ich dadurch auf Besserung hoffte: „Ich bin für dich da Baba.“
    Geändert von LadyRavenous (02.07.19 um 20:14 Uhr) Grund: begrünt

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