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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #426

    Re: Mein Hafttagebuch

    Sorry bin nur Konsument, daher keine Ahnung was gute Anbieter sind

  2. #427
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Schrenk

    Viel Spaß beim Konsumieren des nächsten Kapitels

    Kapitel 65 - Der "halb-offene" Vollzug


    Spoiler: 


    Das Innere des Gebäudes sah überhaupt nicht nach Haftanstalt aus. Die Außentür hatte nicht einmal eine zusätzliche Sicherung. Als ich im Flur stand, sah ich schon ein paar Leute hin und her laufen, womöglich Häftlinge – man sah es ihnen jedenfalls nicht an. Zu meiner Linken befand sich ein Büro, in welches ich hineingeführt wurde. Die zwei Beamten, die mich hergefahren hatten, machten sich nach der Dokumentenübergabe unverzüglich aus dem Staub.

    „Ates?“, fragte einer der zwei Beamten, die auf ihren Bürostühlen saßen und mich begutachteten. Als wollten sie sicher gehen, dass es sich bei mir tatsächlich um die Ware handelte, die sie „bestellt“ hatten – waren sie vielleicht enttäuscht? Ich bejahte. Die zwei Beamten machten einen skurrilen Eindruck. Während der eine so schien, als würde er die Welt um sich gar nicht wahrnehmen und als wäre er irgendwie beschwipst, war sein Kollege total fixiert auf mich. Er schaute mich an, als würde er nur darauf warten, dass ich etwas Falsches sagte, um sich dann auf mich zu stürzen – Es sah auch so aus, als wäre er auf Drogen. Stark leistungssteigernden Drogen. Mit was für Spaßvögeln hatte ich es denn hier zu tun? „Mein Name ist Kuhn und das ist Herr Bertel, wir haben hier das Sagen. Nimm diese Hausordnung und lies sie dir durch. Natürlich hast du dich auch daran zu halten“, ließ der leicht betrunken wirkende Beamte verlauten und bewies mir damit, dass er mich doch wahrgenommen hatte. „Reiniger!“, schrie Herr Bertel und ruckzuck kam ein junger Mann um die Ecke: „Ah, ein Neuankömmling“, meinte er und drückte meine Hand. Ich hingegen war enttäuscht, dass der Reiniger-Job bereits vergeben war. „Wie viele Leute haben wir im Stall?“, fragte Herr Bertel den Reiniger. „Mehr als genug“, war die knappe Antwort. Herr Bertel überlegte ein wenig und fällte eine mich erleichternde Entscheidung: „Bringen Sie Herrn Ates zu der Tarik-Truppe, er soll mit ihnen morgen hoch. Und er soll vorerst mal beim Bernd bleiben.“ Der Reiniger half mir, meine Sachen zu packen und begab sich mit mir in das obere Stockwerk. Der Holzboden knirschte bei jedem Schritt, den ich ging. Ich versuchte, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, da ich auf keinen Fall die dreckigen Wände berühren wollte. „Bernd, das ist dein neuer Mitbewohner“, rief der Reiniger und deutete auf mich. Ich war verwundert, dass er „Mitbewohner“ anstelle von „Zellenkollege“ gesagt hatte. Das Zimmer hatte zu meiner großen Überraschung tatsächlich kein bisschen Zellenflair. Die Fenster waren ohne Gitter, die Tür war weit geöffnet und der eben angesprochene Bernd saß auf seinem Stuhl und spielte an einer Spielekonsole. Ich ging auf ihn zu. „Mein Name ist Emre.“ Bernd gab mir allerdings nur einen kurzen Handschlag und teilte mir seinen – mir bereits bekannten – Namen mit. Der Reiniger hingegen war interessierter, er fragte als erstes, weswegen ich saß. Beim Erzählen wurde auch Bernd hellhörig. Nachdem ich mit dem Erzählen fertig war, war ich mit meinen Fragen dran und wollte natürlich erst einmal wissen, wie die hiesigen Abläufe aussahen und was ich beachten müsste, vor allem aber wollte ich wissen, wann und wie ich das erste Mal raus dürfte. Der Reiniger erzählte mir, dass es zwei Arbeitergruppen gab. Die einen arbeiteten im Stall, die anderen machten andere anfallende Tätigkeiten. Welche, würde ich wohl noch am eigenen Leibe erfahren – ich wurde nämlich dem letzteren zugeteilt. Während die Stallarbeiter morgens und abends jeweils 2 Stunden arbeiteten, mussten die anderen ihrer Beschäftigung von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr nachgehen. Die Türen wurden abends um 22:00 Uhr abgeschlossen und morgens um 06:00 Uhr wieder geöffnet. Man durfte wohl einiges mehr besitzen, als in der geschlossenen Anstalt, jedoch würde auch hier striktes Handy-Verbot herrschen. Die ersten 4 Wochen würde ich nicht in den Ausgang dürfen, in dieser Zeit war es allerdings erlaubt, im 2-Wochen-Rhythmus Besuch empfangen. Auf keinen Fall – so waren sich beide einig – sollte ich vergessen, einen Antrag auf meinen ersten Ausgang zu stellen, denn nur dann würde dieser bewilligt werden können. Und ohne Antrag gab es auch keinen Ausgang. Meine ersten zwei Ausgänge würden nur 5 Stunden gehen und ich dürfte diese nur mit meiner Bezugsperson führen – optimal wäre es, wenn der Ausgang in Schwäbisch Hall stattfände. Beim dritten Ausgang dürfte ich für 12 Stunden raus und gegebenenfalls sogar nach Hause. Beim vierten Ausgang wäre es dann erstmals möglich, dass ich eine Nacht daheim verbringe und anschließend wäre mein letzter und fünfter Ausgang eine 2-Tages-Übernachtung bei meiner Bezugsperson. Wenn alles glattging, dürfte ich danach in das Freigänger-heim. Was Lebensmittel anging, durfte ich von meinen Ausgängen nichts mitbringen, alles müsste wie gewohnt über den Einkaufszettel stattfinden und auch zu den entsprechenden Preisen und der entsprechenden Auswahl an Lebensmitteln.

    Ich machte mich im Zimmer breit und legte mich erst einmal zur Entspannung hin, während ich Bernd beim Spielen zusah. Ich fühlte mich schon ein großes Stück freier. Hier schien alles viel lockerer zu laufen, woran ich mich sicherlich schnell gewöhnen würde. Ich spürte ein wohles Gefühl im Magen, als hätte ich soeben Adrenalin ausgeschüttet und würde mich anschließend wieder beruhigen. Ich nahm den Geräuschpegel aus dem Fernseher immer weniger wahr und spürte den langsamen Rhythmus meines Herzschlags. Ich musst leicht grinsen, als ich realisierte, wie weich die Matratze war, auf der ich mich breit gemacht hatte – ganz anders, als jene in der geschlossenen Anstalt. Ich begann irgendwie zu schnurren, ich gab ein Geräusch von mir, das sich langsam aber sicher zu einem ausgewachsenen Schnarchen entwickelte. Mein Körper war im absoluten Ruhemodus angekommen und ehe ich mich versah, tauchte ich in die Traumwelt ab.

    „Digger Emre, wieso bist Du wieder zurück?“, fragte mich Savas. Mir ging es sehr schlecht und Savas war am Grinsen, er sah aus, als würde er gleich in ein schadenfrohes Lachen ausbrechen. „Ich habe doch damals auf Wunsch des Albaners dem einen Typen etwas Kleines mitgegeben…Das waren wohl Drogen, und er wurde erwischt und hat mich verpfiffen. Ich musste dann wieder zurück in den geschlossenen Vollzug.“ Savas begann tatsächlich zu lachen und beschimpfte mich als einen Idioten. Ich stand vor meiner Zelle und richtete meinen Blick auf die massive Tür. Meine Angst davor, dass diese sich gleich vor meinen Augen schließen würde, lähmte mich.

    Ich schreckte auf, mein Herz raste. Es war niemand im Zimmer. Einige Zeit verging, bis ich realisierte, dass ich geträumt hatte und mich in Comburg befand. Der kurze Moment, in dem ich mir nicht bewusst war, was Realität und was Traum war, hatte einen leichten Schwindel in meinem Kopf hervorgerufen. „Mittagessen!“, eine Stimme vom unteren Stockwerk ertönte – es klang wie jene von Herrn Kuhn. Ich ging kurz zum Waschbecken, machte mich frisch und wollte gerade hinuntergehen, da stand Herr Kuhn vor meiner Zimmertür: „Herr Ates, kommen Sie nach dem Mittagessen in mein Büro.“ Ich nahm dies zur Kenntnis und machte mich auf den Weg in den Aufenthaltsraum, der sich im unteren Stockwerk befand. Herr Kuhn schien die anderen Häftlinge aufzuwecken – dies betraf wohl vor allem die Stallarbeiter, die heute morgen draußen gewesen waren und sich nun hingelegt hatten. Etwas enttäuscht war ich schon, als mich auch hier nur die übliche Häftlings-Mahlzeit erwartete. Ich setzte mich an einen großen und nahezu leeren Tisch, es war bisher nur der Reiniger da. Nach und nach kam der Rest, einige von Ihnen hatte ich schon einmal gesehen, sei es in der U-Haft oder in der Strafhaft. Wir gingen die übliche Begrüßungsprozedur durch, während wir aßen und an einem Röhrenfernseher Musik auf VIVA lief. Als ich gerade fertig mit dem Essen war, betrat ein Trio in Arbeitsklamotten den Aufenthaltsraum. Zwei von ihnen kannte ich, den Türken Tarik und den Italiener Luigi. Tarik war groß gebaut und braun gebrannt. Luigi war, typisch italienisch, etwas kleiner, dennoch recht gut gebaut. Beide sahen nach typischen „Gangster-Kanaken“ aus. An meinem ersten Tag in der Strafhaft sollte ich damals zu einem Araber in die Zelle kommen und meine Schuhe ausziehen. Sie hatten mich nach meiner Tat gelöchert und genau zwei von Ihnen waren Tarik und Luigi gewesen. Den dritten in ihrem Bunde kannte ich nicht, doch er passte in das Gesamtbild gut hinein. Er stellte sich als Hassan vor, er war wohl ein Libanese. Ich kam mit den Dreien ins Gespräch, sie hatten bereits mitbekommen, dass mit mir nun aus dem Trio ein Quartett werden würde. Sie schienen weder erfreut noch verärgert ob dieser Tatsache zu sein. „Bist Du sauber?“, fragte mich Tarik. „Sauber? Also in Sachen Hygiene? Ich denk schon.“ Gegelte Haare hatte ich nicht, auch keinen perfekt rasierten Bart – mal abgesehen davon, dass ich ohnehin wenig Bartwuchs hatte – doch er fragte ja auch nicht, ob ich stylisch war, sondern hygienisch. Dennoch war allen klar, dass ich rein äußerlich das coole Image vom Trio zerstörte. Luigi und Tarik führten ein äußerst spannendes Gespräch, in dem ich wohl eine große Rolle spielte – ich versuchte, dennoch nicht zu lauschen und auch nicht darauf einzugehen. Luigi wandte sich mir zu: „Bist du gerade bei Bernd im Zimmer? Willst du wechseln?“ Luigi sah so aus, als würde er mich gleich abstechen. Ich bejahte die erste Frage und hatte zu der zweiten eine Gegenfrage in petto: „Warum wechseln? Und wohin?“ Tarik griff ein: „Ich bin gerade alleine im Zimmer. Habe keine Lust, dass die irgendeinen Schmock bei mir reinstecken. Deswegen kannst du zu mir.“ Ich sollte mich wohl geehrt fühlen und wusste nicht genau, was ich antworten sollte: „Geht das denn so einfach?“ Tarik überlegte auch kurz: „Ja, ich kläre das. Aber lass uns erst mal so verbleiben. Vielleicht kommt in nächster Zeit keiner mehr. Bleib vorerst beim Bernd.“ Ich war erleichtert, Bernd schien mir ungefährlicher als Tarik. Es war mir sowieso ein Rätsel, wie jemand wie Bernd in die Haft kommen konnte.

    Ich machte mich sofort auf den Weg ins Büro: „Herr Kuhn, Sie wollten, dass ich vorbeikomme?“ Er befahl mir, mich zu setzen und wies auf den ihm gegenüberliegenden Platz. „Ich habe mir Ihre Akte durchgelesen. Damit Sie Bescheid wissen: Sie können nicht in das Freigänger-heim, solange kein Beschluss vom Regierungspräsidium über ihre Abschiebung vorhanden ist. Kümmern Sie sich also darum. Ansonsten müssten wir noch Bezugspersonen festlegen. Haben Sie eine Freundin?“ Ich verneinte und machte mir zugleich Sorgen wegen des Beschlusses, den ich total verdrängt hatte. „Wie ich sehe, haben Ihre Eltern Sie regelmäßig besucht. Sollen wir die beiden als Bezugspersonen nehmen?“ Ich bejahte und fragte zugleich, was dies denn für mich hieße. „Die Bezugsperson muss Sie stets abholen, wenn Sie in den Ausgang gehen. Während es Ausgangs haben Sie stets bei der Bezugsperson zu sein. Wir rufen Ihre Bezugsperson auch an und fragen nach Ihnen“, erklärte mir Herr Kuhn. „Das ist kein Problem“, erwiderte ich glücklich. Der Gedanke an die Ausgänge erfreute mich, und es war selbstverständlich für mich, dass ich diese Zeit mit meinen Eltern bzw. meiner Familie verbringen würde. Ich durfte noch mit dem Festnetztelefon im Büro meine Mutter anrufen und ihr mitteilen, dass ich in Comburg war. Wir machten auch sofort einen Besuchstermin aus. Obwohl ich in den ersten vier Wochen nicht in den Ausgang durfte, war es mir dennoch erlaubt, alle zwei Wochen Besuch zu empfangen. Ich bedankte mich bei Herrn Kuhn. „Der Reiniger bringt Ihnen noch Arbeiterklamotten. Dann gehen Sie morgen arbeiten“, informierte er mich noch, bevor ich das Büro verlassen konnte.

    Tarik und seine Truppe hatte sich wieder an die Arbeit gemacht und befand sich außerhalb des Hauses – so, wie es den Anschein machte, sogar ohne Aufsicht. Ich gesellte mich zu den übrig gebliebenen Häftlingen in dem Aufenthaltsraum. Es gab, wie üblich, übertriebene Geschichten, gelogene Geschichten, langweilige Geschichten – aber vor allem überdurchschnittlich viele Flüche. Doch alles in allem schienen die Häftlinge hier viel besser drauf zu sein, es herrschte zu keinem Zeitpunkt eine übermäßig deprimierte Stimmung, keiner hatte mit nur einem Wort seinen Anwalt erwähnt. Es herrschte Harmonie in diesem Haus. Nach einigen Stunden musste auch der letzte Häftling das Haus verlassen und im Stall arbeiten gehen. Zwei Stunden lang würde ich meine Ruhe haben, außer mir war nur der Reiniger da. Ich nutzte die Gelegenheit, um unter die Dusche zu springen. Mit meinem Handtuch und Shampoo in den Händen ging ich in Richtung Dusche, wobei ich dabei einen Umkleideraum durchqueren musste. Als ich mich im Umkleideraum befand, wurde mir plötzlich übel. Es war ein sehr intensiver Gestank von Fäkalien in der Luft. Wie konnte es in einer Umkleide nur so bestialisch stinken? Was war bloß in den Spinden drin? Schnell huschte ich in den Duschraum und zögerte keine Sekunde damit, das duftende Shampoo auf meinen Haaren zu verbreiten. Ich überlegte kurz, ob ich meine Unterhose ausziehen sollte, immerhin war niemand da. Während meiner ganzen Haftzeit hatte ich stets mit der Unterhose geduscht, doch so ganz traute ich mich dann doch nicht, mich komplett zu entblößen.

    Der Abend verging ruhig und mit dem Einschluss um 22:00 Uhr schlief ich auch sofort ein. Mit Bernd hatte ich keine großen Gemeinsamkeiten gefunden, weshalb sich unsere weiteren Gespräche in Grenzen hielten. Morgen würde mein erster Arbeitstag mit den Jungs anstehen, und ich war aufgeregt, was die nächsten Monate mit sich bringen würden.

    Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass meine Pläne, die ich in dieser Nacht schmiedete, sich sehr bald als für die Katz herausstellen würden.
    Geändert von Metal_Warrior (19.06.18 um 23:57 Uhr) Grund: Darum lieb ich alles was so grün ist...

  3. #428
    Para La Santa Muerte Avatar von Propaganda
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Auch wenn das sicherlich gut für dich war, bin ich ein wenig enttäuscht, keine wirklichen Knastgeschichten mehr lesen zu können. Werde aber bis zum Schluss weiterlesen, versprochen.
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  4. #429

    Re: Mein Hafttagebuch

    Knastgeschichte ? ich würde mal eher sagen, Märchenbuch.
    die Realität sieht anders aus !

  5. #430
    Boardgrieche Avatar von Cybergreek
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von xanadu Beitrag anzeigen
    Knastgeschichte ? ich würde mal eher sagen, Märchenbuch.
    die Realität sieht anders aus !
    Erzähl mehr von der Realität...

  6. #431
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von Cybergreek Beitrag anzeigen
    Erzähl mehr von der Realität...
    Ich richte extra für ihn auch ein eigenes Topic ein... man kann nie genug von der Realität erfahren...
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  7. #432
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Gibt Plenken Knast?
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  8. #433
    Hat sich hochgeschlafen-

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    Re: Mein Hafttagebuch

    Plenken und BeSure anblöken gibt Kruppstahldildo unpoliert und ohne Vaseline. Ist schlimmer, als nach Seife bücken. Kennt er. Aus der Realität

  9. #434
    Para La Santa Muerte Avatar von Propaganda
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @xanadu:

    Ich saß selber mal ein und kann sagen, daß BeSure mit Sicherheit keinen Mist schreibt. Was er schreibt, kann nur jemand wissen, der eben schonmal im Knast war.
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  10. #435

    Re: Mein Hafttagebuch

    Hallo Herr Ates wo sind sie denn?
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  11. #436
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @T_Low_Benz:

    Nicht wieder im Knast :P

    Hatte die Webseite kurz aus dem Netz genommen, ist aber wieder online.
    Bezüglich neuer Kapitel dauert es wahrscheinlich noch ein wenig. Ich sitze aktuell an meiner Bachelor-Thesis.

  12. #437

    Re: Mein Hafttagebuch

    Also ich bin kein Student aber langsam.sollte ein neues Kapitel kommen schaue mittlerweile der Zeit wegen nur noch direkt hier rein und hoffe auf neues lass dir Zeit aber vergiss uns nicht

  13. #438
    Defender of Freedom

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    Avatar von Metal_Warrior
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @T_Low_Benz: Wenn er grad seine Bachelorarbeit schreibt, wird das wahrscheinlich vor Oktober nix werden...
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  14. #439
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Es gibt doch eine Benachrichtigungsmöglichkeit per Email für neue Posts. Da sind dann 10 Nachfragen vor einem neuen Kapitel dabei, aber verpassen tut man nix.
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  15. #440
    Cryptroll Avatar von Trolling Stone
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Mir reicht das Kontrollzentrum.
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  16. #441
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    Re: Mein Hafttagebuch

    So wie ich es verstanden habe, kommt er momentan nur ins Board wegen dieses Threads. Da fällt das Kontrollzentrum weg. Wäre ja sogar ein Umweg.

  17. #442

    Re: Mein Hafttagebuch

    Na er hatte mal geschrieben, dass nachfragen ihn motiviert und er sich freut wenn er sieht das neue Kapitel erwartet werden. Das tue ich damit ja nur
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  18. #443
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Metal_Warrior:
    Ja, komme mit der Bachelorarbeit echt nicht hinterher. Habe/hatte echt nicht vor bis Oktober noch ein Kapitel zu schreiben.
    Aber jetzt hat es mich doch überkommen

    @T_Low_Benz:
    Haha, ja! Ich gebe Dir da total recht. Wahrscheinlich hab ich jetzt wieder ein neues Kapitel geschrieben, weil Du hier nachgefragt hast. Vielen Dank jedenfalls dafür! Das motiviert mich echt weiterhin noch!

    Kapitel 66 - Aus der Asche des Phoenix


    Spoiler: 


    Leider hatte ich in dieser Nacht nicht gut geschlafen. Zum einen befand ich mich in einer völlig neuen Umgebung und hatte mich noch nicht an das Zimmer gewöhnt, andererseits hatte Bernd die ganze Nacht hindurch geschnarcht und musste bereits um halb sechs aufstehen, da er im Stall arbeitete und früh auf der Matte stehen musste. Zudem hatte ich ständig die aufregenden Gedanken, was mich heute erwarten würde. Wenigstens konnte ich durch die Abwesenheit von Bernd in Ruhe mein Morgenritual vollziehen – auch, wenn die Tür die ganze Zeit offen war und sich von innen nicht abschließen ließ. Die Toilette war wieder in einer kleinen Kabine, die allerdings mit einer hauchdünnen Trennwand getrennt war, so dass sämtliche Gerüche und Geräusche locker in das Zimmer gelangen konnten. Etwas unangenehm war es schon, abermals die Arbeiterklamotten für Häftlinge zu tragen. Da durfte ich endlich mal wieder mehr Privatklamotten besitzen, und war doch gezwungen, den Tag in der Häftlingsgarderobe zu verbringen. Dies lag wohl daran, dass im Falle einer Flucht die Identifizierung des Flüchtigen in einer einheitlichen Tracht schneller vonstatten geht.
    Im Flur kam mir dann der angenehme Geruch von frischem, warmem Kaffee entgegen und erweckte in mir eine starke Lust darauf. Leider hatte ich weder einen Wasserkocher, noch löslichen Kaffee bei mir. Beides hatte ich meinen Häftlingskollegen in der geschlossenen Anstalt hinterlassen. Das Trio - bestehend aus Tarik, Luigi und Hassan - hatte sich wohl in einem der vielzähligen Zimmer des Bauernhauses, aus dem der wohlige Geruch zu mir zog, zum Kaffee versammelt. Zumindest konnte ich drei Stimmen aus dem Zimmer von Tarik ausmachen. Gerade, als ich mich zum Aufenthaltsraum in das untere Stockwerk begeben wollte, kam Tarik aus seinem Zimmer geschossen. Die Müdigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, jedoch wusste er diese mit gestylter Haarpracht, einem in Form geschnittenen Bart und einer Wolke aus frischem Creme-Geruch gekonnt zu kompensieren: „Ah Emre, ich wollte gerade zu Dir. Hab‘ Wasser gekocht, hol deine Tasse und komm dann zu uns.“ Ich war extrem überrascht ob dieser Willkommensgeste. Gerade Tarik hätte ich das in der Form nicht zugetraut. Voller Vorfreude auf den Kaffee sprang ich in mein Zimmer, griff nach der roten Kaffeetasse, welche mir Kartal geschenkt hatte, und begab mich zu den Jungs. Für einen kurzen Moment schweiften meine Gedanken zu Kartal. Als ich ihn kennengelernt hatte, stand er unter „Besonderen Sicherheitsmaßnahmen“, weswegen ich lange Zeit sein einziger sozialer Kontakt war. Dementsprechend waren wir einander auch enger verbunden gewesen. Es war ein Paradoxon, dass er, so wie viele andere Häftlinge, so nett und freundlich war und man sie alle im Alltag wohl als sympathische Persönlichkeiten eingeschätzt hätte – doch im Endeffekt waren wir alle einmal kriminell gewesen bzw. viele sind es sicherlich noch immer. Mir gefiel der Gedanke, dass die „kriminelle Energie“ nur einen Teil des Menschen ausmachte, quasi eine Macke darstellte und keineswegs den Menschen insgesamt ausmachte. Zumindest erleichterte mich dieser Gedanke in der Hoffnung, dass mich die Gesellschaft künftig trotz meiner „Macke“ akzeptieren würde. Mir wurde bewusst, dass ich gar nicht mehr auf dem letzten Stand war, was die Verurteilung und Revision von Kartal betrafen. Es stimmte wohl wirklich: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Die Tasse erinnerte mich zwar kurz an Kartal, doch das war es dann auch wieder.
    Ich genoss den Kaffee mit den Jungs. Bis auf Luigi war der Rest am frühen Morgen noch nicht sehr redselig. Um acht Uhr würde uns Herr Kuhn zur Arbeit abholen. Luigi redete von deutschen Rappern, von „Haftbefehl“, aber auch von einem „Xatar“, der wohl wegen eines Goldraubs aktuell ebenfalls in Haft saß. Aber er war auch fasziniert von einem „Shindy“, der wohl die Szene, so sein O-Ton, „rasierte“. Von all diesen Künstlern hatte ich zuvor nichts gehört, denn bisher war für mich Deutsch-Rap eher etwas, worin Mütter, Schwestern, einfach Frauen im Allgemeinen beleidigt wurden. Damit konnte ich nichts anfangen. Luigi redete derart viel von der Rap-Szene, dass ich zu dem Schluss kam, dass er selber als Rapper groß rauskommen wollte. Das Image eines Rappers verkörperte er in meinen Augen durchaus, ich war gespannt, wie es wohl um sein künstlerisches Talent stand. Mir gefiel sein Schwärmen, denn auch ich war stets ein Träumer gewesen und verfolgte gerne große und unerreichbar scheinende Ziele. Ich war stets der Meinung, dass man seine Träume verfolgen sollte, bis einen die Realität einholt und wieder zurück auf den Teppich bringt. Von Tarik und Hassan hatte ich noch keine weiteren Informationen, doch würde uns noch genug Zeit bleiben, um einander besser kennenzulernen.
    Meinen Kaffee hatte ich genüsslich hinunter geschlürft und freute mich bei jedem Schluck auf den ersten richtig guten Kaffee, den ich mir in Freiheit gönnen würde. Wenn mir dieser lösliche Kaffee schon schmeckte, wie würde dann ein frisch gemahlener Kaffee mit feiner Crema schmecken? Es waren eben die kleinen Dinge, die einen glücklich machten. Das war ein positiver Nebeneffekt der Inhaftierung. Man – zumindest ging es mir so – begann, die kleinen Dinge im Leben wert zu schätzen. Herr Kuhn riss die Zimmertür auf und grüßte mit einem so lauten „Guten Morgen“, dass sogar der Schläfrigste unter uns davon hellwach wurde. Wir folgten Herrn Kuhn nach unten vor die Eingangstür, gingen schnell in die Umkleidekabine nebenan, um unsere Arbeitsschuhe anzuziehen, als mir wieder dieser widerliche Geruch in die Nase stieg: „Was ist das für ein scheiß Geruch?“, fragte ich in die Runde und verzog dabei angeekelt mein Gesicht. Hassan lachte: „Haha, was glaubst Du denn? Das ist von den Stallarbeitern. Deren Klamotten riechen so krank nach Scheiße. Du kannst echt von Glück reden, dass Du nicht im Stall arbeiten muss. Niemals würde ich dort arbeiten wollen.“ Die anderen beiden bestätigten dies nickend. Ich hätte niemals gedacht, dass Klamotten so extrem stinken können, auch wenn man im Stall arbeitete. Wie musste es dann erst im Stall stinken? Zu allem Überfluss teilte mir Luigi noch mit, dass die Arbeiter selbst ebenfalls total streng rochen und sich einige zwar dann zwei Mal am Tag nach jeder Schicht (morgens und abends je zwei Stunden) duschten, jedoch längst nicht alle sich die Mühe machten, dabei hygienische Sorgfalt walten zu lassen und er das ganz schön zum Kotzen finde. Ich wusste zwar noch nicht, welche Arbeit mich erwartete, aber es schien allemal besser zu sein, als die Arbeit im Stall.
    Herr Kuhn öffnete uns die Tür und ein Mann in „Arbeiterklamotten“ stand vor uns. Er war wohl auch Beamter, jedoch hauptsächlich auf dem Bauernhof tätig und ging keiner typischen Vollzugsbeamten-Tätigkeit nach. Ich war positiv überrascht, als er mich persönlich mit einem Handschlag begrüßte, sich als „Herr Steinhauer“ vorstellte und mich willkommen hieß. Mir gefiel es jetzt schon so gut, ich dachte, es könnte nicht besser werden. Doch dann teilte uns Herr Steinhauer mit, dass er mit dem Traktor aufs Land müsse und wir doch bitte „hoch“ zum Holzhacken sollen. Ich war verwirrt, während die Jungs sich schon schnurstracks, ganz alleine, ohne Aufsicht, ohne Beamten auf den Weg machten. Ich folgte ihnen mit zögernden Schritten, blieb jedoch ab und an stehen und fragte mich, ob das ein Trick ist. „Jungs, wartet mal, wartet mal.“ Die drei waren in ein Gespräch verwickelt und standen kurz vor einem Hügel und wollten diesen gerade hochlaufen, als ich total nervös stehen blieb und sie mich erwartungsvoll anblickten: „Äh, ähm, also, wir gehen jetzt einfach hoch, so ganz alleine?“ Die drei lachten und Luigi antwortete sofort: „Was denkst Du, wo Du hier bist, man? Wir gehen nur hoch zum Holz hacken. Komm mal runter.“ Auf dieses Wortspiel folgten noch etliche Witze über mich, wobei sie sich köstlich zu amüsieren schienen. Mich überwältigte die Situation jedoch sehr, mein Herz hatte schon lange nicht so wild gepocht, das Ganze kam völlig unerwartet, ich war total überfordert. Weiterhin langsamen Schrittes folgte ich den Jungs, als ein frischer Wind wehte, und sich rechts und links von uns Kühe befanden, die friedlich ihr Gras von den Feldern rupften. Der Sonne Strahlen begannen mein Gesicht zu erwärmen, während ich den weichen, moosigen Boden unter mir spürte. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass mich eine Gänsehaut überkam. Die Wärme der Sonne glitt von meiner Haut direkt in mein Herz, in meinem Magen kribbelte es und ich war kurz davor, eine Freudenträne zu verlieren. War dies das Gefühl von Freiheit? Hatte man mir wirklich die Ketten abgenommen und erlaubt, hier eigenständig hochzugehen, da…draußen? In der einen Minute war mein Kopf voller Fragen, voller Sorgen, ein reines Chaos, als würde er gleich explodieren. In der nächsten fühlte es sich so an, als wären all meine Gedanken implodiert und mein Kopf war plötzlich leer. Ich spürte nur noch die Freiheit und genoss den wohl wunderschönsten Augenblick meines Lebens, die wundervolle Aussicht. Ich fühlte mich wie neugeboren – wie ein Phoenix, welcher aus seiner Asche neu auferstanden war.
    Während ich all das durchmachte, liefen die drei Jungs unbeeindruckt weiter den Hügel hoch, sie hatten sich wohl schon an die Lage gewöhnt, oder sie nie als so intensiv empfunden. Ich rief den dreien zu: „Jungs, wartet auf mich!“ Ich grinste, während ich ihnen hinterherrannte. Es fühlte sich an, als würde ich in die Arme meiner Mutter laufen. Ja, irgendwie fühlte sich die Freiheit wie eine Mutter an, die ihren Sohn voller Liebe in ihre Arme schloss.
    Doch wie jede Mutter musste die Freiheit mich noch erziehen und mir zeigen, dass ich eben nicht all das machen kann, was ich möchte. Dass das Leben einem Grenzen setzt, Grenzen, die man nicht überschreiten sollte oder nicht überschreiten kann.

    Geändert von Metal_Warrior (30.08.18 um 13:49 Uhr) Grund: Wo war ich eigentlich beim Singen? Grün...?

  19. #444
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure: Bist du bescheuert? Schreib die doofe Arbeit, Junge, und kümmer dich drum, dass du auch tatsächlich was aus dem Studium in der Birne behältst, nicht so wie die meisten anderen Heinis. Hinterher kannst du immer noch die Aasgeier hier befriedigen
    Für diesen Beitrag bedanken sich Cybergreek, U.S.C.H., KaPiTN, Nerephes
    GCM/IT/S/O d-(--) s+:- a? C++(+++) UL+++(++++)$ P L+++>++++ W++ w@$ M--$ PS+(++) PE(-) Y+(++) PGP++(+++) t+ 5(+) R* !tv b+(++++) DI(++) G++ e+>++++ h(--) y?
    Das Ende ist nahe: Dem Harleyschen Kometen folgt der Gammablitz beim Scheißen.

  20. #445
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Hallo Leute,

    hat wieder eine Weile gedauert bis ich ein neues Kapitel schreiben konnte. Direkt nach meiner Thesis habe ich meine Festanstellung begonnen und musste mich erst einmal an das Berufsleben und den Arbeitsalltag gewöhnen. Abends war ich stets erschöpft und musste anfangs auch viel tun um in die Themen reinzukommen - aber meine Arbeit gefällt mir total, meine Kollegen sind super und mein Vorgesetzter könnte nicht besser sein :P

    #67 - Der Zuhälter

    Spoiler: 



    „Holzhacken“ verstand ich seit jeher als den Inbegriff von reiner Männlichkeit: Eine schweißtreibende Arbeit, bei der Mann viel Muskelkraft bedarf, und Schweißtropfen, die von der Stirn abwärts ihren Weg durch den Männerbart suchen, um schließlich zischend auf dem verarbeiteten Gut zu landen.

    Wahrscheinlich wurde diese Vorstellung von der Erscheinung Luigis noch weiter beeinflusst. Er hatte ein rotes, kariertes Hemd an, und sein Gesicht wurde von einem typisch orientalisch-langen Bart geziert. Meine Erwartungen wurden zu meinem persönlichen Glück nicht getroffen. Ganz im Gegenteil: wir waren vier Männer, und die Arbeit bestand darin, dass abwechselnd zwei von uns kleine Holzstämme auf einen Hubwagen legten, der dritte im Bunde den Wagen zu einer großen Holzhackmaschine fuhr und der letzte musste das Holz nur noch auf die Maschine stellen, um diese dann zu bedienen. Obwohl ich anfangs noch froh um die (im Vergleich zu meiner romantisierten Vorstellung) leichte Tätigkeit war, merkte ich doch so manches Mal, dass die Kälte mir zu schaffen machte, und auch das regelmäßige Anheben von Holzstämmen mit der Zeit doch einem Kraftakt glich.

    Dies war wohl auch der Grund dafür, weshalb wir alle 30 Minuten eine lange Pause einlegten. Im Grunde genommen bestand unser Ziel darin, so viel Holz zu hacken, dass es nach einer großen Menge aussah, ohne uns dabei allzu sehr anzustrengen. Immer, wenn wir im Betonhaus saßen, lauschten die drei anderen auf Traktor-Geräusche. Diese deuteten darauf hin, dass der Beamte kam, um die Lage bei uns abzuchecken. Wir rannten dann immer schnell hinaus, begaben uns in Arbeitsstellung und schmissen die Maschine an. Meist dauerte der Besuch keine fünf Minuten.

    Der Tag zog sich sehr in die Länge, das Holz hacken und die Gespräche über Geld, Drogen, Straftaten und irgendwelche „Was-wäre-wenn“-Träume waren keine sonderlich abendfüllenden Zeittotschläger. Wir saßen alle am Tisch, Luigi hatte heißes Wasser aufgesetzt und Tarik verteilte bereits die Pokerkarten. Ich hatte es mir selbst in der langweiligen Haftzeit einfach nicht zur Gewohnheit machen können, Kartenspiele als Beschäftigung anzusehen. Für mich war das eher eine Qual, und meist machte ich nur mit, damit ich nicht als Außenseiter dastand. Doch kaum hatte ich meine Karten in die Hand genommen, spürte ich plötzlich etwas Warmes und Hartes. Es umschlängelte förmlich mein unteres Bein und ich schreckte – wohl sehr laut – auf. Die anderen drei lachten mich aus, während ich fast die Bank, auf der Tarik und ich saßen, umgekippt hätte. „Was ist mit dir los, Junge?!“, rief Luigi, der, einerseits belustigt, andererseits wohl sehr erstaunt über mein schreckhaftes Verhalten, mich ziemlich perplex anschaute. Als ich auf den Boden blickte, sah ich einen schwarzen Kater, der seinerseits ziemlich süß zurückblickte und zu schnurren begann. „Alter, das ist ja eine Katze!“, rief ich, um meine schreckhafte Reaktion zu rechtfertigen. Zugegebenermaßen war ich nie jemand gewesen, der jemals Haustiere besitzen wollte. Schon von klein auf wurde mir in der Moschee beigebracht, dass Tiere nun mal Tiere sind und wir Menschen uns von diesen triebgesteuerten Wesen unterscheiden (sprich: fernhalten) müssen. Es wurde dabei nicht zwischen Zucht – und Haustieren unterschieden, wobei das Schwein natürlich eine ganz besondere Stellung innehatte. Unser Moscheelehrer bzw. Hoca erklärte uns oft genug, dass in einer Wohnung, in der Haustiere lebten, nicht gebetet werden könne. Die Erklärung lag darin, dass Tiere schmutzig seien, dass überall ihre Haare rumliegen würden und natürlich, dass sie ihr Geschäft überall in der Wohnung verrichteten. Für mich klang das damals logisch, immerhin mussten wir unsere Körper gründlich waschen, bevor wir beten durften – da durfte es nicht an irgendwelchen Katzenhaaren scheitern, dass Gott das Gebet nicht erhören würde. Außerdem hatte ich nicht selten in der Türkei streunende Hunde und Katzen gesehen, denen Ohre, Schwänze und Beine fehlten. Dies beeinflusste mein negatives Bild über diese Tiere natürlich noch weiter. Dabei verkannte ich völlig die Tatsache, dass die wahren „wilden“ Tiere eigentlich wir Menschen waren. Ich fragte einst meinen Cousin in der Türkei: „Hey, wieso haben die meisten Katzen hier nur ein Auge?“ Er war wohl verwundert, dass ich die Antwort nicht kannte: „Die ganzen kleinen Kinder hier haben nichts zu tun und ihnen ist langweilig. Die schnappen sich dann diese Tiere und verunstalten sie. Oft bewerfen sie sie auch einfach mit Steinen.“ Ich war damals durchaus baff, doch wurde mir das so locker rübergebracht, dass ich es nach einer gewissen Zeit als normal ansah.

    Und nun, einige Jahre später, stand diese Katze vor mir und miaute so niedlich, dass mir bewusstwurde, dass meine bisherige Blindheit nicht nur mein Leben umfasste, nein, ich hatte auch die Lebewesen dieser Welt bisher nicht wahrgenommen. Ich war so fixiert darauf gewesen, dass der Mensch das höchste, wertvollste Lebewesen auf der Welt ist und Gott sich nur um uns schert, dass ich die Vielfalt um mich herum nie wahrgenommen hatte. Ich bückte mich zum Kater und streichelte ihn zögerlich, weil es sich zunächst seltsam anfühlte. Dieses sanfte Fell, die weichen Knochen und das Knurren – es fühlte sich wie eine phänomenale, neue Erfahrung an. Ich hatte zwar bisher Katzen gestreichelt, doch nie hatte ich sie dabei als wertvolles Lebewesen angesehen. Seltsam, wie sich so ein Gefühl durch eine Erfahrung schlagartig ändern konnte. Die anderen bekamen von meinen Gedanken nichts mit, und so führten wir unser Kartenspiel fort und begannen mit den Spekulationen über das heutige Mittagessen: „Ey, wenn es wieder nur Grießbrei zum Mittagessen gibt, dreh ich durch“, beschwerte sich Hassan. Er erzählte davon, wie er sich einen saftigen Burger bei seinem letzten Ausgang gegönnt hatte. Ich war so neidisch darauf, dass er schon seinen Ausgang hatte – der Burger war mir egal – ich wollte einfach nur im Freien spazieren dürfen, wohin und wann ich will. Doch musste ich mich wohl noch einige Zeit gedulden. Aus dem Raum nebenan kam erneut ein Miauen und die Jungs standen alle auf. Ich folgte ihnen nach draußen und sah, wie die Katze eine Maus gefangen hatte: „Alter krass, die hat ja `ne Maus gefangen und der die Kehle durchgebrochen.“ Den Jungs kam ich wohl total weltfremd vor, sie lachten erneut. „Digger, die Katze will auch zu Mittag essen, nur spielt sie erst damit. Die lässt es uns immer wissen, wenn sie einen Fang gemacht hat. Die will jetzt bestimmt, dass Du sie lobst und ihr dabei zuschaust, wie sie die Maus verschlingt.“ Ich merkte, dass die Jungs schon eine Weile hier waren, so hatten sie bereits das Verhalten der Katze studiert. Und tatsächlich, die Katze knabberte erst ein wenig am Schädel der Maus herum, und schluckte dann plötzlich den ganzen Körper auf einmal hinunter. Das sah zwar ziemlich unappetitlich aus, doch verdarb es meinen Appetit auf das Mittagessen nicht – dafür hatte ich mich heute – seit sehr langer Zeit – zu sehr körperlich verausgabt.

    Gemütlich schlenderten wir den Hügel hinunter, an der Weide und den Kühen vorbei zum Bauernhof, und wurden mit dem hier üblichen Mistgestank begrüßt. Einer klopfte an die Tür und Herr Kuhn öffnete. Er zeigte mit dem Finger auf mich: „Kommen Sie mit.“ Ich folgte ihm ins Büro, welches direkt am Eingang war, und er drückte mir einen Brief in die Hand. Der Absender war die Hochschule Ravensburg. Ich hatte mich während meiner Zeit in der JVA Stammheim für einen Studienplatz beworben und eine Zusage bekommen. Anders als erwartet, war ich jedoch nicht in das Freigängerheim in Ravensburg verlegt worden, sondern nach Schwäbisch Hall, wo ich erfahren hatte, dass ich erst im Februar/März in den richtigen Freigang könne. Dies hatte mich dazu veranlasst, der Hochschule Ravensburg meine Umstände mitzuteilen wobei ich darum bat, mir gleich zu Beginn ein Urlaubssemester zu genehmigen. Auch hatte ich zugegeben, dass ich in meiner Bewerbung nicht gekennzeichnet hatte, dass ich vorbestraft war. Dementsprechend hoch war meine Aufregung nun, denn die Antwort auf all dies stand in dem Brief, den ich nun in Händen hielt. Trotzdem legte ich den Brief erst einmal ungeöffnet in mein Zimmer, denn so kurz vor dem Mittagessen wollte ich keine schlechten Nachrichten erhalten. Danach schlenderte ich zum Mittagessen – es gab glücklicherweise keinen Grießbrei, doch das hatte ich bereits vermutet. Denn das Essen wiederholte sich immer in einem gewissen Rhythmus, so gab es Grießbrei nur samstags und nur alle zwei Wochen als vollwertiges Mittagessen. Zum Glück war ich bereits mit meiner Mahlzeit fertig, als die ersten „Stall-Häftlinge“ aus ihrem Schönheitsschlaf aufgewacht waren und sich langsam aber sicher zum Esstisch begaben. Sie rochen stark nach Mist, der Gestank war kaum zu ertragen. Morgens von 06:00 Uhr bis 08:00 Uhr waren sie im Stall tätig und zogen es danach keineswegs in Betracht, duschen zu gehen. In gewisser Weise verständlich, denn um 16:00 Uhr mussten sie erneut ausrücken und bis 18:00 Uhr im Stall arbeiten.

    Tarik rief mich mit in seine Zelle bzw. in sein Zimmer, wo ich auch Luigi und Hassan antraf. Sie hatten heißes Wasser gekocht und setzen sich Kaffee auf. Der Zahl der Tassen nach zu urteilen gab es auch eine Tasse für mich. Ich setzte mich dazu und ohne weiteres Zögern sprach Tarik mich an: „Du Emre, willst du heute in meine Zelle einziehen? Bald sollen wohl neue Häftlinge kommen und ich habe echt keine Lust, dass jemand bei mir einzieht, den ich nicht kenne. Du scheinst ganz cool zu sein.“ Genauso schnell, wie er mich mit dieser Frage konfrontiert hatte, bekam er auch eine Antwort von mir: „Ja klar, gerne.“ Ich hatte mir das bereits einige Male durch den Kopf gehen lassen. Tarik war sehr lustig und sympathisch, außerdem war er die Hygiene betreffend meinem aktuellen Zellengenossen ziemlich überlegen. Seine Zelle roch frisch, es war sauber und auch war alles schön ordentlich sortiert. Wir begaben uns gleich zu Herrn Kuhn und verkündeten ihm unseren Wunsch. Nach Feierabend könne ich meinen Umzug vollziehen, antwortete er.

    Der restliche Arbeitstag verlief lustig, ich fühlte mich akzeptiert und wahrgenommen. Meine Geschichte lieferte viel Gesprächsstoff und auch sonst teilten die Jungs mehr intime bzw. private Themen mit mir. Luigi beispielsweise versuchte sich im Rap-Business durchzukämpfen und wollte mir die Tage ein paar seiner Songs zeigen – er hatte eine Xbox-Spielekonsole in seiner Zelle. Ich war rundum zufrieden mit meiner aktuellen Situation, war aber gespannt, was mich noch in Zukunft hier erwartete. So konnte ich keine Minute verbringen, ohne einen Gedanken an den Brief von der Hochschule Ravensburg zu verschwenden. Als dann der Feierabend endlich da war, packte ich meine Sachen und richtete mich bei Tarik ein. Den restlichen Abend sprang ich von Zelle zu Zelle und plauderte ein wenig mit den anderen Häftlingen. Zu guter Letzt begab ich mich wieder in meine Zelle und stand vor einer geschlossenen Tür. Sie war von innen verriegelt worden. Ich war etwas verwundert, als dann plötzlich Tariks Stimme hinter der Tür ertönte: „Wer ist da?“ Ich nannte meinen Namen und die Tür öffnete sich. Ich begab mich mit fragenden Blicken rein und Tarik schloss die Tür hinter mir wieder zu. Er legte sich wieder auf sein Bett und packte ein Handy aus seiner Hosentasche raus und begann, hinein zu sprechen. Ich war baff, dass er ein Handy besaß – denn das war im halb-offenen Vollzug immer noch nicht erlaubt. Zwar war es sehr einfach, etwas einzuschmuggeln, doch basierte hier vieles auf gegenseitigem Vertrauen, und so konnte man sehr schnell wieder zurück in die geschlossene Anstalt verlegt werden. Das würde auch Tarik blühen, sollte das Handy jemals vor die Augen des Beamten kommen. Ich bereute es bereits jetzt, dass ich hier eingezogen war, denn Stress wollte ich hier auf keinen Fall riskieren. Dennoch hörte sich das Gespräch interessant an. Tarik schien mit einer Frau zu sprechen, womöglich seine Freundin. Doch mir fiel auf, dass er ihr gegenüber einen sehr respektlosen Umgangston pflegte. So verlangte er Geld von ihr – sehr hohe Summen. Ich könnte schwören, dass ich einen Betrag von 10.000 Euro gehört hatte. Außerdem sprach er von irgendwelchen Tattoos, die diese Dame auf ihrem Körper zu haben schien, aber auch von irgendwelchen Männern, die sich gefälligst verziehen sollten.

    Während Tarik telefonierte, lag ich auf meinem Bett und hatte den Brief der Hochschule Ravensburg in den Händen. Ich wünschte mir nichts so sehr, wie ein Studium zu beginnen, endlich wieder was Neues und Interessantes zu lernen – ich hatte so große Sehnsucht nach einem Studentenleben wie nie zuvor. Seit meiner Haft hatte ich viele Hürden, viele Konflikte und Probleme durchgemacht, aber stets hatte ich dagegengehalten. Vor meiner Haftzeit hatte ich gänzlich andere Hürden, Konflikte und Probleme zu meistern gehabt, war aber stets zu schwach gewesen und war den einfacheren Weg gegangen. Ich wollte mich in Zukunft ändern, die Haft als große Entwicklungsphase sehen und das Beste daraus ziehen. Doch alle meine Zukunftspläne, alle meine Visionen und Träume bauten auf diesem Studium auf – und in dem Brief, welchen ich in den Händen hielt, stand die Antwort auf die Frage, ob ich diesem Ziel schon ein großes Stück näher war, oder ob ich weiterkämpfen musste. Denn eines hatte ich hier sicherlich gelernt: „Es gibt nichts geschenkt im Leben“ war eines jener Sprichwörter gewesen, die sich bisweilen in ganz besonderem Maße durch mein Leben gezogen hatten.

    Tarik hatte mittlerweile das Telefonat zu Ende geführt und ich blickte ihn fragend an: „Was ist los?“ Er grinste: „Ach nichts, die dumme Kuh hat einfach das ganze Geld ausgegeben.“ Ich blickte ihn wieder verdutzt an: „10.000 EUR?“ Er ging aus der Zelle und erwähnte ganz beiläufig, dass man im Bordell halt so viel verdient.

    In dieser einen Nacht wollte ich noch etwas von dem Studentenleben träumen und legte den Brief aus Ravensburg beiseite. Stattdessen grübelte ich über das eben geführte Telefonat von Tarik.

    War er etwa ein Zuhälter?

    Geändert von LadyRavenous (29.11.18 um 11:28 Uhr) Grund: Begrünen

  21. #446
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 68 - Die Narben eines Mörders

    Spoiler: 


    In letzter Zeit hatte ich viele Niederlagen erlebt. Das machte mir jedoch nichts aus, ich hatte mich irgendwie bereits daran gewöhnt. „Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“ – das Sprichwort gefiel mir und mit dieser Einstellung öffnete ich tapfer den Brief und las die Zeilen mit relativer Gelassenheit.

    Ich wurde zwangsexmatrikuliert, da ich bei meiner Bewerbung eine falsche Angabe bezüglich meiner Vorstrafe getätigt hatte. Den Brief legte ich ohne Weiteres zu meinen Unterlagen und widmete mich wieder meiner Arbeit. Ich sah es positiv: Es machte mir Spaß, mit den drei Jungs Zeit zu verbringen, ihre Geschichten zu hören und auch Gehör zu finden, wenn ich mich (zugegebenermaßen unbegründet) über die Hochschule Ravensburg beschwerte. Außerdem gab es noch genügend Zeit, einen neuen Plan zu schmieden. So würde ich nun versuchen, in das Freigängerheim in Schwäbisch Hall zu kommen – was einfacher war als mein vorheriges Vorhaben, mich in das Freigängerheim in Ravensburg verlegen zu lassen. Meine Schwester würde dann ausfindig machen, welche Hochschulen in der Nähe lagen, damit ich mich rechtzeitig bewerben konnte. Ein positiver Aspekt der Exmatrikulation von der Hochschule Ravensburg bestand unter anderem auch darin, dass ich nun noch ein weiteres Wartesemester hatte, womit ich einen gewissen Vorteil bei meiner Bewerbung an den Hochschulen gegenüber anderen Mitbewerbern haben würde.

    Die Tage vergingen. Aus Tagen wurden Wochen und mittlerweile kamen immer neue Häftlinge in den halb-offenen Vollzug. Doch unser Quartett blieb beständig, wir arbeiteten stets zusammen. Die Neuen mussten im Stall arbeiten. Das Holzhacken zählte inzwischen nicht mehr zu unseren täglichen Aufgaben, da es langsam zu kalt hierfür wurde und die Arbeit unter diesen Umständen unzumutbar für uns Häftlinge war. Obwohl ich die Zeit „oben“ genossen hatte und es immerzu ein schöner Rückzugsort für uns Jungs gewesen war, erleichterte es mich, dass wir nun eine neue Aufgabe in einem geschlossenen und warmen Raum hatten. Wir bekamen Kisten mit Steckern, die wir zusammenstecken mussten. Eine total blöde Arbeit. Aber es ging sowieso eigentlich nur darum, die Zeit totzuschlagen, und die Atmosphäre hierfür herrschte allemal. Unsere Arbeit hätten wir locker in einer Stunde erledigen können. Doch sowohl die uns betreuenden Beamten, als auch wir selber wussten, dass wir alles tranquillo angehen sollten. Andernfalls müssten die Beamten sich neue Aufgaben ausdenken – und manchmal konnten sie dabei unangenehm kreativ sein. Also bestand unsere Hauptaktivität darin, uns lebhaft zu unterhalten. Dies geschah einerseits dadurch, dass wir einander immer wieder dieselben Geschichten erzählten. Interessanterweise waren unsere Geschichten dabei jedes Mal etwas anders – entweder, wir hatten tatsächlich langsam das Vergangene vergessen und unsere Erinnerungen wurden von der Haftzeit überschattet, oder (was viel wahrscheinlicher war) die Geschichte hatten wir zuvor ausgeschmückt und wussten im Nachhinein nicht mehr, welche Version wir erzählt hatten.

    Andererseits bestand die Hauptunterhaltung darin, dass wir Deutsch-Rap hörten. Die Jungs hatten einige Musik-CDs dabei. Ich konnte mit Rap nichts anfangen, für mich waren das nur Beleidigungen und in fast jedem Song von denen hatten die Probleme mit irgendwelchen Müttern. Cem hingegen hörte gerne Rap. Er zeigte mir einmal den Rap-Song vom Rapper Bushido, der ungefähr so ging: „Die Kasse macht ching ching, die Kette bling bling“. Ich hatte Cem wegen seines Musikgeschmacks damals ausgelacht – wohlwissend, dass ich selbst einen eher unüblichen Musikgeschmack hatte.

    Mein Hoca in der Koranschule hatte damals ausdrücklich gesagt, dass Musik ein Werk des Teufels sei. Doch ein Träumer, wie ich es war, brauchte den Rhythmus und den Klang, um in die spirituelle Welt einzutauchen. Also fand ich einen Kompromiss: Ich hörte religiöse Musik, deren Beat zugegebenermaßen manchmal echt abging. Als ich dann eines Wochenendes wieder zur Moschee lief, den Koran eng an der Brust, jedoch stets über dem Bauchnabel tragend (aus Respekt), probierte ich mein nagelneues iPhone aus. Durch meinen Nebenjob im Supermarkt hatte ich mir als Technikbegeisterter das für damalige Verhältnisse neuartige und innovative Smartphone gekauft. Mit voller Lautstärke tönte die Musik von meinen Kopfhörern direkt in meine Ohren. Mich vollkommen den religiösen Klängen hingebend, lief ich gut gelaunt zur Moschee und begegnete prompt meinen Hoca vor dem Eingang der Koranschule. Sein Blick fiel direkt auf meine Kopfhörer. Ohne zu zögern kam er mir strammen Schrittes entgegen, riss unwirsch einen Kopfhörer aus meinem Ohr und lauschte der schmetternden Stimme Ilahis: „Was ist das? Was hörst Du da?“ Ich war guter Dinge und antwortete ohne den Anflug eines schlechten Gewissens: „Hocam, das ist Ilahi, religiöse Musik!“ Er lauschte nach dieser Bemerkung noch gefühlt weitere zwei Sekunden und schmiss mir dann in einer abfälligen Bewegung den Kopfhörer zu. „Das ist kein Ilahi! Das ist eine Beleidigung!“ Er lief wütend davon, jedoch nicht, ohne mir zuvor das Hören derartiger Musik zu verbieten. Ich blieb perplex zurück. Hatte nicht er uns Koranschülern am Vortag noch erlaubt, Ilahi zu hören? Was war denn nun so falsch daran? Die Antwort darauf bekamen wir nach dem Mittagsgebet, als alle beisammen saßen. Unser Hoca nutzte diesen Moment stets, um uns noch die ein oder andere Mitteilung auf unserem Weg mitzugeben. So meinte er, dass die modernen Ilahi-Songs nicht gut für uns seien, wir zwar Ilahi hören können, doch ohne irgendein neumodisches Gedudel im Hintergrund. Vor allen Koranschülern überreichte er mir eine Kassette voller Songs von Ilahi. Nach dem Wochenende in der Koranschule hörte ich mir daheim die Kassette an und war ziemlich enttäuscht. Ein alt wirkender Mann sang zwar die mir bekannten Zeilen, doch wurde seine Stimme mit keinerlei Instrumenten musikalisch begleitet. Dies müsste ungefähr der Zeitpunkt gewesen sein, als ich begann, mich schlecht zu fühlen, wenn ich Glück und Lust bei vergleichsweise „normaler“ Musik empfand.

    Doch Rap war nochmals eine andere Liga, das hörte ich mir grundsätzlich nicht an – ich konnte mich damit nicht identifizieren. Ganz anders waren meine Empfindungen hinsichtlich religiöser Musik. Jedenfalls jene, die irgendeine Form von rhythmischer Begleitung besaß. Nun saß ich hier mit den Jungs und musste mir Rap-Songs anhören, Tag für Tag. Da geschah es, dass ich langsam, aber sicher Gefallen an Rap fand. Ich fand die Songs von KCRebell irgendwie interessant, doch wirklich überzeugt von seinem Talent hatte mich nur der Rapper Shindy. Seine Art zu rappen, die Beats und die von ihm genutzten Metaphern fand ich irgendwie mitreißend. So erinnere ich mich noch genau an die Zeilen eines bestimmten Songs: „Alles was ich mach, mach ich Slow-Mo-tion“ – dies passte auf eine skurrile Art und Weise perfekt zu unserer Lage. Außerdem zeigte mir Luigi noch seine Songs, die er mal locker gerappt hatte – und somit tauchte ich immer weiter in die Rap-Szene ein, bekam die Namen von vielen Rappern mit. Bis auf Bushido war mir nämlich zuvor kein anderer Rapper bekannt gewesen. Der Name Xatar fiel im Laufe meiner Haftzeit sehr oft, da dieser Rapper wohl tatsächlich einen Geldtransporter überfallen hatte und dafür nun einsaß (und nicht nur lapidar mit irgendwelchen Hafterfahrungen prahlte, die wohl nie die 3-Tages-Grenze in der U-Haft überschritten hatten) – das Gold oder Geld von ihm hatte man wohl nie gefunden. Ein neuer Häftling, der aus Furtwangen hierher verlegt wurde, betonte öfter nicht ohne Stolz, dass er Bekanntschaft mit Xatar gemacht hatte.

    Der interessanteste Tag auf der „Arbeit“ war, als Sergej uns einen Besuch abstattete. Ich wusste, dass er wegen Mordes im Gefängnis saß – oder vielleicht war es auch Totschlag, über den genauen Tatbestand wusste ich nicht Bescheid. Er saß wohl seit mehr als sieben Jahren in der JVA Schwäbisch Hall ein und war ungefähr zeitgleich mit mir in den halb-offenen Vollzug verlegt worden. Er fiel auf, da er stets allein arbeitete. Da er handwerklich begabt war, teilte man ihm entsprechende Aufgaben zu. Auf mich machte er zwar einen netten Eindruck, dennoch behielt ich immer im Hinterkopf, dass er einen Menschen auf dem Gewissen hatte. In der Haft lernte ich, dass der erste Eindruck nicht zählte. Ich realisierte ganz im Gegenteil, dass der erste Eindruck einen häufig täuschte. Sergej hatte bereits begonnen, den anderen seine Geschichte zu erzählen, ohne, dass ich es mitbekommen hatte. Ich war zu sehr in die Raptexte von Shindy und KCRebell vertieft. Meine Aufmerksamkeit hatte Sergej jedoch schlagartig, als ich von Luigi so etwas hörte wie: „Sie hat es auch nicht anders verdient.“ Ich fragte nach. „Wer hat was verdient?“ Sergej scheute sich nicht davor, seine Geschichte im Schnelldurchlauf nochmals zu erläutern, damit ich mir auch ein Bild machen konnte. Je weiter seine Schilderungen dabei fortschritten, desto ungläubiger wurde ich. Sergej war wohl eines Tages ziemlich aufgewühlt nach Hause gekommen, da er von Dritten gehört hatte, dass seine Frau fremdgegangen war. Daheim angekommen, stellte er diese sofort zur Rede, was in einen heftigen Streit ausartete. Plötzlich habe seine Frau behauptet, dass ihr gemeinsames 8-jähriges Kind nicht von ihm sei – er war also, laut ihrer Aussage, nicht der leibliche Vater. Daraufhin sah Sergej nur noch Rot und griff nach dem Messer. Er stach auf sie ein, bis sie leblos zusammensank. „Und was ist dann passiert?“, wollte ich wissen. „Ich war total aufgebracht, Nachbarn hatten die Schreie gehört und die Polizei alarmiert. Ich habe mich ins Auto gesetzt und mehrmals auf mich selbst eingestochen – ich wollte sterben.“ Das konnte ich ihm nicht so ganz glauben: „Aber…du lebst. Und deine Frau nicht mehr.“ Er erwiderte meinen kritischen Blick und verteidigte sich: „Ja, das ist nicht so einfach, wie du denkst. Man kann sich nicht einfach so selbst mit dem Messer töten.“ Mal abgesehen davon, dass ich ihm das nicht abkaufte, fand ich es absurd, dass es ihm aber leicht gefallen war, seine Frau zu töten. „Und wie viele Jahre hast du bekommen?“, wollte Tarik wissen. 12 Jahre, erfuhren wir. Das bedeutete, dass er wahrscheinlich nur 2/3 der Strafe absitzen musste. Deswegen war er wohl auch nach 7 Jahren Strafanstalt nun im Freigang, da er in einem Jahr wieder in Freiheit durfte. „Ich verstehe nicht, wieso du so eine geringe Strafe bekommen hast. Ich dachte immer, dass man lebenslänglich bekommt, wenn man jemanden tötet?“ Mir leuchtete seine Geschichte noch immer nicht ganz ein. Er erklärte, dass man seinen Fall nicht so einfach pauschalisieren könne. Stets hatte es Druck und daraus resultierend eine Menge an Stress seitens seiner Frau und seinen Schwiegereltern, die ihn nie ganz akzeptiert hatten, gegeben. Sie hätten ihn allesamt fertiggemacht, erniedrigt und auch sonst sein Leben erschwert. Er könne stundenlang darüber reden. Zudem habe er einen extremen Aussetzer gehabt, als er hörte, dass er nicht der leibliche Vater seiner Tochter war. All diese Faktoren hätten beim Gericht mit hineingespielt, als das Strafmaß verhandelt wurde. „Als ich dann erfuhr, dass sie in Wirklichkeit doch meine Tochter war, hatte ich sehr gemischte Gefühle“, meinte er plötzlich. Sergej hatte während der Erzählung eine sehr monotone Stimmlage gehabt, doch bei diesem Satz knallte er uns diese doch sehr überraschende Wendung direkt vor den Latz. „Wie jetzt? Das Kind war dann doch deines, oder wie?“ Er nickte: „Ja, meine Frau hatte mich wohl belogen, um mir eins auszwischen und mich zu provozieren.“ „Sag ich doch, die hat es nicht anders verdient. Die hat dich angelogen“, bekräftigte Luigi nochmals seine Meinung. Auch, wenn ich die Beweggründe der Frau nicht nachvollziehen konnte, so war das keine Entschuldigung dafür, dass Sergej ihr Leben genommen hatte. Ich hätte vor meiner Haftzeit Leute wie Sergej sofort für solch eine Tat verurteilt. Damals hätte ich ihn wohl gerne lebenslang hinter Gittern gesehen. Es ist so einfach, über jemanden zu urteilen und ihn in letzter Instanz schließlich zu verurteilen. Aus diesem Grunde gibt es unser Justizsystem, die Richter und Anwälte. Ich hatte mich schon immer gefragt, weshalb ein Strafmaß so flexibel verteilt werden konnte. So kann es beispielsweise von sechs Monaten bis zu fünf Jahren für ein und denselben Tatbestand variieren. Das liegt einfach daran, dass nicht nur der Tatbestand relevant ist, sondern auch die Umstände der Tat, was ja auch bei meiner eigenen Verurteilung bereits eine Rolle gespielt hatte. Richter haben wirklich einen sehr schweren Job – die da wäre, Gerechtigkeit auszuüben. Klingt einfach, ist es aber nicht. Was ist eine gerechte Strafe, und was nicht? Sie halten sich zwar an das Gesetz, haben innerhalb dieses aber einen großen Spielraum. Und die Allgemeinheit hat da meist ein anderes Rechtsempfinden. Ist das vielleicht einer der Beweggründe, an Religion und Gott im Allgemeinen zu glauben – die Hoffnung auf Gerechtigkeit? Gott wird schon wissen, was die gerechte Strafe ist. Spielen also unsere Richter Gott? „Sergej, ich finde es zwar total scheiße und unverzeihlich, was du getan hast. Aber ich bin weder Kläger, noch Richter – wenn, dann ebenfalls Verurteilter. Doch die, die mir am meisten leidtut, ist deine Tochter. Ihre Mutter wurde von ihrem Vater getötet und sie wächst nun ohne Eltern auf. Ich glaube, da steht dir noch eine sehr beschissene Zeit bevor – und du hast nicht mal das Recht, dich wegen irgendetwas zu beklagen. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken.“ Wir diskutierten im Nachhinein noch ein wenig über den Fall.

    Die Tage vergingen, und ich bekam Besuch von meiner Mutter, meiner Schwester und Cem. Sie erzählten mir, dass Cem noch ein weiteres Gerichtsverfahren bei derselben Kammer und denselben Richtern laufen hatte. Cem hatte damals die gleiche Masche mit zwei anderen Jungs abgezogen, als wir verstritten waren und er in die Türkei geflogen war. Mit diesen zwei Jungs war er wohl ein zweites Mal angeklagt worden. Cem war wegen unseres Urteils in Revision gegangen und diese war wohl tatsächlich durchgegangen – ich war überrascht. „Aber mein Anwalt hat einen Deal mit denen gemacht. Ich ziehe die Revision zurück und sie lassen dafür die neue Klage fallen“, grinste mich Cem an. Dabei musste ich an meine eigene Revision denken und fragte mich, ob diese wohl auch durchgegangen wäre – ich hatte sie ja damals zurückgezogen, weil ich es in Stammheim nicht mehr ausgehalten hatte und die Hoffnung nicht aufgab, doch noch zu einem Studium zugelassen zu werden. „Welche Strafen haben die beiden denn bekommen?“, fragte ich neugierig. Ich wollte unbedingt einen Vergleichswert haben, immerhin hatten die zwei Jungs das Gleiche getan wie wir. „Der Haupttäter hat vier Jahre bekommen, er hat aber nicht ausgepackt und auch nicht sein TrueCrypt Passwort gegeben. Aber der zweite hat ihn verpfiffen und alles ausgepackt, weshalb er dann auf Bewährung raus ist. Und weißt du, was krass ist? Der Haupttäter hat wohl 50.000 Euro an Bitcoins auf dem konfiszierten Rechner und das Gericht will den Rechner zerstören.“ Die Jungs hatten es im größeren Stil als wir gemacht, immerhin hatten sie fast 400.000 EUR Schaden in nur wenigen Monaten verursacht. Unser Schaden hatte sich damals auf ca. 130.000 EUR belaufen, angehäuft innerhalb eines Jahres. Ich erzählte meiner Familie von meiner Tätigkeit und meinem ersten Tag hier auf dem Bauernhof, und wie krass ich den ersten Tag fand, als ich einfach so draußen herumlaufen durfte. Wir verabschiedeten uns und ich konnte es kaum erwarten, dass ich bald satte fünf Stunden mit meiner Familie in der Stadt verbringen dürfte.

    Normalerweise duschte ich abends vor dem Schlafen gehen. Aus irgendeinem Grund entschied ich mich an jenem Abend, erst am nächsten Tag morgens in die Dusche zu springen, bevor ich zur Arbeit ausrücken musste. Ich kämpfte mich an dem Morgen wieder durch den Gestank in der Umkleidekabine in Richtung Dusche und war überrascht, dass jemand ebenfalls bereits am Duschen war. Als ich die Tür öffnete, sah ich Sergej.

    Seinen Oberkörper zierten ein halbes Dutzend Narben.
    Geändert von Chegwidden (24.12.18 um 03:38 Uhr)

  22. #447
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Wünsche euch ein frohes neues Jahr!

    Kapitel 69 - 300 Minuten Freiheit

    Spoiler: 


    Wir waren gerade beim Mittagessen, da bemerkte Tarik, wie der Beamte einen Zettel an die Wand pinnte. Rasch legte er sein Besteck zur Seite, sprang auf und eilte zur Pinnwand. Voller Interesse beobachtete ich ihn dabei, wie er etwas auf den Zettel schrieb. Er riss den Zettel von der Wand ab und verschwand aus meinem Sichtfeld, indem er sich in Richtung Beamten-Büro begab. Luigi und Hassan schienen von der Szene unberührt, beide schlürften an ihrer Suppe und sahen sich ein Musikvideo vom Rapper „Haftbefehl“ an – „Lasst die Affen aus dem Zoo“, plärrte es aus dem Fernseher. Tarik kam zurück, sein Blick stur auf mich geheftet, und er begann zu reden, wobei ich zunächst nichts verstand: „Sorry Emre, konnte dich nicht für das Schwimmen eintragen. Du musst erst deinen ersten Ausgang absolviert haben, bevor Du mitdarfst.“ Die anderen beiden bedankten sich bei Tarik – offensichtlich dafür, dass er sie in die Teilnehmerliste eingetragen hatte. „Wie jetzt? Darf man hier zum Schwimmen gehen, oder worum handelt es sich jetzt genau?“ Tarik merkte wohl erst jetzt, dass ich zuvor noch nichts davon gehört hatte: „Ja, der Pfarrer nimmt alle zwei bis drei Wochen vier Häftlinge mit zum Schwimmen. In das Hallenbad hier in Schwäbisch Hall.“ Ich war überrascht und fand es spontan extrem sympathisch vom Pfarrer, dass er uns solch eine Möglichkeit bot. Wie ich später erfuhr, übernahm der Pfarrer wohl auch die Kosten für das Hallenbad – so hieß es zumindest unter den Häftlingen. Leider war ich diesmal nicht dabei. So hoffte ich, dass ich beim nächsten Mal mitdürfte. Die Teilnehmerliste war beschränkt, doch mit den drei Jungs hatte ich gute Karten, dass wir vier das nächste Mal in der Teilnehmerliste stehen würden. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass sie irgendwie das Sagen hier hatten und die anderen Mithäftlinge davon „überzeugen“ konnten, sich nicht für das Schwimmen einzutragen. Was auch immer das bedeutete. Immerhin hatten sie auch die einfachsten Jobs inne (mich inklusive) und keiner musste im dreckigen Stall arbeiten. Nichtsdestotrotz blieben wir nur Häftlinge, und auch wenn es eine Art Hierarchie unter uns Häftlingen gab – so waren die Beamten ganz oben in der Nahrungskette. Daher überraschte es mich nicht, als wir eines Tages eine vergleichsweise unangenehme Aufgabe bekamen.

    Unser Quartett musste in den Stall, genauer in das Dachgeschoss, und das ganze gelagerte Heu runter schippen. Ausgestattet mit einem Mundschutz und einem Satz Heugabeln standen wir vor einem riesen Berg an Heu, welches sich über zahlreiche Balken erstreckte und teilweise sogar dafür sorgte, dass wir darauf ausrutschten. So wie ich das verstanden hatte, gab es stets einen Stallarbeiter, der sich auf das Dachgeschoss begab, Heu über eine Luke nach unten beförderte, wonach die restlichen Stall-Arbeiter im Erdgeschoss das Heu entsprechend verteilen mussten. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Heu leichter zugänglich an den Stall-Arbeiter zu machen, der auf dem Dachgeschoss nicht mehr so leicht an das frische Heu rankam. Hierfür mussten wir aus einem riesen Heu-Haufen kleinere Portionen abschippen und zu ihm werfen. Plötzlich kam mir der Gedanke, was für Ungeziefer sich hier im Stall wohl herumtrieb. Ich hatte große Angst vor Spinnen, so hoffte ich, dass sich nicht aus heiterem Himmel eine große Spinne auf meinen Kopf abseilte. Auch wusste ich nicht, was sich sonst so unter dem Heu versteckte – Schlangen, Ratten? Das einzige, was ich jedoch bei etwas Umherwühlen fand, war eine Flasche Vodka. „Boah Jungs, schaut mal, was ich gefunden habe!“ Ehe ich mich’s versah, stand Luigi mit trockener Miene vor mir und nahm mir die Flasche weg: „Ich verstecke das wieder, das gehört uns.“ Und schon widmeten wir uns wieder dem Heu-Aufgabeln.

    Es war ein kleiner Kraftakt, etwas Heu mit der Heugabel aus dem großen Heuberg zu entfernen. Doch das Schlimmste daran war der dabei entstehende Heustaub in der Luft. Obschon unser Mund grob geschützt war, so traf es doch unsere Augen und erzeugte Rötungen im Auge. Auch war es sehr unangenehm, ständig durch die Mundmaske zu atmen, da der Speichel beim Ausatmen darin langsam aber stetig kondensierte. Entsprechend legten wir viele kleinere Pausen ein. In einer dieser Pausen stattete ich unseren Mithäftlingen einen Besuch ab, da sie gerade Schicht hatten. Obwohl ich die Arbeit oben im Dachgeschoss gar nicht leiden konnte, so war es doch um Längen besser als das, was ich hier unten sah. Da wurde die Scheiße von Kühen geschaufelt und in Schubkarren gepackt, mit seltsamen Geräten Milch aus den Kühen gemolken, während die Kühe sich damit abwechselten, ihren Urin umher zu spritzen. Überall lag Mist, und so war es nicht unwahrscheinlich, dass hier ab und zu wohl ein Stallarbeiter über der Scheiße abrutschte und in hohem Bogen darin landete. In den kommenden Tagen durften wir wieder an unsere „angenehme“ Arbeit, in unserem warmen Kämmerchen, begleitet von Rap-Musik und sich wiederholenden Unterhaltungen. Die Jungs hatten zwischenzeitlich ihre ersten Ausgänge, Luigi und Hassan sogar ihren zweiten.

    „Emre, ich habe Dir Haarwax mitgebracht“, überraschte mich Luigi eines Tages nach der Rückkehr von einem solchen Ausgang. „Wie jetzt? Haarwax wofür?“, fragte ich verdutzt. Luigi setzte einen entsetzten Blick auf: „Junge man, mach mal was aus Dir. Du siehst aus wie ein Bauer! Du hast doch voll die Haarpracht, mit Haarwax kannst Du das richtig gut stylen.“

    „Ja man“, stimmten Tarik und Hassan mit ein. Im Strafvollzug hatten bereits andere Häftlinge versucht, meinen Style zu ändern, und zugegebenermaßen war ich zuvor relativ resistent dagegen gewesen. Zwar hatte ich mir Haarwax in der Vollzugsanstalt gekauft, und trug es in sehr sparsamen Mengen auch auf – jedoch ausschließlich vor einem Besuch, und niemals im Alltag. Ich bedanke mich bei Luigi, dass er überhaupt an mich gedacht hatte, und so ließ ich es zu, dass Tarik meine Haare an den Seiten abrasierte und Luigi mir zeigte, wie ich mein neues Stylingprodukt zukünftig verwenden sollte. Am Ende sah ich aus wie ein richtiger Kanake, einen Undercut-Schnitt tragend und oberhalb meines Haarschopfes längere und extrem „geleckt“ aussehende Haare, die einmal von vorn nach hinten gelegt worden waren. Es war etwas ungewohnt, ich sah wirklich anders aus – ob besser oder nicht, sei mal dahingestellt. Doch irgendwie war mir das egal, denn es hatte einen Grund, weshalb ich den Versuch gewagt hatte, mich umstylen zu lassen. Es war Samstag, wahrscheinlich einer der wichtigsten Samstage in meinem Leben.

    Meine Familie würde jeden Moment da sein. Die Nacht zuvor konnte ich kein Auge zudrücken, dennoch fühlte ich mich hellwach. Und da ertönte bereits mein Nachname: „Ateeees! Runterkommen!“ Ich wurde ganz hibbelig: „Oh shit, sie sind da. Oh shit, passt alles?“ Ich sah nochmals in den Spiegel und versuchte, meine Frisur zu stabilisieren. Tarik und Luigi lachten: „Mach Dir keine Sorgen Emre, du siehst gut aus. Jetzt hadi los, deine fünf Stunden haben bestimmt schon angefangen.“ Ein Schauern überkam mich, ich konnte es nicht fassen, dass ich bis hierher gekommen war … endlich, meine erstes Mal erneut in Freiheit, satte 300 Minuten. Ich sprang förmlich die Treppen runter und trabte zum Beamten, unterschrieb noch einen Wisch, nahm einen Zettel mit, in dem stand, dass ich im Ausgang war und wer kontaktiert werden sollte, falls irgendetwas passierte. Herr Kuhn, der Beamte, öffnete die Haustür und ein heftiger Windstoß blies mir entgegen. Vor mir stand sie, meine Familie. Alle hatten ein breites Grinsen auf dem Gesicht, der Anblick war wunderschön – nie hatte ich alle auf einmal so glücklich gesehen, das Bild hätte ich gerne fotografiert und eingerahmt. So stand sie also da, die Freiheit, in Begleitung meiner Familie. Zuerst umarmte mich meine kleine Schwester fest an der Hüfte, schnell zog ich sie in meine Arme und umschloss sie in einer herzlichen Umarmung. Ich küsste sie überall und genoss die Zuneigung, die sie mir ganz in kindlicher Manier ungeniert zeigte. Als nächstes umarmte ich meine Mutter, die ihre Freudentränen kaum zurückhalten konnte und mich fest umarmte, dabei dennoch versuchte, mich nicht zu erdrücken. Die Umarmung war eine Mischung aus zärtlich und stark, ich empfand sie als extrem haltgebend. Sie küsste mich auf die Wangen und flüsterte immer wieder: „Oğlum benim…(Mein Sohn)“. Meine Zwillingsschwester gab sich wie die jüngere Version meiner Mutter, auch sie konnte ihre Freudentränen nicht unterdrücken und umarmte mich fest – sie allerdings erdrückte mich förmlich. Mein Vater stand etwas weiter hinten und wartete, bis ich die anderen begrüßt hatte. Ich ging auf ihn zu, „Selamün Aleyküm Baba“, nahm seine Hand, küsste sie und hielt sie kurz an meine Stirn. „Aleyküm Selam“, antwortete er knapp. Dann wanderte mein Blick zu meinem Bruder Cem. Eins hatten und haben wir bis heute gemeinsam: Unseren Humor. Er konnte mich stets zum Lachen bringen und wir verstanden uns in der Regel gut. So musste ich unweigerlich lachen, als ich ihn sah, und steckte ihn an: „Was geht Bro?“, fragte er lachend, wir klatschten die Hände und umarmten uns kurz. Die Umarmung durfte nicht zu lang sein, aber auch nicht zu kurz. Schnell riss er einen Witz, an den ich mich leider nicht mehr erinnern konnte. Doch gelacht hatte ich tatsächlich, entweder wirklich, weil es witzig war, oder weil ich einfach nur froh war, die Freiheit kosten zu dürfen. Wir liefen zum Auto und unterhielten uns während der Fahrt ein wenig. Schnell bemerkte ich, dass es eine wahre Herausforderung darstellte, allen die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Lange Erzählungen sowie kurze Mitteilungen prasselten von allen Seiten auf mich ein. So hakte ich kurz ein, denn auch ich hatte etwas mitzuteilen: „Ich darf nicht außerhalb von Schwäbisch Hall sein, also wir müssen in der Stadt bleiben“, teilte ich meinem Vater noch mit, als er wissen wollte, wo wir denn hinmöchten. So begaben wir uns in die Stadt und parkten in der Nähe des Zentrums.

    Ich atmete pure Emotionen aus, als ich zur Autotür griff und sie langsam öffnete, um erneut den Moment zu genießen, der mir die größte Freude bereitete: Der frische kalte Wind, der mir das Gefühl gab, lebendig zu sein und die Freiheit mit jedem Atemzug förmlich in mich einzusaugen. Obwohl es nur etwas ganz Simples war, so fand ich das Gefühl überragend, als ich mit meinen Schuhen auf den Boden stapfte und die Aussicht auf Schwäbisch Hall genoss. Es fühlte sich nach meiner privaten Mondlandung an, am liebsten hätte ich meine Flagge gehisst. Meine kleine Schwester nahm meine Hand und gemeinsam mit meiner Familie schlenderte ich den Hügel runter – es muss ein schöner Anblick gewesen, wie wir alle strahlend gen Stadt liefen. „Oh wow!“, entfuhr es mir, als mein Blick auf das Schaufenster einer Konfiserie fiel. Meine Mutter war die erste, die meine Begeisterung erkannte: „Oğlum, möchtest Du etwas Süßes aus der Konditorei haben?“ Mein Gesicht errötete. So alt ich inzwischen auch war, es konnte nichts auf dieser Welt etwas an meiner Leidenschaft für Schokolade ändern. „Ach nein Anne, das passt schon.“ Sie wusste, dass ich aus Höflichkeit ablehnte und hatte bereits ihren Geldbeutel in die Hand genommen. Ehe ich bis drei zählen konnte, stand ich mit meiner Mutter in einem Paradies aus Schokoladen. Bunte, karamellisierte, zarte, bittere und weiße Schokolade, alles war dabei. „Anne, bekomme ich das hier?“ Was für eine Frage, hätte sie das Geld, hätte sie mir in diesem Moment wohl den ganzen Laden gekauft. „Selbstverständlich, mein Schatz. Aber nimm doch auch hiervon noch was mit.“ Ach, diese Unterhaltungen mit meiner Mutter hatte ich auch sehr vermisst. Sie liefen immer nach dem gleichen Schema ab: sie bot an, ich lehnte ab, dann nahm ich doch an, jedoch nur das „Kleinste“ wohlgemerkt, woraufhin meine Mutter, immer das Beste und so viel wie möglich davon für ihren Sohn wollend, mir die ganzen Taschen vollstopfte. Ich griff noch nach der ein und anderen Schokolade, um sie mit meinen Geschwistern zu teilen. Überrascht war ich, als mein Vater keine Einwände hatte, dass wir mit vielen Tüten Schokolade aus der Konfiserie rauskamen. Es schien grundsätzlich so, als wäre dies mein Tag, alles drehte sich um mich – doch in Wirklichkeit drehte sich nur mein Kopf. Es war ein seltsames Gefühl mit meiner Familie die Straßen entlang zu schlendern, alles fühlte sich so High-Definition an, mein Gehirn konnte all diese Bilder nicht schnell genug verarbeiten. Als wir über eine Brücke schlenderten, sah ich auf den Fluss herab und das einzige, woran ich dachte, war das Videospiel Grand Theft Auto. Ich konnte mich noch daran erinnern, dass die „Vice City“-Version des GTA Videospiels mein erstes Videospiel für den Rechner gewesen war. Das Spiel war etwas beschränkt, so konnte man nicht schwimmen und starb sofort, wenn man sich in das Wasser begab. Als dann einige Zeit später eine neue Version, nämlich „San Andreas“ erschien, war ich baff, was man alles machen konnte – da war das Schwimmen eines der uninteressanten Features. Und nun fühlte ich mich wie im Spiel GTA San Andreas, ich konnte so vieles machen. Wenn ich wollte, hätte ich einfach in den Fluss springen können. Der halb-offene Vollzug fühle sich wie GTA Vice City an, es war zwar auch schon prima, aber eben beschränkt. Nach einem angenehmen Spaziergang und der häufigen Konfrontation mit der Frage: „Und Emre, wie fühlt sich das an? So ganz frei?“, setzten wir uns in ein Café. Ich wiederholte mich inzwischen: „Naja, ich hatte meinen ersten großen Moment bereits im halb-offenen Vollzug. Das jetzt finde ich auch total heftig. Aber es ist nicht so, wie wenn man mich direkt vom Strafvollzug aus entlassen hätte.“ Das Beispiel mit GTA wollte ich nicht bringen, das hätten sie wohl nicht verstanden, und außerdem war ich mir nicht sicher, was mein Vater davon halten würde, wenn ich meine aktuelle Situation mit einem Videospiel verglich. Obwohl das Wetter eher frisch war, bestellten wir Eis und dazu heiße Getränke. „Für mich einen Kaffee, bitte“, schoss es aus mir heraus. Meine Mutter blickte nach der Aussage verwirrt drein: „Seit wann trinkst Du Kaffee?“ Ich lachte: „Oh je, wie die Zeit vergeht. Vor der Haft habe ich keinen Kaffee getrunken, oder? Ich bin in der Haft auf den Genuss von Kaffee gekommen, habe mich am Anfang zwar etwas dazu gezwungen – doch jetzt kann ich nicht mehr ohne.“ Alle hatten etwas zu erzählen, von der kleinen, bis hin zu den Großen, Cem, meiner Zwillingsschwester und meinen Eltern – ich ließ sie reden, genoss den Klang ihrer Stimmen. Schön eingewickelt in eine der bereitliegenden Decken des Cafés, schlürfte ich von dem cremigen Kaffee und spürte den Geschmack des warmen Gebräus auf meiner Zunge. Das war der beste Kaffee, den ich bisher getrunken hatte. Womöglich lag es daran, dass ich bisher nur löslichen Kaffee gekostet hatte. So schnell die Kaffeetasse leergetrunken war, so jäh war auch mein Ausgang zu Ende. Ich hatte so viele positiven Eindrücke mitgenommen, so viele gemischte, darunter jedoch mehrheitlich angenehme Gefühle gefühlt – und war nun traurig, wieder zurück zu müssen.

    Zurück im Bauernhof angekommen, ging ich noch mit meiner Familie in den Innenhof und zeigte, wo ich arbeitete. Meine Zwillingsschwester zückte ihr Smartphone und verewigte das wundervolle, glückliche und zufriedene Familienbild in einem Video. Nach der Verabschiedung und dem formellen Papierkram mit dem Beamten, huschte ich in mein Zimmer und versuchte, den Tag zu verarbeiten. In dieser Nacht passierte etwas, was schon seit Ewigkeiten nicht mehr der Fall gewesen war.

    Ich träumte von der Freiheit.
    Geändert von Chegwidden (02.01.19 um 21:01 Uhr) Grund: Begrünt :)

  23. #448
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    Re: Mein Hafttagebuch

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  24. #449
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Frohes Neues, BeSure! Und danke für das Kapitel.
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  25. #450

    Re: Mein Hafttagebuch

    Frohes neues. Gerade mal 3 Kapitel nachgelesen und freue mich schon auf weitere

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