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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #401
    ♪♪♫♪♫♫♪ Avatar von KaPiTN
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Nichts im Strafvollzug gelernt. Einmal Täuscher, immer Täuscher. Echt miese Nummer.

    Spoiler: 

    Vollkommen glaubwürdig. Echt gelungen.
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  2. #402
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @KaPiTN:

    Das schon, aber eine Veröffentlichung am ausgerechnet ersten April? Das konnte kein Zufall sein.
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  3. #403
    ♪♪♫♪♫♫♪ Avatar von KaPiTN
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    Re: Mein Hafttagebuch

    War es nicht 2 Tage vorher, am 30.?


    Egal. ich habe es eh "heute", also Montag, gelesen.

    Außerdem würde ich davon abraten, grundsätzlich am 1.4 nichts zu glauben.

    Guter Tag für eine Invasion? 01.04
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  4. #404
    Pottblach™ Avatar von Bruder Mad
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von KaPiTN Beitrag anzeigen
    Guter Tag für eine Invasion? 01.04
    Genau! Und wenn es gegen die Briten geht, dann auch noch zur Tea-Time...

  5. #405
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    Avatar von Chegwidden
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von BeSure Beitrag anzeigen
    April, April!

    Haha, Leute, das war echt fies von mir :P (Wahrscheinlich findet nur Trolling Stone das lustig, haha)
    Aber ist ja mal einiges los gewesen hier
    Boah Alter krass!
    Und was wir uns intern erst mal für Gedanken gemacht haben

    Ich komm aus Ruhrpott, ich war schon Ruhrpott, als die ersten Gastarbeiter aus Anatolien kamen.
    Und ich habe türkische Familien im Bekanntenkreis.
    Wenn ich an dein Kapitel mit Omis Besuch im Knast denke, ist das so wie in vielen Familien. Dieses Kulturenverwirre.

    Ich habe das geglaubt!
    Du Arsch!
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    Weil gute Ärzte gebraucht werden!

  6. #406
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Gut gespielt, muss man neidlos anerkennen.
    GCM/IT/S/O d-(--) s+:- a? C++(+++) UL+++(++++)$ P L+++>++++ W++ w@$ M--$ PS+(++) PE(-) Y+(++) PGP++(+++) t+ 5(+) R* !tv b+(++++) DI(++) G++ e+>++++ h(--) y?
    Das Ende ist nahe: Dem Harleyschen Kometen folgt der Gammablitz beim Scheißen.

  7. #407
    Cryptroll Avatar von Trolling Stone
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Ich ziehe meinen Hut. Gut ausgearbeiteter Text.

    Schön in den April geschickt hast du deine Leser.
    Interessiert an Kryptowährungen?
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  8. #408
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure:
    Auf das signierte Exemplar komme ich aber zurück! Nach dem Scherz jetzt...
    Grüße, n87

  9. #409
    in Schwarz

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    Avatar von LadyRavenous
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Chapeau! Der Scherz war echt gut und glaubhaft.

    Wie sieht deine Familie wirklich dein Hafttagebuch?
    "Das Internet? Gibts diesen Blödsinn immer noch?"
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  10. #410
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Der Aprilscherz war wirklich top! Vor allem, dass er selbst am 2. April noch weiterging und die Hafttagebuch-Homepage falsch konfiguriert war (und übrigens immer noch ist) und somit nicht über www. erreichbar war... Das klang alles zu glaubhaft.

    Dazu kann ich nur noch eins sagen:

    Spoiler: 


    Mach sowas nie wieder!

    Ich bin doch auch nicht mehr der Jüngste, Mensch.

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    The cold never bothered me anyway

    “Every autumn now my thoughts return to snow. Snow is something I identify myself with. Like my father, I am a snow person.” (Charlie English)


  11. #411

    Re: Mein Hafttagebuch

    Bin ich der einzige der keinen Humor hat?

    Also ich habe mir den Text auch durchgelesen und ich muß sagen, fand ich jetzt nicht so spaßig... als Aprilscherz. Zumal es wohl wirklich Familien gibt, wo so etwas kein Witz ist, wenn so etwas nach außen dringt oder bekannt wird.
    "Mit Gefühlen spielt man nicht" und man hätte sich wirklich Sorgen machen können um dich als Person/Mensch und wie dein Leben, wärst du wirklich abgetaucht nach dem Ding, nun aussieht. Zumal du ja schriebst mit der Ansicht nach Glauben und der unter anderem dadurch entstehdende Familienkonflikt und dazu verschrien bei Freunden und Bekannten....

    Gut geschrieben, ja. Spaßig, ich finde weniger. Aber das ist nur meine Meinung.
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  12. #412
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    Re: Mein Hafttagebuch

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  13. #413
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Zitat Zitat von theSplit Beitrag anzeigen
    Also ich habe mir den Text auch durchgelesen und ich muß sagen, fand ich jetzt nicht so spaßig... als Aprilscherz. Zumal es wohl wirklich Familien gibt, wo so etwas kein Witz ist, wenn so etwas nach außen dringt oder bekannt wird.

    Da kann ich dir nur zustimmen.
    Als 'Scherz' kann man das echt nicht sehen.
    Irgendwie aber auch egal, da mir die epische Breite dieses Haftbuchs nicht so wirklich gefällt.
    Mit Islamisten kann man nicht diskutieren!
    Meinungspluralismus im ngb? Fehlanzeige!

  14. #414

    Re: Mein Hafttagebuch

    Still ist es hier
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  15. #415
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Hi Leute,

    wegen des Aprilscherz tut es mir Leid, war doch etwas zu viel.
    Muss noch dazu sagen, dass der Scherz/das Szenario gar nicht mal so abwegig ist - es hätte so in der Realität passieren können.

    Nur wissen meine Eltern nicht viel von meinem Hafttagebuch. Sie wissen über dessen Existenz, machen sich jedoch nicht die Mühe meinen Blog durchzulesen.
    Zumindest habe ich bis dato keine Bemerkung meiner Eltern bezüglich meines Blogs gehört. Lediglich meine Zwillingsschwester hatte mal am Rande erwähnt, ich solle den Blog doch offline nehmen, da es zu intim/persönlich sei - Anonymität hin oder her.

    Es ist aber nicht abzustreiten, dass ich aktuell einige Konflikte mit meinen Eltern habe. Die Probleme drehen sich rund um Finanzen, Glaubens- & Religionsfragen und meiner deutschen Freundin. Ersteres ist eher ein Konflikt zwischen meinem Vater und mir - das wird wohl hoffentlich nach diesem Sommer mit meiner Festanstellung gelöst. Meine Eltern scheinen die Tatsache zu ignorieren/leugnen, dass ich keine Glaubensrichtung mehr angehöre. Sie tun so, als wäre ich noch ein Moslem - ausser es gibt mal einen großen Krach daheim. Dann werde ich als Christ oder Atheist abgestempelt. Dabei kann ich noch so oft sagen, dass Atheismus auch ein Glauben ist und ich kein Atheist, sondern vielmehr ein Agnostiker bin - sowas verstehen sie nicht.
    Und was meine deutsche Freundin angeht: Das könnte glatt ein Blog für sich werden - wird es vielleicht auch, mal sehen. Da könnt ihr dann sowas lesen wie: "Der schlimmste Moslem auf der Welt ist besser als der beste Deutsche" *FACEPALM*

    Was neue Kapitel angeht:
    Ich befinde mich aktuell in einer sehr stressigen Phase. Die Arbeit, die Hochschule (Seminararbeit, Bachelor-Thesis, ..) und auch privat bin ich mit einem erneuten Umzug noch total beschäftigt. Ich bemühe mich baldmöglichst neue Kapitel zu liefern. Bis dahin hoffe ich auf eure Geduld, das Projekt "Mein Hafttagebuch" wird auf alle Fälle zu Ende gebracht Dauert halt

  16. #416
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Mach dir mal keinen unnötigen und zusätzlichen Stress! Wir haben ja ein Lebenszeichen von dir, das muss reichen...
    Und denk dran: Privatleben geht IMMER vor!

    Stress in der Familie ist immer doof und Eltern können mit steigendem Alter immer sturköpfiger werden.
    Da muss man manchmal zu etwas drastischeren Mitteln greifen... Ich wünsche dir da alles Gute.
    Für diesen Beitrag bedankt sich BeSure

  17. #417

    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure: Da ich dich ja so angekreidet habe, ich finde es gut, dass du es vielleicht ein wenig einsiehst, das man nicht mit allem spaßt - Gefühle sind auch so eine Sache.

    Wenn du durch deine Texte so viel "Zuneigung" erzeugst, könnten sich manche Menschen Gedanken machen, was mit dir wird - daher ist das "in Schock versetzen" nicht unbedingt schön.

    Aber wie man auch sehen konnte, stehe ich mit der Meinung auf fast einsamer Flur....

    Wie dem auch ist, viel Glück. Und danke für deine Richtigstellung, ich hoffe das oder so etwas findet auch auf Hafttagebuch seine Runde!
    Nicht das dir jemand wie ich das Übel nimmt.
    Für diesen Beitrag bedankt sich BeSure
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  18. #418
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Ah, der Hr. Ates lebt also noch. Sehr schön.
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  19. #419
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 63 - "Ich, der Diamant"

    Spoiler: 


    Der Anstaltsleiter wollte es wohl ganz spannend machen. Die Gefühlsachterbahn hätte er mir ruhig ersparen können. Erst machte er mir Hoffnung, bald in den offenen Vollzug zu können, nur, um mir diese dann wieder wegzunehmen. Und doch fügte er noch an: „Aber Herr Ates, auch wenn das Regierungspräsidium uns dringend empfiehlt, Sie nicht in den offenen Vollzug zu verlegen, so liegt es doch ganz und gar in unserer Entscheidungsmacht, ob wir Ihrem Wunsch entsprechen oder nicht.“ An dieser Stelle horchte ich auf. Jetzt verlief das Gespräch wieder ganz nach meinem Geschmack. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an – noch hatte er nichts gesagt, was mich zum Sabbern bringen konnte. „Wir könnten Sie theoretisch in den offenen Vollzug verlegen, allerdings würde es in diesem Falle vollkommen in unserer Verantwortung geschehen. Falls Sie also die Flucht ergreifen, haben wir als JVA Schwäbisch Hall ein sehr großes Problem. Sie verstehen deshalb sicherlich, weshalb es uns schwerfällt, eine solche Entscheidung zu treffen. Aber ich bin zuversichtlich, was Sie angeht und denke nicht, dass Sie unter Ihren Umständen eine Fluchtmöglichkeit wahrnähmen. Dennoch, Herr Ates, werde ich mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen und mich dann bei Ihnen melden.“ Mit diesen Worten gab er mir meine Hoffnung wieder – noch durfte ich sie behalten. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich begab mich aus dem Büro, woraufhin ich wieder Geschichtenerzähler spielte. Nach solch wichtigen Terminen versammelten sich die Mithäftlinge meist um einen wie Kinder, die sich um einen Märchenerzähler sammelten und gespannt die Ohren spitzten.

    „Bruder, das klappt schon!“ Meine Reiniger-kollegen hatten stets eine motivierende Wirkung auf mich. „Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!“, versprach ich Kreshnik. Obwohl sich dies jeder erhoffte, wussten wir beide, dass im Gefängnis und vor allem auch danach,
    die Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ galt. Ich hatte schon viele Häftlinge während meiner Haftzeit kennengelernt und mit einigen hatte ich mich auch gut verstanden. Und obwohl wir uns gegenseitig stets versprachen, in Kontakt zu bleiben, blieb es meist doch beim Abschied. Am längsten hatte ich den Kontakt bisher zu Behlül gehalten. Nachdem ich von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt worden war, hatte es bis dato drei Mal Schriftverkehr gegeben. Ihm schien es wieder ganz gut zu gehen. Jetzt, da er sein Urteil kannte, wuchsen ihm auch wieder Haare auf der Kopflücke – das hatte wohl tatsächlich etwas mit dem Stress zu tun gehabt. Irgendwie hatte ich Mitleid mit ihm. Obwohl er jemanden niedergestochen hatte, hatte ich das Gefühl, dass er eigentlich ein guter Mensch war. Dieses Gefühl war wohl hauptsächlich darin begründet, dass er vor kurzem seine Mutter verloren hatte und ich auf keinen Fall selbiges Schicksal mit ihm teilen wollte. Oft genug schlief ich mit dem mulmigen Gefühl der Ohnmacht ein: „Was, wenn meiner Familie etwas zustößt?“ Seltsam war jedoch, dass ich in Freiheit nie solche pessimistischen Gedanken gehabt hatte. Die Haft hatte mich auch irgendwie zu einem nachdenklichen Menschen gemacht. Der Gedanke an den Tod brachte mich auch der Religionsfrage näher. Was wäre, wenn meiner Familie etwas zustoßen würde … und es weder den Himmel, noch die Hölle gäbe? Was, wenn sie einfach „Nichts“ werden? Dieser Gedanke war sehr unangenehm. Es konnten sich doch nicht 1,3 Milliarden Menschen (die Anzahl der Moslems weltweit) irren? Die ganzen Überlieferungen über die Zeiten des Propheten Muhammed … die konnte man doch nicht einfach so erfinden? Oder doch? Ich hatte so viele Fragen im Kopf, so viele Zweifel, mehr als je zuvor. War die Religion nur etwas, damit man im Hier und Jetzt angenehmer existieren konnte, nicht ständig in der Angst vor der Zeit nach dem Tod lebend? In dem „Wissen“, dass Gott im zweiten Leben für Gerechtigkeit sorgen, die „Bösen“ bestrafen, und die „Guten“ belohnen wird? Doch meines Wissens nach kategorisierte Gott nicht wirklich in Gut und Böse, sondern in Moslem, Christ, Jude, Atheist usw. Und die Moslems waren der unerschütterlichen Überzeugung, dass nur sie in den Himmel kämen. Aber, so die Meinung der Christen, Jesus war doch nur für deren Sünden gestorben, oder? Und an was glaubten eigentlich die Juden? Atheisten, da waren sich wohl alle Religionen einig, würden in der Hölle schmoren. Es war einfach seltsam, diese Einteilung der Menschen nach ihrem Glauben. So saß ich nun, nur mit mir, und hatte all diese Fragen bezüglich der Religion und keiner konnte mir darauf eine Antwort geben. Damals, noch vor der Haft, wäre ich wohl – so wie meine Eltern und viele andere auch - zum Hoca in die Moschee gegangen und hätte einfach nachgefragt. Alles, was er sagte, hatte ich bis dato stets als „Fakt“ aufgenommen. Es war enorm, was für einen Einfluss ein Geistlicher auf die Glaubensgemeinschaft nahm – auch da waren die Religionen sich einig. Nie zweifelte ich daran, geschweige denn hinterfragte ich seine Antwort – wie könnte ich denn? Das Schlimmste, was man als Moslem (und wohl auch in anderen Religionen) tun könnte, war, Gott und seine Regeln zu hinterfragen. Dabei war es schon sündhaft, den Hoca zu hinterfragen. Denn der Hoca vermittelte ja nur Gottes Worte, Verse aus dem Koran und den ganzen Hadith vom Propheten. Mein Kopf tat weh – und doch musste ich eins feststellen: der Gedanke an den Tod, den Tod meiner Familie allen voran, brachte mich dem Glauben wieder näher.

    Da kam es mir gerade recht, dass der „Türkische Integrationskurs“ endlich anfing. Er fand mitten in der Freizeit statt; Freizeit war täglich von 18:30 Uhr bis 21:30 Uhr. Der Kurs fand von 18:30 Uhr bis 20:30 Uhr statt. Wie bekommt man also die (türkischen) Häftlinge dazu, den Kurs ihrer Freizeit vorzuziehen? Mir war klar, ich wollte Antworten, Antworten auf die ganzen Fragen. Bei den anderen? Das war auch jedem klar, spätestens dann, als er Beamte uns in den Freizeitraum in das Erdgeschoss führte und wir das ganze Essen vorfanden. Der Kurs führende Hoca hatte Börek, Sonnenblumenkerne und türkische Süßigkeiten mitgebracht! Ein Stück „Familiengefühl“, das durch den Magen ging. Wir waren 8 Häftlinge, was recht beachtlich war. Es waren nämlich nur maximal 8 zugelassen, und ich hätte nicht erwartet, dass diese Grenze erreicht werden würde. Es waren auch Häftlinge aus der U-Haft dabei, die ich nicht kannte. Der Hoca war ein kleiner, zierlicher Mann, der in seinen Mittvierzigern war. Er entsprach genau dem Typ eines „typischen“ Hocas. Er hatte eine leicht gebückte Haltung, wahrscheinlich vom täglichen Beten herrührend. Er trug eine Stoffhose und ein kariertes Hemd, an seinen Füßen trug er schicke Lackschuhe. Hinzu kam ein leerer Blick (zumindest kam es mir so vor), und ein Gesicht, das sich hin und wieder zu einem leichten Lächeln rang. Ein lautes Lachen hatte ich ohnehin selten von einem Hoca gehört. Oft schon war mir eingebläut worden: „Wer im Leben viel lacht, der wird im Jenseits viel leiden.“ Diese Aussage kann man auf verschiedenste Weise interpretieren. Meine Familie jedenfalls glaubte fest daran. Deshalb ist mein Vater wohl so verbittert. Deshalb „erwarten“ meine Mutter und meine Zwillingsschwester wohl nichts vom Leben. „Emre, dieses Leben ist vergänglich. Dieses Leben ist eine Lüge. Nur das Jenseits zählt“, waren einst die für einen Nicht-moslem seltsam klingenden Worte meiner Zwillingsschwester. Sie hatte damit eigentlich nur das wiederholt, was die Hocas ständig auf alle einredeten. Das war eine Kunst für sich, etwas Reales (das Leben) als Lüge zu bezeichnen und etwas Nicht-reales, nicht Fassbares (das Jenseits) als Wahrheit zu sehen und das auch noch seinen Mitmenschen zu vermitteln. Doch ich war (oder sogar, bin?) nicht anders. Stets hatte ich mit dem Gedanken daran, dass das Jenseits auf mich mit etwas Besserem aufwartete, gelebt. Tat ich etwas Gutes, so erhoffte ich mir eine höhere Chance auf den Himmel. Tat ich etwas Böses, so hatte ich größere Angst vor der Hölle und hoffte auf die Vergebung Gottes. Aktuell jedoch wusste ich nicht wirklich, was Gut und Böse war, wusste nicht, welche Regeln nun real waren. Ohne die Moschee und die familiären und gesellschaftlichen Konstrukte verlor ich meinen religiösen Halt und meinen Alltag, der vom Glauben geprägt gewesen war… und doch wurde mir etwas klar: vor meiner Haft war es doch genauso gewesen, trotz jener „Konstrukte“. Ich hatte Böses getan und schlicht nicht daran gedacht, dass es schlecht gewesen sein könnte. Hatte Gesetze und Regeln geleugnet, dachte nicht, dass man mich richten würde. Ich hatte an allem gezweifelt, auch an mir, und nun war ich im Gefängnis gelandet. Was würde passieren, wenn sich das wiederholte? Wenn ich aber nicht im Gefängnis, sondern in der Hölle landete? Der Hoca sollte es mir endlich sagen.

    Wir setzten uns hin und er stellte sich erst einmal vor. Er war erst kürzlich aus der Türkei nach Deutschland gekommen, konnte daher so gut wie kein Wort Deutsch. Er gehörte der Ditib an, also der offiziellen Religionsgemeinschaft der türkischen Regierung. Von seinem Vorgänger hatte er von seinen Einsätzen hier in der JVA gehört. Gerne, so seine Worte, würde er das von nun an übernehmen. Er hoffte auf eine rege Teilnahme und war sichtlich erfreut, so viele von uns zu sehen. Die ersten hatten schon angefangen, Sonnenblumenkerne zu knabbern. Nach und nach sollten wir uns vorstellen. Auch wollte der Hoca natürlich erfahren, welche religiösen Kenntnisse man den hatte. Er wollte wissen, ob man den Koran lesen konnte oder gar einige Verse auswendig konnte. Etwas enttäuscht schien er schon, als nach und nach jeder gestand, nur ein, maximal zwei kurze Verse zu kennen. Keiner konnte den Koran lesen. Auch sonst konnten sie nichts vorweisen. Dementsprechend machte sich ein überlegenes Gefühl in mir breit. Mit solchen Kenntnissen würde ich neben den anderen glänzen. Endlich fiel der Blick des Hocas auf mich, der mir das Wort gab, und ich zeigte ihm sogleich, dass ich ein Diamant unter den ganzen Steinen war: „Ich habe vom 4. bis zum 16. Lebensjahr sehr häufig die Moschee besucht. Danach nur noch „häufig“. Dabei war ich jedes Wochenende in der Moschee, habe dort übernachtet. Ich kann den Koran lesen, sehr flüssig sogar. Ich glaube, eine Seite schaffe ich aktuell in ca. 2 Minuten. Ich kenne sehr viele Suren auswendig, auch die längeren – z.B. alle 6 Seiten von Yasin“, was eine wichtige Sure im Koran darstellte, „Auch nahm ich oft die Rolle des Imams ein, habe also vorgebetet – auch hielt ich die wöchentlichen Freitagsgebete und Predigten. Ich habe auch in meinem ganzen Leben keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt.“ Die anderen Häftlinge lachten nach meiner Vorstellung, einer konnte es sich nicht verkneifen und sagte: „Amına koyim, du bist ein Engel, du kommst safe in den Himmel.“ Der Hoca schien überrascht zu sein. Als er seine Stimme erhob, erwartete ich eigentlich ein Lob. Doch stattdessen kam er mit der einen Frage, die ich mir auch seit Anbeginn meiner Haftzeit gestellt hatte: „Wie konnte es nur passieren, dass du in die Haft gekommen bist?“ Ich erzählte ihm von meiner Straftat und, dass es erst dann passiert war, als ich die Moschee „verlassen“ hatte. „Ich bin irgendwann immer seltener zur Moschee gegangen. Bin dann auch ausgezogen und schließlich ist das passiert.“ Damit hatte ich dem Hoca genau die Antwort gegeben, an die er wunderbar mit der Religion anknüpfen konnte: „Das war sicherlich eine Prüfung Allahs. Er will dich wieder auf den rechten Pfad holen, deswegen musst du das hier durchmachen.“ Das hatte ich schon oft gehört, die „Prüfung“ Allahs – die „Ausrede“, wenn einem etwas schlimmes wiederfuhr. Es war doch so: Wenn etwas Gutes passierte, war es Allahs „Geschenk“. Passierte etwas Schlimmes, nannte man es stets eine Prüfung Allahs.
    Die restlichen Häftlinge stellten sich noch vor und schließlich sagte der Hoca ein, zwei Suren auf. Danach predigte er kurz, es ging um Abraham, der seinen Sohn Isaak für Gott opfern sollte: Das Opferfest stand vor der Tür. Die restliche Zeit widmete sich der Hoca mir, während der Rest miteinander redete. Der Hoca erzählte mir, weshalb er glaubte, dass mir das Ganze passiert sei, dass ich doch im Grunde ein guter Junge sei. Die nächsten Aussagen von ihm sollten mich wohl dazu bringen, wieder den rechten und geraden Pfad zu finden. Ich weiß nicht, wer auf die Bezeichnung kam, doch mit einem „Türkischen Integrationskurs“ hatte das Ganze hier nicht viel zu tun. Dennoch fanden seine Worte absoluten Anklang bei mir. Das war doch das Beste, was ich konnte. Ich konnte ein richtig guter Moslem sein. Ich wurde in der islamischen Gemeinde stets sehr geschätzt, man betrachtete mich wirklich irgendwie als Diamanten unter den ganzen Ungläubigen. Ich hatte das so sehr vermisst – etwas Aufmerksamkeit, ein Mensch (in diesem Fall der Hoca), der mir Aufmerksamkeit schenkte und mir das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein.
    Ich spürte, dass er es schaffte, dass ich langsam wieder eine Verbindung zum Glauben herstellte. Seine Aussagen waren so vertraut, lösten ein sehr angenehmes und familiäres Gefühl in mir aus … die Angst vor dem Tod, sie verschwand allmählich. Ich bat den Hoca darum, meine Eltern anzurufen und ihnen zu erzählen, dass es mir hier gut gehe. „Es würde ihnen gut tun zu wissen, dass ein Hoca bei ihrem Sohn ist.“ Ich schrieb ihm die Festnetz-Nummer meiner Eltern auf einen kleinen Zettel und übergab ihn ihm. Ob das erlaubt war, wusste ich nicht, doch er steckte den Zettel sofort in die Tasche, so dass es keiner sah. Wir verabschiedeten uns, jedoch war der Abschied nur vorläufig. In zwei Wochen würden wir uns wiedersehen.

    Es war so, als wäre ich gerade von einer kathartischen Meditation gekommen, ich fühlte mich sehr gut. Die nächsten Tage waren auch angenehm, ich hatte viel seltener negative Gedanken und machte mir weniger Sorgen. Allah würde es schon richten. Meine Zweifel über den Glauben waren zwar noch nicht weg, doch ich begann mir einzureden, dass das alles eine Prüfung Gottes sei. Ich war gerade dabei, die Flure zu wischen, da sah ich, wie der Anstaltsleiter auf mich zukam. Mein Herz pochte, als er mich ansprach.

    „Herr Ates, ich habe mir nun Gedanken gemacht. Bezüglich Ihrer Verlegung in den offenen Vollzug…“

    Geändert von Chegwidden (21.05.18 um 04:55 Uhr) Grund: Begrünt :)

  20. #420
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure:

    Ich weiß ja nicht wie du es jetzt mit der Religion hälst, aber mach dich nicht verrückt mit der Frage, was nach dem Tod sein könnte. Das werden wir zu Lebzeiten eh nie erfahren. Wir können nur an ein Leben danach glauben oder eben nicht.
    Niemand kann mir sagen "es gibt den und den Gott". Nur eines weiß ich mit Sicherheit. Den Tod gibt es und ich habe sie (Santa Muerte) als meine Schutzheilige angenommen. Anders als viele Götter unterschiedlichster Religionen urteilt sie nicht über die Menschen.
    In Death, all are equal.
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  21. #421
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Jeder war bereits schon einmal tot. Und es hat Niemandem geschadet.
    Zurück zum Ursprung.
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  22. #422
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Propaganda: und @KaPiTN:

    Mit der Religion habe ich eigentlich abgeschlossen Aber Danke für die Ratschläge.
    Das Kapitel spiegelt nur meine Lage von damals wieder.

    Habe mich heute mal als YouTuber versucht:
    Youtube #1 - Die Verhaftung
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  23. #423
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Hört sich gut an
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  24. #424

    Re: Mein Hafttagebuch

    Wäre es nicht sinnvoller das als Podcast zu veröffentlichen? Würde m.M.n. auch mehr Leute ansprechen als ein Video ohne relevantes Bild

    Edit: nochmal ergänzt um "relevantes", da du dir zwar schon Mühe gegeben hast, aber das nix ist wofür ich mir ein 10 Minuten Video anschauen würde Als Podcast würde ich mir das jedoch schon holen aufs Handy um es während der Fahrt mal zu hören. Zumindest die neueren Folgen die ich nicht kenne.
    Geändert von Schrenk (08.06.18 um 17:47 Uhr)

  25. #425
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Chegwidden:
    Vielen Dank

    @Schrenk:
    Gebe Dir vollkommen Recht. Bei Youtube wollte ich von der großen Community profitieren.
    Mit Podcasts habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt und wie es aussieht, ist es nicht so einfach z.B. auf Spotify etwas zu veröffentlichen. Kennst Du eine Plattform die sich für Podcasts eignet?

    Kapitel 64 - Die etwas anderen Gefangenen

    Spoiler: 


    „Ich bin der Ansicht, dass Sie die Verlegung in den offenen Vollzug verdient haben. Daher habe ich die Freigabe erteilt. In zwei Wochen werden Sie also verlegt.“ Die erlösenden Worte des Anstaltsleiters bejubelte ich im Inneren, äußerlich sah er nur mein sehr breites Grinsen: „Vielen Dank!“ Er reichte mir als nette Geste seine Hand und wünschte mir viel Erfolg im Leben. Schließlich gab er mir noch mit, dass ich nicht wieder auf die schiefe Bahn rutschen solle und dass er hoffe, dass es mit dem Studium klappen würde. Ich bedankte mich nochmals überschwänglich.

    Schnell ging ich in meine Zelle, zückte Stift und Papier und begann einen Brief an die Hochschule Ravensburg zu schreiben. Darin schilderte ich meine Situation, dass ich in Haft sei, jedoch zum Februar 2014 und somit rechtzeitig zum Sommersemester im Freigang sein würde. Ich bat die Hochschule darum, meine Immatrikulation einzufrieren bzw. mir ein Urlaubssemester zu gewähren. Ich wollte nicht noch ein Semester dadurch verlieren, dass ich an einem Bauernhof gefangen war. Viele Bedenken machten sich in mir breit, denn damals hatte ich bei der Immatrikulation nicht angekreuzt, dass ich vorbestraft war.

    Danach rannte ich in das Büro des Beamten und fragte ganz höflich, ob ich kurz meine Familie anrufen dürfe: „Ich möchte ihnen gerne die gute Nachricht übermitteln, dass ich in zwei Wochen in den offenen Vollzug verlegt werde.“ Dass mir das erlaubt wurde, überraschte mich inzwischen nicht mehr. Die Beamten der JVA Schwäbisch Hall waren einfach sehr entgegenkommend, zeigten Verständnis und hatten meiner Erfahrung nach bei den Häftlingen einen besseren Ruf als die Beamten der JVA Stammheim. Meine Mutter ging ran und freute sich sehr über die frohe Botschaft. Doch viel mehr schien sie sich über den Anruf des Hocas gefreut zu haben. Die nächsten 10 Minuten verbrachen wir mit Lobpreisungen darüber, wie toll es denn vom Hoca gewesen sei, dass er bei mir zuhause angerufen habe. Auch sprachen wir darüber, wie wichtig die Religion sei, und wie wir zusammenhalten müssen. Ob sie mit „wir“ die Moslems oder wir als Familie meinte, konnte ich nicht mit Gewissheit sagen. Auch bei den Häftlingen machte die Nachricht die Runde, dass ich bald weg sein würde. Als ich eines Tages abends im Bett in meiner Zelle lag und wegen des warmen Wetters das Fenster komplett offen hatte, hörte ich türkische Mithäftlinge vom oberen Stockwerk reden. Meine Aufmerksamkeit hatten sie, als ich meinen Namen zu hören bekam. Sie sprachen darüber, wie ungerecht es sei, dass ich bereits in den offenen Vollzug verlegt werde, obwohl ich erst kürzlich eingetroffen war. Auch sonst versuchten sie, meine Persönlichkeit anzugreifen. Ich schwieg einfach und hörte zu. Traurig war es schon, zumal ich mich mit den beiden diskutierenden Häftlingen gut verstand. Doch das war mir egal, bald war ich endlich weg, ein ganz großes Stück näher an der Freiheit.

    Mit einigen Häftlingen tauschte ich noch Festnetznummern aus – nun ja, sie dachten zumindest, es handle sich um eine echte Festnetznummer. Ich hatte zwar nicht viel Hab und Gut, doch alles Übrige, was mir nicht lieb und teuer war, übergab ich meinen Reiniger-kollegen. Vom löslichen Kaffee, über bereits geöffnete Cornflakes-Packungen bis hin zu überzähligen Kleidungsstücken. In der Haft war eigentlich kein Handel erlaubt, wobei auch Schenkungen eine heikle Sache waren: Wie wollte man beweisen, dass man dafür keine Gegenleistung erhalten hatte? Bei Kleidungsstücken achteten die Beamten weniger drauf – gab es mal eine größere Zellenkontrolle, so konnten die Vollzugsbeamten anhand der Anzahl der Kleider im Kleiderschrank bereits feststellen, ob jemand zu viele Klamotten hatte und nahmen den „Überfluss“ entsprechend weg. Da ich aber diesmal derjenige war, der seine Klamotten hergab, musste ich diese als „verloren“ oder „zerrissen und weggeschmissen“ melden. Die Kammerbeamte konnten sicherlich ahnen, dass es kein Zufall war, dass gerade am Tag der „Entlassung“ die eigenen Kleidungsstücke als verloren gemeldet wurden – doch wie bereits erwähnt, hier drückte man ein Auge zu. Anders war es bei hochwertigeren Sachen wie einer Radio-Anlage, eine Spielekonsole oder sogar einem Ventilator. Alle Geräte waren mit Nummern versehen, sodass sie dem Besitzer zugeordnet werden konnten. Mein albanischer Reiniger-kollege wollte unbedingt mein Radio haben, welches meine Mutter mir damals in der U-Haft gekauft hatte – bisher hatte ich damit jedoch nur depressive türkische Musik gehört (meine Pulsadern hatte ich mir zum Glück deswegen noch nicht aufgeschnitten). Doch uns fehlten die nötigen Connections zu den „richtigen“ Beamten. Denn tatsächlich gab es den ein oder anderen Beamten, der inoffiziell Geräte von einem Häftling auf den anderen Häftling überschrieb. Mir war das Recht, das Radio hatte mich eine lange Zeit begleitet, und auch wenn ich es in Stammheim nicht hatte verwenden dürfen, so verband ich viele Erinnerungen an die U-Haft damit, die ich nicht verlieren wollte – außerdem war es ein Geschenk meiner Mutter gewesen. Nachdem ich so gut wie blank war und mich von allen Häftlingen verabschiedet hatte, kam endlich der Tag, auf den ich so lange gewartet hatte. Eine leichte Aufregung war in meinem Körper präsent, in etwa so, wie als würde ich gleich ein Mädchen auf ein Date ausführen. Meine Zelle hatte ich noch blitzeblank geputzt und desinfiziert, weshalb ich bei Kreshnik in der Zelle zu einem Kaffee saß. Der Kaffee roch nach frischem Wind und schmeckte nach Freiheit – es war der beste Kaffee, den ich bisher getrunken hatte (man bedenke an dieser Stelle: Ich habe erst in der Haft angefangen, Kaffee zu trinken, und dann auch noch löslichen Kaffee). Ich hörte, wie das Rascheln der Schlüssel des Vollzugsbeamten immer lauter wurde und immer näherkam, sie schrien förmlich nach mir – als würden die Schlüssel es vermissen, mich einzuschließen und so als ob sie mir nochmals „Tschüss!“ sagen wollten, à la: „Deine Zellentür war stets eine gute Tür, die ließ sich immer sehr leicht schließen.“ Ich umarmte meine Reiniger-kollegen, Kreshniks letzte Worte waren: „Ich weiß, aus dem Auge, aus dem Sinn – ich hoffe dennoch, dass du uns schreibst. Erzähl uns von der Freiheit! Ich wünsche dir alles Gute mein Bruder, du bist wahrhaftig ein guter Junge. Du gehörst nicht an solch einen Ort. Studiere und mach was aus Dir!“ Ich bedankte mich bei ihm, das war der Moment, in dem ein neues Kapitel in meinem Leben anfing, was ich auch den anderen mitteilte: „Ab heute geht es hoffentlich nur noch bergauf bei mir. Doch ich werde niemals diejenigen vergessen, die mir stets zur Seite standen, als ich am tiefsten Punkt meines Lebens angekommen war. Du bist einer derjenigen, die mir immer im Sinn bleiben werden, ganz egal, ob ich dich wiedersehe oder nicht. Also vergiss nicht, auch wenn ich nicht schreibe, ich werde sicherlich noch oft an unsere gemeinsame Zeit denken. Und: auch, wenn wir beide kriminell waren, heißt das noch lange nicht, dass wir keine guten Menschen sind oder werden können. Wir sind eben gute Menschen mit Macken.“ Er umarmte mich nochmals: „Bruder, ich habe sehr große Macken!“, wir lachten. Der Beamte hatte einen Schubwagen dabei, meine Kisten hatte der andere Reiniger-kollege bereits beladen – auch von ihm verabschiedete ich mich mit einer Umarmung. „Wohin geht es jetzt?“, fragte ich den Beamten: „Erst einmal zur Kammer, danach musst du noch zum Arzt.“ Wir liefen über den Innenhof in das gegenüberliegende Gebäude. Der frische Wind fühlte sich heute ganz besonders gut an, der Duft des Teichs roch wie an meinem ersten Tag, als ich von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt worden war, und der Teich im Innenhof mir eine innere Ruhe verliehen hatte. „Irgendwie werde ich das alles schon vermissen – klingt paradox, aber ich fühle mich wie Zuhause hier.“ Der Beamte erschrak: „Tu‘ mir bitte einen Gefallen und mach was aus deinem Leben – ich will dich hier nicht wiedersehen.“ Es war schwer, die in mir tobenden Gefühle zu erklären, doch ich fühlte mich nach so langer Zeit wieder lebendig. In der Kammer angekommen, wurden mir einige Klamotten ausgegeben, die ich zuvor nicht haben durfte, weil man z.B. keine Kapuzenpullis haben durfte: „Wie jetzt, darf ich diesen schwarzen Pulli haben, obwohl der eine Kapuze hat?“ Der Beamte schaute mich gelangweilt an: „In Comburg darfst Du alles an Kleidung haben, jetzt beruhige dich mal – Du hast hier echt viele Klamotten, die ewig rumlagen, wir hätten die zurückschicken oder deinem Besuch mitgeben sollen.“ Er war wohl verärgert, dass er dadurch einen längeren Bestandsaufnahmeprozess hatte. Ich hingegen freute mich wie ein kleines Kind über meinen Pulli, das war nämlich mein Lieblingspullover gewesen. Ich sollte noch schnell zum Arzt hüpfen, der glücklicherweise kein Blut abnahm, das ging bei mir nie gut aus. Der Arzt fragte nur nach meinem Wohlbefinden und gewogen wurde ich auch noch: „Ach herrje, Ihnen schien es bei uns ja gut gegangen zu sein.“ Ich wurde leicht rot, als er die hohe Zahl auf der Waage betrachtete: „Sie haben beachtliche 8 Kilo zugenommen.“ Das lag wohl daran, dass ich jeden Abend mindestens eine Tafel Schokolade gefuttert hatte. Sonntags hatte es zudem weißes Brot gegeben, was eigentlich nicht so schlimm ist. Doch ich hatte stets eine ganze Tafel Schokolade zwischen zwei Weißbrotscheiben genommen und diese Kalorienbombe genüsslich verschlungen.

    Diesmal gab es keinen großen Transportbus, der Häftlinge hin und her kutschierte. Nein, diesmal hatte ich meinen ganz persönlichen Transporter, mit zwei Vollzugsbeamten als meine Chauffeure – mit diesem Bild im Kopf blieb ich vor dem Transporter stehen und streckte meine beiden Arme aus. „Was machen Sie da?“, fragte mich der mir nächste Beamte. „Ähm, Handschellen?“, fragte ich etwas verwirrt. „Das gibt es nicht mehr, Sie kommen in den offenen Vollzug.“ Ein breites Grinsen machte sich wieder auf meinem Gesicht breit. Von nun an würde ich dafür sorgen, dass nie wieder kaltes Eisen meine zwei Handgelenke umschließt. Ich warf noch einen letzten Blick auf das Innere der JVA Schwäbisch Hall, bevor ich mich außerhalb der Mauern befand. „Wenn ich je wieder den Innenhof hier sehe, dann ist es höchstens auf Google Maps“, die Beamten schienen meinen Spruch überhört zu haben, denn sie antworteten nichts. Die Strecke nach Comburg war wunderschön, lauter grüne Bäume zierten die Landstraße und ich konnte eine atemberaubende Stadt am Horizont erkennen: „Ist das Schwäbisch Hall?“, fragte ich. „Ja, aber wir fahren nach Comburg, das ist etwas außerhalb.“ Die Beamten hatten es sich mit ihren Sonnenbrillen und bei offenem Fenster auch gemütlich gemacht.

    Nun waren wir endlich da. Ich stieg aus, das erste Mal seit 1 ½ Jahren befand ich mich auf freiem Fuß ohne Handschellen – theoretisch hätte ich jetzt einfach wegrennen können, doch wieso sollte ich? Ich wollte endlich das machen, was ich in den Filmen immer sah, wenn jemand aus dem Gefängnis entlassen wurde: Die Arme ganz weit ausstrecken und tief frische Luft einatmen. Doch irgendwas stimmte nicht. „Boah, was ist das für ein Gestank?“ Mir wurde übel. Die Beamten lachten: „Das ist ein Bauernhof, was haben Sie gedacht, wie es hier riecht?“ Da hatten sie recht, doch mit solch einem intensiven Gestank hatte ich eben nicht gerechnet. Als ich gerade meine Sachen aus dem Transporter nehmen wollte, hörte ich ein lautes Geräusch: „Muuuuuuuuuh!“ Ich musste lachen, sowas hatte ich schon lange nicht mehr gehört: „Habt ihr auch Kühe als Gefangene hier?“, scherzte ich. Ich stand vor der Tür des Heims, in das ich untergerbacht würde, und einer der Beamten klingelte an der Tür: „Du wirst noch viel zu tun haben mit den Kühen. Und glaub mir eines, das macht keinen Spaß.“ Ich war verwirrt, was meinte er damit?
    Geändert von Brother John (12.06.18 um 18:31 Uhr) Grund: gehilfreicht

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