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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #351
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 55 - Der Mittäter von Abde

    Spoiler: 


    Beim nächsten Besuch erwartete mich mein Vater, was bedeutete, dass es mal wieder etwas ungemütlich werden würde. Ich hätte wohl dankbar sein sollen, dass er mich besuchte. Doch ich war es irgendwie nicht, stets hatte ich ein unwohles Gefühl, wenn ich mit ihm sprach. Dabei war es meist jedoch ein ganz normales Gespräch, das sogar manchmal lustig war. Etwas Unangenehmes wurde jedoch immer besprochen, so fragte er mich diesmal, ob ich fasten würde. Ich log ihn an, ich hatte erst eine Verurteilung hinter mir – die vom Gericht reichte mir. Es war durchaus ein seltsames Gefühl gewesen, nach so vielen Jahren des disziplinierten Fastens damit aufzuhören. Ich fühlte mich schuldig und schlecht. Auch das Belügen meines Vaters war mir unangenehm – doch die Wahrheit wäre sicherlich unangenehmer gewesen. Ich konnte mich noch daran erinnern, wie deutsche Freunde immerzu gemeint hatten: „Emre, Allah kann dich hier im Zimmer nicht sehen – wenn Du willst, schließen wir auch die Rollladen – jetzt iss doch die Haribos.“ Zuvor hatte ich ihnen mitgeteilt, wie gerne ich von diesen Gelatine-Gummis naschen würde und erzählte ihnen, wie es in meiner Kindheit noch toleriert wurde, bis unsere Moschee schließlich ein Verbot herausbrachte. Meine Lieblingssorte waren immer die gezuckerten Gummi-Erdbeeren gewesen. Es war mir sehr schwergefallen, mich davon zu trennen. Damals fand ich die Aussage meiner Freunde noch absurd und intolerant. Ich hatte mich immer gefragt, ob sie es nicht sein lassen konnten, schließlich hatte ich ihnen auch nie versucht, etwas ein – oder gar auszureden. Doch so langsam begann ich, ihnen recht zu geben. Wieso hatte ich in der JVA Stammheim aufgehört zu fasten? Dachte ich tatsächlich, dass Allah mich hier drin nicht sah? Die Antwort für mich war simpel: „Ja, er sieht mich nicht.“ Mein Hoca sagte immer, man dürfe Allah keinen Ort geben, er sei nicht im Himmel, nicht auf der Welt, nicht im Universum – er sei überall! Und auch meinem Hoca muss ich aus heutiger Perspektive teilweise recht geben. Da saß mein Vater vor mir und fragte mich, ob ich fasten würde, wie es ein „kul“ (zu Deutsch: Sklave) Allahs tun würde. Daheim hätte mich meine restliche Familie gefragt. Meine Großeltern, meine Verwandten, meine muslimischen Freunde, meine muslimischen Bekannten – alle hätten mich verurteilt, hätte ich nicht gefastet. Sie waren überall – Allah war überall. Und in der Haft? Hier fragte keiner, ob ich fasten würde. Keiner prahlte, dass er seinen muslimischen Pflichten nachging. Keiner wollte etwas vom Ramadan wissen. Auch die Moslems, oder jene, die sich als Moslems ausgaben, fasteten nicht. Niemand war hier, der mich verurteilte – Allah war nicht hier. Doch da stand nun mein Vater vor mir, und plötzlich spürte ich einen Hauch von Allahs Zorn. Nur die zwei Stunden Besuch musste ich aushalten, dann war ich „frei“ von seinem Zorn. Um von mir und meinen möglichen Sünden abzulenken, erzählte ich meinem Vater von Peter und Hakim, dass beide homosexuell waren und wie ich das rausbekommen hatte. Natürlich fand er dies abscheulich, fluchte über sie und warnte mich vor ihnen. Als ich ihn bei seinem minderen Wutausbruch beobachtete, merkte ich, wie abscheulich er dabei aussah – er wirkte auf mich extrem intolerant. Mir wurde schlecht, und der innere Konflikt in mir wurde stärker, ausgelöst durch die Hasstiraden meines Vaters. Ich realisierte, dass ich selbst auch ein Stück weit so gewesen war. Ich hatte Peter und Hakim für ihre sexuelle Orientierung verurteilt, und daraus die Konsequenz gezogen, dass ich mich zukünftig von ihnen fernhalten würde. Dabei hatte ich vergessen, dass Toleranz und Akzeptanz nicht dasselbe waren – zumindest nicht für mich. Es war mein gutes Recht, die Ansichten Peters und Hakims nicht für mich zu akzeptieren, wenn sie meinen Werten nicht entsprachen. Doch war es ein absolutes Unding, sie dafür zu verurteilen, ich musste das tolerieren. Sie waren doch im Grunde so wie ich, auf eine Art und Weise einfach anders als die anderen. Plötzlich spürte ich einen Anflug von Bewunderung: Peter hatte zugegeben, dass er homosexuell war. Ihm war es egal gewesen, was ich darüber denken würde, was ich tun würde. Er fühlte sich frei in seiner Meinungsäußerung. Und ich? Ich konnte nichts offen äußern, ich konnte meinem Vater nicht sagen, dass ich begonnen hatte, an der Religion zu zweifeln, dass ich nicht fasten würde. Ich konnte meine Meinung nicht frei äußern.

    Ich wollte nicht intolerant sein, wollte anders als mein Vater sein. Nach dem Besuch dauerte es ein paar Tage, bis ich meine Gedanken sortiert hatte und Peter in seiner Zelle besuchte: „Hey Peter, tut mir leid, wie ich reagiert habe. Ich habe echt kein Problem damit, dass Du schwul bist. Das ist mir egal. Ich muss das noch lernen, tolerant zu sein. Du schadest niemandem damit. Echt Schade eigentlich, dass wir in diesem Jahrhundert noch über solche Dinge diskutieren müssen. Es fällt mir halt schwer zu akzeptieren, dass ein Mann mit einem anderen Mann körperlich zusammen ist.“ Er sah mich an und schien irgendwie erleichtert, als er mir antwortete: „Emre, ich brauche deine Akzeptanz nicht. Solange Du mich nicht abstempelst und aufgrund meiner Sexualität nichts mehr mit mir zu tun haben möchtest, ist es mir ehrlich gesagt egal, ob Du Homosexuelle allgemein akzeptierst“, er überlegte kurz, „eigentlich ist es mir sogar egal, wenn Du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, das ist dann dein Problem.“ Peter war in meinen Augen sehr stark, er hatte recht: Wenn irgendjemand ein Problem damit hatte, wer er ist, dann war das nicht sein Problem – soll sich derjenige dann eben andere Freunde suchen. Wenn meine Eltern ein Problem damit hatten, wer ich wirklich bin, dann war das aber irgendwie doch mein Problem – ich konnte mir doch keine andere Familie suchen! Mein Konflikt stieß mich immer mehr in die innere Zerrissenheit. Doch in einem Punkt war ich mir sicher: Ich wollte mich ändern, mich zum Besseren wenden.

    Wochen vergingen und ich hing weiterhin mit Peter ab. Ich hörte mir das Gejammer von Behlül und Hassan an. Beide waren in Revision gegangen. Währenddessen war die Bewerbungsphase für ein Studium mit Semesterbeginn im Oktober 2014 gestartet. Meine studierte Cousine erklärte sich dazu bereit, die Bewerbungsunterlagen für mich abzusenden. Ich wusste nicht, weshalb meine Zwillingsschwester dies nicht angeboten hatte, doch war ich froh, dass meine Cousine sich zur Verfügung stellte. Sie hatte an mich alle Bewerbungsunterlagen per Post versendet, da meine Unterschrift noch nötig war. Ganz oben auf meiner Präferenzliste stand die Hochschule Ravensburg, es war mir sehr wichtig, dort angenommen zu werden – immerhin sollte ich laut Vollzugsplan zur Strafhaft in die JVA Ravensburg verlegt werden. Mir wurde kurz heiß, als ich dann in den Bewerbungsunterlagen der Hochschule Ravensburg ein Kästchen sah, das ich ankreuzen sollte, falls ich nicht vorbestraft war. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hatte – doch ich kreuzte es an und unterschrieb. Die fast ein Dutzend Bewerbungen schickte ich an meine Cousine, die es dann an die Hochschulen weiterleitete. Ich wollte definitiv Wirtschaftsinformatik studieren, und wo dies möglich war, kreuzte ich den Studiengang als erste Priorität an. Derweil wartete ich noch immer auf die Rückmeldung der Staatsanwältin bezüglich meiner laufenden Ermittlungen und war erfreut, als ich einen Besuchszettel bekam: Meine Anwältin würde mich bald besuchen.

    Der Besuch meiner Anwältin war jedoch ernüchternd. Von der Staatsanwältin gab es noch keine positive Rückmeldung und das Regierungspräsidium meinte es wohl ernst mit der Abschiebungsgefahr: „Sie dürfen das nicht unterschätzen, Herr Ates. Ich habe mit dem Sachzuständigen geredet, wir müssen da echt aufpassen.“ Ich konnte es nicht wahrhaben, dass das Regierungspräsidium tatsächlich in Erwägung zog, mich abzuschieben, am liebsten hätte ich denen einen Brief geschrieben: „Ihr könnt mich nicht abschieben! Ich gehe selber!“, doch das wäre ziemlich dumm gewesen, ich wollte ja eigentlich in Deutschland bleiben. Im Grunde wollte ich doch einfach nur studieren. Ich erzählte meiner Anwältin, dass ich mich beworben hatte und sie doch bitte schauen sollte, dass ich baldmöglichst in die Strafhaft komme, damit es mit dem Studium zeitlich noch klappt. „Herr Ates, das LKA Hamburg hat sich bei mir gemeldet. Es würde Sie gerne über einen sogenannten „DirtyBoy“ befragen. Von ihm haben Sie das Bankkonto von der Volksbank Kiel gekauft. Eventuell könnten wir diese Gelegenheit dazu nutzen, um der Staatsanwältin zu zeigen, dass Sie weiterhin bereit zur Kooperation sind und indirekt darum bitten, dass sie Ihnen doch entgegenkommen möge.“ Das Angebot meiner Anwältin nahm ich an. Über „DirtyBoy“ konnte ich sowieso nicht viel sagen.

    So waren die zwei Beamtinnen wohl auch enttäuscht, als sie mich gleich die Woche darauf an der JVA Stammheim antrafen, ihren Audio-Recorder anwarfen und mich befragten. Natürlich konnte ich den realen Namen von „DirtyBoy“ nicht nennen, so war es doch der Sinn hinter Pseudonymen, ebendiesen geheim zu halten. Ich erklärte nur, wie er mir ein Bankkonto der Volksbank Kiel verkauft hatte, welches ich nicht wirklich benutzen konnte, weil es plötzlich geschlossen wurde. Ich erfuhr erst im Gericht, dass das Bankkonto nicht auf einen Fake-Namen erstellt worden war, sondern einer existierenden Person gehört hatte. Ich teilte ihnen auch mit, dass es sein könne, dass es sein eigenes reales Konto gewesen sein könnte. Es war aber wohl das des Nachbarn gewesen, so teilten sie mir es mit. „Sie haben ‚DirtyBoy‘ also schon verhaftet?“ Auf diese Nachfrage antworteten sie mir mit einem eindeutigen „Ja.“ Sie wollten mit meiner Hilfe wohl nur die Beweislast stärken. Außerdem war der Rechner von „DirtyBoy“ ebenfalls verschlüsselt, weshalb sie sich sicher waren, dass derjenige, den sie verhaftet hatten, „DirtyBoy“ war. Langsam verstand ich, worauf das Ganze hinauslaufen sollte: sie nannten mir den türkischen Namen von „DirtyBoy“ und wollten eigentlich wissen, ob wir uns persönlich kannten – wohl, weil wir beide Türken waren. Eine große Hilfe war ich den Beamtinnen wohl nicht, doch immerhin hatte ich mich zur Verfügung gestellt. Ich hoffte, dass meine Anwältin nun etwas bei der Staatsanwältin bewirken konnte.

    Es verging einige Zeit und die FIFA Weltmeisterschaft nahte sich dem Ende, Deutschland war im Finale und alle waren für Argentinien. Der Aufschrei war groß, als Mario Götze in der 113. Minute traf – das war für mich ein phänomenaler Moment. Die Beamten waren am nächsten Tag auch sehr gut drauf. Die meisten Häftlinge hingegen, bis auf Ausnahmen wie David, wohl nicht. Wir bekamen immer wieder neue Häftlinge auf dem Stockwerk, und so kam ein neuer, der gefährlich aussah. Er hatte einen Vollbart, braune Haut und beständig einen sehr wütenden Blick. Es stellte sich heraus, dass er der Mittäter von Abde war, welcher wiederum mit mir während des Gerichtsverfahrens in der Wartezelle gewesen war. Der Mittäter von Abde befand sich zu der Zeit gemeinsam mit Cem in einer Zelle. Diese „Gemeinsamkeit“ brachte ihn wohl dazu, sich öfter mit mir zu unterhalten. Ich hingegen präferierte es eigentlich eher, mich fernzuhalten. Diese Jungs hatten eine saftige Strafe bekommen, waren ebenfalls in Revision und hatten irgendwie nichts zu verlieren. Meine Angst war nicht unbegründet: Hakim hatte es sich aus einem mir unbekannten Grund mit Herrn Leder verscherzt. Er wurde als Reiniger abgelöst und musste in das zweite Stockwerk. Das besondere an den drei ersten Stockwerken war, dass man hoch und runter schauen konnte. So konnte man sich mit den Häftlingen aus dem zweiten und dritten Stock unterhalten. Außerdem führte eine Treppe zum oberen Stockwerk, doch eine verschlossene Tür versperrte den Zugang. Zudem waren Netze so angebracht worden, dass man nicht einfach so in das zweite Stockwerk raufklettern konnte. So fühlte sich Hakim wohl in Sicherheit, als er in der Freizeit vom zweiten Stockwerk aus nach unten zu einem Häftling sprach und ihn auf das Übelste beleidigte. Der Beleidigte war der Mittäter von Abde. Die Beamten befanden sich zu der Zeit in ihren Büros, als ich den Mittäter von Abde plötzlich mit akrobatischem Geschick zum zweiten Stockwerk klettern sah. Hakim rannte in seine Zelle, doch der Mittäter von Abde schaffte es, ihn einzuholen. Wir hörten laute Schreie und ein Geräusch von festem Einschlagen auf Knochen. Ein Alarm ging an, die Beamten schossen aus ihren Büroräumen und sperrten uns alle sofort in die Zellen ein. Die Türen blieben bis zum nächsten Tag geschlossen. Ich war verwundert, als ich den Mittäter von Abde bei der Frühstücksausgabe in seiner Zelle sah. Herr Gleich fragte uns Reiniger später, ob wir gesehen hätten, wer Hakim geschlagen hätte. Wir verneinten – wer weiß, was uns sonst passiert wäre. Wenn es nicht der Mittäter von Abde gewesen wäre, der uns dafür bestraft hätte, wäre uns gegenüber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stellvertretend ein anderer Häftling handgreiflich geworden. Solche Typen hatten ihre Connections in der Haft. Der in der Kammer arbeitende Grieche erzählte, wie er Hakim in der Kammer gesehen hatte: „Er wird verlegt zu einer anderen JVA. Sein Gesicht sah so brutal aus, voller blauer Beulen und er war überall im Gesicht genäht worden. Dem wurde mit einer Aluschüssel auf das Gesicht eingeschlagen.“ Das war wohl der Moment, in dem ich beschloss, dass ich es hier nicht mehr aushalten konnte und wollte. Mit so einem Typen wie dem Mittäter von Abde wollte ich nicht auf einem Stockwerk leben. David sollte gefährlich sein? Dieser Typ erschien mir um einiges gefährlicher, wenn auch ihm in den Sinn kommen sollte, dass er von meiner Reinigerposition profitieren könnte, wäre ich geliefert. Wegen meines Bruders hatte er auch schon eine „spezielle“ Bindung zu mir aufgebaut. Schnell schrieb ich meiner Anwältin einen Brief. Ich teilte ihr mit, dass sie sofort die Revision zurückziehen solle, egal, wie der Stand der Dinge nun war. Ich wollte nur noch weg aus Stammheim.
    Geändert von Metal_Warrior (08.01.18 um 16:50 Uhr) Grund: Begrünt

  2. #352
    Cryptroll Avatar von Trolling Stone
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure:

    Spoiler: 

    Selten dämlich, jemanden im Gefängnis so zu provozieren. Der Typ mag zwar durchaus gefährlich sein, aber so wie du es jetzt beschrieben hast, hatte Hakim sich das "verdient" (niemand verdient Schläge mitsamt schwerer Körperverletzungen, auch nicht bei Beleidigungen...gerade im Knast sollte man da allerdings höllisch aufpassen)...da dann direkt die Angst entwickeln und die Revision zurückziehen? Naja, bin gespannt, wie es mit dem Typen weitergeht.
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  3. #353
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @Trolling Stone:

    Spoiler: 


    Da gebe ich Dir recht. Es hat mich eigentlich gewundert, dass sich nicht früher schon jemand mit Hakim angelegt hat - er war oft provozierend.

    Haha, ich sag mal so, es war eines der Argumente meine Revision zurückzuziehen. Da war einmal der David, dann noch der Mittäter von Abde, aber auch der Fakt, dass ich Stammheim einfach satt hatte. Hinzu kam noch, dass ich keine Zeit mehr hatte mein Studium im Freigängerheim zu beginnen. Auch der Fakt, dass ich nicht mehr in U-Haft sein wollte, sondern Vorzüge der Strafhaft genießen wollte, brachten mich zu dem Entschluss die Revision zurückzuziehen. Ausserdem glaube ich sowieso nicht einen Erfolg der Revision, für mich war das nur ein taktischer Zug, damit die Staatsanwältin die anderen Ermittlungsverfahren fallen lassen sollte.
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  4. #354
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure:

    Spoiler: 

    Dann bin ich mal gespannt darauf, ob diese Taktik aufgeht (nach Zeitablauf mutmaßlich ja, aber ich lass mich überraschen)

    Der Bezug zur WM 2014...meine Güte, so lang ist es nicht her und trotzdem kommt das einem wieder so lang her vor. Nächste WM steht auch vor der Tür.
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  5. #355
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 56 - Der Wäscheschnüffler

    Spoiler: 


    Meine Anwältin reagierte unverzüglich auf meinen verzweifelten Brief und meldete Besuch an, während welchem wir besprachen, wie es nun weitergehen sollte. Sie verstand, dass mir die JVA Stammheim nicht guttat und ich mich nun seit vier zermürbenden Monaten hier befand. Auch hatte ich diesen U-Haft-Status gehörig über, ich wollte endlich in die Strafhaft. Meine Anwältin würde die Revision noch heute zurückziehen. Und tatsächlich, es vergingen keine drei Tage, als ich die Nachricht bekam, dass mein Urteil rechtskräftig sei.

    Fast stündlich fragte ich den Vollzugsbeamten von nun an, ob im Computer bereits stand, in welche JVA ich zur Strafhaft kommen würde. Eine ganze Woche verging, als ich Herrn Gleich erneut fragte: „Komme ich jetzt nach Ravensburg oder nicht?“ Herr Gleich war ein sehr netter Beamter und zudem noch hilfsbereit, wir verstanden uns auch gut. Ihn konnte ich öfter mit meinen Problemen stören. Schließlich war es soweit, Herr Gleich rief mich in sein Büro: „Herr Ates, es ist nun im Computer vermerkt. Sie werden zur JVA Schwäbisch Hall verlegt.“ Ich war baff: „Wie jetzt? Wieder zurück dahin? Ich dachte, ich komme zur JVA Ravensburg?“ Ich überlegte, ob die JVA Ravensburg wohl besser gewesen wäre, als er weitersprach: „Ja, laut Vollzugsplan sollte es eigentlich JVA Ravensburg sein. Ich weiß es leider auch nicht. Der Transport sollte dann in drei Tagen soweit sein.“ Schnell gab ich Behlül und Hassan Bescheid, beide freuten sich für mich. „Es ist eigentlich ganz gut, dass ich zurück nach Hall gehe. Die kennen mich schon, die schicken mich sicherlich in den Freigang. Das Problem ist nur, ich habe mich gar nicht dort in der Gegend für die Unis beworben. Aber vielleicht schicken die mich ja nach Stuttgart ins Freigängerheim“, teilte ich meine Gedanken mit den Jungs. Ich war in solch einer Plauderlaune, dass ich sogar der Beamtin Frau Benz stolz davon berichtete, worauf diese wiederum antwortete, dass ihre Freundin in der JVA Schwäbisch Hall arbeiten würde. Natürlich wollte ich sofort wissen, wen sie meinte und war überrascht, als sie den Namen von Frau Habich nannte. „Das wusste ich gar nicht! Wissen Sie, dass Frau Habich mir total geholfen hat, bevor ich hierher verlegt wurde? Ich verstehe mich sehr gut mit ihr.“ Ich erzählte ihr von ein paar Gefälligkeiten, die Frau Habich für mich getan hatte und bat sogleich Frau Benz etwas frech um eine ebensolche Gefälligkeit: „Könnten Sie eigentlich Frau Habich Bescheid geben, dass ich zurückkomme, damit sie mir einen Job als Reiniger besorgt? Also, dass ich auf ein Stockwerk komme, wo die einen Reiniger brauchen?“ Sie bejahte und wünschte mir alles Glück.

    Ich verabschiedete mich von allen. Belühl und ich entschieden uns dazu, in Kontakt zu bleiben, auch, wenn in der Haft oft die Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ vorherrschend war. „Oha, die Lücke an deinem Hinterkopf wächst ja wieder zusammen“, meinte ich zu ihm, als er mir sagte, dass er froh sei, mich kennen gelernt zu haben: „Du hast mir die Haft echt erleichtert. Es ist schade, dass Du gehst. Wir bleiben in Kontakt, Bruder!“ In der nächsten Stunde befand ich mich schon wieder auf dem Transportweg in diesem riesen Bus, der kleinere Zellen beinhaltete. Es fühlte sich wirklich ein Stück weit so an, als würde ich zurück nach Hause fahren – ich freute mich doch tatsächlich ein klein wenig auf Schwäbisch Hall. Wir stoppten bei einigen JVAs, damit Häftlinge ein- und aussteigen konnten. In der JVA Heilbronn mussten wir allerdings in eine Wartezelle, wahrscheinlich hatten die Fahrer Mittagspause. Als wir in dem Trubel in eine kleine Zelle geführt wurden, sah ich plötzlich ein mir bekanntes Gesicht: Yilmaz. Er war wohl auch hier Reiniger geworden, zumindest packte er einige Kartons aus dem Transportbus und trug diese ins Gebäude. Ich bevorzugte, ihn zu ignorieren, zumal er mich in dem Gewirr nicht wiedererkannt hatte. Mir schauderte es, als ich dann den anderen Reiniger sah: Es war der Häftling, der damals gemeint hatte, er habe einen Opa unsanft gestoßen, woraufhin dieser auf eine Bordsteinkante gefallen sein solle. In Wirklichkeit hatte er sein eigenes Kind, einen Säugling, ins Koma geschlagen. Am liebsten wäre ich über ihn hergefallen, doch es blieb bei verurteilenden Blicken meinerseits. Wir bekamen auch Vesper, Brot mit Käse und Wasser. Nach einer Stunde ging es dann weiter nach Schwäbisch Hall – als wir ankamen, und ich den Teich im Innenhof sah, sprudelte nicht nur das Wasser zum Teich, sondern auch das Glück, geradewegs in meinen Körper.

    Wir wurden in die Wartezellen gebracht und nacheinander aufgerufen. Wir mussten nämlich in die Kammer und unsere Sachen abholen. Als die Tür sich öffnete und der Erste aufgerufen wurde, erblickte ich eine Beamtin: Frau Habich! Ich strahlte sie an und rief ihren Namen: „Frau Habich!“ Sie erwiderte mein Lächeln und blickte zu mir. „Herr Ates! Schön, dass Sie wieder da sind!“ Sie ging mit dem Häftling in die Kammer. Als ich dann endlich dran war, stand Frau Habich mit einem weiteren Beamten da. Ich konnte erkennen, dass dieser Beamte eine höhere Position innehatte, er hatte nämlich einen silbernen Stern auf der Schulter: „Wer ist Herr Ates?“, fragte er. Bevor ich etwas sagen konnte, wies Frau Habich in meine Richtung: „Er war schon Reiniger bei uns auf dem Stockwerk. Du brauchst doch einen Reiniger?“, fragte sie den Beamten. „Wollen Sie Reiniger werden?“, fragte mich der Beamte daraufhin ohne Umschweife. Ich bejahte lächelnd und hätte vor Glück ein Salto machen können. „Gut, ein Reiniger verlässt mich die kommende Woche, Sie arbeiten dann in meinem Stockwerk.“ Ich bedankte mich, doch wurde ich noch nicht in die Kammer gerufen. Es ging hier wohl nur um den Job. Er ging fort, und ein paar Aufrufe später war ich endlich an der Reihe: „Frau Habich, vielen Dank! Hat sich Frau Benz bei Ihnen gemeldet?“ Sie nickte, doch sie bugsierte mich zunächst zur Kammer, in der ich ein weiteres bekanntes Gesicht erspähte, das Wohlgefühl in mir hielt an: Es war der Beamte, der damals meine Zelle kontrolliert und das Handy dabei nicht gefunden hatte. „Herr Ates, diesmal gibt es aber nur zwei Pullover!“, tadelte er milde lächelnd, als er meine Klamotten auf seinem Zettel erfasste: „Ja klaro! Der Sommer ist da, da brauch ich sowieso keine Pullover mehr.“ Als er mich in den nächsten Warteraum schicken wollte, kam ihm Frau Habich zuvor: „Ich bringe Herrn Ates direkt in seine Zelle, da muss ich sowieso hin.“ Der Kammerbeamte war einverstanden, und schon ging es über den wundervollen Innenhof mit Blick auf den Teich in Richtung meiner Zelle. „Perfekt, jetzt bin ich einfach genau gegenüber von dem Gebäude, in dem ich bereits war. Komm ich wieder in den zweiten Stock?“ Ich blickte hinter mich und sah diese Zellenfenster, und versuchte ein Flashback zu bekommen. „Nein, diesmal sind Sie im ersten Stockwerk. Wie war es in Stammheim?“, fragte Frau Habich. „Total scheiße. Ich habe Schwäbisch Hall voll vermisst. Vielen Dank, dass Sie mir den Reinigerjob klargemacht haben!“ - „Ja die Frau Benz hatte sich gemeldet, ich war überrascht. Das mach ich doch gerne. Sie sind ja auch ein guter Reiniger“, meinte sie sanft. Sie brachte mich in eine Vier-Mann-Zelle, in der ich jedoch alleine war. Einen Fernseher bekam ich auch sofort. In Stammheim hatte sich in jeder Zelle ein kleiner Röhrenfernseher befunden, in Schwäbisch Hall musste man dafür jedoch monatlich einen Betrag von ca. 13 EUR bezahlen. Aber mein Konto war gut gefüllt.

    Schnell füllte ich alle nötigen Anträge aus. Das hieß: Anmeldung für die Gespräche mit dem Sozialarbeiter zwecks Studium und offenen Vollzugs, Sportaktivitäten und der Anmeldung zum Kurs für die türkische Integration. Ich war pünktlich zum Abendessen gekommen, als die Tür aufging und ich die verschiedensten Brotsorten sah. Mir lief der Speichel bei diesem Anblick im Mund zusammen. Dies hier war absoluter Luxus, so viele Brotsorten hatte ich nicht einmal bei einem Bäcker draußen gesehen. Die Reiniger fragten natürlich sofort, wann, wie und weshalb ich reingekommen war. Die Beamten tolerierten meist kurze Gespräche – in Kurzform berichtete ich davon und auch, dass ich ein Jahr als Reiniger in der U-Haft im gegenüberliegenden Gebäude gewesen war. Abends ertönte dann auch das Geräusch, das ich schon ewig vermisst hatte: Das automatische elektronische Aufschließen aller Zellentüren gleichzeitig – es klang wie ein Orchester der Freiheit in meinen Ohren. Ein paar Häftlinge kamen rein, übliches Theater, übliche Fragen - gleiche Rollen, andere Darsteller. Und dann gab es noch diejenigen, die einen auf hart machen wollten und mit ihrer Haltung ein „Leg dich nicht mit mir an“ zum Ausdruck brachten. Es kam aber eher einer Bitte, wenn überhaupt einer Forderung gleich, aber sicher keiner Drohung. Kontakte konnte ich am ersten Tag nicht knüpfen. Leider war auch kein einziger Häftling dabei, den ich kannte. In diesem Punkt hatte ich mir etwas anderes erhofft, sogar die Beamten des Gebäudes waren mir fremd.

    So schnell wie möglich ging ich zum Büro und fragte nach, ob ich meine Eltern anrufen dürfe. In der Strafhaft war dies erlaubt. „Sie dürfen nur maximal 2 Mal in der Woche für je 10 Minuten telefonieren. Dafür müssen Sie einen Antrag jeden Freitag abgeben. Diese Woche ist schon alles ausgebucht“, wies mich der Beamte auf die Regeln hin. Ich bat jedoch darum, nur kurz telefonieren zu dürfen, um meinen Eltern Bescheid geben zu können, dass ich verlegt worden war. Der Beamte willigte überraschenderweise ein: „Ja gut, um 20:00 Uhr ist normalerweise Schluss mit den Telefonaten. Dann dürfen Sie ausnahmsweise um 20:00 Uhr telefonieren.“ Ich bedankte mich abermals. Diese Großzügigkeit der Beamten hatte ich in Stammheim sehr vermisst.

    Ein groß gebauter Türke hatte mich Neuen entdeckt und wies mich an, meine Unterlagen zu nehmen und in seine Zelle zu kommen. Ich kam der Aufforderung nach und stand mit meinen Unterlagen vor seiner Zelle: „Schuhe ausziehen bitte“, sagte er. „Ihr seid ja echte Türken“, lächelte ich, doch mein Lächeln prallte an einer Wand aus grimmigen Gesichtern ab – und womöglich steckten dahinter noch dazu gefährliche Köpfe. Der groß gebaute Türke stand angelehnt an der Bettkante, neben ihm ein Italiener – der mir irgendwie wenig Beachtung schenkte – und einer, der mir wie der „Chef“ vorkam, ein arabisch-türkisch aussehender und ziemlich bärtiger Junge, der auf dem Bett „residierte“. Alle schienen ungefähr in meinem Alter zu sein. Ich sollte mich neben dem bärtigen jungen Mann hinsetzen und alles erzählen. Sie nahmen sich viel Zeit für mich, fast eine Stunde fragten sie mich aus. Am Ende hatte ich wohl den Test bestanden und durfte gehen – doch so wirklich wollten sie mich wohl nicht in ihren Kreis aufnehmen. Es fühlte sich so an, als wollten sie mir sagen: „Junge, du bist sauber, aber etwas zu sauber für uns.“

    Als ich abends daheim anrief, ging meine Mutter ran und war erleichtert, dass ich mich endlich in Strafhaft befand und mich um den offenen Vollzug kümmern konnte. Während sie sich vor Allem darüber freute, dass ich in Schwäbisch Hall war, hatte sie eine viel erfreulichere Nachricht für mich: „Emre, Du hast eine Zusage von der Hochschule Ravensburg bekommen!“ In dem Moment kam mir meine Mutter vor wie der Paketzusteller, der mir ein Zalando-Paket in die Hand drückte – ich hätte schreien können vor Glück! „Super, Mama, ich muss schnell mit der Sozialarbeiterin reden, damit ich in den Freigang nach Ravensburg verlegt werde. Das Gute ist, die kennen mich hier, dann müssen die mich keine sechs Monate beobachten!“ Meine Mutter wünschte mir viel Glück bei meinem Vorhaben und versicherte mir, sofort einen Besuchstermin auszumachen. „Mama, bring den Cem mit! Der darf doch jetzt, oder?“, fragte ich. Sie bejahte.

    Ich fühlte mich so gut, alles lief zu meiner Zufriedenheit und endlich hatte ich auch einen Ausgleich: Den Sport hatte ich sehr vermisst, vor Allem das Volleyballspiel bereitete mir große Freude. Ich hatte mich in dem einen Jahr in der U-Haft merklich verbessert und hatte von Mal zu Mal mehr Spaß beim Spielen. Als mich der Beamte dann bereits am nächsten Morgen zum Sport mitnahm, spürte ich, wie die Phase des Glücks ihren weiteren Lauf nahm. Als der Beamte mich dann vor der Sporthalle abließ und der Sportbeamte kam, erkannte er mich sofort wieder. Ich begrüßte ihn herzlich mit seinem Namen, während er mich etwas schief angrinste: „Ah, der Wäscheschnüffler ist zurück!“ Mir stieg die Schamesröte ins Gesicht. Bevor ich die JVA Schwäbisch Hall verlassen hatte, hatte mich – wohlgemerkt ein anderer Beamte! - erwischt, wie ich auf seinen Wunsch hin an der Wäsche von Tayfun gerochen hatte, um zu überprüfen, ob der Weichspüler die Wäsche frisch genug riechen ließ. Wie es aussah, hatte sich dies unter den Beamten rumgesprochen. Noch peinlicher war es, dass sich der Sportbeamte auch nach ca. 5 Monaten daran erinnern konnte. Doch andererseits wertete ich dies auch als positiv. Ich war mir sicher, dass ich diese sechs-monatige-Beobachtungsphase würde überspringen können. Die Tage vergingen, und ich freundete mich mit einem Albaner an, welcher mich wiederum einem weiteren Albaner vorstellte, welcher mich schließlich dem Reiniger-Albaner vorstellte, dessen Stelle ich übernehmen sollte. Sie waren alle sehr freundlich, und als ich von einigen Albanern aus Stammheim berichtete, erkannten sie so manch einen wieder. Zirka eine Woche nach meiner Ankunft ertönte auch schon das erste Mal mein Name in der Freizeit. Der Beamte rief mich, ein Brief war gekommen: Er war von der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

    Ich riss den Brief sofort auf und traute zunächst meinen Augen kaum.
    Geändert von Chegwidden (14.01.18 um 20:39 Uhr) Grund: Gehilfreicht.

  6. #356
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 57 - Cem ist halt Cem

    Spoiler: 


    In dem Brief, den ich in Händen hielt, steckte die Erfüllung meiner Gebete: Die anderen Ermittlungen gegen mich wurden fallen gelassen!

    Meine Glückssträhne sollte noch weitergehen: Der Stockwerksbeamte hatte es für sinnvoll befunden, dass ich bereits vor dem Verlassen des albanischen Reinigers Gashi eingelernt wurde. Des Weiteren steckten sie noch einen Häftling in meine 4-Mann-Zelle, weshalb ich den Wunsch äußerte, beim Albaner Arian unterzukommen. Ich integrierte mich mehr und mehr bei den Albanern, vor allem verstand ich mich mit dem Albaner Kreshnik sehr gut. Er war etwas älter, womöglich um die 30 Jahre, doch irgendwie fanden wir einander sympathisch. Alle drei Albaner waren wegen Delikten, wie beispielsweise Drogenhandel, in der Haft. Für Arian war es ein willkommenes Geschenk, mich in seiner Zelle zu haben. Dies würde nämlich bedeuten, dass er wie ein Reiniger in den Genuss von offenen Türen kommen würde. Gashi lernte mich ein und merkte sofort, dass ich bereits Erfahrung hatte. Er empfahl mir, die leitende Rolle zu übernehmen: „Die anderen beiden Reiniger taugen gar nichts. Die sind sowieso auch bald weg, schau, dass Du Arian und Kreshnik als weitere Reiniger bekommst.“ Wenn ich etwas als Reiniger gelernt hatte, dann, dass man durchaus die Macht hatte, die Wahl des Beamten bezüglich der neuen Reiniger zu beeinflussen. Da ich mich mit den drei Albanern gut verstand, war es für mich selbstverständlich, dem Wunsch von Gashi nachzugehen. Ich fühlte mich sehr willkommen bei den Albanern. Ganz anders verhielt es sich mit den wenigen Türken, die sich im ersten Stockwerk befanden. Jene Türken, die das zweite Stockwerk bewohnten, hatten sowieso kaum Kontakt zu mir. Während des Hofgangs fühlte ich mich bei ihnen auch unerwünscht, und so kam es, dass ich mich mit den Albanern anfreundete. Später machten sie Witze, dass ich mehr Albaner als Türke sei. So lernte ich einige albanische Wörter, wovon ein Großteil die Schimpfwörter ausmachte, und fand es interessant, den Albanern in ihrer Muttersprache zuzuhören. Während des Hofgangs begegnete ich einem Araber, der mir bekannt vorkam und tatsächlich, ich hatte ihn bereits zuvor gesehen: Er war derjenige, der in Stammheim anscheinend eine Rasierklinge geschluckt hatte. Dies erzählte ich Kreshnik, der das „Gerücht“ dann sofort verbreitete. Der Hofgang war noch nicht mal vorbei, da kam der Araber schon auf mich zu – Deutsch konnte er nicht – und fragte mich auf Englisch, weshalb ich solche Lügen verbreiten würde. Ich teilte ihm mit, dass ich nur das erzählte, was ich gesehen und was mir der Beamte gesagt hatte. Er bestand darauf, dass der Beamte von Stammheim mich angelogen habe und ich entschuldigte mich daraufhin, wenn es denn wahr sein sollte, dass der Beamte gelogen hatte.

    Meinen ersten Besuch hatte ich schon hinter mir, zu dem einzig und allein meine Mutter gekommen war: „Mama, wo ist Cem?“ Ihr war es wohl auch unangenehm: „Er konnte nicht aufstehen.“ Ich war enttäuscht, dabei hatte ich so gehofft, dass er mich direkt bei der ersten Möglichkeit besuchen würde – welcher andere Mensch hätte mich besser verstehen können? Beim zweiten Besuch stieg die Enttäuschung an, nur mein Vater war da – Cem? Er schlief und konnte nicht aufstehen. Als ich dann beim dritten Besuch eine erneute Enttäuschung hinnehmen musste, fragte ich meine Mutter, was mit dem Jungen los sei. Ihre Antwort, sehr allgemein: „Emre, der Cem ist halt Cem, er hat sich nicht geändert.“ Erst beim vierten Besuch war mein Bruder Cem dann mit meiner Mutter da, was ich sofort nutzte, um ihm gegenüber meine Enttäuschung auszudrücken: „Ich habe echt gedacht, dass Du mich früher besuchen würdest.“ Ihm war es wohl gar nicht unangenehm: „Ja, Bruder, beim ersten Mal habe ich verschlafen – aber Mama hat mich nicht stark genug geweckt. Und als Papa gekommen ist, hatte ich keine Lust mit dem stundenlang im Auto zu sitzen, ich kann mit dem nicht gut.“ Meine Mutter sah ihn mit einem vorwurfsvollen Blick an. Seine Entschuldigungen bestanden immer darin, anderen die Schuld für sein Fehlverhalten zu geben: „Und das letzte Mal? Da kam Mama auch alleine, sie meinte, du habest noch geschlafen?“ Auch hier war seine Antwort typisch Cem: „Ja, da habe ich es sogar geschafft aufzustehen, aber Mama ist einfach total schnell weggefahren, sie hat nicht gewartet.“ Meine Mutter versuchte kurz, sich zu verteidigen. Sie meinte, dass sie ihn sehr wohl öfter geweckt habe, aber selbst sonst zu spät losgefahren wäre und beim zweiten Mal sei es so gewesen, dass er stundenlang nicht aus der Toilette herausgekommen war. Dann wechselte sie das Thema und teilte mir mit, dass meine Zwillingsschwester die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen dürfe, das Gesetz der Doppelstaatsbürgerschaft sei seit einiger Zeit rechtskräftig. Schnell schrieb ich dem Ausländeramt: Ich wollte wissen, ob ich meine deutsche Staatsbürgerschaft wieder beantragen konnte. Kreshnik erzählte ich davon, wie enttäuscht ich von meinem Bruder war. Als er meinte, dass mein Bruder sowieso ein Verräter sei und ich niemandem von ihm erzählen solle, war ich zunächst baff. Seiner Ansicht nach ging dies deutlich aus meinem Urteil hervor: „Bring dein Urteil her, ich zeig es dir.“ Schnell brachte ich ihm die Unterlagen und er tippte sofort auf den Paragraphen Nummer 31: „Siehst Du, dein Bruder wurde nach Paragraph 31 verurteilt. Er ist ein 31er.“ Einige schlaflose Nächte später kam die Erkenntnis, man erinnere sich an die unterschiedlichen Gesetzesbücher, in denen jeweils ein Paragraph 31 existierte: Cem wurde nach dem Strafgesetzbuch und nicht nach dem Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Mein Bruder war folglich kein 31er.

    Mit dieser erleichternden Erkenntnis saß ich bei Arian in der Zelle – er war gerade arbeiten – und wir Reiniger, bzw. ich als noch einzulernender Reiniger, hatten soeben das Essen ausgegeben. Da vernahm ich plötzlich das laute Klack-geräusch, welches hohe Absätze beim Aufkommen auf harten Boden verursachten. Es näherte sich mir offensichtlich eine Frau. Erwartungsvoll blickte ich zur Tür, und siehe da, eine bildhübsche junge Dame stand keine zwei Sekunden später im Türrahmen. „Herr Ates?“, fragte sie und blickte mich geradewegs an. „Ja, das bin ich“, antwortete ich schüchtern. Ich war ziemlich überwältigt von ihrer Erscheinung. Sie war sehr gepflegt und sah aus, als würde sie noch studieren. „Ich bin Frau Holz, die Sozialarbeiterin. Wollen Sie kurz mit ins Büro kommen?“ Ihr Angebot nahm ich an, indem ich alles stehen und liegen ließ und ihr blind folgte. Mein Herz pochte etwas, mein Gesicht färbte sich rosarot und ich versuchte, mich irgendwie zu beruhigen: „Man, Emre. Reagier dich ab, du hast einfach schon lange keine normale und zudem noch attraktive Frau mehr gesehen.“ Ich fragte mich, wieso mir bisher kein anderer Häftling von ihr erzählt hatte. Normalerweise war jede erdenkliche Frau in der Haft – Beamtinnen, Arzthelferinnen, Psychologinnen und vor allem Sozialarbeiterinnen - ein großes Gesprächsthema bei den Häftlingen, wenn auch die Gespräche eher sexistisch ausfielen. In ihrem Büro angekommen, setzte ich mich vor ihren Schreibtisch und versuchte zunächst, mich zu beruhigen. Der Gedanke, dass sie mich mit einem roten Kopf sah, brachte mein Blut im Gesicht erst Recht in Wallung. Ich hatte ja schon immer ein Problem damit gehabt, mich mit Frauen zu unterhalten, wofür ich an dieser Stelle nochmals meinen Hocas danken muss, die mir mein unrealistisches Frauenbild eingepflanzt haben. Frau Holz gefiel mir optisch sehr gut, und ich hatte schon seit mehr als einem Jahr keine Frau mehr gesehen, die auch nur annähernd meinem Frauengeschmack nahegekommen wäre. Sie allerdings schaute recht streng drein und kam direkt zur Sache. „Nun, wie kann ich Ihnen helfen?“
    „Mit einer Klimaanlage direkt auf mein Gesicht, vielleicht?“, hätte ich gerne geantwortet – doch ich begann abermals, meine Studienpläne während der Haftzeit zu schildern: „Ich würde gerne im Oktober ein Studium an der Hochschule Ravensburg beginnen, da ich dort bereits eine Zusage erhalten habe. Und im Oktober sollte das wohl möglich sein, da ich ab diesem Zeitpunkt theoretisch in den Freigang werde gehen dürfen.“ Sie lächelte und wirkte zugleich sehr ernst: „Ach? So einfach stellen Sie sich das vor? Sie sind erst kürzlich hier angekommen, denken Sie, wir senden Sie so einfach in den Freigang? Wir müssen Sie erstmal beobachten.“ Schon wieder wurde ich rot, doch diesmal reagierte ich eher aufbrausend als schüchtern: „Ähm, ich war ein ganzes Jahr hier in der U-Haft, was müssen Sie da noch großartig beobachten?“ Ihren Blicken konnte ich entnehmen, dass sie davon nichts wusste, weswegen sie das Thema wechselte: „Ach ja, und wie gedenken Sie, ihr Studium zu finanzieren?“ Ich hasste solche Fragen, sie waren meiner Meinung nach unnötig, da die Antwort immer standardmäßig ausfiel. Dementsprechend antwortete ich ihr: „Ja, erstens Bafög und zweitens, mein Vater unterstützt mich da. Ich mein, wie finanzieren denn andere Studenten ihr Studium? Genauso mach ich das auch.“ Sie bestand jedoch weiterhin darauf, mir das Studium ausreden zu wollen: „Herr Ates, ich weiß nicht, ob das Studium etwas für Sie ist. Überlegen Sie lieber in Richtung einer Ausbildung oder einer Arbeit. Als Vorbestrafter werden Sie es immer schwer im Berufsleben haben.“ Diese Logik grenzte für mich an Schwachsinn. Niemals konnte diese Frau studiert haben! „Ähm, also vorbestraft werde ich so oder so sein. Eine Ausbildung löscht ja meine Vorstrafe nicht. Ein Studium ermöglicht mir aber bessere Berufschancen, die ohnehin durch die Vorstrafe nicht so rosig sind. Ich verstehe also den Sinn hinter Ihrem Vorschlag nicht.“ Sie ging nicht weiter darauf ein und nuschelte irgendetwas von, dass das Studium kein Zuckerschlecken sei: „Nun, Herr Ates, wir müssen sowieso erst einmal klären, wie es mit Ihrer Abschiebung aussieht. Bevor das Regierungspräsidium sich nicht entschieden hat, ob sie hierbleiben oder abgeschoben werden, bleiben Sie in der Strafhaft hier bei uns.“ Mein Hass gegenüber diesen pessimistischen Sozialarbeitern (das war wohl eine grundsätzliche Tendenz bei denen) stieg an: „Frau Holz, ich muss mich mit dieser blöden Abschiebung nur deshalb befassen, weil ihr Kollege drüben aus der U-Haft sich zu schade war, mir dabei zu helfen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu behalten. Als ob die mich abschieben, ich kann mir das nicht vorstellen. Meine Bitte ist ganz einfach, ich will doch nur ab Oktober studieren.“ Ich machte ihr Vorwürfe, gleichzeitig flehte ich sie irgendwie an. „Was mein Kollege da gemacht hat, weiß ich nicht. Aber, Herr Ates, auch wenn alles glatt laufen würde, Sie kommen erst in den offenen Vollzug nach Comburg.“ Ich sah sie verwirrt an: „Comburg? Was ist dort?“

    Ihre Antwort löste meine sorgfältigen Planungen in Luft auf. „Das ist ein Bauernhof in Schwäbisch Hall. Sie müssen sich dort erst einmal ein paar Monate beweisen, bis Sie in das Freigängerheim, von mir aus auch das in Ravensburg, verlegt werden können.“
    Geändert von Metal_Warrior (18.01.18 um 23:41 Uhr) Grund: Es grünt so grün...

  7. #357
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Ja, die lieben Sozialarbeiter...
    Man kann alles hacken. Und jeden...

  8. #358

    Re: Mein Hafttagebuch

    Sind die vorgeschriebenen Kapitel alle aufgebraucht?

  9. #359
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @T_Low_Benz:

    Ja, leider
    Ich glaub ich muss mal wieder eine Woche frei nehmen und nur Kapitel schreiben
    Für diesen Beitrag bedankt sich T_Low_Benz

  10. #360
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure:

    Lass dir ruhig Zeit. Gut Ding will Weile haben, nich?
    Man kann alles hacken. Und jeden...

  11. #361
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Wirklich klasse geschrieben, macht Lust auf mehr! Und die Story bzw. die Einblicke in den Knastalltag sind auch mal interessant. Bitte weiter so!

  12. #362

    Re: Mein Hafttagebuch

    Langsam kann ich nicht mehr warten @BeSure:
    Hast wahrscheinlich viel um die Ohren aber ich Frage immer mal nach damit du nicht denkst das Interesse fehlt :P

  13. #363
    Cryptroll Avatar von Trolling Stone
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Da gehöre ich auch zu, bitte weiterschreiben.
    Spiel nicht den GRRM.
    Interessiert an Kryptowährungen?
    Verinnerliche, was er sagt. Schaue auch andere Videos von ihm.
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  14. #364
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Leute, es ist Prüfungszeit. Lasst ihn mal hübsch seine Prüfungen schreiben...
    Für diesen Beitrag bedankt sich Nerephes
    GCM/IT/S/O d-(--) s+:- a? C++(+++) UL+++(++++)$ P L+++>++++ W++ w@$ M--$ PS+(++) PE(-) Y+(++) PGP++(+++) t+ 5(+) R* !tv b+(++++) DI(++) G++ e+>++++ h(--) y?
    Das Ende ist nahe: Dem Harleyschen Kometen folgt der Gammablitz beim Scheißen.

  15. #365
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Wie jetzt? Ich dachte, er sitzt noch im Knast und hat da nur ab und zu Internet.
    Für diesen Beitrag bedanken sich T_Low_Benz, Metal_Warrior
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