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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #301
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Danke Leute, hätte echt nicht soviel Verständnis gerechnet! Irgendwie fühle ich mich hier wie in einer Familie (Ups, zu viel geschleimt) :P
    Um ehrlich zu sein, wäre ich ein Depressionstief gefallen, hätte ich für mein Auslandssemester in England aufgrund meiner Vorstrafe kein Visum erhalten.
    Durch den Erhalt des Visums hat mich das total motiviert und meinen Glauben gestärkt, dass man nicht nur den Vorbestraften in mir sieht, sondern alles andere was mich sonst noch so ausmacht

    Es geht weiter:
    Kapitel 45 - Zurück zum Anfang

    Spoiler: 


    Der erste Verhandlungstag war zu Ende.

    Ich befand mich nun wieder in der JVA in Schwäbisch Hall und ging meiner täglichen Arbeit nach. Kaum hatte ich den Auftritt meines Bruders verdaut, machte sich schon die Aufregung aufgrund des zweiten Verhandlungstags in mir breit. In einer Woche würde es wieder soweit sein. Ich überbrückte diese Woche voller Nervosität damit, allen möglichen Häftlingen von meinem Debüt im Gerichtssaal zu erzählen. ‘Ein intelligenter Mensch lernt aus seinen Fehlern – ein weiser Mensch aus den Fehlern der anderen’. Ich weiß nicht, wer dieses Zitat als erstes von sich gegeben hatte, aber es passte perfekt zu den U-Häftlingen, die aus den Erfahrungen der anderen alles mitnahmen, was sie nur konnten – sie hörten alle meiner Erzählung über den ersten Verhandlungstag sehr aufmerksam zu.

    Sie wollten wohl – was wirklich weise war – aus meinen Fehlern lernen. Oder eben aus denen meines Bruders.

    Aus den Fehlern meines albanischen Reiniger-Kollegen sollte auch ich lernen. Ihm war der Posten als Reiniger entzogen worden.

    Ein U-Häftling hatte mehr Glück als ich gehabt und wurde an seinem ersten Verhandlungstag entlassen. Wir Reiniger mussten seine Zelle räumen. „Hey Emre, wie hat der denn so ein schwarzes Buch bekommen?“, fragte mich mein albanischer Reinigerkollege, während ich die Bettwäsche des entlassenen Häftlings in Kisten packte. „Was soll das denn sein?“, fragte ich verwundert. „Da stehen so Fitness-Sachen drin. Informationen über Anabolika und der ganze Kram. Ich behalte das.” Er schien fasziniert von dem Inhalt, als er die einzelnen Seiten durchblätterte. Dabei war sein Deutsch mehr als nur schlecht. In den letzten Wochen hatte ich in seinem Namen Briefe an seine Freundin auf Deutsch verfasst, da er dazu aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse nicht in der Lage gewesen war. Die Briefe in der U-Haft mussten, bzw. sollten auf Deutsch sein, wenn man längere Wartezeiten verhindern wollte. Wenigstens lernte ich dabei ein paar (wenn man so will, allgemeinbildende) albanische Sprichwörter, die wir gemeinsam ins Deutsche übersetzten. Eines davon lautete „Shpirti Jam“, was wohl „Meine Seele“ bedeutete.

    “Das fällt doch sofort auf, leg das in die Kiste. Ich habe keine Lust auf Ärger“, war meine etwas nervöse Antwort. Vor Allem während meiner Verhandlungstage konnte ich mir keinen negativen Vorfall leisten. Endspurt! Er jedoch hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, das Buch an sich zu nehmen, wollte wohl dennoch auf Nummer sichergehen: Als wir alles in die Kisten gepackt hatten und der junge Beamte, der aktuell Dienst hatte, den Wagen abholte, wurde jener mit einer ungewöhnlichen Frage des albanischen Reinigers konfrontiert: „Darf ich das Buch behalten?“ Noch ungewöhnlicher erschien mir jedoch die Reaktion des Beamten: „Mir egal, mach halt.“ Gesagt, getan – er verschwand mit dem schwarzen Buch in seiner Zelle. Der andere Reiniger, Yilmaz, befand sich bereits in der Strafhaft. Er hatte vor einiger Zeit sein Urteil bekommen, das er der allgemeinen Ansicht nach mehr als verdient hatte. Wir würdigten ihn keines Blickes mehr, da er seine Frau auf abscheulichste Art und Weise zusammengeschlagen hatte. Dennoch hatte er Berufung eingelegt. Was genau daraus geworden war, erfuhr ich nicht mehr, da er in eine andere JVA verlegt wurde. Dementsprechend waren wir aktuell nur zwei Reiniger, so schien es an potentiellen Kandidaten zu mangeln. Einige Tage vor meinem zweiten Verhandlungstag rief Herr Winter uns zwei Reiniger in sein Büro. Wir erinnern uns: Wenn Herr Winter da war, musste man aufpassen, ja keine Fehler zu begehen. Die Bestrafung erfolgte während seines Dienstes in der Regel sofort. Sobald Herr Winter einen ins Büro rief, war klar: man hatte bereits den Fehler begangen, und das Wichtigste war dann, bloß nicht zu lügen! Das wusste auch der albanische Reiniger. „Ich habe einen Anruf von einem entlassenen Häftling bekommen. Ihm fehlt seltsamerweise ein schwarzes Buch. Einer von euch sagt mir jetzt, wo das Buch ist, oder euch beiden wird gekündigt.” Er blickte uns strafend an. Keine drei Sekunden vergingen, als der albanische Reiniger gestand. Er verriet jedoch nicht, dass er einen jungen Beamten während der Räumung informiert hatte. „Sie bringen mir jetzt das Buch. Eine Woche dürfen Sie noch arbeiten, bis wir Ihren Nachfolger bestimmt haben“, ordnete Herr Winter an. Die Widerrede meines Kollegen war wirkungslos. „Aber Herr Winter, das tut mir echt Leid, bitte geben Sie mir eine zweite Chance!“ – „Seien Sie mal froh, dass ich keine weiteren Maßnahmen vornehme. Das ist Diebstahl, was Sie getan haben!“ Wo er Recht hatte, hatte er halt leider Recht.

    Der zweite Verhandlungstag stand an und wieder fuhr ich in dem Transporter zum Landgericht Stuttgart. Wo anfangs bei der Fahrt beruhigende Gefühle in mir herrschten, machte sich kurz vor dem Ziel Übelkeit und Aufregung breit. In der Wartezelle traf ich wieder Abde an, die Gebetskette an seiner rechten Hand, die linke Hand an seinem Ziegenbart, grinste er mich an. Nach einer weiteren Unterhaltung mit ihm, die ich mir lieber gespart hätte, befand ich mich kurz darauf wieder auf der Anklagebank.

    Die Richterinnen waren mit Cem noch nicht fertig.

    „Was würden Sie nach einer Entlassung tun?“, wollte die Richterin von Cem wissen. Diesmal hatten alle eine ernste Mimik aufgesetzt. „Ich will Schule machen”, lautete Cems Antwort. „Laut der Akten waren Sie dabei, Ihre Mittlere Reife nachzuholen. Allerdings hat eine Nachfrage bei der Schule ergeben, dass Sie eine bedeutsame Menge an Fehltagen haben, denken Sie, Sie hätten die Mittlere Reifeprüfung bestanden?“, fuhr die Richterin fort. Die wollte es wohl genau wissen. „Ja, also, ich war zu den Prüfungen zugelassen, aber ich war ja dann in Haft und konnte nicht zur Prüfung. Wir haben auch probiert, dass ich von der JVA aus an der Prüfung teilnehmen kann. Die Schule war damit einverstanden, die JVA allerdings nicht. Sonst hätte ich die Prüfungen geschrieben.” Als Cem dies erzählte, schien irgendwie jedem im Raum klar zu sein, dass er die Prüfungen nicht ohne Weiteres bestanden hätte. Ein alleiniges Schreiben der schulischen Prüfungen reicht eben nicht aus zum Bestehen, da in der Schule mehrheitlich Anwesenheitspflicht in den Fächern besteht. Die Richterin kam mit einem Angebot auf Cem zu: „Falls Sie nicht entlassen werden, werde ich eine Verlegung zur JVA Adelsheim beantragen. Dort können Sie ihren Abschluss nachholen.“ Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Von der JVA Adelsheim hatte ich bereits einiges gehört – aber nur schlimmes. Es war ein Jugendgefängnis, alle Halbstarken mussten sich dort durch Schlägereien beweisen. In Adelsheim ging es tatsächlich hart zur Sache, die Erwachsenen in anderen JVAs waren in solchen Punkten beruhigter und irgendwie auch charakterlich gefestigter. Ich kann mich noch erinnern, als sich unter den Häftlingen rumgesprochen hatte, dass im Hofgang in der JVA Adelsheim eine Massenschlägerei stattgefunden hatte. Mehrere Beamte wurden dabei schwer verletzt, Hunderte Häftlinge bekamen besondere Sicherheitsmaßnahmen. So wie ich Cem einschätzte, würde er seine Aggressionen dort rege ausleben und eventuell noch welche dazu bekommen.

    Nun war der dritte und letzte in unserem Bunde dran, alle Augen richteten sich auf Adnan. Er erzählte, wie er damals von mir in das „Geschäft“ eingeweiht wurde, da ich von seinen Geldnöten gewusst hatte. „Ich habe meine Ausbildung beendet und brauchte Geld für den weiteren Bildungsweg, bzw. um ein Studium aufnehmen zu können. Ich hatte mich bereits an die Ausbildungsvergütung gewöhnt und konnte mir nicht vorstellen, am Existenzminimum zu leben.“ Während er seine Begründung für die Entscheidung, mit mir Betrug zu begehen, mitteilte, wurde er mit verständnisvollen Gesichtern konfrontiert. Er erzählte, wie mein Bruder und ich uns verstritten hatten, wie er einige Ticketverkäufe für mich übernahm, während ich einer Ferientätigkeit nachging, und wie es zu seinem Entschluss kam, aufzuhören. „Ich hatte mir eine Playstation Spielekonsole gegönnt … von dem Geld, welches ich von Emre bekam. Mit der Konsole in meinem Wagen fuhr ich gerade vom Media Markt nach Hause, als ich dann einen Unfall baute. Ich hatte große Angst vor dem Tod und dachte die ganze Zeit nur daran, was für ein schlechter Mensch ich geworden war. Ich hatte das „schmutzige“ Geld in meiner Tasche und das alles nur für eine Konsole? Ich war fest davon überzeugt, dass das ein Zeichen von Gott war. Ich wurde diesmal verschont. Mein Entschluss stand fest, ich wollte aufhören. Doch Emre kam mir zuvor. Er meinte, der Bankdrop wäre vom Automaten eingezogen worden und er habe nicht vor, einen neuen Bankdrop zu kaufen. Er wolle auch aufhören. Von dem Zeitpunkt an ging ich davon aus, dass auch er aufgehört hatte. Wir hatten danach auch keinen regelmäßigen Kontakt mehr…“, seine Erzählungen waren durchgehend wahr. Mir hatte er damals tatsächlich von dem Unfall erzählt. Mir kam es generell so vor, als würden die Richter Adnan schonen, sie stellten nicht viele Fragen, akzeptierten seine Aussagen und auch sonst hakten nicht nach, trotz mancher eindeutiger Indizien. So beispielsweise bei der SMS, von der ich vermutet hatte, dass sie zu seinem Verhängnis werden könnte. Es war wichtig, dass wir nicht als Bande verurteilt würden. Noch wichtiger war es, dass ich Adnan nicht unnötig in die Scheiße reiten würde, was mein ohnehin schlechtes Gewissen noch verstärkt hätte. „Sie haben Emre kurz vor seiner Verhaftung eine WhatsApp-Nachricht geschrieben, die wie folgt lautet”, die Richterin begann, zu lesen:

    „Adnan: „Hey Bro, was geht, was machst Du so?“

    Emre: „Hey Bro, mir geht es gut. Studiere jetzt wieder in Esslingen, chill gerade daheim. Was machst Du so, wie läuft die Schule?“

    Adnan: „Ah super, ich fang hoffentlich auch nach dem Sommer mit dem Studium an. Mir geht es nicht so gut. Können wir uns mal treffen?“

    Emre: „Oh, was ist denn los? Ja, klar. Um was geht es genau?“

    Adnan: „Ich brauche bisschen Hilfe. Können wir wieder was machen?”

    Was können Sie mir dazu sagen?”

    Die Richterin sah seltsamerweise mich an, anstatt eine Erklärung von Adnan zu verlangen. Ohne, dass sie mich etwas gefragt hätte, antwortete ich sofort an Adnans statt mit einer Lüge: „Ja, ich kenn die SMS. Er wollte wieder mal ins Kino und bisschen zocken. Hatten schon lange nichts mehr gemeinsam gemacht und auch nichts voneinander gehört.“ Die Begründung schien der Richterin mehr als zu reichen, zumal Adnan ihr dies bestätigte. Dass Adnan finanzielle Hilfe gebraucht haben könnte und wieder Betrug begehen wollte, war wohlmöglich nicht nur mir klar wie Kloßbrühe. Allen war jedenfalls ebenso bewusst, dass Adnan einem guten Pfad folgte, er hatte seine Ausbildung abgeschlossen, hatte somit die Mittlere Reife. Die kommenden Monate sollte er seine Fachhochschulreife erlangen und mit einem Studium beginnen können. Wegen eines zeitlich begrenzten Fehlers sollte seine Zukunft nicht zerstört werden. Zumal es vor Gericht einen markanten Unterschied gibt zwischen der Begehung eines dauerhaft anhaltenden Betrugs oder ein nur für einen kurzen Zeitraum begangenen Betrug. Adnan kannte ich seit meiner Kindheit, unsere Familien kannten sich, als Freund wollte ich Adnan lieber draußen sehen. Ganz anders mein Vater: bei mehreren Besuchen machte er mir klar, dass Adnan schuld daran sei, dass Cem immer noch in Haft säße. Er sah alles aus einer falschen Perspektive und wollte die Schuld stets den anderen geben. Eins weiß ich ganz gewiss, Adnan war und ist kein Verräter für mich. Auch wenn Cem das Gegenteil behauptete, einen ganz klaren Fakt darf man nicht vergessen: Als Adnan gefasst wurde und ausgesagt hatte, hatten mein Bruder und ich bereits alles gebeichtet. Die Polizisten konnten keine neuen Erkenntnisse aus seinen Aussagen gewinnen. Mir war es wichtig, dass Adnan ebenfalls bewusst war, dass ich ihn nicht verraten hatte. Obwohl die BKA-Beamten mich damals nach einem dritten Täter fragten und wohlmöglich schon einen Verdacht hatten, leugnete ich einen dritten Mittäter.

    Genau jene Beamten waren als Zeugen am dritten Verhandlungstag eine Woche später eingeladen.

    An dem dritten Verhandlungstag war ich dann gottfroh, als der BKA-Beamte mich als kooperativ beschrieb, dennoch betonte er ausdrücklich, dass ich hinsichtlich eines dritten Täters gelogen hatte. Sie seien nur durch eigene Ermittlungsarbeit zu Adnan gekommen. „Herr Ates hat im Sommer als Ferienjobber 40 Stunden pro Woche gearbeitet. Zur selben Zeit wurden allerdings Tickets mit seinen erstellten Fake-eMail-Adressen verkauft. Da sein Bruder Cem sich in der Türkei befand und es sich bei den IP-Adressen der eMail-Adressen um deutsche handelte, gingen wir von einem dritten Mittäter aus. Durch einen SMS-Verkehr kam dann Adnan als Verdächtiger zum Vorschein. Nach einer Hausdurchsuchung bei Adnan gestand dieser auch.“ Im Grunde genommen erzählte der BKA-Beamte von seiner Ermittlungsarbeit, aber auch davon, dass Cem im Gegensatz zu mir überhaupt nicht kooperativ gewesen war und auch sonst keine Anstalten gemacht hatte, irgendwelche Ungereimtheiten klarzustellen. Das negative Bild, dass das Gericht von Cem ohnehin bereits hatte, wurde durch die BKA-Beamten bestätigt. „Herr Emre Ates behauptet, das Notebook seines Bruders für die Taten verwendet zu haben. Cem habe, so Herr Ates, am Laptop keine Geschäfte getätigt. Bei den ICQ-Chatverläufen können wir uns bereits denken, welcher der Brüder den Chat geführt hat. Doch können Sie rausfinden, wer den Rechner zu welchem Zeitpunkt benutzt hat?“, wollte die Richterin wissen. „Nun, das geht nicht. Da hätte ja jeder vor dem Laptop sitzen können. Allerdings ist es so, dass das TrueCrypt-Passwort des Laptops von Cem Ates sich nur um zwei zusätzliche Stellen von dem Passwort des Computers von Emre Ates unterscheidet. Also vermuten wir, dass beide das Passwort des anderen kannten und beide Zugriff zu beiden Rechnern hatten.“ Klang logisch. „Wenn Sie schon vom TrueCrypt-Passwort reden, können wir direkt damit weiter machen. Hätten die Ates-Brüder die Passwörter nicht verraten, wie wahrscheinlich wäre es gewesen, dass das BKA die Passwörter geknackt hätte und vor Allem, wie lange hätte es gedauert?“ Auf die Antwort war nicht nur die Richterin gespannt. „Nun ja, Emre Ates hat uns das Passwort erst nach zwei Monaten verraten. Unsere IT-Abteilung in Rosenheim hatte sich mit der Entschlüsselung befasst, aber schon nach kurzer Zeit aufgegeben, das Passwort zu knacken. Uns wurde mitgeteilt, dass die Wahrscheinlichkeit, das Passwort zu knacken, bei nahezu 0% läge. Nein, also nicht mal nahezu, sie liegt bei 0%. Als später rauskam, dass das Passwort um die 40 Stellen hatte und zudem noch Zahlen, Groß- und Kleinschreibung, sowie Sonderzeichen enthielt, wurde die Annahme mit den 0% bestätigt.” Das von einem BKA-Beamten zu Ohren zu bekommen war eine große Nummer. Nicht nur die Richter waren geschockt. Ich selbst bekam eine Gänsehaut, als ich das hörte. Ich hatte zwar damals die Verschlüsselung vorgenommen, in dem Glauben, dass das BKA nicht knacken könnte, aber es war nur ein Glaube gewesen … bis jetzt.

    Mein Kopfkino schaltete sich ein, der Film „Was wäre gewesen, wenn…“ lief an.

    Auch der nachfolgenden Zeuge, der andere BKA-Beamte, welcher beim Verhör dabei gewesen war, wiederholte die Aussagen seines Vorgängers. Die Richterin sah zu meiner Anwältin und sagte irgendetwas von, dass wir vom Paragraphen § 46b StGB Gebrauch machen können. Schnell flüsterte mir meine Anwältin zu, dass dieser Paragraph eine Strafmilderung vorsieht, da man zur Tataufklärung wesentlich geholfen hat. Nun war ich extrem froh, dass sich die Herausgabe des Passworts rentieren würde!

    Der dritte Verhandlungstag wurde mit einigen Beschlüssen beendet. Auf weitere Zeugen wurde verzichtet, nur noch ein BKA-Beamter der IT von Rosenheim und ein Vertreter der Deutschen Bahn waren zum nächsten Verhandlungstag eingeladen. Am fünften Verhandlungstag sollte dann vorzeitig das Urteil fallen.

    Doch der überraschende Beschluss kam als Letztes. „Die Mittätertrennung der beiden Ates-Brüder wird aufgehoben. Die Verlegung des Emre Ates in die JVA Stammheim wird angeordnet.“
    Geändert von Brother John (04.11.17 um 19:55 Uhr) Grund: gehilfreicht

  2. #302
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 46 - Same shit, different JVA

    Spoiler: 


    Zurück in der JVA Schwäbisch Hall, wurde ich sofort von Herrn Winter auf meine Verlegung angesprochen. „Herr Ates, Sie werden übermorgen in die JVA Stammheim verlegt. Bitte packen Sie morgen alles zusammen.“ Ich stellte mir vor, wie er nun seine eigenen Lieblinge als Reiniger einstellen würde, immerhin waren jetzt 3 Posten freigeworden. Keiner konnte Häftlinge leiden, die sich bei den Beamten einschleimten. Schlussendlich jedoch kam man dadurch zu gewissen Lockerungen, die es durchaus wert waren. Außerdem hatte ich es mir angewöhnt, die Beamten nicht als Feinde oder Gegner zu sehen, sondern als Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen. Leider gab es auf beiden Seiten immer welche, die ihre Rolle als Häftling oder Gefängniswärter zu ernst nahmen – die Machtgefälle taten dem Rollenverständnis in der Hinsicht nicht gut und bedurften meines Erachtens nach einer Neuordnung.

    So ganz konnte ich mich mit dem Gedanken der Verlegung nicht anfreunden. Die angenehme JVA, der tolle Job und meine Bekannten hier, alles im Tausch gegen eine Zelle mit meinem Bruder? Aber an sich klang das nach einem fairen Deal. Ich war bereits ein alter Hase in der U-Haft, so gut wie niemand sonst war für fast ein Jahr in U-Haft gewesen, schon viel früher bekamen andere ihr Urteil. Dementsprechend kannte ich alle Häftlinge und hatte mit den meisten schon mehr oder weniger Gespräche über Herkunft, Straftat und sonstige persönliche Informationen geführt. Ich verabschiedete mich allerdings von den Haftkollegen wie Savas, Tayfun und Kartal. Obwohl am nächsten Tag meine Verlegung anstand, arbeitete ich am letzten Tag noch als vollwertiger Reiniger weiter. Der letzte Arbeitstag war immerhin auch wichtig für den letzten Eindruck. „Bruder, kannst Du bitte mal schauen, warum meine Wäsche nicht gut riecht? Ich habe extra diesen teuren Weichspüler gekauft, dennoch riecht meine Wäsche nach gar nichts. Riech mal nach dem Waschvorgang an der Wäsche, ob es gut riecht, und dann nochmal, nachdem du sie getrocknet hast. Möchte wissen, ob es an der Waschmaschine oder am Trockner liegt“, sprach Tayfun seinen letzten Wunsch an mich aus. Er war einer der wenigen, die sich tagtäglich rundum und gründlich pflegten. Immer frisch rasiert und mit Niveacreme auf dem gewaschenen Gesicht traf man ihn an. Aber auch ein großes Sortiment an den verschiedensten Duschgels gehörte zu seinem Repertoire. Er hatte sich sogar mal parfümierte Wäsche von daheim zusenden lassen, nur, damit er diese beim Besuch seiner Freundin tragen konnte. Dass die Wäsche nun trotz des teuren Weichspülers schlecht roch, konnte er also gar nicht ertragen. Natürlich konnte ich seinen Wunsch nicht abschlagen, zumal es keine große Sache war. Also begab ich mich in den Waschraum, als gerade der Waschvorgang mit der Wäsche Tayfuns fertig war. Ich neigte mich vor die Waschmaschine, öffnete die Luke und nahm die Wäsche in die Hand. Obwohl ich schon eine Prise des frischen Dufts der Waschmaschine entnehmen konnte, roch ich vorsichtig an der eben herausgeholten Wäsche. Sie roch nach Weichspüler. Plötzlich ging die Tür des Waschraums auf, ein Beamter stand vor der Tür… und blickte mich ziemlich entsetzt an: „Schnüffeln Sie etwa an der Wäsche der anderen Häftlinge?“, fragte er doch sehr verdutzt und war dabei kurz vor einem Lachanfall. Ich lief rot an wie eine Tomate und erklärte ihm die Situation, dass mich ein Mithäftling darum gebeten hatte, dass ich doch nur schauen sollte, warum die Wäsche nicht gut duftete…

    „Ja, ist klar“, grinste er mich daraufhin nur an und bat mich in sein Büro. Ich sollte ein paar Unterlagen zur Verlegung unterschreiben.

    „Welcher Beamte ist eigentlich morgen da?“, wollte ich von ihm wissen. „Wieso fragen Sie?“, wollte mein Gegenüber wissen. „Naja, morgen werde ich verlegt. Ich möchte nicht schon um 7:00 Uhr in die Wartezelle und dann bis 13:00 Uhr auf den Transportbus warten. Ich habe gesehen, dass je nach Beamter, die Reiniger das Privileg haben, bis 13:00 Uhr in ihrer Zelle warten zu dürfen“, erklärte ich ihm offen und ehrlich. Seiner Mimik konnte ich entnehmen, dass er davon Bescheid wusste, dennoch kam er mir nur halbherzig entgegen: „Ich darf Ihnen nicht sagen, welcher meiner Kollegen morgen Schicht hat. Jedenfalls ist es ein neuer Kollege, den Sie nicht kennen.“ Das war kein gutes Zeichen. So wie er es vorhergesagt hatte, stand am nächsten Morgen auch ein völlig unbekanntes Gesicht vor meiner Zellentür und informierte mich, dass ich mich nach dem Abrücken der Arbeiter bereit machen und zum Arzt gehen solle. Folglich würde ich direkt zur Kammer gehen, meine Sachen abgeben und müsste dann in die Wartezelle. Schnell sprach ich ihn bezüglich der Privilegien, die man als Reiniger genoss, an, und ob ich denn nicht nach der Kammer noch zu meinem albanischen Reiniger – Kollegen in die Zelle könne. „Ich würde auch noch arbeiten bis 13 Uhr!“, bot ich ihm an. Er lachte nur und würdigte mich keines Blickes: „Privilegien? Hier werden alle Häftlinge gleichbehandelt!“ Ich war verärgert: „Ich bin schon seit einem Jahr hier, habe immer gut gearbeitet und alles getan, was die Beamten von mir verlangt haben. Sie können mir doch etwas entgegenkommen? Eine Art Belohnung für gute Dienste?“, doch auch diese Argumente stießen auf taube Ohren. Nachdem ich dann beim Arzt fertig war und meine Sachen in der Kammer abgegeben hatte, konnte ich den Beamten immer noch nicht überzeugen. Als ich sehr enttäuscht von einem anderen Kammer-Beamten in Richtung Wartezelle gebracht wurde, erkannte ich plötzlich einen sehr vertrauten und penetranten Parfümduft. Das war eine Beamtin, mit der ich mich sehr gut verstand! „Frau Habich! Können Sie mir helfen? Ich werde heute verlegt. Die wollen mich in die Wartezelle stecken, bis der Transportbus kommt. Können Sie nicht mit dem Beamten reden und fragen, ob ich bis zum Mittagessen oben auf dem Stockwerk warten kann?“ Ich sah sie ziemlich verzweifelt an. Sie konnte wohl nicht widerstehen und war überrascht, dass ich verlegt wurde: „Ach nein, Du wirst verlegt? Ich kümmere mich darum!“ Keine fünf Minuten vergingen in der Wartezelle, als der neue, nun mies gelaunte Beamte die Zellentür öffnete: „Herr Ates, ich weiß nicht, wie Sie das gemacht haben…Aber nur bis zum Mittagessen! Danach gehen Sie wieder hier runter wie alle anderen.“ Ich hatte mich schon seit geraumer Zeit nicht so gut gefühlt – so von Erfolg gekrönt!

    Schlussendlich saß ich dann wie jeder andere auch in einer engen Kabine im Transportbus und malte mir einen Unfall aus. Niemals würden wir lebend aus dem Bus kommen – nicht bei den verschlossenen Türen und diesen beengten Verhältnissen. Eine halbe Ewigkeit verging, als ich dann vor diesem runtergekommenen Gebäude stand. Es war genauso hässlich und düster, wie ich es in Erinnerung hatte! Lustiger weise wurde ich in dieselbe Transportzelle verlegt, wie vor einem Jahr – Zelle 39. Diesmal mit einem breit gebauten Kurden und einem Polen in der Zelle. Ersterer kam erst von seinem Mexico-Urlaub zurück, er war im Spring-Break in Cancun gewesen. Letzterer bestätigte das Klischee über Polen – er hatte Autos geklaut. Der Kurde war aus der Red Legions Gruppe und war verwundert, als ich ihm einige kurdischen Namen aufzählen konnte – Häftlinge der Red Legions, die ich aus der JVA Schwäbisch Hall kannte. Es war ein Jahr vergangen, niemals hätte ich mir erträumt, wieder hier in der Zelle zu stehen. Das Einzige, was sich verändert hatte, war meine Erfahrung und eventuell meine Persönlichkeit. Was sich nicht verändert hatte, war die Tatsache, dass ich keine Lust hatte, in einer Toilette mein Geschäft zu verrichten, während mir meine Zellenkollegen dabei zuschauen konnten. Als der Hofgang anstand, wollte ich in der Zelle bleiben. „Das geht so nicht. Entweder alle gehen in den Hofgang, oder alle bleiben in der Zelle!“, herrschte uns der mehr als unfreundliche Beamte an. „Wie jetzt? Wieso darf ich nicht alleine in der Zelle bleiben? Ich muss scheißen“, erklärte ich ihm böse. „Ihr seid alle suizidgefährdet, ihr dürft nicht alleine in der Zelle bleiben.“ Diese Begründung war mehr als absurd. „Was? Ich bin seit einem Jahr in Haft, warum sollte ich gerade jetzt suizidgefährdet sein?“, war meine mehr als berechtigte Frage darauf. Die Begründung war abermals unbefriedigend: „Alle Neuankömmlinge werden so eingestuft, bis der Arzt eine Untersuchung vorgenommen hat.“ Und selbstverständlich war ich wieder mal an einem Wochenende verlegt worden, musste also bis Montag warten. Auch, wenn es meinem Darm keineswegs guttat, blieb ich das Wochenende stark und flehte die Beamten bei der „Erstaufnahme“ an, mich in eine Einzelzelle zu stecken. Sauer war ich dann auf den offensichtlich homosexuellen Häftling, der mit mir in die oberen Stockwerke verlegt wurde, als er mir im Aufzug nach oben mitteilte, dass ich niemals eine Einzelzelle bekommen würde: „Die Einzelzellen sind heiß begehrt, da ist nichts mehr übrig. Du musst sicherlich mit mir in die Zelle.“ Mein einsetzendes Kopfkino gefiel mir ganz und gar nicht… das konnte der sich gleich mal abschminken. Glücklicherweise hatte er unrecht, die Beamtin brachte mich in eine Einzelzelle – die für mich heilige Toilette stand da und wirkte sehr einladend auf mich. Doch bevor ich meinen langersehnten Stuhlgang erledigen konnte, musste die Beamtin wohl auch dringend etwas los werden: „Wissen Sie, wessen Zelle das ist? Hier hat sich ein Terrorist umgebracht.“ Ich schaute sie fragend an, ich befand mich im 7. Stock, in einer Zelle ganz hinten im Flur: „Äh, wie jetzt? Ein Islamist oder wie?“ Sie lachte wie eine Hexe: „Haha nein, ein RAF Terrorist!“ Mein einziger Gedanke war: „Wow – ich scheiß mir gleich in die Hose!“

    Einige Tage musste ich noch bis zum vierten Verhandlungstag warten. Diese Tage waren mitunter die schlimmsten meiner Haftzeit. Ich musste tatsächlich 23 Stunden in der Zelle verbringen, 1 Stunde Hofgang gab es nur morgens um 7:00 Uhr, duschen durfte man nur zwei Mal in der Woche, maximal für 10 Minuten, das Essen war mehr als schlecht und die Fenster sehr klein. Ich fühlte mich erst jetzt wirklich gefangen – das davor war dagegen noch erträglich gewesen.

    Von meinem kleinen Fenster aus hatte ich einen guten Blick auf den Hofgang, und auch, wenn die Leute schwer zu erkennen waren, hätte ich Cem sicherlich erkennen können. Meinen Antrag auf eine gemeinsame Zelle mit ihm hatte ich bereits abgegeben – ich hoffte, dass er diesmal durchgehen würde. Als ich im Hof lauter Jugendliche sah – keiner wirkte älter als 20 Jahre – rief ich nach Cem. Plötzlich blieb einer der Jugendlichen stehen und blickte hoch: „Wer bist Du?“, schrie er hoch, und suchte nach meinem Fenster. „Hier bin ich! Kennst Du Cem? Ich bin sein Bruder!“, rief ich runter. „Ah, bist Du sein Bruder? Ja, ich kenne ihn! Er ist mit mir auf dem Stockwerk!“ Er hatte mich nun entdeckt. „Wo ist er? Kannst Du ihn rufen?“, fragte ich interessiert. „Er schläft. Der Hofgang ist ihm zu früh am Morgen!“ Das war typisch Cem. Ich bat ihn darum, Cem mitzuteilen, dass sein Bruder da sei und, dass er bitte zum Hofgang kommen möge. In meinem Hofgang lief ich alleine im Kreis herum, keiner sprach mich an – bis auf diesen alten türkischen Mann. Was er getan hatte, fragte ich nie, alles, was mich interessierte, betraf meinen Bruder. Dementsprechend war ich erfreut, als der alte Türke mir versicherte, dass es bei den Jugendlichen lockerer zu Sache ginge – Freizeit, Sportaktivitäten, Unterricht und dergleichen stand auf dem Tagesplan. Enttäuscht war ich dann von Cem, als er die nächsten Tage nicht zum Hofgang erschien, obwohl ich mehrmals nach ihm rufen ließ: „Doch, aber er ist einfach zu faul. Er kann nicht so früh aufstehen“, antwortete mir der jugendliche Häftling vom Hofgang, als ich ihn – wohl eher rhetorisch – fragte, ob er denn Cem nicht mitgeteilt hatte, dass sein Bruder da sei.

    Enttäuscht darüber, meinen Bruder nicht sehen zu können, versuchte ich, die Zeit irgendwie herumzubekommen. Mein Hass auf die TV-Programme kam wieder hoch, ich wollte nicht anderen Leuten dabei zusehen, wie sie ihr Leben in Freiheit lebten. Das Essen kam mir auch immer wieder hoch, mir fehlte Nervennahrung – bis zum Einkauf musste ich mich noch eine Weile gedulden. Auch hatte ich keine wirklichen Kontakte, es gab nur eine Stunde Hofgang pro Tag, es war mir schlicht unmöglich, mich zu „integrieren“. Die Beamten hier schienen viel kälter drauf zu sein, wenn die Tür aufging und man eine Frage hatte, versuchten sie, einen schnell abzuwimmeln – man musste die Tür regelrecht gegendrücken, um mehr Zeit zum Reden zu gewinnen. Bei Nachfragen zu Anträgen wurde man abgespeist: „Ich habe schon vor ein paar Tagen einen Antrag abgegeben, mit der Absicht, in eine Zelle mit meinem Bruder verlegt zu werden. Wann bekomme ich da Rückmeldung?“, wollte ich wissen, als mir die Beamtin zum Abendessen einen Besucherzettel in die Hand drückte. Sie wusste mal wieder von gar nichts und haute mir die Tür vor dem Gesicht zu. Wenigstens hatte ich hier zwei Stunden Besuch, anders als in Schwäbisch Hall – dafür aber auch nur alle zwei Wochen. Die Tage bis zum Besuch vergingen, ohne, dass ich meinen Bruder gesehen hatte.

    Ganz früh stand ich auf, damit ich mich frisch machen konnte. Meine Anwältin war vor der Verhandlung zu Besuch gekommen, um mit mir den aktuellen Stand zu besprechen: „Oh meine Güte, wie sehen Sie denn aus? Stammheim tut Ihnen gar nicht gut. Sie haben ja tiefschwarze Augenringe.“ Ich teilte ihr mit, dass Stammheim einem alles abforderte und ich mich alleine in der Zelle total schlecht fühlte. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wie zwei JVAs im selben Bundesland so unterschiedlich sein konnten. Doch vor meiner Mutter wollte ich nicht schwach wirken, ich wollte nicht, dass sie sich unnötig mehr Sorgen macht – die Nivea Creme sollte Abhilfe schaffen. Mit Motivation und Vorfreude folgte ich dann der Beamtin zum Aufzug. Das System war hier völlig anders, wahrscheinlich wegen der Größe der JVA. Die Stockwerksbeamtin übergab mir einen Zettel, und während ich sie fragend anblickte, erklärte sie mir, dass dies ein Laufzettel sei: „Zeig das den Beamten, die führen Dich dann damit zum Besucherraum. Verlier den Zettel nicht.“ Das war wohl sowas wie ein Eintrittsticket in den Besucherraum. Ich wartete vor dem Aufzug. Aufgrund der langen Wartezeit verstand ich auch, weshalb ich bereits eine Stunde vor Besuchsbeginn von der Zelle abgeholt worden war. Als der Aufzug ankam, kamen ein paar Häftlinge raus. Ein Beamter mit dem magischen Aufzugsschlüssel fragte mich, wo ich hinmüsse. Ich zeigte ihm den Laufzettel und begab mich in den Aufzug. Bis wir ganz unten ankamen, kamen in jedem Stockwerk neue Häftlinge hinzu, es gab einen regelrechten Häftlingsverkehr. Als meine Blicke im Aufzug umherschweiften und ich versuchte, den anderen Häftlingen – sie wirkten viel gefährlicher als jene in Schwäbisch Hall – nicht in die Augen zu schauen, blieb mein Blick an dem Arsch des Beamten hängen. Ich musste mir das Lachen stark verkneifen. Der Beamte hatte einen viel zu fetten und festen Arsch, der sehr markant vom restlichen Körper abstand – es sah aus wie operiert. Noch nie zuvor hatte ich sowas gesehen und ich denke, als Frau wäre er sicherlich schon von so manch einem Häftling angebaggert worden. Wobei, als Mann in einer JVA – man weiß nie, was für Häftlinge mit einer wie auch immer gearteten Orientierung sich hier aufhielten.

    Im Warteraum angekommen, machte ich es mir in einer Ecke gemütlich. Noch war kein anderer Häftling im Besucherraum. Ich freute mich wie ein kleines Kind auf meine Mutter – vor allem aber auf die Schokolade. Von einem Häftling im Hofgang hatte ich erfahren, dass der Besuch bis zu 10 EUR Waren für den Häftling kaufen durfte. Schokolade für 10 EUR sollte mir bis zur Verhandlung erstmal reichen. Als die Tür des Warteraums aufging, wollte ich mich schon aufrappeln, um zum Besucherraum zu gehen. Statt meiner Eltern kam ein junger Mann herein: Die Haare waren zerzaust, die Augen dick angeschwollen und ein starker Zigarettengeruch umhüllte ihn, als er mich angrinste. „Ach Du meine Scheiße! CEM!“ Ich umarmte ihn – er erwiderte die Umarmung nur halbherzig. „Was geht, Lan? Man, Du siehst voll fertig aus!“ Ich war total aufgeregt. „Haha, Bruder, es ist so früh Lan, die kommen immer so früh.“ Wir plauderten etwas über das letzte Jahr und ich war erleichtert, als er mir mitteilte, dass er als Jugendlicher nicht 23 Stunden in der Zelle war. Er hatte Freizeit, Sportaktivitäten und auch für seine Bildung konnte er hier etwas tun. Als ich ihm versicherte, dass er zum Urteil rauskommen würde, wurde er sauer. „Sag das nicht, sonst komm ich nicht raus“, meinte er. „Na gut, dann kommst halt nicht raus“, grinste ich. „Nein, sag das auch nicht, dann komm ich erst recht nicht raus!“ Er meinte es wohl ernst, etwas abergläubisch war er immer gewesen. Die Zellentür des Warteraums ging erneut auf, die Beamtin blickte besorgt in unsere Richtung: „Leider kann nur Cem Ates zum Besuch. Herr Emre Ates, Sie müssen wieder in die Zelle.“ Die Aussage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht: „Aber wieso?“ Sie hielt einen Zettel in der Hand: „Ihre Mutter hat nur eine Besuchsbescheinigung für die JVA Schwäbisch Hall, sie hätte eine für Stammheim beantragen müssen. Es tut mir Leid. Das nächste Mal dann.“ Dass ich mit Beamten, vor allem wenn ich sie nicht kannte, nicht verhandeln konnte, war mir bereits klar. Doch ich wollte es nicht unversucht lassen: „Kann mir meine Mutter bitte wenigstens Schokolade kaufen? Ich brauch die Nervennahrung echt dringend.“ Sie verneinte natürlich – kein Besuch, kein Einkauf. Mein Bruder fragte die Beamtin, ob er mir seine Schokolade geben könne, die er vom Besuch erhalten würde. Sie verneinte erneut. Ich umarmte meinen Bruder und bat ihn, doch wenigstens mal zum Hofgang zu kommen, damit ich vom Fenster aus mit ihm sprechen konnte. Er bejahte, und ich wurde in eine andere Wartezelle geführt. In der nächsten Wartezelle befand sich bereits ein Häftling, der es sich auf der Bank gemütlich gemacht hatte. Es gab eine Wartezelle für diejenigen, die zum Besuch wollten, und eine andere Wartezelle für die Häftlinge, die soeben wieder vom Besuch kamen. Sie wurden dann alle auf einmal vom Aufzugsbeamten abgeholt. Ich wusste in dem Moment fast nicht, was schmerzhafter war – meine Familie nicht zu sehen, oder meine Schokoladenration für die nächsten Tage nicht zu bekommen. Letzteres hätte mir mit dauerhafter Wirkung die Zeit in der Zelle buchstäblich versüßt. Da ging die Wartezellen-Tür erneut auf, die Beamtin stand mit einer Tüte voller Süßigkeiten vor mir und übergab mir diese. Ich wusste nicht, wie mir geschah: „Es ist von ihrem Bruder“, meinte sie. Ich hatte zwar nie Weihnachten gefeiert, doch so müsste sich ein Beschenkter am 24. Dezember fühlen, da war ich mir sicher.

    Bis zum Verhandlungstag konnte ich meinen Bruder nochmals sehen. Als ich vom Fenster meiner Zelle hinausblickte, hörte ich ihn nach meinem Namen rufen. Wir plauderten ein wenig, vor allem über das TrueCrypt Passwort. „Hättest Du das Passwort doch bloß nicht verraten, dann wären wir schon längst draußen.“ Damit hatte er wohl nicht ganz unrecht. Seine Häftlingskollegen um ihn herum schienen überrascht zu sein, als ich Cems Aussagen bezüglich der Verschlüsselung der Rechner bestätigte.

    Der vierte und vorletzte Verhandlungstag stand an. Diesmal war ein BKA – Beamter mit IT-Background aus Rosenheim da. Er hatte einen Beamer aufgesetzt und seinen Rechner damit verbunden. Er erzählte, welche Daten sie auf unseren Rechnern gefunden hatten und wie sie auf die ICQ-Chatverläufe gekommen waren. Viel Interessantes war da nicht zu hören, im Grunde genommen ging es doch allen nur um die Verschlüsselung. Die Richterin wollte wissen, ob die Wahrscheinlichkeit 0% betrage, das Passwort knacken zu können – so hätten es seine Kollegen behauptet. Der IT-Beamte versuchte, ihr das detaillierter zu erklären: „Im Grunde genommen ist alles knackbar, die Frage betrifft eher die benötigten Ressourcen und Zeit. Doch mit unseren Mitteln hätten wir aufgrund der Komplexität des Passworts keine Entschlüsselung vornehmen können.“ Dass das ein gefundenes Fressen für die Richterinnen war, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnen. Denn nach meiner Beurteilung hatte der IT-Beamte recht, er hätte nur erwähnen sollen, dass er wahrscheinlich mehrere hunderte Jahre gebraucht hätte sowie eine enorme Rechenpower. „Sie meinen also, mit genug Ressourcen und genügend Zeit hätten Sie den Rechner knacken können?“, fragte die Richterin interessiert. Der IT-Beamte versuchte ihr zu erklären, dass es nicht mit einem einfachen „Ja“ zu beantworten ist: „Naja, also mit genug Ressourcen und einer Menge Zeit vielleicht und selbst dann ist es nicht sicher.“ Die Richterin fragte mehrmals nach, nie kam ein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“. Bis dann die Hauptvorsitzende sauer wurde: „Ja oder Nein? Kann man mit den nötigen Ressourcen und genug Zeit das Passwort knacken – Ja oder Nein?!“ Der IT-Beamte fühlte sich wohl angegriffen und ergab sich der Beharrlichkeit der Richtern. Er kämpfte kurz mit sich, man sah ihm an, dass er nicht eindeutig darauf antworten wollte – schlussendlich tat er es dennoch: „Ja – mit genug Ressourcen und Zeit, Ja.“ Mein Gesicht lief rot an, als ich daraufhin die Aussage der Richterin zu Ohren bekam: „Also können wir feststellen, dass die Ates Brüder mit der Herausgabe des Passworts nur die Ermittlungen beschleunigt haben – es war auch in ihrem eigenen Interesse, dass die Ermittlungen frühzeitig beendet werden.“ Ich stand auf, meine Hände zitterten, ich stotterte: „Wollen Sie mich verarschen? Wie realitätsfern kann man sein? Die scheiß Ermittlungen haben mehr als 6 Monate gedauert, OBWOHL ich das blöde Passwort verraten habe! Die Verhandlungstermine waren nach einem verdammten Jahr, OBWOHL ich kooperiert habe! Dann kaufen Sie doch bitte die verdammten Quantenrechner und ich warte gerne in Freiheit, bis Sie das komplexe Passwort knacken! Ohne Beweise hätten Sie uns keine 6 Monate in U-Haft halten können! Ohne Passwort keine Beweise! Nicht mal das Wasser meiner Anwältin durfte ich annehmen, als ich stundenlang vor Gericht sprechen musste! Wie unmenschlich sind Sie eigentlich!“ – Leider spielte sich das alles nur in meinem Gedanken ab. In Wirklichkeit saß ich eingefroren auf meinem Sitz und bereute es zutiefst, je mit der Justiz kooperiert zu haben. Die Hoffnung hatte ich dennoch nicht verloren. Erst mal abwarten bis zum Urteil, dachte ich mir.

    Die Mittagspause stand an und auf meinem Weg zur Wartezelle sah ich mal wieder Abde. Er wurde von zwei Beamten festgehalten, er hatte eine Bauchschelle um, an der seine Hände gekettet waren. „Ach Du meine Güte, was ist los?“, wollte ich von ihm wissen, als er von den Beamten mit voller Kraft an mir vorbeigezerrt wurde: „Was soll schon passiert sein? Diese Arschlöcher haben mir 12 Jahre gegeben.“ Mitleid hatte ich gewiss nicht mit ihm und musste plötzlich daran denken, wie mich andere Leute sahen. Es gab sicherlich bessere Menschen als mich, die mich genauso ansahen, wie ich Abde ansah – sie hätten sicherlich auch kein Mitgefühl. Doch das wollte ich auch gar nicht, ich wollte einfach nur eine Zukunft, ein Studium beginnen, ich wollte ehrenhaft leben. Gehörte dazu auch, dass ich Kooperationen mit der Justiz nicht bereuen durfte? Diesmal durfte ich gemeinsam mit Cem in einen Warteraum. Das Topthema war bekannt und das Fazit simpel: „Wenigstens ist jetzt alles raus und es kann im Nachhinein nichts mehr kommen. Nach der Entlassung müssen wir nichts mehr befürchten.“ Dieser Gedanke war befriedigend.

    Nach der Mittagspause war ein Vertreter der Deutschen Bahn dran. Als ich ihm zuhörte, wie er von finanziellen Schäden berichtete und wie sie die Zahlungsmethode einfach halten wollen, damit es kundenfreundlich ist, obwohl damit der Kreditkartenbetrug einfach ist – hörte ich, wie die Tür des Gerichtssaals aufging. Ich blickte zur Tür und erstarrte.

    Tränen schossen in meine Augen, mein Herz raste wie verrückt und eine Gänsehaut machte sich auf meiner kompletten Haut breit. Ich wollte aufstehen und sie fest an mich drücken, an ihren Haaren riechen, sie an ihren Grübchen küssen und sagen, wie sehr ich sie vermisse und liebe. Ich wollte nochmal hören, wie sie „Abi“ (Bruder) zu mir sagt und mir dabei etwas Kindliches zeigt, ein selbstgemachtes Bild, ein gebasteltes Tier – meine kleine Schwester, mein kleiner Engel war da. Meine Zwillingsschwester führte sie an ihrer Hand auf einen Sitzplatz. Meine kleine Schwester sah mich sofort und strahlte mit einem so goldigen Lächeln, dass alle Sorgen vergessen waren, alles um mich herum war egal. Als der Vertreter der Deutschen Bahn weiter redete, wurde ich kurz involviert – die Frage hieß, wie ich gedachte, den Schaden wieder gut zu machen. „Ich möchte auf alle Fälle studieren. Danach würde ich in monatlichen Raten den Schaden zurückbezahlen“, war meine knappe Antwort und ich verschwand wieder in den Tunnelblick in Richtung meiner kleinen Schwester. Und dann machte sie etwas so Süßes, das brannte sich auf ewig in meine Gedanken ein. Ich weiß es heute noch so klar wie damals: Mit ihren süßen Kinderhänden machte sie ein Herzchen-Symbol und machte eine Kussbewegung mit ihren Lippen. Ich grinste und machte ebenfalls ein Herzchen-Symbol und gab ihr einen Kuss durch den Gerichtssaal. Sie lächelte. Erneut wurde ich von der Richterin unterbrochen: „Herr Ates, ich kann die Freude über die Familienzusammenführung verstehen, aber konzentrieren Sie sich bitte auf die Verhandlung. Ich genehmige Ihnen später, zu Ihrer Familie zu gehen, bevor Sie abgeführt werden.“ Ich bedankte mich und hörte weiter dem Vertreter der Deutschen Bahn zu. Ob eine Zivilklage folgen würde, wäre noch zu bedenken – so die Worte des Zeugen. Nachdem auch er fertig war, wurden wir alle gefragt, ob wir noch etwas zu sagen haben. Als alle verneinten, wurde die Verhandlung beendet, das nächste Mal sollten die Plädoyers der Anwälte und des Staatsanwaltes folgen. Zudem stand auch das Urteil beim nächsten Mal an.

    Ich fragte nochmals höflich nach, ob ich zu meiner kleinen Schwester dürfte. Die Richterin bejahte und machte den Beamten, der mir eine Handschelle anlegen wollte, darauf aufmerksam, dies sein zu lassen. Nachdem ich mich nach langer Sehnsucht mit meiner kleinen Schwester ausgetauscht hatte und ihr Geruch familiäre Gefühle in mir hervorgerufen hatte, betonte ich vor ihr nochmals, wie sehr ich sie lieben würde. Meine Mutter weinte, ich umarmte auch meine Eltern. Nachdem ich sie gebeten hatte, den Saal zu verlassen, legte mir der Beamte die Handschellen an – meine kleine Schwester sollte das nicht sehen. Mit dem Transporter wurden dann Cem und Ich zurück in die JVA verlegt. „Hey, hast Du nicht Kontakte zu den Beamten? Kannst du nicht dafür sorgen, dass wir gemeinsam in eine Zelle können?“, wollte ich auf der Fahrt von meinem Bruder wissen. „Ich habe das schon probiert. Die sagen, dass du einen schlechten Einfluss auf mich hättest und die das nicht machen. Außerdem darfst du nicht in die Jugendabteilung, wenn dann müsste ich in die Erwachsenenabteilung, und dort hab ich dann nicht die gleichen Vorteile. Aber das ist mir egal, ich sag denen, dass ich zu dir will“, erklärte mir Cem ausführlich. „Geht klar, musst Du wissen. Du kannst auch gerne bei den Jugendlichen bleiben. Hast du eigentlich Schokolade? Meine ist wieder ausgegangen, ich dreh durch.“ Auf meine Nachfrage bot mir Cem an, mir Schokolade schicken zu lassen, über die Reiniger würde der Transfer wohl laufen.

    Das war mein Stichwort, ich musste schauen, dass ich in Stammheim wieder den Posten als Reiniger gewinne. Ich weiß nicht, ob es an meiner Erfahrung lag, doch meine Strategie war simpel. Täglich stand ich früh auf, machte mein Bett, putzte meine Zelle, machte mich frisch und wartete darauf, dass die Zellentür um 6:00 Uhr aufging. Den Antrag für den Reiniger hatte ich bereits abgegeben, als ich das erste Feedback der Beamtin bekam: „Das ist ja vorbildlich. Immer sauber und ordentlich in Ihrer Zelle.“ Ich erklärte ihr, dass ich mich so wohler fühlen würde und Wert auf Sauberkeit lege – „Mit Dreck kann ich nicht leben“, betonte ich. Keine zwei Tage vergingen, da ging meine Zellentür zu einem ungewohnten Zeitpunkt auf.

    „Hallo, ich bin Herr Leder und Abteilungsleiter der ersten zwei Stockwerke. Das sind die Arbeiterstockwerke. Sie waren Reiniger in der JVA Schwäbisch Hall und möchten nun hier Reiniger werden?“
    Geändert von Brother John (08.11.17 um 21:04 Uhr) Grund: gehilfreicht

  3. #303

    Re: Mein Hafttagebuch

    Zwei neue Kapitel so kurz hintereinander bin ja mal gespannt Wie viele Kapitel das werden. Ist ja noch nicht mal das Urteil da.

  4. #304
    Subversives Subjekt Avatar von Propaganda
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @BeSure

    Scheint, als wärt ihr nicht die Einzigen mit der Bahnticketmasche gewesen.

    https://www.deepdotweb.com/2016/10/3...ckets-germany/

  5. #305
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 47 - Die Hoffnung stirbt zuletzt

    Spoiler: 

    Neues Stockwerk, neue Gesichter, Regeln und Probleme – was würde da auf mich zukommen? Und noch viel wichtiger: wie lange werde ich hier verweilen müssen? In zwei Kisten hatte ich mein ganzes Hab und Gut in das erste Stockwerk transportiert und befand mich in meiner neuen Zelle – der Reiniger-Zelle. Die Zelle unterschied sich komfortmäßig von anderen Zellen nur in dem Punkt, dass sie immer offen war. Doch sie war unangenehmer als jene in der JVA Schwäbisch Hall, was schon damit anfing, dass ich nur ein Minifenster in der Zelle hatte. Mal abgesehen von der Tatsache, dass damit nicht gut gelüftet werden konnte, war mein Ausblick deprimierend. In Schwäbisch Hall hatte ich über die Mauer sehen können, konnte die Freiheit, die grüne Landschaft und das Leben sehen und bei offenem Fenster auch einatmen. Und hier? Je nachdem, welchen Blickwinkel ich einnahm, sah ich entweder eine riesige Gebäudewand oder den Hof vor mir. Ich befand mich zwar im ersten Stockwerk, doch der Ausblick über die Mauern vom 7. Stock war auch nicht besser – die Mauern waren um einiges höher als jene in Schwäbisch Hall. Während wir in Schwäbisch Hall noch Utensilien an die Nachbarzellen „schicken“ konnten (man nehme hierfür einen Wäschesack mit dem gewünschten Utensil, binde diesen an einen Gürtel und schwinge den Wäschesack aus dem Fenster in Richtung der gewünschten Nachbarzelle, woraufhin deren Insasse nach dem Wäschesack greifen kann), war dies hier unmöglich. Die Zellen waren diagonal im Gebäude untergebracht, und derart versetzt, dass die Nachbarzelle sich nicht auf derselben Höhe wie die eigene befinden konnte. Das Stockwerk war auch um einiges größer, als ich in Erinnerung hatte. Im 7. Stockwerk war mir das ebenfalls nicht aufgefallen. Es gab zwei Flügel – ich nannte sie immer West- und Ost-Flügel, obwohl ich mir der Himmelsrichtungen nicht bewusst war – die nahezu gleich lang waren. Jeder Flügel hatte ca. 35-40 Zellen, was einem gesamten Stockwerk in Schwäbisch Hall entsprach. Es gab lediglich eine Dusche, sowie eine Küche, welche sich gleich neben meiner Zelle befand.

    Als ich gerade dabei war, mich in meiner neuen Zelle einzurichten, hörte ich eine Stimme an meiner Tür: „Hey, bist Du der neue Reiniger, oder?“, die Antwort war dem Fragesteller wohl klar, die Frage rhetorisch. Ich blickte den draußen stehenden Häftling an, er hatte Lackschuhe, eine Jeans, sowie ein hellblaues Hemd an – unschwer zu erkennen, dass es Kleider der JVA waren. Er machte auf mich einen sehr gepflegten Eindruck, oder wie mein Vater sagen würde: „Der ist doch metrosexuell!“ Sein Bart war gepflegt und hatte klare Linien, seine Augenbrauen waren extremer gezupft als viele, die ich zuvor bei Männern gesehen hatte, seine lockigen schwarzen Haare schienen mit viel Gel versehen zu sein und seine braune Haut glänzte ein wenig. Wahrscheinlich verwendete er eine Hautcreme. Er schien mir wie eine aus dem Nahen Osten stammende Version Tayfuns. „Hey, ja, ich bin der Emre.“ Meinen Handschlag nahm er freundlich entgegen. Im Grunde genommen waren alle Reiniger, die ich bisher gesehen hatte, freundlich. Wahrscheinlich war dies eines der Kriterien, die man für diese Rolle erfüllen musste. „Mein Name ist Hakim! Bin auch Reiniger – von wo kommst Du? 7. Stock, oder?“ Selbstverständlich war er neugierig, und natürlich wusste ich, dass ich mich bei den anderen Häftlingen erst beweisen musste. Denn ein völlig Fremder kommt in ein Stockwerk, welches schon potenzielle Reiniger-Kandidaten besitzt, und nimmt jemandem den Job weg. „Das werden die nicht gerne sehen. Doch ich habe extra Sie ausgewählt, da Sie neu sind…wohlmöglich noch eine Weile dableiben und niemanden aus dem ersten Stockwerk kennen. Würde jemand aus dem ersten Stockwerk den Job erhalten, hätte dieser bereits die Kenntnisse über die Beamten, die Strukturen und bereits Häftlinge, die er bevorzugt und er würde sich gewiss einen Vorteil aus seiner vertraulichen Position verschaffen.“ Dies waren die intelligenten Worte von Herrn Leder, als er mir den Reiniger-Posten angeboten hatte. Doch ich verheimlichte Hakim nichts, erzählte ihm in knappen Worten von meiner Straftat, über mein bevorstehendes Urteil, meinen Job als Reiniger in Schwäbisch Hall und den Grund meiner Verlegung nach Stammheim. Seine Reaktion war vorhersehbar und ich hatte sie bereits zum gefühlt hundertsten Mal gehört: „Bruder, bist Du ein Hacker?“

    Herr Leder hatte gerade Dienst und beobachtete uns von seinem Büro aus, welches zwischen Ost – und Westflügel lag, als er plötzlich neben Hakim stand: „Wieso wird hier nicht gearbeitet? Die Arbeiter rücken gleich an, haben Sie schon den Flur gewischt?“ Mir wurde eiskalt, Herr Leder war dann wohl der Herr Winter von Stammheim. „Ja, aber die Dusche macht Osman. Der ist gerade beim Arzt.“ Herr Leder war wohl enttäuscht, dass sein Anraunzer unberechtigt gewesen war, seine strafenden Blicke legte er trotz allem nicht ab: „Gut. Sagen Sie ihm, dass er es nach dem Mittagessen machen soll. Solange geben Sie Herrn Ates Reiniger-Klamotten und zeigen ihm den Putz-Raum.“

    Hakim zeigte mir die heilige Kammer der Reiniger, in der es Putzmittel in Hülle und Fülle gab. „Warum haben wir so viele Sanitärreiniger und Lappen, aber nur ein paar Besen?“, wollte ich wissen. „Jeder Arbeiter hat Sanitärreiniger in seiner Zelle und Lappen, die müssen selber saubermachen. Wir Reiniger gehen zwei Mal in der Woche die Zellen durch, um zu fegen und zu wischen.“ Ich war entsetzt: „Wie jetzt? Wir putzen deren Zellen? Können die nicht gleich selber fegen und wischen?“ Hakim lachte nur: „Wir sind Reiniger, man.“ Er erklärte mir den Ablauf, während er mir aus seinem Schrank Reiniger-Klamotten übergab: „Morgens geben wir Frühstück aus. Warmen Tee, Brötchen und Streichkäse, Honig, manchmal auch Nutella. Zusätzlich sammelt ein anderer den Müll ein, gibt neue Hygienemittel wie Rasierer, Seife etc. aus. Nachdem die Arbeiter abgerückt sind, beginnen wir mit dem Wischen der Flure und dem Desinfizieren der Duschen. Dafür muss man immer ins Büro und so spezielles Desinfektionsmittel nehmen, niedrig dosiert natürlich. Wenn die Arbeiter kommen, ist meist das Mittagessen von der Küche da, mit dem auch gleichzeitig das Abendessen kommt. Nach der Ausgabe des Mittagessens an die Arbeiter können wir auch zu Mittag essen. Meistens räumen die dann ihre leeren Essens-Behälter in den Essens-Wagen ein, oder wir sammeln es wieder ein. Das Abendessen müssen wir dann in der Küche lagern. Jeden Mittwoch gibt es Wäscheausgabe, neue Arbeiterklamotten. Und ganz wichtig: Wir Reiniger dürfen die Küche zum Kochen benutzen, aber sonst niemand anderes. Herr Leder ist da sehr streng!“ Ich nahm alles zur Kenntnis und zog mich um, Herr Leder hatte mir in der Zwischenzeit die Lackschuhe gebracht, welche mehr als unangenehm zu tragen waren. Später würden wir mit Hakim in die Kammer gehen, um neue Arbeitsklamotten für uns Reiniger zu holen.

    Als der Mittagessenswagen kam, war auch der dritte Reiniger angekommen. Osman war sein Name, ein älterer, türkischer und dürrer Mann. Mit ihm hatte ich auch ein kurzes Gespräch, als dann plötzlich mehrere Stimmen zu hören waren. Eine Horde von Häftlingen befand sich plötzlich im Flur, alle warteten vor ihren Zellentüren. Meine zwei Reiniger-Kollegen zogen sich Hygiene-Kappen und Handschuhe an. Ich sollte erstmal nur zuschauen. Die Reiniger übergaben dem jeweiligen Häftling das Essen, Herr Leder öffnete die Zellentür, bat den Häftling hinein und schloss hinterher ab. Es waren verschiedenste Gestalten zu sehen, einige beäugten mich gründlich, andere wiederum nahmen mich nicht einmal wahr. Es schien, als bestünde der Großteil aus Albanern und Arabern, aber auch eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Deutschen gab es hier. Die Türken hingegen waren deutlich in der Unterzahl. Einer fiel mir besonders auf, er hatte Haare, die bis zur Schulter gingen, einen Ziegenbart, und war etwas breiter gebaut. Er müsste etwa um die 40 sein, seine Zelle war groß, eine Viermannzelle. Ganz groß an einer Wand sah ich die Aufschrift „Hells Angels“. „Du, ich habe gleich Besuch von meinem Anwalt. Lass meine Tür offen, damit ich duschen kann.“ Das waren seine Worte an den Beamten Herrn Leder, und das Seltsame daran war, dass es war vielmehr ein Befehl als eine Bitte zu sein schien. Ich war schockiert, noch nie hatte ich einen Häftling so mit einem Beamten reden hören. Noch schockierender war die Tatsache, dass Herr Leder darauf einging.

    Nachdem das Essen vollständig ausgeteilt und die Schalen wieder eingesammelt worden waren, rückten die Arbeiter ab. Osman rief mich zu sich: „Lass uns die Dusche putzen, ich zeig Dir das.“ Er nahm einen Behälter voll Wasser, ging ins Büro und füllte Desinfektionsmittel ein. Danach begaben wir uns in die Dusche und schrubbten das Mittel auf die Wände. Plötzlich kam der Häftling von den Hells Angels rein: „Meine Güte, was macht ihr da?! Mensch, ich wollte jetzt duschen. Hättet ihr das nicht später machen können?“ Osman sah ihn verwirrt an: „Jetzt ist keine Freizeit, duschen musst Du abends, David. Woher sollen wir das wissen?“. David machte eine „Halt dein Maul“-Handbewegung und verließ das Bad. Nachdem wir das Desinfektions-Mittel für eine halbe Stunde hatten einwirken lassen, wuschen wir das Mittel mit einem Wasserschlauch von den Wänden ab. Osman lästerte ein wenig über diesen David ab, es hatte wohl etwas auf sich mit ihm. „Du kannst dich in deiner Zelle ausruhen, bis die Arbeiter wieder zurück sind.“ Osman erlöste mich von der Arbeit, und ich hatte die Ruhe dringend nötig. Als ich es mir auf meinem Bett gemütlich gemacht und einen türkischen Sender eingeschaltet hatte, klopfte es an meiner Tür. Überrascht war ich, als David da stand und mir eine Frage stellte, die ich schon lange nicht mehr gehört hatte: „Hey Junge, kannst Du deutsch?“ – „Ähm, ja?“, ich wunderte mich, dass es keine Selbstverständlichkeit zu sein schien, die deutsche Sprache hier zu beherrschen. Mit den Worten „Hier hast ein Snickers“, warf er es mir auf mein Bett. Ich war verwirrt: „Ähm, danke. Aber ich brauch das nicht, hier, nimm es zurück.“ Er machte einen genervten Gesichtsausdruck: „Nimm das jetzt einfach. Das ist ein Geschenk. Kannst Du lesen?“, ich bedankte mich und bejahte erneut. „Wie gut kannst Du lesen?“ So langsam dachte ich, dass er mich für dumm hielt: „So gut, dass ich verstehe, was ich lese.“ Er befahl mir, ihm zu folgen und ich ging mit ihm in seine Zelle. Er kramte ein Magazin aus und empfahl mir, einen Artikel zu lesen: „Nimm das mit in deine Zelle. Da steht, was ich gemacht habe.“ Das war ja mal eine ganz andere Art und Weise, seine Tat mitzuteilen, anstatt wie gewohnt mündlich davon zu berichten oder gar den Haftbefehl zum Lesen zu geben. Er schien wohl eine große Nummer zu sein und aus der Tatsache, dass er von den Hells Angels war, machte er wohl kein Geheimnis. Überall in seiner Zelle waren die Aufschriften dieser Rocker-Gang zu lesen. Ich begab mich in meine Zelle und las die Tat: Er hatte Schulden eines Barbesitzers eintreiben wollen, da dieser nicht bezahlt hatte. Er hatte den Gläubiger an einen Stuhl gefesselt und mit einem Hammer seine Finger gebrochen. Auch, wenn das bei mir einen gefährlichen Eindruck über ihn hinterließ – so war das Unangenehmste an ihm, dass er in einer Haftanstalt, in der Rolle des Häftlings, einem Beamten Befehle erteilen konnte.

    Nach dem Eintreffen der Arbeiter gab es die Abendessensausgabe und gleich darauf folgend den Hofgang. Der Hofgang war um einiges größer als jener vom 7. Stockwerk, oder gar von Schwäbisch Hall. Mehrere Stockwerke hatten zur selben Zeit Zugang zum Hof. Danach gab es für ca. 90 Minuten die Möglichkeit, sich im Flur frei zu bewegen und zu duschen. Einige Leute sprachen mich an, mehrmals musste ich meine Geschichte erzählen. Und so vergingen die Tage. Meinen Bruder sah ich einige Male, wenn er Hofgang hatte. Vom Fenster aus unterhielten wir uns ein wenig. Ich machte Bekanntschaften mit einigen Häftlingen, mit manchen verstand ich mich besser, mit anderen wiederum weniger gut.

    Das Wochenende brach schließlich an, und mit ihm die Besucherzeit. Diesmal klappte es auch bei mir und es war das erste Mal, dass meine Mutter, meine Zwillingsschwester, Cem und ich in einem Raum saßen. Es war ein emotionaler, aber auch freudiger Moment. „Hey Jungs, morgen wird es genau 1 Jahr her sein, seitdem ihr in Haft gekommen seid. Ihr habt es echt gut überstanden! Ich hoffe, in 4 Tagen können wir uns in Freiheit begegnen.“ Meine Schwester erinnerte mich daran, wie schnell und doch auch langsam die Zeit vergangen war. Ich erzählte von meiner neuen Tätigkeit als Reiniger, von den Lockerungen, die ich dadurch hatte und machte mich über Cem lustig: „Haha Cem, kein Wunder, dass Mama immer gesagt hat, dass es Dir schlechter geht als mir. Du siehst ja total müde aus, hast nicht geduscht, deine Haare sind zerzaust und du redest ja gar nichts.“ Er grinste nur: „Ja man, Du redest echt viel. Bei mir redet immer Mama. Wenn Papa da ist, antworte ich nicht mal.“ Meine Mutter hatte Freudentränen in den Augen, sie genoss es, ihre beiden Söhne gemeinsam zu sehen. Als sie sich verabschiedete, umarmte sie uns beide fest und sagte, wie sehr sie uns liebte: „Ich bete zu Allah, ich bete, dass ich beide meiner Söhne in 4 Tagen in Freiheit sehen darf. Meine starken, wundervollen Jungs. Ich liebe euch!“, rief sie und küsste uns auf die Wange. Als Cem und ich uns wieder in der Wartezelle befanden, übergab er mir seine Süßigkeiten: „Bruder hier, mir reicht der Tabak, ich mag keine Schokolade.“ Ich bedankte mich: „Cem, ich hoffe echt, dass wir beide rauskommen. Wenigstens du sollst aber rauskommen, für mich sieht das glaub schwieriger aus. Ich möchte Mama nicht mehr weinen sehen. Ich glaube, wir beide würden es verkraften, wenn wir nicht rauskämen. Aber Mama?“ Er bestätigte es mit einem Nicken, die Aufregung stieg von Minute zu Minute an. Der Countdown lief. Ich ging meinem Reinigerjob nach und plötzlich stand eine der berühmt – berüchtigten Sozialarbeiterinnen vor meiner Tür: „Herr Ates?“

    Sie erzählte mir, dass sie wegen meines Antrags auf die Verlegung mit meinem Bruder in eine gemeinsame Zelle käme. Ich grinste bei dem hoffnungsvollen Gedanken, dass es klappen würde. „Wieso lachen Sie? Sind wir hier im Kindergarten? Sie haben als älterer Bruder einen schlechten Einfluss auf Ihren jüngeren Bruder!“ Sie fuhr mit irgendwelchen Anschuldigungen und Behauptungen fort, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass wir beide nicht in eine gemeinsame Zelle dürfen. Mich überkam eine Welle von Hass. Wie konnte eine Sozialarbeiterin, ohne mich oder meinen Bruder zu kennen, die Beziehung zwischen uns beurteilen? „Ähm, Entschuldigung. Aber ich denke kaum, dass Sie eine Ahnung davon haben, welchen Einfluss ich auf meinen Bruder habe. Sie kennen uns doch nicht mal.“ Nach einer hitzigen Diskussion verließ sie meine Zelle. Ich hoffte einfach, dass Cem am Urteilstag rauskommen würde, damit mir eine weitere Diskussion mit der Dame erspart bleiben würde. Denn im worst – case Szenario bräuchte ich die Sozialarbeiterin noch, um meinen Plan, das Studium während der Haft wiederaufzunehmen, verfolgen zu können. Ich war nun ein Jahr in Haft. Angenommen, ich bekäme 3 Jahre: Aufgrund guter Führung würde ich sicherlich 2/3 – Strafe erhalten, was heißen würde, dass ich effektiv 2 Jahre würde absitzen müssen. Da ich allerdings bereits ein Jahr in Haft war, müsste ich nur noch 1 Jahr absitzen. Da wir uns im April befanden, würde das perfekt passen, das letzte halbe Jahr meiner Strafe in den offenen Vollzug zu gehen, damit ich dann hoffentlich mein lang ersehntes Studium beginnen konnte. Ob die Rechnung aufgehen würde, zeigte sich sehr bald. Doch bis dahin konnte ich nur weiterhin hoffen und hypothetische Rechnungen aufstellen.

    Irgendwann war es dann so weit. Der Urteilstag stand an. Mein Bruder und ich wieder in schicken Klamotten gekleidet, saßen wir im Transportbus und redeten vor Nervosität kein einziges Wort. Ein Schaudern machte sich in meinem ganzen Körper breit, ich sah meinen Bruder an und wir grinsten nur. Am Landgericht Stuttgart angekommen begleiteten uns Beamte in den Gerichtssaal. „Endlich ist es so weit“, flüsterte ich meinem Bruder zu. Meine Eltern und meine Zwillingsschwester saßen ganz vorne im Zuschauerbereich. Ich lächelte sie an, sie lächelten zurück. Angekommen an meinem Platz, konnte ich mich nicht wirklich hinsetzen, da die Richter bereits eintraten. Meine Beine fühlten sich gelähmt an, mein Herz pochte, mir wurde heiß und mein Kopf juckte irgendwie. Als ich die Stimme der Staatsanwältin hörte, fing mein Herz an zu pochen, erst langsam, dann schneller, erst leise, dann lauter. Mein Herz fühlte sich an wie ein Stein, welcher viel zu schwer war. Meine Schweißperlen trockneten einfach nicht.

    Wie lange hatte ich auf diese eine Passage gewartet…seit einem Jahr und drei Tagen…nur auf diese eine. Meine Hoffnung lebte aufgrund dieser Ungewissheit. Und meine Hoffnung, sie sank mit einem Mal ins Grab:

    „Ich beantrage 4 Jahre Freiheitsstrafe für den Angeklagten Emre Ates.“

    Mein Herz stand still, ich hörte nichts mehr, bis ein lautes Geräusch meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Das seltsame Geräusch, ich werde es niemals vergessen: Mein Vater, ob dieser Worte zutiefst schockiert, presste seine Hand fest auf den Mund. Das Gesicht meiner Mutter wollte ich nicht sehen. Die Staatsanwältin fuhr fort: „…3 Jahre Freiheitsstrafe für den Angeklagten Cem Ates…“ Mein Gesicht lief rot an und tausende Gedanken rasten durch meinen Kopf, die traurigen Seufzer aus dem Zuschauerraum waren nicht zu überhören. Adnan sollte 2 Jahre auf Bewährung bekommen. Genau das hätte ich mir eigentlich für Cem gewünscht. Meine Mutter weinte. Zwar traute ich mich nicht, sie anzublicken, doch es war deutlich zu hören. Ich war wie gelähmt, und plötzlich stieg die nackte Angst in mir hoch. Angst davor, Cem in die Augen zu schauen und Angst davor, ihn anzulügen, indem ich ihm mitteile, dass die Hoffnung noch nicht gestorben ist.

    Ich hoffte einfach nur noch auf das Urteil.

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