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Thema: Mein Hafttagebuch

  1. #276
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @boratino
    Weil ich die deutsche nicht mehr habe

    @T_Low_Benz
    Dein Wunsch ist mir Befehl

    Kapitel 39 - Der Arsch


    Spoiler: 


    Mein Großvater war gestorben, und es lastete kaum auf mir.
    Es war vielmehr der Gedanke an meine Mutter, der mir – wie schon so oft – den Schlaf raubte. In den ganzen deutschsprachigen Rapsongs, die ich in der Haftzeit kennen und hören lernte – ich hatte so etwas zuvor nie angehört – prahlten die Rapper mit ihren weltbewegenden, „Scheiß-auf-alles“- Taten und fluchten, was das Zeug hielt. Doch fiel ein Wort über die Mutter, klangen alle wie Muttersöhnchen. Meiner persönlichen Meinung nach ist dies kulturell bedingt. Das Frauenbild in meiner Kultur präsentiert sich nicht wirklich als autonom, eine Frau ist auch heutzutage noch eher abhängig von ihrem Gatten. Kaum ein Lebensziel verfolgt sie nur für sich, denn eigentlich zählt nur eines: die bestmögliche Versorgung ihrer Kinder. Das war zumindest, was ich mitbekam – denn meine Mutter entsprach exakt diesem Bild. Bereits in ihren Teenagerjahren wurde sie verheiratet, genoss keinerlei Bildung, wurde dazu gezwungen, in ein fremdes Land zu reisen, gänzlich ohne Kenntnis von Kultur und Sprache, und war zudem völlig allein und finanziell abhängig von meinem Vater. Über uns Kinder erhielt sie ihren Zugang nach draußen, und so folgte sie der Mutterrolle immer gewissenhaft, um uns ein besseres Leben zu schenken. Mein Großvater war gewiss kein schlechter Mensch, ich glaube sogar, dass er es gut meinte, als er seine jüngste Tochter einfach in die Hände eines Wildfremden gab. Meine Großeltern folgten lediglich der Tradition, die sie für richtig hielten. Ich weiß, dass sie ihre Tochter, meine Mutter, sehr liebten und alles dafür taten, um sie, wie sie dachten, glücklich zu machen. Mein Großvater war nun fort, für immer. Auch ich liebe meine Mutter sehr und würde alles für sie tun, schließlich opferte sie so viel für uns Kinder.
    Nun sind ihre Söhne fort, zwar nur für eine kurze Zeit, doch sie wollte und wollte einfach nicht vergehen. Für mich war es stets schwer, im Körper des „guten“ Sohns zu stecken, der alles tat, was die Eltern verlangten. Es fiel mir schwer, ich wollte jemand anderes sein, aber für mich war es lange Zeit wichtiger gewesen, meine Mutter nicht zu enttäuschen.
    Dabei wusste ich nicht einmal wirklich, wer ich denn anderes sein wollte. Ich wusste nur, dass ich mich in keine der Rollen gut fühlte. Ich wollte nie der sein, der den Traditionen seiner Eltern bedingungslos folgte, doch wollte ich ebenfalls nie der Betrüger sein, der in Haft einsaß und seinen jüngeren Bruder in die Scheiße mit hineinzog. Bei meiner Entlassung würde sich das alles ändern. Und vielleicht, ganz vielleicht, war es bald soweit.

    Ich stieg aus dem Auto aus, hatte wohlgemerkt noch meine Handschellen an, und befand mich in einer großen Garage, in der sich mehrere Transportwagen befanden. Vor zwei Stunden hatte man mich in der JVA zur Kammer gerufen, wo ich saubere Klamotten, eine Jeans und ein Hemd mit Sakko, anziehen durfte. Meine Eltern hatten diese Klamotten dagelassen, und ich musste zugeben, dass ich mich darin inzwischen ziemlich unwohl fühlte. So fragte ich den Beamten ziemlich schnippisch: „Ach, zum Gerichtstermin darf der Häftling sich hübsch machen, ja?“ Er bugsierte mich zum Transporter. „Von mir aus kannst du auch in Jogginghose gehen, nur würde sich das ziemlich negativ auf dein Erscheinungsbild auswirken.“ Die zwei Stunden Fahrt vergingen sehr schnell, da ich in meine Gedanken vertieft war und die Aussicht auf die für mich sehr frisch wirkende Landschaft genoss. Glücklicherweise mieden wir die Autobahn, sofern es ging. Die Beamten führten mich durch einen Gang in eine Wartezelle und schlossen ab. Jetzt hieß es, wie so oft in der Haft, Warten und Kopfkino an. Es war ein einzelner Termin und mein Anwalt meinte, dass es sich um eine 9 – Monats-Haftprüfung handelte, und in einem Monat die 9-Monats-Grenze erreicht werden würde. Für mich hieß dies in logischer Konsequenz, dass die mich entweder heute entlassen müssten, wenn bis Mitte Januar kein Gerichtstermin zustande kommen würde, oder dass bis spätestens zu diesem Zeitpunkt Gerichtsverhandlungen stattfinden müssten. So oder so würde ich heute eine erleichternde Botschaft bekommen. Es fiel mir so unendlich schwer, die Monate in Ungewissheit zu verbringen. Ich wollte endlich mein Urteil.

    Als Reiniger hatte ich mich an die offene Tür gewöhnt. Umso schwerer fiel es mir, nun mal wieder die Zeit wartend zu vertreiben. Lesestoff hatte ich leider nicht dabei. Gelangweilt ließ ich meinen Blick also durch den Raum schweifen, in dem es nicht viel gab – so fiel er auf die vollgekritzelte Wand, das wohl spannendste an dem sonst leeren Zimmer. An einem Gekritzel blieb er hängen.

    „Bir gün gelecek, bir gün kalacak“.

    Eines der motivierenden Dinge, die ich während meiner Haftzeit bis hierhin zu lesen bekam, und dann auch noch in meiner Muttersprache: „Es wird der Tag kommen, an dem es nur noch ein Tag sein wird.“
    Ab und an rief ich vom Fenster aus den Namen meines Bruders, vielleicht war er ja in der Zelle nebenan? Vielleicht war er auch gar nicht da, und wir würden nacheinander unsere Verhandlungen haben. Doch die Langeweile ließ meinen Sinn allerhand zusammenspinnen. Aber es war unwahrscheinlich…bereits bei der Haftprüfung waren wir schließlich getrennt worden. Als dann schließlich meine Tür aufging, ein Beamter mir wieder Handschellen anbrachte, lief ich neben ihm in Richtung Gerichtssaal. Ein paar Meter vor mir war ebenfalls ein Häftling, der von einem Beamten geführt wurde. War es möglich…? Ich sah die Person nur von hinten. Der Kopf war kahl rasiert, das konnte er gar nicht sein. Cem hatte immer volles Haar gehabt. Mein Blick wanderte vom Kopf hinunter, ich sah mir die Statur genauer an. Plötzlich überkam es mich. Diese fetten Arschbacken, die hoch und runter wackelten…das war definitiv der riesige Arsch von Cem! Ich rief durch den Gang: „Ceeem!“ Er blieb stehen und blickte zurück, und er war es tatsächlich! Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit, ich hatte ihn stolze 8 Monate nicht gesehen und jetzt hatte ich ihn an seinem Arsch erkannt. Er grinste ebenfalls, reden konnten wir leider nicht, weil die Beamten uns weiter zum Gerichtssaal führten und einen gewissen Sicherheitsabstand einhielten. Als wir eintraten, sahen wir unsere beiden Anwälte und drei weibliche Personen auf dem Podest sitzen. Die mittlere Person wies uns auf unsere Plätze hin: „Darf ich neben meinem Bruder sitzen?“ fragte ich eingeschüchtert, sie bejahte überraschenderweise und so fand ich mich, nach so langer Zeit, neben meinem Bruder sitzend wieder. Wir blickten uns ständig grinsend an. Der Junge hatte sich einfach die Haare rasiert. Wollte er etwa gefährlich wirken? Grundsätzlich hoffte ich, dass die Richter nicht auf das äußere Erscheinungsbild achteten. Diese Befürchtung kam mir durch die Bemerkung des Beamten vorhin in den Sinn, dass das äußere Erscheinungsbild bei Gerichtsterminen wohl von Bedeutung sei.

    Die weiblichen Personen erwiesen sich als unsere drei Richterinnen, die ebenfalls in der eigentlichen Hauptverhandlung für uns zuständig sein würden. Es war dasselbe Spiel wie damals zur Haftprüfung. Mein Anwalt war wieder kurz vor dem Einschlafen, während die Richterin den Wisch vortrug, in dem stand, weshalb wir nicht entlassen werden würden. Die Verdunklungsgefahr war zwar nun nicht mehr Gegenstand der Gründe für den Haftbefehl, nunmehr jedoch die Fluchtgefahr. Uns beide würde eine nicht unerhebliche Haftstrafe erwarten, wir hätten Familie in der Türkei und die Fluchtgefahr sei entsprechend hoch. Leider gäbe es keine Möglichkeit Verhandlungstermine für den Anfang des Jahres anzusetzen, da alles belegt wäre, doch die Gerichtstermine würden nun für März stehen. Ich traute meinen Ohren nicht. Wir sollten wieder bis März warten? Was bringen die ganzen Haftprüfungstermine, wenn sowieso alles feststand? Wieso können die das nicht einfach schriftlich mitteilen, dass wir nicht rauskommen und noch ein gutes Quartal warten mussten? Ich hasste diese Bürokratie. Zudem war es zum Verrücktwerden, dass die Verteidiger alles taten – nur nicht verteidigen. Ohne wirklich ein Wort mit meinem Bruder wechseln zu können, wurde ich zurück in die Wartezelle, dann in den Transport Richtung JVA, gesteckt – und lag kurz darauf in meinem Bett. Ich fühlte mich wie genötigt. Ich dachte schon, dass ich abgestumpft war und sie mich nicht mehr schocken könnten, doch sie toppten es immer wieder aufs Neue. Mein Anwalt ging mir auch auf die Nerven. Jedes Mal sah es so aus, als wären die Worte von den Richtern wie Meditationen für ihn, er schloss ständig seine Augen, sodass man befürchten musste, dass sie nicht mehr aufgingen, da er einem Herzinfarkt erlegen war.

    Den Frust ließ ich am nächsten Tag bei meinen Mithäftlingen aus, die mir wieder nur mit anderen Anwaltsvorschlägen kamen. Nun kam die schlimmste Zeit in der Haft. Weihnachten! Freizeit war nicht mehr vorhanden, nur noch Umschlüsse und Sport gab es auch nicht mehr bis Anfang des nächsten Jahres. Wenigstens durften wir noch einen letzten Einkauf tätigen, ich hatte mich glücklicherweise mit mehreren Dutzend Stücken Nervennahrung versorgt. Dabei achtete ich stets auf Quantität statt Qualität, sonst hätte mein Geld für die Menge nicht gereicht. Ich sah es bereits kommen: Mehrere Mitleidsbriefe würde ich an meine Familie schreiben, das Schreiben half mir auch sehr, mich von meinem Frust zu entledigen.
    Von Freunden las ich kein einziges Wort.
    Dadurch, dass es keine Freizeit mehr gab, war es schwieriger, das von mir versteckte Handy hin und her zu geben. Kartal war inzwischen auch von seinen BS-Maßnahmen befreit und konnte mit uns in den Hof und zum Umschluss. Dennoch nahm er das Handy nicht zu sich. Alle hielten es einstimmig für das Sicherste, wenn das Handy bei mir bleiben würde. Ein Albaner, Tarek war sein Name, war seit geraumer Zeit in unserem Stockwerk, er war vom 1. Stock zu uns gezogen. Er hing mit unseren Türken ab und freundete sich ebenfalls mit Kartal gut an. Die nächsten Tage versteckte ich das Handy wohl nur noch für Tarek. Er war der einzige, der Bedarf nach dem geheimen Elektrogerät hatte. Und so holte ich es immer wieder aus dem Mülltonnenversteck heraus. Täglich sah ich mir Weihnachtsfilme an und versuchte in eine freudigere Stimmung zu kommen, doch war das nicht von Erfolg gekrönt. Täglich spielte ich Karten mit den beiden anderen Reinigern, wir hatten uns fast nichts mehr zu erzählen. Ab und an schmiedeten wir noch Pläne, wie wir wohl am einfachsten Geld „erwirtschaften“ könnten, sobald wir rauskämen. Wenigstens waren die Türen der Reiniger stets geöffnet. So saß ich wieder eines Tages beim kroatischen Reiniger in der Zelle, spielte Karten mit ihm und hörte zu, dass er sogar auch ehrlich Geld verdient hatte. „Ich habe Immobilien gekauft, die renovierungsbedürftig waren. Nach der Renovierung habe ich die Wohnungsobjekte mit Gewinn verkauft.“ An sich war das eine glaubhafte Geschichte, doch andererseits verstand ich nicht, weshalb er in Haft gekommen war. Laut ihm, weil er Schwarzarbeiter für die Renovierung beschäftigt hatte. Es war noch nicht mal Mittagsessenzeit, da hörte ich die Schlüsselgeräusche von Beamten, die wohl in Richtung unserer Zelle kamen. Zwei Beamten standen vor der Tür, der eine mit einem Koffer aus Aluminium. Ich wusste nur zu genau, was das für ein Koffer war.

    „Herr Ates, wir müssen leider ihre Zelle kontrollieren“, ertönte die entschuldigend klingende Stimme des Beamten.

    Mein Herz pochte wie wild. Was war das für ein entschuldigender Tonfall? Ich stand, betont gelassen, auf, und folgte den beiden Beamten in einen Freizeitraum. „Es tut uns wirklich leid, das kommt auf Anordnung des Bereichsdienstleisters“, meinte er. Diesmal sprach er die Entschuldigung aus. Ich kannte beide Beamte zwar gut und verstand mich auch mit ihnen, doch sie taten nur ihren Job, weshalb ich die Entschuldigungen nicht einordnen konnte. Doch dann kam die Erklärung.
    „Sie müssen sich leider ausziehen. Wie gesagt, es tut mir wirklich leid!“ Nun lief ich rot an und schaute zu dem anderen Beamten, um sicherzugehen, dass das kein Witz war. Der zweite Beamte stand an der Ecke, er war jung, etwa in meinem Alter. Er versuche mich wohl zu trösten, indem er wegschaute. Währenddessen zog ich mich aus, wobei mir der erste Beamte entgegenkam und sagte: „Herr Ates, wenn Sie die Unterhose ausgezogen haben, drehen Sie sich einmal schnell im Kreis und ziehen sie sofort wieder hoch.“ Ich tat, was er sagte und war erleichtert, als es beendet war. Doch meine Gedanken waren trotzdem ganz woanders. „Wir gehen nun in Ihre Zelle, Sie warten dann bitte solange hier, ich schließe den Raum auch ab.“ Ich nickte, und die Tür schloss sich. Ich ging zum Fenster, riss es auf und atmete erstmal tief ein, mein Herz pochte immer noch wie verrückt. Ich flüsterte: „Verdammter Georgie, alles wegen Dir!“

    Ich hatte Angst, das Handy war noch in meiner Zelle.
    Geändert von Brother John (02.09.17 um 20:52 Uhr) Grund: »hilfreich« gemacht

  2. #277
    in Schwarz Avatar von LadyRavenous
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Ich bin schon auf das nächste Kapitel gespannt

    So wie wieder einmal die Spannung stieg, dürfte es interessant werden.
    "Das Internet? Gibts diesen Blödsinn immer noch?"
    Homer Simpson, Sicherheitsinspektor im Kernkraftwerk Springfield

  3. #278
    trollig Avatar von Trolling Stone
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Was sollen denn diese miesen kleinen Cliffhanger? Die Leser bleiben dir eh treu.

    Hmpf.
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  4. #279
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    Re: Mein Hafttagebuch

    @LadyRavenous

    Vielen Dank

    @Trolling Stone
    Ja, ich muss zugeben, dass ich den Leser nicht enttäusche will und stets versuche die Kapitel mit einem Cliffhanger zu beenden :P

    Aber dafür gleich das nächste Kapitel

    Kapitel 40 - Ich nix Almanci

    Spoiler: 


    Tarek hatte mich gestern mal wieder gebeten, das Handy dem Mülleimer in der Besenkammer zu entnehmen und es ihm während des Umschlusses zu überreichen, damit er abends telefonieren konnte. Allerdings überlegte er sich anders, als ich ihm das Handy übergeben wollte: „Emre, ich brauche es doch nicht. Behalte es“, sagte er mir, während der Beamte alle Häftlinge wieder in ihre Zellen schloss. Ich hatte keine Gelegenheit, das Handy in die bereits abgeschlossene Besenkammer zu bringen und musste es gezwungenermaßen eine Nacht in der Zelle behalten. Ich hatte die ganze Nacht hindurch Angst, dass Beamte jeden Augenblick zur Zellenkontrolle erscheinen würden.

    Dennoch hatte ich am nächsten Morgen versäumt, das Handy wieder in das Versteck zu bringen.

    Da stand ich nun im Freizeitraum, zwei Beamte stellten meine Zelle auf den Kopf und ich malte mir aus, welche Konsequenzen das für mich haben würde. Auf meine Strafe würde es sich nicht auswirken, dessen war ich mir bewusst. Sehr wohl aber auf meine „gute Führung“, die meine vorzeitige Entlassung bedingte, aber auch besondere Maßnahmen wie bei Kartal würden mich erwarten. Und das, obwohl ich das Mobiltelefon kein einziges Mal für eigene Zwecke verwendet hatte, wobei mir natürlich zugutekam, dass die ganzen Türken aufgrund dieses Opfers gut zu mir waren. Immerhin hatte ich das wertvollste Gut in der Haft, es lag in meiner Verantwortung, ich hätte das Gerät jederzeit verschwinden lassen können. Doch der Vorteil, den ich aus der ganzen Sache zog, war gewiss nicht das Risiko mit den Konsequenzen wert. Vielmehr lag es an meiner schwachen Durchsetzungsfähigkeit. Das Wort „Nein“ fiel mir unheimlich schwer.
    Die Zellentür zum Freizeitraum öffnete sich. Der Beamte, der meine Zelle kontrolliert hatte, stand vor der Tür: „Herr Ates, kommen Sie mal mit.“ Mein Kopf lief erneut rot an, ich konnte jeden Pulsschlag spüren und meine Beine wurden zu Wackelpudding. Als ich in meine Zelle eintrat, fand ich sie ordentlich auf. Meine ganzen Utensilien waren so aufgestellt wie zuvor. Meine Kleider waren zusammengefaltet auf meinem Bett und auch sonst sah es nicht so aus, als hätte es eine Zellenkontrolle gegeben. Dass es anders geht, hatte ich schon bei anderen Zellendurchsuchungen miterlebt: Die Kleider werden umhergeworfen, die Lebensmittel durcheinandergewürfelt, die Bettwäsche rausgerissen, die Matratzen vom Bett genommen und das Schlimmste daran ist die ausbleibende Entschuldigung beim Häftling. Die kommt nicht einmal, wenn nichts bei ihm gefunden wird.

    Der Beamte begann zu sprechen, ich hielt den Atem an.

    „Also Herr Ates…ich arbeite ja in der Kammer, und leider muss ich Ihnen sagen, dass Sie einen Pullover zu viel besitzen. Man darf nur 2 Pullover haben, sie haben aber 3 im Schrank!“ Der Beamte schaute mich milde vorwurfsvoll an. Ich war so erleichtert, dass mir fast Tränen aus den Augen geflossen wären, ich wollte ihn sogar vor Freude fast umarmen. „Herr Salz, das tut mir sehr leid. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Aber wissen Sie, es ist so kalt in der Zelle und im Hofgang auch… Sie können den Pullover hier aber mitnehmen.“ Ich hätte ihm alle drei Pullover mitgegeben, hätte er das verlangt – als Geste meiner Dankbarkeit, dass er nicht fündig geworden war. Er seufzte: „Na gut, Herr Ates, behalten Sie ihn einfach. Aber sagen Sie es den anderen bitte nicht.“ Ich bedankte mich herzlichst bei ihm für diese Großzügigkeit – wenn er nur gewusst hätte, wofür ich ihm noch dankbar war – und ging mit ihm zur Essensausgabe. Ich hatte wohl schon lange eine solche Freude nicht mehr gespürt. Während des Umschlusses und der Pokerrunde erzählte ich von dem Vorfall, während alle mir aufmerksam zuhörten. Tarek schenkte mir eine seiner Milka-Schokoladen als Entschuldigung, was ich immerhin als eine nette Geste betrachtete. Ich beschloss, das Handy nur noch so herauszugeben, dass ich im worst case das Gerät wieder verstecken konnte. Es war seltsam. Das Handy, welches in einer ungeöffneten Tabakdose versteckt war, hatten die Beamten nicht finden können. Schon damals, als sich das Gerät bei Kartal in der Zelle befunden hatte, wurde der Beamte nicht fündig. Dabei hatten sie Detektoren, die im Normalfall darauf reagierten.

    Die Tage vergingen, an Weihnachten kam der Pfarrer und beschenkte uns mit Schokolade, zu Silvester gab es nichts. Alle beschwerten sich, dass es keinen besonderen Umschluss zu Silvester gab und wir uns an Neujahr in den eigenen vier Wänden einschließen mussten. Ich allerdings hatte kein Problem damit. Bisher hatte ich Silvester nie draußen gefeiert, geschweige denn überhaupt darüber nachgedacht, es zu feiern. Jedes Jahr war ich an Silvester in der Moschee, entweder als Schüler, der dort über Weihnachten und Neujahr übernachtete, oder auch nur zum Gebet. Der Drang, raus und feiern zu gehen gingen bei mir gegen Null. Ob Silvester war oder nicht, machte für mich keinen Unterschied – ich erkannte das Besondere daran einfach nicht. Dennoch grübelte ich über das vergangene Jahr, setzte mir Vorsätze für das kommende Jahr und hoffte auf ein tolles 2014.

    Das erste große Ereignis im neuen Jahr war allerdings alles andere als berauschend. Ein Brief vom Landratsamt war eingetrudelt. Schnell alarmierte ich den Beamten und bat um ein Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Zum Glück war Herr Nils da, der mir kurzfristig ein Gespräch mit dem Sozialarbeiter arrangieren konnte. Ich trat in das Büro des Sozialarbeiters ein. „Was kann ich für Sie tun?“ fragte er. Am liebsten hätte ich ihm eine Backpfeife gegeben: „Ich habe hier einen Brief vom Landratsamt, meine deutsche Staatsbürgerschaft habe ich laut des Schreibens verloren, weil ich die türkische nicht abgegeben habe und das 23. Lebensjahr vollendet habe!“ Ich war sauer, weil ich ihn schon vor Monaten darauf angesprochen hatte und er nur gemeint hatte, während der Haftzeit stünde solcher Papierkram still. „Ach herrje, und Sie haben ihren türkischen Pass nicht abgegeben?“ wagte er zu fragen. „Doch! Nur war das Anfang November und der Antrag liegt irgendwo in Ankara, da habe ich noch keinen Bescheid bekommen.“ Der Sozialarbeiter überlegte kurz: „Dann müssen Sie den Antrag sofort zurückziehen! Am Ende sind Sie noch staatenlos, dann haben wir ein großes Problem.“ Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, sofort rief er meine Eltern an und unterrichtete sie vom Vorfall.

    „Also Herr Ates, wie Sie gerade gehört haben, werden sich Ihre Eltern darum kümmern und den Antrag für die Abgabe ihres türkischen Passes zurückziehen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und zu hoffen.“ Damit wollte ich mich allerdings nicht abfinden, ich wollte unbedingt den deutschen Pass: „Im Fernsehen habe ich gesehen, dass die neue Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt hat, dass türkische Staatsbürger auch die doppelte erhalten können. Trifft das nicht auch auf mich zu?“ Die Antwort, die er mir gab, war genauso unqualifiziert, wie die, die er mir vor Monaten bereits gegeben hatte: „So ein Gesetz muss erstmal rechtskräftig werden, das dauert Monate. Sie können sich doch dann nach Ihrer Entlassung darum kümmern.“ Ich fand mich mit dem Gedanken ab, mich nach der Haft um meine deutsche Staatsbürgerschaft zu kümmern. Doch musste ich erkennen, dass die Auskünfte des Sozialarbeiters nichts taugten. Savas meinte, dass ich ja jetzt kein Almanci mehr sei – so bezeichnen die Türken in der Türkei die Türken aus Deutschland: „Du bisch ja jetzt ein richtiger Türk!“ meinte er scherzhaft, doch leider hatte er wohl Recht. Ob das von Vorteil war, bezweifelte ich, doch den wirklichen Nachteilen war ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst gewesen.

    Vor allem jedoch war ich mir nicht bewusst, dass eine Vorstrafe bei der Einbürgerung mehr als nur ein Problem darstellen würde.
    Geändert von Brother John (03.09.17 um 21:43 Uhr) Grund: »hilfreich« gemacht

  5. #280
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 41 - Veränderungen

    Spoiler: 


    Ein neuer Tag im neuen Jahr brach an, und alles schien wie immer zu sein: Ich machte mich frisch, meine Zellentür ging auf, ich machte mich auf den Weg zu den Mülleimern und bereitete mich auf die Anträge vor. Schließlich fand ich mich vor der ersten Zellentür mit meinen Reiniger-Kollegen wieder. Doch diesmal war nur Yilmaz dabei, der Kroate schien seltsamerweise noch zu schlafen. „Soll ich den anderen Reiniger rufen?“, fragte ich den Beamten, als er anfing, die erste Zellentür zu öffnen. „Nein, der hat heute seine Gerichtsverhandlung, er arbeitet heute nicht.“ Ich beneidete ihn. Jedes Mal, wenn sich eine Zellentür öffnete, betete ich, dass die Fenster über Nacht gekippt worden waren. Andernfalls kam ein strenger Geruch aus der Zelle, die mutigen Beamten mussten dann immer in die Zellen laufen und sinnbildlich auf Überlebende hoffen, so sehr stank es dann. Doch heute duftete es merkbar süßlich durch den ganzen Gang. Ich hielt es erst für einen Streich meiner Nase, doch der Geruch wurde immer stärker: „Riecht es hier nach Parfum?“, fragte ich Yilmaz. Seiner Mimik konnte ich entnehmen, dass er es ebenfalls roch. „Wir haben eine neue Kollegin. Sie arbeitet im unteren Stockwerk“, informierte uns der Beamte lächelnd. „Was? Und ihren Duft kann man bis hierher riechen?“ Ich war entsetzt, der Geruch war wirklich extrem.

    Die Tage vergingen und ich realisierte, dass die Beamtin täglich nach diesem süßlichen Duft roch. Sie unterzog sich wohl tagtäglich einer Parfumdusche. Eine enorme Betonung ihrer Weiblichkeit, die es nicht alle Tage in einer JVA voller Männer gab. Es wurde immer offensichtlicher, dass ein angenehm-femininer Geruch unter all diesen nach Schweiß stinkenden Häftlingen eine enorme Wirkung auf die Männer hatte. Sie verdrehte nur aufgrund dieses penetranten Parfums den Kopf – dennoch, sie war sehr nett und zuvorkommend, eine Art weibliche Version von Herr Nils. Ganz anders als Herr Winter, der mir einen Topfschrubber in die Hand drückte und mir befahl, die Ränder des Küchenbodens zu schrubben. Ich verstand zwar, dass er der Nachfolger des Bereichsdienstleiters werden wollte – doch sah ich nicht den Sinn darin, die Häftlinge zu diesem Zweck strenger zu behandeln, als es andere Beamte taten. Er war der meistgehasste Beamte unter den Häftlingen. Vielleicht war dies ja der Schlüssel zum beruflichen Aufstieg in einer JVA? Doch die sympathischen Beamten waren glücklicherweise in der Mehrzahl. So fiel mir ein etwas kräftigerer Ossi-Beamter auf, der einige Witze auf Lager hatte.

    Weniger witzig war es jedoch, als er mir mitteilte, dass wir in der Vergangenheit mit einem Kinderschänder gegessen hatten. „Sie lügen doch! Wann bitte haben wir mit einem Pädophilen gegessen?“, fragte ich entsetzt. „Ja, er ist auch Türke. Ihr habt ihn in eure Gruppe aufgenommen und mit ihm gemeinsam gegessen. Jetzt ist er in Strafhaft in einer anderen JVA“ er verzog keinerlei Mimik, als er das sagte. Nach einem Scherz sah es nicht aus, und wenn, wäre es ein miserabler gewesen: „Wer? Wer war es? Wieso haben Sie uns nicht gewarnt?!“ In mir stieg bei dem Gedanken eine starke Übelkeit auf. „Es ist schon eine Weile her, dass er hier war. Ich durfte und darf dir nicht sagen, wer es war.“ Als ich meinen Türken davon erzählte, grübelten wir lange darüber, wer es wohl gewesen sein könnte, doch kamen wir zu keinem Ergebnis.

    Die Tage vergingen, und ich ging der üblichen Aufgabe der Mittagessensausgabe nach, als plötzlich ein Alarm ertönte. Der Beamte schloss uns sofort in die Zellen ein und rannte davon. Etwa 10 Minuten später öffnete er die Zellentür und fuhr mit der Essensausgabe fort. Den Grund für den Alarm nannte er leider nicht, doch das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Häftlingen. „Der Ossi-Beamte hat einen Häftling in den Freizeitraum gepackt und auf ihn eingeschlagen! Anscheinend soll der Häftling aus nichtigen Gründen immer wieder einen Notruf getätigt haben, und nach einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Ossi-Beamten, ging es zur körperlichen über“, erzählte mir Tayfun während des Hofgangs. In der Tat war in dem Zeitraum lange Zeit nichts vom Ossi-Beamten zu hören oder sehen gewesen.

    Mittlerweile hatte ich mich – den Sportbeamten sei Dank – im Volleyball stark verbessert. Sie fungierten wie richtige Trainer für mich. Stets hatten sie gute Tipps für sportliche Höchstleistungen parat und motivierten einen, in den jeweiligen Disziplinen besser zu werden. In der restlichen Zeit sah ich die Sportbeamten fast nie in Beamtenbekleidung, ich vergaß tatsächlich nahezu, dass es sich bei ihnen um Beamte handelte. Besonders beim Spiel im Team traten sie nie als die sonst streng dreinblickenden Beamten auf – ganz im Gegenteil: sie selbst spielten mit Begeisterung beim Volley – und Fußball mit.

    Während sich in den nächsten Wochen also einiges bei den Beamten getan hatte, blieben wir Häftlinge nicht von den Veränderungen verschont. So wurde der kroatische Reiniger entlassen, sein Nachfolger war wieder ein türkischer Häftling. Mert war sein Name, und ein besonderes Merkmal war, dass er aufgrund der Tatsache, dass eines seiner Beine kürzer war als das andere, humpelte. Nun waren wir ein türkisches Reinigertrio. Interessanterweise sprach mich ein Beamter mal persönlich darauf an: „Ist schon schwierig, mit den anderen beiden Reinigern, oder?“, wollte er von mir wissen. Ich blickte fragend drein: „Wieso denn?“ Er grinste: „Naja, mit zwei Türken ist es sicherlich nicht ganz leicht.“ Erst begriff ich nicht, auf was er hinauswollte, und antwortete prompt: „Ich bin doch auch Türke, was für ein Problem sollte ich da haben?“ Nun war er der Verdutzte: „Sie sind Türke?!“ Ich nickte. „Ich hatte jetzt irgendwie gedacht, Sie wären Deutscher“, meinte er. Meine schwarzen Haare, die braunen Augen und mein ab und an auftretendes Nuscheln schienen ihm wohl nicht aufgefallen zu sein.

    Das Türkentrio blieb allerdings nicht lange bestehen. Obwohl Mert als Reiniger einige Freiheiten hatte, war er nur am Meckern und drohte immerzu, seine Mittäter zu verraten. Das war wohl auch der Grund, dass er Ende Januar an seinem ersten von drei Verhandlungstagen entlassen wurde. Wir hatten denselben Anwalt, weshalb mein Anwalt damit prahlte, Mert die Freiheit verschafft zu haben. Da ich aber die genauen Hintergründe aufgrund der täglichen Gespräche mit Mert kannte, wusste ich, dass mein Anwalt da gar nichts großartig machen musste. Ich war sauer auf ihn, mal wieder enttäuscht und wollte jemand Starkes haben, der für mich einstand. Somit entschied ich über die letzte strategische Veränderung: „Vater“, platzte ich eines Tages heraus, „kann ich bitte einen Wahlverteidiger haben? Die Pflichtverteidiger bringen gar nichts! Einer hier hat mir einen Anwalt empfohlen, der soll richtig gut sein.“ Mein Vater willigte ein. Er wollte wohl später nicht angeschuldigt werden, keinen Anwalt für die Entlassung seiner Söhne finanziert zu haben: „Dein Anwalt schläft sowieso immer, wenn ich den besuche. Ich glaube, der ist bald tot“, meinte mein Vater nur trocken. Ich leitete alle weiteren Schritte für einen Verteidigerwechsel ein und wartete auf den ersten Termin mit dem neuen Anwalt.

    Extrem erfreut war ich, als Anfang Februar ein Brief mit meinen Verhandlungsterminen eintrudelte. Sage und schreibe 7 Verhandlungstermine waren angesetzt, Ende Februar ging es bereits los, enden sollte es am 05. April 2014. War dies der Tag meiner Entlassung? Ich konnte mir nicht erklären, worüber wir in 7 Tagen verhandeln sollten, doch es waren einige Zeugen geladen. Unter anderem drei Geschädigte, davon einer, der Bahntickets gekauft hatte und zwei, deren Kreditkarten benutzt worden waren. Auch drei BKA-Beamte waren als Zeugen geladen. Die beiden, die mich verhört hatten, und einer, der von der IT war. Sogar von der Deutschen Bahn würde ein Vertreter als Zeuge erscheinen. Dann natürlich wir drei Angeklagten. Das war genug Stoff für mein Kopfkino, bis es dann endlich Ende Februar losging.

    Wie ich bereits erwähnte, gab es unter den Häftlingen ebenfalls große Veränderungen. Bisher hatte ich von zwei größeren Gruppierungen gehört, den Black Jackets und den Red Legions. Es waren jedoch nur einzelne Mitglieder der Gruppierungen in unserer JVA, und wenn, dann getrennt voneinander. So waren die Red Legions meist im 1. Stockwerk zu finden, und jene von den Black Jackets im 2. Stockwerk. Im Hofgang konnte man allerdings keine Spannung spüren, obwohl das ja eigentlich rivalisierende Banden sein sollten. Als dann aber Anfang Februar eines Tages der Beamte kam und meinte, ich solle 5 Zugangspakete bereitstellen, war ich verwundert über die hohe Anzahl. Schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei um reine Black Jackets Mitglieder handelte. Es gab eine große Verhandlung, in der auch Tayfun involviert war, und in der es wohl um die Black Jackets ging. Die Mittätertrennung wurde allem Anschein nach aufgehoben, womit alle Angeklagten nach Schwäbisch Hall verlegt wurden. Schnell bemerkte ich, wie Tayfun sich veränderte. Er fühlte sich viel stärker als zuvor, mit den Red Legions Häftlingen hatte er jedoch bisher nie Auseinandersetzungen gehabt. Doch jetzt musste er, wohl oder übel, seiner Gang das Gegenteil beweisen.

    „Jungs, das ist Emre! Der ist ein richtig stabile Junge! Wir müssen den aufnehmen!“ Tayfun packte mich während des Hofgangs an der Schulter und zeigte mich seinen Leuten vor, so als würde ich gerne zur Gruppe gehören wollen. Diese zeigte sogar Interesse an mir, als ich von meinen Taten erzählte. Natürlich spielte dabei auch das versteckte Handy eine große Rolle. Ich hingegen hatte Angst, mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden. Es würde sicher Nachteile bei meinen bevorstehenden Verhandlungen nach sich ziehen oder gar in irgendwelche Haftbeurteilungen resultieren. Doch gab es ein noch viel größeres Problem: Die Nachfrage nach dem Handy war gewachsen. Tayfun wollte es haben, Tarek wollte es haben, Kartal ebenfalls, da hinzu kamen die ganzen Black Jackets Mitglieder, und da unter anderem deren Anführer. Während diese Kandidaten sich in der Freizeit um das Handy stritten und ich jedes Mal das Handy wieder einsammeln musste, ohne wirklich zu wissen, wer es denn nun hatte, gab es noch einen weiteren Risikofaktor: Ein Albaner wurde von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt. Dort war er bereits Reiniger gewesen, weshalb er sofort den freien Reinigerposten bei uns übernehmen durfte. Mit seinem Landsmann Tarek verstand er sich gut und auch Kartal war ein alter Kollege aus Stammheim-Zeiten von ihm. Das bedeutete, dass der neue Albaner-Reiniger auch öfter Zugang zu dem Handy hatte. Und der Bedarf war immerhin groß genug: er hatte eine Freundin.

    Es war wie Russisch-Roulette, irgendjemanden würde es sicherlich treffen. Ich hoffte, bis zu meinem Urteil ungeschoren davon zu kommen und war dementsprechend aufgeregt, als wir Reiniger einmal in unsere Zellen eingesperrt wurden und draußen lauter Beamte zu hören waren. Das Handy befand sich in der Mülltonne in der Besenkammer und ich hatte Angst, dass das Versteck aufgeflogen war. Die Tür ging auf, und ein grinsender Beamte stand vor mir, doch sonst war nichts. „Ähm, wieso haben Sie uns denn alle eingeschlossen?“ fragte ich. „Das müssen Sie nicht wissen“, meinte er und grinste noch breiter. Ich dachte mir nicht viel dabei, abends erwähnten der Albaner und ich das kurz in der Kochgruppe, doch keiner schenkte dem Vorfall wirkliche Beachtung.

    Es war nun fast Ende Februar, meine Verhandlungen würden beginnen. Meinen neuen Anwalt bzw. vielleicht Anwältin durfte ich auch bereits kennen lernen. Leider meinte sie, dass aufgrund meines frühzeitigen Geständnisses eigentlich nicht mehr viel zu machen wäre, sie aber ihr Bestes geben würde. Sie sah wenigstens nach einer qualifizierten Anwältin aus und machte keine leeren Versprechungen: „Sehen Sie, Herr Ates: Laut Strafgesetzbuch in diesem Paragraphen erwartet Sie eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Wenn Sie allerdings wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilt werden, fängt die Freiheitsstrafe für Sie als Kopf der Bande bereits bei fünf Jahren an. Wir müssen also alles daransetzen, dass Sie nicht als Bande verurteilt werden.“ Ich war sehr froh, dass es endlich mal jemanden gab, der seine Aussagen auf Gesetzen stützte, das hatte für mich Hand und Fuß. Doch war ich umso angstvoller, dass mich nun wirklich mehr als fünf Jahre erwarten könnten. Eine Horrorvorstellung schlechthin, mit der meine Hoffnung auf Freiheit in weite Ferne rückte. Immerhin wurde uns in der Anklageschrift in mehreren Fällen bandenmäßiger Betrug vorgeworfen. „Ab drei Leuten zählt man nämlich als Bande“, schloss meine neue Anwältin ihre Ausführungen.

    Das Treffen mit meiner Anwältin war erfrischend und informativ, dennoch brachte es mich ins Grübeln. Am nächsten Tag weckte mich – wie so oft in letzter Zeit – der süße Duft der neuen Beamtin. Wie jeden Tag gingen wir durch die Zellen. Als wir bei der Einzelzelle von Tarek ankamen, war ich sehr darüber überrascht, dass auf seinem Namensschild ein „BS – Besondere Sicherheitsmaßnahmen“ – Schild angebracht worden war. Er kam aus seiner Zelle heraus und sah so aus, als hätte man ihn regelrecht vergewaltigt. „Tarek, was ist los? Wieso hast Du besondere Sicherheitsmaßnahmen?“ Er blickte mich traurig an. Solch eine starke Persönlichkeit hatte ich noch nie so gebrochen gesehen. Ohne ein Wort zu sagen, verzog er sich wieder in seine Zelle.

    Die Beamtin, stets von ihrer umwerfenden Duftwolke umgeben, schloss die Zellentür ab und blickte mich an: „Er wird ein eine andere JVA verlegt. Er wurde gestern Nacht mit einem Handy erwischt.“
    Geändert von Brother John (08.09.17 um 08:57 Uhr) Grund: »hilfreich« gemacht

  6. #281

    Re: Mein Hafttagebuch

    Super, dass es weitergeht Bin wieder regelmäßig am mitlesen.

  7. #282
    Gelöschter Nutzer3 Avatar von n87
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Ebenso, danke!
    Grüße, n87

  8. #283
    trollig Avatar von Trolling Stone
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Starkes Eiltempo, wahrscheinlich alles auf einmal geschrieben und dann gesplittet.

    Danke jedenfalls.
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  9. #284
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 42 - Mögen die Verhandlungen beginnen

    Spoiler: 


    Tarek verlegte man in eine andere JVA. Es wurde Zeit, dass ich auch von hier verschwand.
    Der neue albanische Reiniger hatte plötzlich ein neues Handy. Es wurde Zeit, dass jemand anderes das Versteckspiel übernahm.
    Die zwei Gruppierungen, Black Jackets und Red Legions, wurden wieder getrennt, mehrere Verlegungen fanden statt und sie hatten in der Zwischenzeit alle ihre Urteile bekommen. Es wurde Zeit, dass auch ich mein Urteil bekam.

    Tayfun hatte 3 Jahre und 7 Monate bekommen und wurde in die Strafhaft verlegt. Savas hatte mit 4 Jahren und 6 Monaten knapp ein Jahr mehr bekommen, doch durfte er dafür in die Therapie. Das würde bedeuten, dass er nur noch ein paar Monate absitzen musste und das letzte Jahr vor seiner Halbstrafe in eine Therapieanstalt aufgrund seiner Drogensucht verbringen musste, bevor er dann entlassen werden würde.

    Ich hatte gemischte Gefühle: Angst vor dem hohen Strafmaß, Freude aufgrund einer möglichen Entlassung, Hoffnung für die Entlassung meines Bruders, Erleichterung für meinen Geduldsfaden, aber vor allem Respekt vor der deutschen Justiz. Dutzende Urteile hatte ich während meiner Haftzeit mitbekommen, von Blitzentlassungen, Bewährungen, Freiheitsstrafen zwischen 3 und 10 Jahren, aber auch lebenslängliche Verurteilungen hatte ich gehört. Wo würde ich mich in dieser Skala befinden? Wie fühlten sich die Richter dabei, wenn sie das Urteil fällten? War es nur eine Zahl für sie? Würde mein Urteil milder oder härter ausfallen, würden die Richter meine Gedanken und Gefühle auch nur im Mindesten ahnen können? Wie viel Einfluss hatte ein Richter auf ein Urteil? Immerhin muss er seine Entscheidung auf dem Gesetz basieren. Ich stellte mir die Frage, weshalb unser Gesetz nicht so konzipiert ist, dass alle möglichen Betrugsfälle abgedeckt sind und mir so ein bestimmtes System sagen kann, was für ein Urteil ich bekomme? Könnte man eine Software erstellen, in die ich meine Tat eintippe, mein Alter, meinen Hintergrund, meine Kultur, meine Gedanken, Gefühle und sonst noch alles was dazu zählt, und dieser spuckt mir dann ein Urteil aus? Ich überlegte mir, dass solch eine Software wahrscheinlich um ein Vielfaches objektiver und somit besser wäre als ein menschlicher Richter. Welche Auswirkungen die Digitalisierung in der Justiz wohl haben würde…Der Informatiker in mir übernahm meine Gedankenwelt, als ich mich schon wieder im Transportbus mit Ziel Landgericht Stuttgart befand. Heute war mein erster Verhandlungstag und ich spürte meinen Körper nicht mehr. Alles Gefühl konzentrierte sich auf mein Gehirn, ich fühlte mich wie ein Geist. Wieder in meinem schicken Anzug folgte ich einem Beamten einen Gang entlang. Die Wände waren diesmal komplett weiß, das letzte Mal war ich wohl nicht hier gewesen. Am Ende des Gangs befand sich ein weiterer Beamter, wohl vom Landgericht Stuttgart. Er hatte eine Namensliste vor sich und hakte meinen Namen ab. „Darf ich zu meinem Bruder rein?“ fragte ich. Er grinste: „Natürlich.“ Dass dies ironisch gemeint war, merkte ich erst, als ich in der Zelle mit meinem Vesper (Halber Liter Wasser und ein Käsebrot) vor einem Häftling stand, der definitiv nicht mein Bruder war. Um dies zu erkennen, musste ich nicht mal seinen Hintern sehen. Der Raum bestand aus zwei kleineren Tischen, die an den Seiten an der Wand befestigt waren. Eine offene Toilette war auch Bestandteil der Zelle, wobei man das nicht wirklich Zelle nennen konnte, denn dies war schlimmer als eine Zelle. Keine Fenster und keine Gitter, nur verdammt weißes Licht mit verdammt weißen Wänden und ein Häftling in Jogging-Hose. Er hatte tatsächlich eine Gebetskette dabei und schaute mich grinsend an: „Voll schick! Hast heute Verhandlung, was?“ Ich nickte: „Ja, Du auch oder wie?“, seinen Klamotten zu urteilen war es ihm wohl schnuppe, was der Richter denken würde. Er bestätigte dies und fragte mich selbstverständlich, was ich denn getan hatte. Als ich gerade dabei war, ihm die Geschichte zu erzählen, unterbrach er mich mittendrin: „Alter! Bist Du der Bruder von dem Cem? Der ist doch auch heute hier, der war mit mir im Transportbus.“ Ich nickte und fragte gleich interessiert: „Wie geht es Cem so? War er aufgeregt oder hat er auf cool getan? Hat der Junge sich wenigstens gescheit angezogen?“ Er lachte. „Haha, klar ist der cool. Der hat sich genauso angezogen wie Du. Alter, stimmt das, dass ihr ne halbe Million gemacht habt?“ Ich war überrascht, es war einfach so gar nicht der richtige Zeitpunkt, dass Cem solche Lügen verbreitete, um gut dazustehen. Nachher gerieten diese Informationen noch an falsche Ohren. „Als ob, der übertreibt nur. Wir haben 130.000 EUR Schaden angerichtet, aber nur ca. 60.000 EUR Gewinn gemacht.“ Er sah etwas enttäuscht aus und hatte wohl das Bedürfnis, sich mit seiner Tat zu brüsten, die ich mehr als unangenehm anzuhören fand: „Haha, das ist ja gar nichts. Ich bin mit meinem Mittäter bei so einem reichen Casino-Besitzer eingebrochen, der hatte locker Sachen im Haus, die 100k und mehr wert waren. Plötzlich hören wir so ein Schnarchen im Wohnzimmer und sehen, dass der auf dem Sofa pennt. Dann bin ich zu dem hin und hab ihn abgestochen.“ Ich war baff, mit welcher Gelassenheit er den letzten Part seiner Geschichte über die Lippen brachte: „Du hast ihn getötet? Einfach so?“, fragte ich erschrocken. „Nein, der Arsch hat überlebt.“ Die Enttäuschung darüber konnte man seinem Gesichtsausdruck entnehmen. „Aber wieso hast Du nicht einfach die Sachen geklaut und bist abgehauen? Wieso musstest Du den abstechen?“, fragte ich war mehr als nur verwirrt nach. Er zuckte mit den Schultern: „Wenn der aufgewacht wäre und uns gesehen hätte, hätten die Bullen uns bekommen.“ Ich hatte aufgrund dieser Blödheit plötzlich einen Anflug von Mitleid mit ihm. Er verstand wohl nicht, dass er so in eine viel tiefere Scheiße geraten war. Doch das Mitleid verflog sehr schnell, als er mir dann etwas erzählte, was aus seiner Sicht wohl unglaublich cool war: „Weißt du, vor der Haft, da kommt meine Freundin und sagt so, die sei von mir schwanger. Ich guck die so an und hau mit voller Wucht auf ihren Bauch. Die lag dann auf dem Boden und hat voll lange geweint.“ Ich wollte ihm das erst nicht abkaufen, doch ich hatte schon einige kranke Leute in der Haft gesehen und seine Stimmlage sowie Mimik deuteten darauf hin, dass er die Wahrheit erzählte: „Warum hast Du ihr denn auf den Bauch geschlagen?“, wollte ich spontan wissen, obwohl ich schon vermuten konnte, was er damit bezwecken wollte: „Ja, damit das Kind verreckt. Kein Bock auf einen kleinen Bastard von der.“ Der Typ hatte es geschafft innerhalb von 10 Minuten auf meine Liste der Top5 meist-gehassten Häftlinge zu kommen.

    Viele Worte wechselte ich nicht mehr mit ihm und wenn, dann nur, wenn er irgendetwas von mir wissen wollte. Ich zumindest wollte einfach nur raus aus diesem Raum und war gottfroh, als das erlösende Schlüsselgeräusch die Tür öffnete und ich der erste war, den sie zum Gerichtssaal mitnahmen. Mein Puls stieg, meine Beine waren zittrig und schwach und wie immer, wenn ich aufgeregt war, liefen regelrecht Bäche aus Schweiß aus meinen Händen. Ein Gedanke brachte mich zum Grinsen: Vielleicht finden die Richterinnen mich sympathisch und irgendwie süß … und vielleicht bin ich gar kein Häftling, sondern Manuel Neuer! Abartig, dass mir eine Cola – Werbung in solch einem Moment in den Sinn kam, aber es beruhigte mich. Ich betrat den Gerichtssaal, der Eingang war an der Seite und als ich nach rechts blickte, sah ich den Zuschauerbereich. Meine Eltern und meine Zwillingsschwester waren da, des weiteren der Vater von Adnan und ein paar ältere deutsche Paare, aber auch ein junger Mann, der sich Notizen machte. Eine junge Dame und ein breit gebauter Mann saßen in der hintersten Reihe und plötzlich erkannte ich ihn. Es war der Bundespolizist, der im August 2012 eine Hausdurchsuchung bei uns durchgeführt hatte, als nur mein Vater und ich mich im Haus befunden hatten. Ich wurde leicht rot, als ich mir bewusst wurde, dass ich ja gerade nur wegen des Ermittlungsverfahrens der Bundespolizei München hier war. Ich hatte zwar auch alles zu den anderen Ermittlungsverfahren, wie eben jene für die Bundespolizei Kassel genannt, doch die waren in der Anklageschrift gar kein Bestandteil. Würde da etwa noch etwas auf mich zukommen?

    In Richtung Richterpult befanden sich hintereinander drei Tische, am hintersten Tisch saß bereits Adnan mit seinem Anwalt, ich nickte ihm zu und er grüßte mit einem Nicken zurück, an dem zweiten Tisch saß mein Bruder Cem mit seinem Anwalt und grinste nur, woraufhin ich auch grinsen musste. Ich hoffte, meine Eltern sahen das Grinsen nicht, denn ihre Gesichter waren voller Sorge und wenn sie dachten, dass wir das Ganze nicht ernst nähmen, wäre das sehr unangenehm für mich gewesen. Meine Anwältin saß am vordersten Tisch und ich setzte mich neben sie hin. Wir grüßten einander und sie sagte mir, dass ich offen und ehrlich sein solle, weil ich bereits ein Geständnis abgelegt hatte. Und sie habe mit der Richterin bereits gesprochen, es läge an uns, ob es dann tatsächlich 7 Verhandlungstage wurden oder ob wir es früher beenden konnten.

    Mein Herz pochte, als die Tür hinter dem Richterpult aufging. Drei Richterinnen kamen aus der Tür und zwei weitere Personen in Zivil. Die Beamten nahmen uns die Handschellen ab. Wir mussten alle aufstehen, an das genauere Prozedere erinnere ich mich jedoch nicht, doch die Geschworenen legten einen Eid ab und als wir uns hinsetzten, blickte ich nochmals nach hinten, in die aufgeregten Augen meiner Mutter und dann auf Cem: „Ich krieg dich hier raus, Junge“, dachte ich mir innerlich und motivierte mich, das Ganze durchzustehen, für meinen Bruder und für meine Familie.

    Die Staatsanwältin las die komplette Anklageschrift vor, sie sah sehr nett aus, wie eine sogenannte „Streberin“ aus der Schule. Die würde uns doch niemals zurück ins Gefängnis verdonnern, dachte ich mir. Die Richterinnen hörten konzentriert zu, doch immer wieder erwischte ich sie dabei, wie sie an bestimmten relevanten Stellen ihre vorwurfsvollen Blicke auf uns richteten. Als die Staatsanwältin nach einer gefühlten halben Ewigkeit fertig war, wandte sich die hauptvorsitzende Richterin in meine Richtung: „Sie haben die Anklageschrift gehört. Dann würde ich mal sagen, dass der ältere Ates-Bruder anfängt.“ Das ging schneller, als ich erwartet hatte, mein Hals war trocken und ich musste erst husten. Dann neigte mich zum Mikro: „Ähm, soll ich einfach sagen, was ich gemacht habe?“ Die Richterin lächelte: „Ja, fangen Sie einfach mal an zu erzählen.“ Ich richtete mich auf, strich nochmals verlegen über meine Haare, atmete tief ein und legte los: „Also, ich fang dann mal von ganz vorne an …“

    Geändert von Brother John (17.09.17 um 21:03 Uhr) Grund: »hilfreich« gemacht

  10. #285
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    Re: Mein Hafttagebuch

    Kapitel 43 - Alle Augen auf Emre

    Spoiler: 




    Etwas seltsam war es schon, als ich mir wieder bewusst machte, dass mehr als ein Dutzend Augen auf mich gerichtet waren und genauso viele Ohren meiner Stimme lauschten. Die hauptvorsitzende Richterin hatte bereits ihren Stift gezückt und begann damit, sorgsame Notizen anzufertigen, während ich erneut ein Geständnis abgab. Die beisitzenden Richterinnen schienen mich gar nicht im Visier zu haben, vielmehr beobachteten sie wohl die anderen beiden Angeklagten. Der Staatsanwältin würdigte ich keines Blickes, da sie außerhalb meines Blickfelds an ihrem Pult zu meiner Linken saß. Dafür wandte ich den Blick keine Sekunde von der Richterin ab, sie sollte mir in die Augen sehen können, um zu erkennen, dass ich nichts als die Wahrheit von mir gab … nun ja, zumindest so gut wie die ganze Wahrheit. Während ich ihr erzählte, wie ich überhaupt in die Untergrundszene geraten war, wie ich bei der Google-Suche auf den Begriff „Carding“ gestoßen war und wie mir zahlreiche „schwarze“ Seiten angezeigt wurden, erkannte ich, dass die Richterin ihre Hausaufgaben gemacht hatte. „Also, und dann habe ich gesehen, dass es Bankkonten gibt, die gefälscht sind, und habe mir eins davon gekauft“, fuhr ich fort, als die Richterin mich unterbrach: „Sie meinen sicherlich die sogenannten Bankdrops?“ Verblüfft, dass sie die Bezeichnung für ein gefälschtes Bankkonto in der Szene kannte, nickte ich und erzählte ihr, dass ich es von einem User Namens „Louch“ gekauft hatte. Dabei musste ich ihr jedoch mehrmals verklickern, dass ich den wahren Namen dieses Users nicht kannte und auch nie Interesse daran gehabt hatte, diesen in Erfahrung zu bringen. Weiterhin erzählte ich, wie ich auf die Methode gekommen war, um Geld auf den Bankdrop zu bekommen. „’Filling‘ nennt sich das“, merkte ich am Rande an und die Richterin nickte, als würde sie meine Aussage in ihrer Richtigkeit bestätigen. „Den Hasan, von dem Sie die Fillling-Methode gekauft haben, kennen wir schon. Er ist in Deutschland vorbestraft, wir werden uns um ihn kümmern.“ Die Richterin prahlte augenscheinlich mit diesem Erfolg. Ich hingegen war verwundert, dass der Türke tatsächlich seinen wahren Namen genutzt hatte, um mit mir Handel zu treiben. Sicherlich hatte die Polizei seine komplette Anschrift durch die Western-Union-Transaktion in Erfahrung gebracht, über die ich ihm das Geld für das Preisgeben der Fillingmethode zugesandt hatte. Als mir dann eine Liste mit mehr als 800 Zeilen auf den Tisch gelegt wurde, und jede Zeile ein einzelner Fall war, für den ich laut der Richterin einzeln belangt werden würde, wurde es mir jedoch zu blöd. Ich sollte wirklich jeden dieser Fälle durchgehen und bestätigen, dass ich das war. Anhand der E-Mail-Adressen und auch sonstiger ähnlicher Merkmalen, wie z.B. bei der Namenswahl, wusste ich genau, dass diese Fälle mir korrekt zugeordnet werden konnten. Doch das Gericht wollte auf etwas völlig anderes hinaus: Sie wollten wissen, welche Fälle mein Bruder Cem, Adnan, ich, oder wir alle gemeinsam gemacht hatten. Die Zeiten in den Einträgen waren angegeben und ich sagte stets aus, dass keiner der Fälle von Dreien gleichzeitig durchgeführt worden war, sondern nur in Kombination mit meinem Bruder und mir sowie Adnan. Fortan wollte das Gericht wissen, welche Tickets mein Bruder bestellt hatte. „Er hat gar nichts bestellt. Ich habe alles bestellt. Er war nur dabei, wenn ich Geld abgehoben habe, mehr nicht.“ Die Richterin schien mir das nicht abzukaufen: „Wir haben mehrere Daten auf dem Rechner Ihres Bruders entdeckt. In ICQ-Chatverläufen ist stets von beiden Brüdern die Rede. Sind Sie sicher, dass ihr Bruder nichts gemacht hat?“ Die Richterin sah mich mit strafenden Blicken an, als ich ihr stets vor Augen führte, weshalb mein Bruder Cem gar nichts gemacht haben konnte: „Der Cem ist ein total fauler Junge, er wäre sich zu schade gewesen, sich eine solch große Arbeit zu machen, indem er Tickets verkauft. Er saß immer auf der Couch und hat geraucht, während ich die Tickets bestellt habe. Außerdem hätte ich ihm nie sowas anvertraut, ich bin der Typ, der gerne alles selber macht und die volle Kontrolle hat. Sein Notebook habe ich genutzt, weil ich selbst keins besaß, deshalb ähneln sich die Passwörter auch, denn ich habe das TrueCrypt-Passwort auf dem Rechner meines Bruders erstellt. Er wäre nie auf solch eine Kombination gekommen. Theoretisch gesehen gehört das Notebook mir, es wurde auch bei mir in Esslingen in der Wohnung gefunden.“ Eine aus meiner Sicht sehr logische Erklärung, und doch, die Richterinnen schienen nicht ganz überzeugt zu sein: „Warum haben Sie denn ihrem Bruder Geld gegeben, wenn er ja sowieso nichts gemacht hat und laut ihrer Worte ‚zu faul‘ war?“ Ich musste nicht lange überlegen: „Er ist mein Bruder. Natürlich gebe ich ihm Geld. Ich musste mit jemandem das Geheimnis teilen, ich konnte es nicht für mich behalten. Da eignete sich mein Bruder am besten. Außerdem hätte er mich sicherlich bei meinen Eltern verraten, hätte ich ihm kein ‚Taschengeld‘ gegeben.“ Eine weitere Notiz der Richterin brachte Sie zur letzten, durchaus berechtigten Frage: „Was haben Sie denn mit dem ganzen Geld gemacht?“ Ich muss zugeben, bis heute kann ich diese Frage weder ausstehen, noch wirklich beantworten: „Ich weiß es nicht, wir haben es halt ausgegeben.“ Diesmal konnte ich den Zorn in den Augen der Richterin deutlich erkennen: „Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie nicht wissen, was Sie mit 60.000 EUR angestellt haben?“ Ich wurde etwas verlegen und errötete: „So auf die Schnelle kann ich es nicht sagen, aber ich kann bis zum nächsten Mal eine Liste machen, wofür ich es ausgegeben haben könnte. Im Grunde genommen haben wir Autos gemietet, waren oft in Shisha-Bars, haben Freunde eingeladen, wurden in der Szene auch einige Male um hohe Beträge erleichtert, und Miete, Lebenserhaltungskosten während des Studiums und so ein Kram, war auch noch dabei.“ Mit dem Vorschlag der Liste konnte ich die Richterinnen zähmen. Nun war ich derjenige, der seine Hausaufgaben erledigen sollte.

    Mehrere Stunden waren vergangen, mein Kopf schmerzte, meine Lunge war staubtrocken und meine ganzen Klamotten von Schweiß durchnässt. Gerade als ich dachte, dass ich nun durchatmen konnte, kam der nächste Stressfaktor: Die Richterin wandte sich meinem Bruder Cem zu, ich folgte ihren Blicken und bekam fast die Krise, als wir ihn zeitgleich dabei erwischten, wie er irgendwelche Männchen auf ein Blatt kritzelte. Als er dann merkte, dass er gerade – zumindest aus seiner Sicht – im Rampenlicht stand, blickte er hoch und grinste, als er unsere Blicke bemerkte. Die Empörung über sein Desinteresse stand uns ins Gesicht geschrieben und er grinste erst mich, dann die Richterinnen an. Diese schienen, genauso wie ich, nichts Lustiges daran zu finden und dachten sich sicherlich, dass ihm das Lachen gleich vergehen würde: „So, wenn Sie dann fertig mit Ihren Männchen sind, können Sie anfangen, alles zu erzählen.“ Cem setzte seinen „I don’t give a shit“- Blick auf, seufzte theatralisch und antwortete mit einem frechen Grinsen auf den Lippen: „Was soll ich denn noch sagen? Mein Bruder hat doch schon alles gesagt.“ Die hauptvorsitzende Richterin schwieg, stattdessen kam die Richterin zu ihrer Rechten zu Wort. Als ich ihre Stimme hörte, musste ich an „Guter-Bulle, Böser-Bulle“ denken, und sie schien letzteres zu sein: „Haben Sie mal etwas Respekt gegenüber dem Gericht! Das ist kein Kindergarten hier! Am besten, Sie fangen mit der SMS an, die ein eindeutiger Beweis für ihre Tatbeteiligung ist!“ Mein Bruder hatte sich mit den Falschen angelegt, und langsam merkte ich, dass die Frage der Bewährung für meinen Bruder nicht nur von mir abhing, sondern vielmehr von ihm.

    Und da sah es ganz und gar nicht gut aus.
    Geändert von Brother John (Heute um 15:44 Uhr) Grund: »hilfreich« gemacht

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